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Die Vestalinnen, Band 3

Robert Kraft: Die Vestalinnen, Band 3 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Kraft
titleDie Vestalinnen, Band 3
publisherH. G. Münchmeyer
addressDresden-Niedersedlitz
volume3
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created2006
projectidb8da5561
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1.

Des Detektiven Verabschiedung.

Die ›Vesta‹ wie der ›Amor‹ lagen auf ihrem alten Ankerplatze im Hafen von Scha-tou, und die Besatzungen erwarteten sehnsüchtig die Rückkunft des Mister Wood oder doch wenigstens ein Zeichen, daß es ihm gelungen sei, die Spur der beiden Mädchen aufzufinden. So lange dies nicht der Fall war, konnten sie nichts vornehmen, ihre Gedanken waren nur mit den armen Gefährtinnen beschäftigt.

Aber lange brauchten sie nicht auf eine Nachricht zu warten.

Schon am Nachmittage des ersten Tages, da sie wieder in Scha-tou waren, kam für Lord Harrlington eine Depesche folgenden Inhaltes an:

Miß Nikkerson, Sargent, Staunton und Hannes bei mir, kommen heute abend.

R. S.

»Gott sei gepriesen,« rief Harrlington nach Lesen dieser wenigen Worte, »unsere Unruhe hat ein Ende.«

Er schickte durch einen Chinesen ein Briefchen an Miß Petersen mit der Anzeige, daß sie über das Schicksal der beiden Damen keine Sorge mehr zu haben brauche, sie, wie auch Miß Staunton, seien bereits in der Begleitung von Mister Wood und Hannes Vogel unterwegs. Er bezahlte den Bootsmann bereits im voraus, da er keine Antwort erwartete, aber dieser kam wieder zurück mit einem anderen Briefe. Harrlington erwartete einen Dank, aber sein Erstaunen war groß, als ihn Miß Petersen darin um eine Unterredung bat und ihm schrieb, da sie keinen geeigneten Platz am Lande wüßte, nach den Gesetzen der ›Vesta‹ aber Herrenbesuch an Bord dieses Schiffes nicht empfangen werden dürfte, so bäte sie um die Erlaubnis, daß die Unterredung auf dem ›Amor‹ stattfände.

Natürlich schickte der Lord den Chinesen sofort wieder mit der Mitteilung ab, daß Miß Petersen zu jeder Zeit von ihm auf dem ›Amor‹ erwartet werde.

Lord Harrlington hatte keine Ahnung, was dieser Besuch des Mädchens zu bedeuten habe, ob eine Verabredung über einen Ausflug oder über das nächste Reiseziel. Aber nein, das hätte Ellen sicher nicht dazu veranlaßt, sich auf den ›Amor‹ zu bemühen, sie hatte es wie gewöhnlich schriftlich abgemacht, also mußte es diesmal etwas viel Wichtigeres sein, und Harrlington konnte eine Unruhe nicht verbergen, als er im Saal der Brigg auf- und abschritt und die baldige Ankunft des Mädchens erwartete.

Sie ließ nicht lange auf sich warten.

Ellen war sehr ernst, Lord Harrlington entging es nicht, daß ihr schönes Gesicht bleich war, selbst die gesunde, braune Färbung konnte nicht verbergen, daß ein leidender Ausdruck in ihren Zügen lag, als wühle ein geheimer Schmerz in ihrem Innern, und dieser Eindruck wurde noch erhöht durch das schwarze Kleid, welches Ellen trug.

Den sowieso schon unruhigen Lord ergriff eine plötzliche Bangigkeit, er konnte sich diese nicht erklären, aber er ahnte, daß der Besuch etwas Unangenehmes für ihn bedeute, und er wünschte nur, daß Ellen sich sogleich frei und offen gegen ihn ausspräche, damit er ihr ebenso offen begegnen könne. Er fühlte sich frei von aller Schuld.

Er bot Ellen einen Stuhl an und setzte sich ihr gegenüber, gespannt ihren ersten Worten lauschend.

»Lord Harrlington,« begann Ellen, und ihre Stimme zitterte anfangs ein wenig, gewann aber bald die Ruhe wieder, »ich komme nicht zu Ihnen, um Sie mit einer Bitte zu belästigen oder Sie um Rat zu fragen, wie Sie wohl erwartet haben mögen; etwas ganz anderes ist es, was mich an Bord Ihres Schiffes führt, etwas viel Wichtigeres, sonst würde ich diesen Besuch wohl unterlassen haben.«

Harrlington blickte bestürzt auf.

Die Einleitung klang ja sehr besorgniserregend. Zur Verantwortung zu ziehen? Was in aller Welt hatte er verbrochen, das Ellen zu diesem Schritte getrieben hatte?

Er antwortete nicht, sondern wartete ruhig, bis Ellen im Sprechen fortfuhr:

»Ich will nicht viele Worte verlieren, sondern es kurz machen. Beantworten Sie einfach meine Frage: Wer ist dieser Mister Wood?«

»O weh!« dachte Harrlington. »Also das ist es, was Ellen wissen will! Hat sie vielleicht etwas über die eigentliche Beschäftigung dieses Mannes erfahren?«

»Mister Wood, der die Spur der beiden Mädchen verfolgt hat und sie jetzt Ihnen wieder zuführt?« sagte er.

»Eben diesen meine ich, denselben, den Sie mir in Batavia als einen sicheren Mann empfahlen, dem ich meine Geheimnisse anvertrauen könnte, derselbe, der es so ausgezeichnet versteht, jede Spur zu verfolgen.«

Sie weiß, was er ist, und ich darf es ihr nicht verheimlichen, dachte Harrlington, und laut und einfach sagte er:

»Er ist Detektiv.«

Ellen war aufgestanden.

»Es ist Nikolas Sharp,« rief sie erregt, sich auf die Lehne ihres Stuhles stützend, »der amerikanische Detektiv, über dessen Verstellungskunst, Spitzfindigkeit, Ränke, Spionage und so weiter man schon so viel gehört hat. Und damit Sie nicht nötig haben, es mir zu gestehen, so will ich Ihrer Mitteilung über ihn zuvorkommen. Sie haben ihn, Nikolas Sharp, den Detektiven, engagiert, daß er mich während dieser Reise überwachen soll, Sie gaben ihm die Mittel, daß er mir in allerlei Gestalten folgen und Sie über meine Pläne in Kenntnis setzen kann. Ist es so oder nicht?«

»Miß Petersen,« bat Harrlington in flehendem Tone, »bedenken Sie doch den Grund, aus welchem ich –«

»Ist es so oder nicht?« unterbrach Miß Petersen den Sprecher hart.

»Es ist so, ja,« antwortete Harrlington aufrichtig.

»Und was haben Sie dabei gedacht, als Sie einen Detektiven, den ich verachte, und noch dazu Nikolas Sharp, über dessen Herzlosigkeit, Zynismus und Roheit man abscheuliche Sachen zu hören bekommt, den Auftrag gaben, mich wie ein hilfloses Kind zu überwachen, ihn über mich zum Vormund setzten?«

»Es war meine Liebe zu Ihnen.«

»Sprechen Sie nicht davon,« fuhr Ellen so heftig auf, daß Harrlington zusammenschrak, er konnte das Wesen Ellens nicht begreifen. »Sprechen Sie nicht mehr von Ihrer Liebe. Was veranlaßt Sie dazu, noch jetzt den Detektiven gleich einem Spürhunde bei sich zu behalten?«

»Noch jetzt?« fragte Harrlington gedehnt. »Ich verstehe Sie nicht, Miß Petersen!«

»Allerdings, noch jetzt,« wiederholte Ellen, immer entrüsteter werdend. »Sie mußten sich überhaupt wundern, daß ich noch den Mut, oder fast möchte ich sagen, die Unverschämtheit besitze, meinen Fuß an Bord Ihres Schiffes zu setzen. Sie wissen recht gut, was ich meine, Ihr eigenes Gewissen wird es Ihnen sagen. Aber Sie wissen auch, daß ich anders denke, als Sie vielleicht von anderen meines Geschlechts gewohnt sind, daß ich alle Rücksichten, welche die Frauen den Männern gegenüber haben sollen, aber sie zu befolgen nicht nötig haben, unbeachtet lasse; und nur deshalb, um meiner Ansicht treu zu bleiben, trete ich selbst vor Sie, um Rechenschaft von Ihnen zu fordern.«

Langsam, zollweise hatte sich der Lord erhoben, die Augen starr auf die Zürnende gerichtet. Noch konnte er nicht im mindesten begreifen, was Ellen von ihm wollte. Ein Mißverständnis mußte es sein, was sie so aufbrachte.

»Ellen,« fragte er bestürzt, und seine Stimme klang traurig, »was ist zwischen uns gekommen, daß Sie so zu mir reden? Beim wahrhaftigen Gott,« er streckte die Hand feierlich empor, »ich weiß nichts, wodurch ich Ihren Unwillen verdient hätte, und ist es der Fall gewesen, so –«

»Rufen Sie Gott nicht zum Zeugen Ihrer Lüge an,« unterbrach ihn Ellen hastig. »Benehmen Sie sich wenigstens wie ein Mann, der die Wahrheit liebt.«

»Lüge?« fuhr jetzt auch Lord Harrlington auf. »Was berechtigt Sie dazu, mir so etwas vorzuwerfen?«

»Den Beweis werde ich gleich bringen. Jetzt aber bitte ich Sie, nein, verlange ich von Ihnen, daß Sie sofort den Detektiven verabschieden, oder, wollen Sie ihn behalten, so verwenden Sie ihn in anderem Interesse. Ich aber verbitte mir ein für allemal, daß er seine Aufmerksamkeit, Ihrem Geheiße zufolge, auf mich richtet.«

»Es soll geschehen! Aber den Beweis, daß ich ein Lügner bin? Was ist es, Ellen, das Sie zu solchen heftigen Worten reizt?«

»Ich bin keine Dirne, mit der man ein Spiel treiben kann!« brauste jetzt Ellen auf, die sich nicht mehr zu mäßigen vermochte. »Und war es nur Ihre Feigheit, welche Sie zurückhielt, mir mündlich oder schriftlich zu gestehen, daß ich Ihnen nicht mehr die bin, die ich Ihnen früher war – ich hätte Ihnen diese Schwäche verziehen, wenn auch mit blutendem Herzen, aber daß Sie es wagen, mir dasselbe offene Gesicht zu zeigen, während Sie mit einer anderen kokettieren, das macht, daß ich Sie verachten muß. Hier der Beweis!«

Sie riß einen Brief aus der Tasche, schleuderte ihn vor die Füße des Lords und wendete sich zur Tür.

Harrlington sah, wie ihr die Tränen aus den Augen stürzten, ein namenloses Weh ergriff ihn, er hob den Brief auf, warf einen Blick darauf, fuhr entsetzt zurück und war im nächsten Augenblick an der Tür, Ellen beim Arm zurückhaltend.

»Beim allmächtigen Gott,« rief er außer sich, »Ellen, ich schwöre dir, diese Adresse ist nicht von mir geschrieben.«

»Lassen Sie mich,« rief Ellen und suchte sich freizumachen – ihre Tränen waren plötzlich vertrocknet. »Ich kenne Ihre Schrift, ich habe sie prüfen lassen, es ist die Ihre.«

Sie wollte sich mit Gewalt von seinem Griff befreien, aber Lord Harrlington ließ nicht nach.

»Ich beschwöre Sie, dieser Brief ist nicht von mir, nie habe ich an Miß Morgan geschrieben.«

Ellen wandte sich um und sah ihm starr in die Augen, eine plötzliche Röte flammte über ihr Gesicht.

»Lügner,« fuhr sie ihn an, »Sie hätten nie an Miß Morgan geschrieben? In England? Soll ich Ihnen noch andere Beweise bringen? Ich kann es!«

Harrlington zog seine Hand von ihr und taumelte zurück.

»Sehen Sie, wie ich Sie fange!« tönte es aus Ellens Munde. »Behaupten Sie nun noch, daß auch dieses Schreiben nicht von Ihnen ist? Doch damit Sie nicht glauben, ich hätte einen Liebesbrief abgefangen, so will ich Ihnen nur noch sagen, daß er ganz zufällig heute in meine Hände gekommen ist. Zufällig habe ich ihn für einen an mich gerichteten gehalten, und versehentlich habe ich ihn erbrochen, aber es war ein Glück, daß ich es tat, und ich bereue es nicht, wurden mir doch dadurch die Augen geöffnet.«

In diesem Augenblick wurde von draußen die Tür geöffnet, und Nick Sharp trat in den Salon.

Sharp überflog die Situation, er sah den Lord bleich wie der Tod dastehen, in der einen Hand den Brief, auf den er wie geistesabwesend starrte, mit der anderen sich die Stirn bedeckend. Sharp wußte sofort, daß es zwischen den beiden eine unangenehme Auseinandersetzung gegeben hatte, und der Gesichtsausdruck, mit dem er der Hinausschreitenden einen Blick nachsandte, war ein unbeschreiblicher, halb bedauernder, halb spöttischer.

Er trat auf Harrlington zu.

»Lord,« sagte er und rüttelte den Betreffenden am Arm, »sehen Sie Gespenster, oder hat Sie ein solches eben verlassen? Sie machen ja ein bejammernswertes Gesicht.«

»Lesen Sie hier,« sagte Lord Harrlington dumpf und reichte ihm den geöffneten Brief.

Der Detektiv überflog den vier Seiten langen Brief, und seine Züge verzogen sich spöttisch.

»Hm,« brummte er, »schöner Brief der heißgeliebten Sarah und so weiter. Gott's Donnerwetter, habe schon manchen hübschen Liebesbrief gelesen, aber so von Schwüren der Treue und Ausdrücken der Sehnsucht hat noch keiner gestrotzt, wie dieser, mir wird ganz flau zu Mute.«

Er faltete den Brief zusammen und händigte ihn dem Lord wieder ein.

»Hätte doch gar nicht gedacht,« fuhr er zu dem ihn wie geistesabwesend ansehenden Lord gewendet fort, »daß Sie diese Miß Sarah Morgan so fürchterlich lieben.«

Wie ein wildes Tier fuhr Harrlington auf den Detektiven zu, packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn krampfhaft.

»Sharp,« keuchte er, »glauben auch Sie, daß ich diesen Brief geschrieben habe?«

»Ja,« lachte der Detektiv, »haben Sie mir denn überhaupt schon gesagt, daß Sie ihn nicht geschrieben haben? Aber bitte, lassen Sie mit dem Schütteln nach, sonst fliegt mir der Kopf noch ab, und das möchte ich nicht.«

»Er ist nicht von mir,« sagte Harrlington und gab ihn dem Detektiven wieder.

»Ich glaube es Ihnen, wenn Sie es mir sagen. Aber doch sind es Ihre Schriftzüge.«

»Er ist nicht von mir,« wiederholte der Lord zum dritten Male, »er ist gefälscht.«

»Das kann aber niemand beweisen. Ich kenne Ihre Schrift ganz genau, Zug um Zug, nicht der kleinste Unterschied würde mir entgehen, aber auch ich würde getrost schwören, daß die Buchstaben aus Ihrer Feder geflossen sind. Zeigen Sie mir einmal den Brief!«

Wieder betrachtete er die Buchstaben, mußte sich aber selbst gestehen, auch als er die Handschrift des Lords dagegenhielt, daß nicht der geringste Unterschied zwischen beiden zu bemerken war.

Sharp steckte das Schreiben nach dieser nochmaligen Besichtigung in seine Brusttasche.

»Was soll das?« rief Harrlington. »Geben Sie mir den Brief zurück, ich brauche ihn als Beweis.«

»Bei mir ist er besser aufgehoben,« entgegnete der Detektiv ruhig, ohne der Forderung zu entsprechen, »ich weiß ihn besser anzuwenden, als Sie. Nicht lange soll es dauern, so werde ich herausgefunden haben, aus wessen Feder er stammt.«

Harrlington atmete hoffnungsvoll auf; Sharp hatte recht, er war in diesen Sachen erfahrener als er.

»Haben Sie auch eine Ahnung, wer ihn geschrieben haben könnte?« fragte der Detektiv. »Ein Feind von mir, der mir schaden oder mich Miß Petersen verhaßt machen will.«

»Stimmt! Wissen Sie auch, auf wessen Anraten dies wahrscheinlich unternommen worden ist?«

»Nein.«

»Miß Sarah Morgan wird selbst dazu die Veranlassung gegeben haben.«

»O, in der Tat,« fuhr der Lord auf, »ich traue es diesem Weibe allerdings zu.«

»Sie und keine andere ist es gewesen,« versicherte der Detektiv, »ich kenne sie und ihre Pläne ziemlich genau.«

»Welcher Art sind diese?«

»Ich kann sie Ihnen jetzt noch nicht aufdecken, lassen Sie sich vorläufig meine Angaben genügen, ich bitte Sie darum. Später werde ich Ihnen noch andere Enthüllungen machen.«

Harrlington war es zufrieden.

Plötzlich jedoch nahm sein Gesicht einen düsteren Ausdruck an, er wurde sichtlich verlegen.

»Lieber Sharp,« begann er nach einigem Zögern, »ich muß Ihnen eine unangenehme Mitteilung machen. Es geht doch nicht, daß Sie den Brief behalten. Händigen Sie mir ihn lieber aus, Sie werden sich nicht mehr damit befassen können.«

»Warum nicht?«

»Weil ich Ihnen Ihre Dienste als Detektiv kündigen muß!«

Sharp riß die Augen weit auf.

»Aber warum denn, um Gotteswillen?« brachte er hervor.

»Miß Petersen verlangt es von mir.«

»Unsinn!«

»Es geht wirklich nicht anders, sie verlangt es ausdrücklich, und so lange ich ihrem Willen nicht nachkomme, kann ich keine Hoffnung haben, sie wieder versöhnlich zu stimmen.« »Versöhnlich?« lachte der Detektiv spöttisch. »Beweisen Sie ihr, daß dieser Brief gefälscht ist. Ich gebe Ihnen die Garantie, daß ich nicht nur den Schreiber herausfinden werde, sondern daß ich auch in Bälde diese saubere Miß Morgan entlarven, ihr ganzes Trug- und Lügengewebe aufdecken werde, und Sie sollen sehen, wie schnell sich das Herz dieses spröden Mädchens Ihnen wieder zuwenden wird.«

»Unterlassen Sie derartige Redensarten,« sagte Harrlington streng, »Sie sprechen von Miß Petersen, deren Person mir viel zu wert ist, als daß ich in solcher Weise über Sie zu reden dulde.«

»Na ja,« entgegnete Sharp leichthin, »entschuldigen Sie, ich weiß, wie delikat Gentlemen über solche Angelegenheiten denken. Ich bin eben anders konstruiert. Aber meine Dienste aufsagen? Nein. Ohne mir selbst schmeicheln zu wollen, aufrichtig gesagt – tun Sie das nicht. Sie können mich jetzt nicht entbehren, und Sie würden das sehr bald bereuen,«

»Sie haben eine sehr hohe Meinung von sich.«

»Ich sagte Ihnen schon vorher, daß ich mir selbst nicht schmeicheln wollte, ich spreche die Wahrheit.«

»Ich glaube, Miß Lind an Bord der ›Vesta‹ würde für meine Zwecke genügen.«

»Wenn ich diese aber auch zurücknehme?«

»Könnten Sie das?« fragte Harrlington erstaunt. »Ich dachte, Miß Lind wäre selbständig.«

»Dann haben Sie sich geirrt. Miß Lind ist vollkommen von mir abhängig. Und außerdem, erfährt Miß Petersen, daß diese auch eine Detektivin ist, so ist Ihnen auch nicht geholfen – dann muß sie von Bord.«

Harrlington mußte dem Detektiven recht geben.

»Und dennoch bleibt mir nichts anderes übrig« sagte er, »als Ihnen den Dienst zu kündigen, so leid es mir auch tut, denn Sie haben sich uns vielfach nützlich erwiesen.«

Sharp wußte wohl, daß er den Engländern und den Vestalinnen oft mehr als nur nützlich gewesen war, er hatte ihnen oft in der höchsten Gefahr beigestanden, ohne daß diese eine Ahnung davon gehabt hatten, daß die Hilfe von ihm ausging, aber eben, weil er dies wußte, nahm er diese Worte des Lords durchaus nicht übel – beachtete sie gar nicht.

»Was macht mich eigentlich der Miß Petersen so verhaßt?« sagte er.

»Ihr Beruf,« entgegnete Harrlington. »Der Name Detektiv hat einen schlechten Klang. Manche haben ein großes Vorurteil gegen jeden Menschen, der sich, wie sie sagen, zum Detektiven hergibt.«

»Darf ich Sie fragen, warum?«

»Es ist eben ein Vorurteil; man versteht unter dem Detektiven einen Spion, einen Aufpasser und so weiter, der für Geld von jedem zu kaufen ist. Aber nicht alle hegen diese Gesinnung; ich zum Beispiel nicht.«

»Ich will Ihnen erklären, warum man sich berechtigt glaubt, einen Detektiven zu verachten,« sagte Sharp. »Es beruht dies auf einer Verwechselung des Begriffes. Es gibt unter den Detektiven zwei Klassen, die sich unterscheiden wie Wasser und Feuer, für welche aber doch verschiedenen Bezeichnungen existieren, beide Arten nennt man eben Detektive; und daher kommt es, daß alle Detektiven zusammengenommen einen üblen Leumund bekommen haben, während doch nur die eine Art von ihnen einen solchen wirklich verdient. Niemand kann mir zum Beispiel, der ich Verbrechen aufdecke oder zu verhindern suche, vorwerfen, daß ich ein unsauberes Handwerk betreibe, im Gegenteil, es ist ein ganz respektables und ehrenvolles. Geben Sie dies zu, Lord?«

»Soweit ich Sie kenne, halte ich Sie für einen Ehrenmann, mit dem zu verkehren niemand Anstoß nehmen könnte,« versicherte Harrlington, »Aber ich wiederhole Ihnen, daß ich überhaupt frei denke.«

»Die zweite Klasse von Detektiven, zu der ich nicht gehöre, welche ich selbst verachte, ist diejenige, deren Mitglieder man mit dem Namen Spitzel bezeichnet,« fuhr Sharp fort, »und deren Handwerk ist allerdings ein unsauberes.«

»Sie meinen diejenigen,« unterbrach ihn der Lord, »welche sich den Anschein geben, als wären sie selbst Verbrecher und Spitzbuben, mit solchen Kameradschaft zu machen suchen, und dann ihre Spießgesellen verraten Ich kann nicht zugeben, daß deren Handlungsweise zu mißbilligen sei, der Zweck heiligt die Mittel, dieser jesuitische Grundsatz darf hier wenigstens mit vollem Rechte angewandt werden.«

»Auch diese meinte ich nicht,« entgegnete der Detektiv, »ich selbst scheue mich ja nicht, mich als Verbrecher auszugeben, kann ich dadurch eine dunkle Tat aufdecken oder vereiteln. Nein, jene sind es, welche wir unter uns Prämienjäger nennen, die auf die gemeinste Art und Weise sonst ganz unschuldige Leute zu einer strafwürdigen Handlung verleiten, damit sie dieselben anzeigen können und die für die Anzeige ausgesetzte Belohnung bekommen. Ein Beispiel mag Ihnen dies erklären: In England steht eine hohe Strafe auf Hazardspiel, und die Detektiven werden von oben herab dazu angehalten, solchen Spielern besonders scharf aufzupassen, auch ist ihnen deshalb eine hohe Prämie für die Anzeige des verbotenen Spieles ausgesetzt worden. Ich selbst kenne nun Detektiven, welche sich einzig und allein darauf gelegt haben, Leute zum Hazardspiel zu verleiten, und haben sie einige Tage mit ihnen gespielt, so zeigen sie die Betreffenden an, arrangieren wohl auch eine förmliche Verhaftung. Dies ist nur ein Fall, aber es gibt noch unzählige andere, so zum Beispiel das Verführen junger Mädchen, oder wie sie ihre schändliche Arbeit zu bemänteln suchen, das Prüfen auf Sittlichkeit, Verleiten zu unsittlichen Handlungen und so weiter. Diese Spitzel sind daran schuld, daß wir Detektiven einen schlechten Leumund bekommen haben, der bei vielen Glauben gefunden hat, aber im Verträum zu Ihnen gesagt, Lord, mir selbst ist es höchst egal, was die Leute von mir denken. Sage ich mir, meine Handlungsweise ist gut, spricht mein Gewissen sie ehrlich, so kann die ganze Welt mich verurteilen, meinetwegen auch mit dem Finger auf mich zeigen, ich mache mir so viel daraus,« schloß der Detektiv und schnippte mit dem Finger.

»Dann bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, Mister Sharp,« versetzte Lord Harrlington, »aber, so leid es mir tut, die gute Meinung, welche ich über Sie habe, darf mich nicht hindern, dem Willen Miß Petersens zu genügen. Sie kennen doch ebenfalls den Charakter dieser Dame, sie haßt alles, was nur in etwas einer Bevormundung oder auch nur einer Vorsorge für ihre Person ähnelt, und ich habe es ihr außerdem auch versprochen, mich ihr fügen zu wollen. Mister Sharp, ich entbinde Sie hiermit der Verpflichtung, weiter über das Schicksal der Miß Petersen zu wachen.«

»Schön,« sagte Nick Sharp nach einigem Ueberlegen, ich kann mich dieser Kündigung nicht widersetzen. Laut Ihres Kontraktes aber bin ich für die Dauer dieser Dienstreise engagiert: So lange Miß Petersen nicht sicher in New York angelangt ist, habe ich über sie zu wachen und werde dafür bezahlt. Erinnern Sie sich dieses Paragraphen? Sonst kann ich Ihnen denselben vorlesen, ich habe den Kontrakt bei mir.«

»Ist nicht nötig,« hinderte Harrlington den Detektiven welcher seine Brieftasche herausziehen wollte, »ich bin kein Freund von Umständen und Förmlichkeiten, das sehen Sie schon an dem Kontrakt, der von mir so knapp und doch so klar aufgesetzt ist, daß man ihn im Kopfe behalten kann. Sie meinen jedenfalls, daß ich nun, da Ihnen von mir gekündigt worden ist, ohne Ihnen eine Pflichtverletzung nachweisen zu können, Ihnen das ausbedungenen Gehalt weiterzahlen muß, bis die Reise beendet ist?«

Der Detektiv bestätigte dies. »Sie erhielten von mir pro Tag drei Pfund,« fuhr Harlington fort, »es ist ein sehr hoher Gehalt, umsomehr, da Sie ihn auch ohne Dienstleistung weiterbekommen.«

»Ich finde dies nicht,« bemerkte der Detektiv trocken, unter dem arbeite ich überhaupt nicht.«

»Aber Sie arbeiten nicht für mich.«

»Ich werde es doch tun.«

»Auch dann, wenn ich es mir verbitte?« fragte der Detektiv kurz.

»Ich verfolge ein Ziel, welches ich mir gleichzeitig mit der von Ihnen übertragenen Beschäftigung zur Aufgabe machte.«

»Welches ist dies?«

»Die genaue Kenntnis über die Verbrecherbande, durch welche Sie und die Vestalinnen fortwährend belästigt wurden.« »Hm, und Sie wollen dies fortsetzen?«

»Allerdings, ich werde jetzt versuchen, selbst als Mitglied aufgenommen zu werden, und, ist es mir auch nicht mehr erlaubt, Miß Petersen zu beschützen, so wird es mir doch wohl gestattet sein, Ihnen die Pläne mitzuteilen, welche wir gegen diese Dame spinnen, um ihrer habhaft zu werden.«

Des Lords Gesicht, erst etwas ernst und niedergeschlagen aussehend, klärte sich plötzlich auf.

»Das geht,« rief er aus, »auf diese Weise verletze ich weder den Willen von Miß Petersen, noch unterlasse ich, sie durch Sie überwachen zu lassen, wenn auch auf andere Weise, als bisher. Wird es Ihnen möglich sein, selbst ein Mitglied der Bande zu werden?«

»Ich hoffe es.«

»Und Miß Lind?«

»Die bleibt vorläufig an Bord der ›Vesta‹ und versieht ihren Dienst, wie bisher.«

»Warum betonen Sie das Wort »vorläufig«?«

»Weil ich glaube, daß sie bei dem Widerwillen von Miß Petersen gegen Detektiven ihre Rolle nicht mehr lange spielen kann.«

»Warum nicht?«

»Wodurch bin ich entlarvt worden?« fragte der Detektiv. »Durch die Unvorsichtigkeit der Herren des ›Amor‹ selbst. Sir Williams, wie auch Sie selbst, waren so unvorsichtig, mich bei der Unterredung vorgestern, als ich Sie als Mister Wood vor den Aussagen des vernommenen Chinesen warnte, mit meinem richtigen Namen anzureden. Miß Petersen fiel das auf, sie hatte den Namen Sharp schon gehört, und was sie noch nicht wußte, das hat ihr ganz sicher Miß Morgan erzählt.«

»Was hat Miß Morgan damit zu tun? Hat sie einen Grund, Ihre Gegenwart lästig zu finden?«

»Wahrscheinlich,« entgegnete der Detektiv ausweichend, »und dieselbe Person, welche Sie Miß Petersen zu entfremden sucht, welche mich nicht nur haßt, sondern mich als Detektiven zu fürchten Ursache hat, wird auch nicht eher ruhen, als bis Miß Lind die ›Vesta‹ verlassen hat.«

»Weiß sie denn, daß Miß Lind in meinem Dienste beschäftigt ist?«

»Sie wird eine Ahnung davon haben, und sofort, wenn diese ihr zur Gewißheit geworden ist, kann sie die Entfernung derselben bewirken. Erfährt Miß Petersen, daß Johanna Lind eine Detektivin ist, so wird sie außer sich darüber sein und sie unbarmherzig auf der Stelle fortjagen, und bekommt sie nur eine Ahnung davon, so wird sie sicher nicht eher ruhen, als bis sie sich davon überzeugt hat.

»Miß Morgan ist schlau,« fuhr der Detektiv fort, »es wird ihr nicht schwer fallen, bei Miß Petersen Mißtrauen zu entfachen und Miß Lind als Detektivin zu entlarven. Es ist sehr schwer, fortwährend mit jemandem insgeheim zu korrespondieren und dabei keinen Argwohn bei dem zu erregen, der dies nicht haben will.«

»Sie sprechen so geheimnisvoll von Miß Morgan. Was haben Sie eigentlich gegen diese Dame?« fragte Harrlington.

Sharp wich dieser Frage aus. Er sagte, er dürfe über den Charakter einer Person nicht sprechen, von der er nichts Schlechtes behaupten könne, sondern über die er nur Vermutungen hege. Er deutete aber offen an, daß er das Verhältnis kenne, welches in früheren Jahren zwischen ihr und Lord Harrlington bestanden, und bezeichnete Sir Williams als denjenigen, der ihm darüber Mitteilung gemacht habe.

Lord Harrlington nahm die Indiskretion Sir Williams' nicht übel. Er wußte, daß sein Freund den Detektiven nicht davon in Kenntnis gesetzt hätte, wenn er es nicht zu seinem Vorteil geboten hielt.

Dann kamen sie wieder auf den Brief zu sprechen, den Lord Harrlington an Miß Morgan geschrieben haben sollte, der aber in Ellens Hände geraten und von dieser gelesen worden war.

»Aller Wahrscheinlichkeit nach,« sagte der Detektiv, »liegt diesem Weibe daran, vorläufig Zwietracht zwischen Ihnen und Miß Petersen zu säen, was ihr auch gelungen ist. Erst versuchte sie sich bei Ihnen in Gunst zu bringen, und als sie dies nicht erreichte, griff sie nach einem anderen Mittel und bediente sich sogar sehr niederträchtigerweise eines gefälschten Briefes.«

»Wenn nun aber Ellen den Brief nicht erhalten hätte! Es war doch nur ein Zufall, den ich mir gar nicht erklären kann,« meinte Harrlington.

»Dann würde Miß Morgan schon dafür gesorgt haben, daß er doch in die Hände der Kapitänin kam. Es gibt ja so einfache Mittel, das zu bewerkstelligen: Liegenlassen, verlieren oder auch, ihn ihr in einem Streite zu zeigen und sich mit ihm zu brüsten und so weiter. Aber sie selbst wird bewirkt haben, daß er nicht an ihre, sondern an Miß Petersens Adresse kam.«

Hierauf teilte Sharp dem Lord die Abenteuer mit, welche er seit der Abfahrt des ›Amor‹ durchgemacht hatte.

»Miß Sargent und Miß Nikkerson sind bereits an Bord der ›Vesta‹, ich traf die Kapitänin dort nicht an und war auch ganz zufrieden damit, denn ihr kalter Dank hätte mich nicht erfreut, vielmehr mich zu einer beleidigenden oder doch spöttischen Aeußerung hingerissen. Miß Staunton und Hannes haben unseren Zug versäumt, sie werden mit dem nächsten hier eintreffen.«

In diesem Augenblicke kam Hannibal herein und brachte seinem Herrn ein Telegramm.

»Hier eine Depesche von denen, über welche wir eben sprachen,« sagte Harrlington. »Hannes und Miß Staunton sind in Canton und werden mit der ersten Fahrgelegenheit hier eintreffen, telegraphiert Hannes.«

»In Canton?« rief der Detektiv. »Die beiden jungen Leutchen scheinen das Versäumen des Zuges absichtlich arrangiert zu haben, um sich meiner Aufsicht zu entziehen und unternehmen nun eine kleine Vergnügungsreise auf eigene Faust. Ausgezeichnet, das sieht ihnen ganz ähnlich!«

Sharp erzählte dann noch, daß die wahnsinnige Mistreß Congrave in besorgniserregendem Zustande in einem Hospital in Scha-tou untergebracht sei, welches für kranke Seeleute eingerichtet und unter der Leitung von barmherzigen Schwestern stehe. Ein starkes Nervenfieber drohe ihr Leben zu vernichten, oder aber, wenn sie es überstände, würde eine Aenderung in ihrem umdunkelten Gehirn stattfinden. Der Anblick der Photographie ihres Mannes habe die Krisis herbeigeführt.

»So bleibt es dabei,« sagte Lord Harrlington, als sich der Detektiv verabschiedete, »ich gebe Ihnen hiermit Ihre Entlassung, wie es Miß Petersen wünscht. Was Sie sonst unternehmen, geht mich nichts an – Sie wissen, was ich damit meine – nur bitte ich Sie, nicht, wie bisher, speziell in der Nähe der Kapitänin zu bleiben und über ihre Sicherheit zu wachen, sondern ihr den Schutz in anderer Weise angedeihen zu lassen, so, wie Sie es mir angedeutet haben, und womit ich einverstanden bin. Sie werden, wie bisher, bei den betreffenden Banken die Summen vorfinden, welche Sie zum Operieren nötig haben, denn ich mute Ihnen nicht zu, die Kosten aus Ihrer Tasche zu bestreiten, Good bye, Mister Sharp, ich wünsche Ihnen recht viel Glück, zu Ihrem neuen Berufe, lassen Sie es sich unter den Verbrechern und Gaunern recht gut gehen, und verschonen Sie uns vor allen Dingen und ganz besonders mich mit Diebstählen, Einbrüchen und Totschlägen.«

Lachend über diesen Wunsch, schüttelten sich beide Männer die Hand, Sharp zündete sich aus dem neben ihm stehenden Kistchen noch eine Zigarre an und entfernte sich, den Lord in tiefen und traurigen Gedanken zurücklassend.

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