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Die vier Augen

Willy Seidel: Die vier Augen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorWilly Seidel
booktitleDer Tod des Achilleus und andere Erzählungen
titleDie vier Augen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080309
projectid34105ea9
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I

Andreas, Privatgelehrter für Volkskunde (ein ausgesprochen spröder Mensch, voll Argwohn auf alles, was seine innere Unabhängigkeit bedrohte), zeigte ein äußerst ungewohntes Benehmen. Ich fragte ihn nach dem Grund. Er sah mich matt an; seine Züge schienen wie verwüstet.

»Ich will es dir erzählen. Denn dies kann man nicht bei sich behalten... Habe ich dir nicht schon erzählt, daß ich früher einmal verheiratet war?«

»Das muß geraume Zeit her sein ...«

»Gewiß – Das war vor achtzehn Jahren; in Amerika, während des Krieges. Die Welt war verrückt geworden; auch ich wurde gewissermaßen verrückt; aber Toodie hielt an meiner Seite aus. Ich hätte mir klarmachen müssen, daß dies kein allzu großes Verdienst von ihr war; sie saß ja in der gleichen Mausefalle wie ich. Aber ich behandelte sie falsch. Vier Kriegsjahre zermürbten uns in einem Land, das uns bis zum letzten Augenblick wesensfremd blieb. Und wenn zwei völlig aufeinander angewiesen sind, fallen sie sich allmählich auf die Nerven, verstehst du? Solche Abneigung ist dieselbe, mit der man den Gegenstand einer hoffnungslosen Liebe haßt. Dazu kam dies folternde Warten auf die Rückkehr zur ›Freiheit‹! Auf die Einbildung, ›Europa‹ genannt!

Zuerst war es drüben ja ganz schön. Ich hatte Toodie vor dem Krieg in Deutschland kennengelernt; sie studierte Gesang; ihre spanische Herkunft sah man ihr an. Die schwarzen Haare, zum mächtigen Chignon gefaßt, lagen als knisternde Last auf dem schmalen Haupt. Ihr Gesicht hatte etwas Witterndes, Naturnahes, mit bestürzend unmittelbarem Mienenspiel ... Meine Schwerfälligkeit nahm sie als Möglichkeit, sich selbst zu bremsen. Sie ahnte nicht, daß ich meinerseits anlehnungsbedürftig war: an ihre temperamentvolle Weitläufigkeit und an ihr Sprachentalent. Wir waren zu tolerant miteinander; so verloren wir die ›Liebe‹.

Drei Wochen nach der Lusitania-Katastrophe setzte Toodie sich auf einen Passagierdampfer; schon das erforderte Mut. Bei unserer Trauung in der St.-Patricks-Kathedrale glitt mir der Ring aus der Hand und rollte in die Apsis hinein. Ich machte, bis ich ihn fand, gerade keine sehr glückliche Figur. Der irische Priester verzog bedenklich den Mund; das Tierchen ›Omen‹ war gegen den Strich gebürstet... Dann speisten wir im vierzehnten Stock des Astor-Hotels, hoch über dem brodelnden Broadway – mit Panamaorchideen als Tafelschmuck. Überall echoten die Schallplatten das ›Turteltaubenduett‹ aus einer Revue. Die harmlos gurrende Melodie durchwehte den Maitag. Selbst die Rauchfahnen auf den Schloten der Turmhäuser hatten etwas Festliches und standen kerzengerade.

Toodie trug ein Glockenkostüm mit einer Kragenversteifung an der Jacke und einen Florentiner mit keck gezückter Atlasschleife. Sehr enge Ärmel mit Rüschen am Handgelenk; dazu Schnallenschuhe und weiße Strümpfe. Was muß sie, in ihren weißen Glacehandschuhen, ausgestanden haben bei der Maihitze! ... Aber sie trällerte nach dem Takt der kleinen Melodie und marschierte beschwingt...

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