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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zerbrechliche Geschichten

Ach so, Hurrle! Richtig, Hurrle. Ich sehe ihn nicht, aber ich höre seine Komödiantenstimme mit pathetischen Steigerungen über den Marktplatz schallen. Beim Wagen angekommen, muß ich ihn erblicken, wie er auf einer Bretterkiste steht, um sich viel gaffendes Volk versammelt hat und Porzellanwaren anbietet, als ob er Zeit seines Lebens als Wahrer Jakob durch die Weltgeschichte gezogen wäre.

Er hat die letzten Haare zu einem verwilderten Schopf geschwungen, die Augen rollen, und mit den Armen fuchtelt er in der Luft herum. Man erkennt sofort, daß er im Augenblick einen Suppenteller in der Hand hat, diesen Gebrauchsgegenstand nach allen Seiten dreht und wendet und den andächtigen Zuhörern begreiflich macht, dieser schöne Suppenteller sei nur fabriziert worden, um hier im Dorfe Freude und Heil und verstärkten Appetit zu zaubern.

»Meine verehrten Bauern,« brüllt Hurrle, »ihr alle kennt den Bibelspruch: Glück und Glas, wie leicht bricht das. Stimmt, sage ich, stimmt. Aus diesem Grunde auch führen wir kein Glas – sondern nur Porzellanwaren. Haben Sie aber jemals irgendwo gelesen, daß geschrieben stünde: Glück und Porzellan sind übel dran? Einen Schleusendeckel einem jeden, der mir das nachweist. Dieser Suppenteller kann uralt werden; nichts steht im Wege, daß er sich noch auf die fernsten Generationen ohne Sprünge vererbt. Es gibt sagenhaft alte Porzellanteller. Ich habe einen im Auge aus der Zeit 3000 vor Christi, und man könnte, wenn er nicht in einem Museum stünde, immer noch eine Erbsensuppe mit Schweinsohren aus ihm löffeln.«

Jetzt lachen die Bauern und freuen sich, stoßen sich gegenseitig an und zeigen ein aufgeräumtes und kauflustiges Wesen, weil der 26 Hansnarr da oben eine solche Gaudi um einen läppischen Suppenteller macht.

»Hinwiederum stehet in der Schrift: sammelt euch keine irdischen Güter; nie aber wird einer, und sei er der größte Schriftgelehrte der Welt, im Buch der Bücher die Mahnung finden, man solle keine irdenen Güter sammeln. Irdene Güter sind des Segens voll und fallen nirgends unter das göttliche Verbot. Wenn sie fallen, sind sie meistens, und nicht mal immer, kapores, und auch in diesem geteilten Zustand wohnt ihnen noch eine gewisse Sendung inne; denn Scherben bringen Glück. Freunde, zerschlagt viele Teller, auf daß es viele Scherben und viel Glück gibt.«

Sie kollern und pruschen und kreischen los; ein lustiger Aufruhr bildet sich und lockt immer neue Zuschauer herbei.

Sie fangen schon an zu kaufen, drängen sich zum Wagen und nehmen die vielerlei porzellanenen Wunderdinge in Augenschein. Ein Mann, dick und fett; ein Mann, schwitzend und mit Speckfalten im Genick; ein Mann, mit einem roten Gesicht und einem prachtvollen Seehundsschnauzbart; ein solcher geschäftstüchtiger Klumpen Mensch packt Geschirrwaren aus dem Heu und bietet sie zum Verkauf an. Er ist Besitzer des Wagens und heißt Xaver Schluckebier. Woher ich das weiß? Weil am Wagen ein Schild hängt mit der Aufschrift: Xaver Schluckebier, Porzellan- und Steingutwaren, Erlenbach.

Hurrle läuft das Mundwerk davon; er hat Einfälle wie ein alter Backofen und trommelt immer mehr Neugierige zusammen. Der Porzellanverkauf geht schon flott vonstatten.

»Über einen solchen Teller,« flunkert Hurrle fort, »könnte ich tagelang reden, aber ich will euch nicht von der Arbeit abhalten. Einem solchen Teller, wie ihn hier meine Pfoten halten, habe ich mein Leben zu verdanken. Ihr wollt natürlich schon wieder die Geschichte hören? Na ja, ich will sie euch nicht vorenthalten. Ich gehe einmal in Pernambuco durch die Straßen der Stadt, da fällt ein solcher Teller, nicht größer und nicht kleiner als dieser hier, fällt, sage ich euch, aus dem vierten Stockwerk herunter auf die 27 Straße. Fällt mir nicht auf den Kopf, sondern zerspringt vor meinen Füßen. Was glaubt ihr, wenn er mir auf den Kopf gefallen wäre; ich hätte das Zeitliche gesegnet in einem heißen Erdteil, der nicht meine Heimat ist.«

Man sollte es nicht glauben, aber das Geschwätz Hurrles regt das Geschäft mächtig an; die meisten Menschen stellen fest, daß sie Teller benötigen. Andere kaufen Schüsseln, Tassen und Kannen; ja sogar unaussprechliche Töpfe, mit Blumen verziert, finden Absatz. Schluckebier, der nur immer auspackt und einkassiert, läuft der salzige Schweiß herab. Sein Jägerhemd klatscht vor Nässe.

»Brigitte!« ruft er mit heiserem Organ, »willst du Flitscherl vielleicht kommen und mir helfen!«

Brigitte ist gar nicht da; weiß der Teufel, wo die steckt, das Lumpenstück mit dem bunten Seidentuch.

Hurrle, das Geschäft verschlagen witternd, bleibt mit vollen Segeln im Kurs.

»Da hätte ich einen Aschenbecher für den Herrn im Haus. Ein Aschenbecher, wie ihr ihn hier seht, gehört in jede kinderreiche Familie. Ich kenne einen Mann, er ist entfernt verwandt mit mir, der hat fünfundsiebzig Jahre die stärksten Zigarren geraucht ohne Aschenbecher. Ohne Aschenbecher fünfundsiebzig Jahre. Was glaubt ihr, wie alt wäre er mit Aschenbecher geworden! Nicht auszudenken. Aus diesem Aschenbecher findet ihr einen Vers aus dem westöstlichen Kanapee. Er lautet: Eher werd' ich Frauen hassen, als von meinem Tabak lassen. Jawohl, meine sehr verehrten Herrn Bauern: lasset euch den Tabak nicht verbieten. Raucht, daß der Qualm zum Himmel stinkt. Ehrenwort, ich reise nicht in Zigarren und habe auch keinen Verwandten, der Püppchenwickler ist oder Wärmlinge dreht. Und wenn eure verehrte Frau Gemahlin etwa gegen das Rauchen ist, dann – einen Augenblick! Schluckebier, gib mal die Blumenvase her! – dann schenkt ihr der Holden zur Besänftigung eine solche Blumenvase, zu der sie die Blumen gar nicht erst im Garten zu suchen braucht, denn solche sind, schaut her, schon hinaufgemalt. Es sind Vasen aus Meißener Porzellan. 28 Verachtet mir die Meißner nicht. Ich sage nur dieses: Es gibt auf der Welt zu viel Blumen und zu wenig Vasen. Greift zu, und wenn ihr nicht Freude habt an diesem echten Kunstgegenstand, dann will ich an der nächsten Feldglocke baumeln und die Raben um mich sammeln. Seht euch den Mann an, Herrn Schluckebier, seht ihn euch an, wie er schwitzt! Er schwitzt nur so, weil er Angst hat, er müßte alles hergeben. Aber laßt euch nicht irre machen, kauft und laßt ihn Todesängste kriegen. Kauft Teller, kauft Tassen; in Massen, in Massen! Kommt herbei, kommt heran! Porzellan! Porzellan!!«

Die Wirkung dieses zusammengeschwefelten Unsinns ist erstaunlich. Schluckebier, mit Begeisterung und Atemnot, verkauft mehr Porzellan, als er sich in seinen rosigsten Geschäftsträumen je vorgestellt hatte. Er hat Rock und Weste ausgezogen und arbeitet; ein Duft von Salz und alten Kleidern strömt betörend von ihm aus.

»Brigitte!« trompetet er wieder, »wenn die Wachtel kommt, will ich ihr aber die Faulenzermanieren aus den Knochen schlagen.«

Hurrle ist jetzt von der Kiste herabgestiegen und stelzt, wie ein Mann, der Bedeutsames nur so nebenbei geleistet hat, durch die gaffende Menge.

»In dich ist der Belzebub gefahren. Du mußt zum Tingeltangel.«

»Mein Lieber,« antwortet er halb erschöpft, »ich habe dir doch immer gesagt: man muß nur der Nase nachgehen und findet schon irgendeine Arbeit. Wenn ich Lust habe, kann ich mich von dem Fettklotz engagieren lassen.«

»Was für Unsinn hast du denn geschwätzt? Ich habe Bauchgrimmen.«

»Und ich habe einen leeren Magen. Ich nehme an, daß der Porzellankönig mit uns zum Abendbrot geht.«

Ich sehe, daß der Verkauf immer noch weitergeht. Und jetzt kommt ein Fetzen über den Marktplatz geweht. Im Winde flatternd wie eine Fahne.

»Hurrle, weißt du, wer dort kommt?«

29 »Wo?«

»Dort. Im sanften Spiel des Windes?«

»Ein junger Buntspecht.«

»Nein, die Porzellanbrigitte. Sie will uns Lohengrin wieder fortnehmen. Jawohl, Fräulein Schluckebier.«

»Porzellanbrigitte? Lohengrin? Du mußt hier keine Silbenrätsel aufgeben.«

Brigitte ist schon da. Sie geht bei uns vor Anker, stößt mit dem Fuß nach Lohengrin und zeigt uns die Zähne.

»Harras, du Aas!« sagt sie und lutscht an einem dicken Malzzucker.

»Brigitte,« sage ich, »der Alte will dich an den Beinen aufhängen, weil du nichts tust als Schlendrian treiben.«

Sie lacht in die Bäume hinauf und boxt mir mit der geballten Faust vor die Brust.

»Spaßig, wenn du lachst, kriegst du Falten in die Nase. Und überhaupt, wenn man schon Fräulein Schluckebier heißt!«

Ich habe den Satz kaum heraus, da sitzt mir auch schon eine klatschende Ohrfeige im Gesicht, und so turbulent, daß ich Funken sehe.

Ich will sie packen und in den Brunnen tauchen, da posaunt Schluckebiers Stimme über den Platz.

»Brigitte! Lumpenaas! Flicklappen!«

»Hört nur den Kater!«

Sie wedelt davon; hinüber zum Wagen wedelt sie; das Hinterteil ist schnippisch bewegt. Das gelbe, verwaschene Fähnlein flattert.

»Ist dir je ein so frecher Spatz begegnet?«

»Mein Lieber, die hat der Esel im Galopp verloren.«

Es kommt jetzt ganz anders als ich denke. Nämlich Herr Xaver Schluckebier, der die Porzellanbrigitte vorübergehend mit dem Verkauf betraut hat, macht Anstalten, zu uns herüberzuwatscheln.

»Man ist verraten, meine Herren, wenn man ein solches Lumpenstück von Tochter hat. Keinen Geschäftsgeist, keinen Funken Dispositionstalent. Ganz wie ihre Mutter, Gott hab sie selig und 30 schenke ihr die – – Donnerkeil, was sehe ich? Harras! Du dreimal elende Hundeseele!«

Der Hund duckt sich an meine Seite und versucht, sich unsichtbar zu machen.

»Das Vieh geht seine eignen Wege. Wir sind ihm nicht vornehm genug. Am besten, man füllt ihn in Därme.«

Herr Schluckebier, im übrigen dank des guten Geschäftes wohlgelaunt und in einer fettig derben Stimmung, begibt sich mit Hurrle ins Gasthaus zum Ochsen, und ich werde beauftragt, mit Brigitte beim Porzellan zu bleiben, um etwaige Kundschaft noch zu befriedigen.

»Um sieben Uhr ist Ladenschluß,« setzt Herr Schluckebier vorm Abwatscheln noch fest, »dann kommt ihr alle in den Ochsen.«

Das ist mir gerade recht. Ich sehe sie dort schon auf der Kiste hocken, sie hat die Beine übereinandergeschlagen und pfeift wie eine Schwarzamsel. Da gehe ich also hinüber und Lohengrin kommt mit; er legt sich längelang unter den Wagen ins Packmaterial und gähnt.

»Schöne Schwarzamseln gibt's hier,« spotte ich sie an.

»An Galgenvögeln fehlt's auch nicht.«

»Ich soll hier helfen, Porzellan verkaufen.«

»Da werden wir bald reiche Leute sein.«

Es kommt nur eine alte Frau, gafft und zieht manchmal die Nase hoch.

»Taschentücher gibt's hier keine,« sagt die freche Porzellanbrigitte und wippt mit den Beinen.

Dann leert sich allmählich der Marktplatz. Rauch steigt aus den Schornsteinen. Kühe und Schweine werden eingetrieben. Bauernfuhrwerke mit müden, fliegengeplagten Kühen und Pferden rumpeln nach Hause.

»Brigitte, es wird Abend.«

»Du merkst aber auch alles. Komm, wir hocken uns in den Wagen. Im Wagen sind Heu und Schatten. Komm in den Wagen, dort kannst du mir was vorschwindeln.«

31 Wir kriechen bei Gott in den Wagen hinein; sie voran und so, daß ich ihre Beine sehe und feststellen muß, daß sie ein Loch im Strumpf hat. Aber seidene Strümpfe müssen es sein, auch wenn sie verlöchert sind. Oh, du liebe höllische Schlampe du!

Es ist zum Kranklachen, wie wir hier im Wagen hocken, eng beisammen und bei einer warmen Heutemperatur. Um uns sind Porzellanwaren gestapelt, Teller und Tassen und Töpfe, verstaubt und mit Verkaufspreisen beschmiert, eine zerbrechliche Gesellschaft, die bei jeder Bewegung klappert und klirrt.

»Setz dich nur näher zu mir, ich habe keine Angst vor solchen Hasen, wie du einer bist.«

»Du hast übrigens ein sichtbares Loch im Strumpf,« entgegne ich.

»Loch? Wo?«

»Überm Knie am rechten Bein.«

Sie streift den gelben Flitsch hoch und fahndet nach dem Loch.

»Hier!« sage ich und deute mit dem Finger darauf.

»Hände weg.«

Mit dem Zeigefinger bohrt sie in das Loch und macht es noch größer.

»Sonst sind es wirklich feine Strümpfe. Richtige Porzellanbrigittenstrümpfe.«

»Du Narr! Ich will dir mal was sagen: du siehst gar nicht aus wie ein Chausseehase.«

»Wieso, bitte?«

»Ganz anders siehst du aus. Laß dich mal richtig angucken. Na, übertrieben schön bist du ja nicht – –«

»Du auch nicht.«

»Das war jetzt geistreich. Und schmeichelhaft; du bist ein Kavalier.«

»Wieso ich kein Chausseehase bin, willst du mir sagen.«

»Weil du nicht gerissen bist. Dich möchte ich doch an allen Ecken und Enden übers Ohr hauen.«

»Na, na!«

32 »O was glaubst du! Ich kann dir das schnell beweisen.«

»Bitte!«

»Hol' mal deine Wanderpapiere vor.«

»Fällt mir nicht ein.«

»Du sollst sie mal zeigen. Nimm an, ich sei ein Blechkopp.«

»Fällt mir nicht ein, sage ich!«

»Weil du gar keine hast! Ha ha ha ha!«

»Keine habe? Da bist du verdammt im Irrtum.«

»Du hast keine Fleppe, sage ich dir!«

»Warum soll ich keine Fleppe haben?«

»Weil ich sie dir vor zwei Minuten aus der Tasche gestohlen habe, und du hast's gar nicht gemerkt. Ho ho hoo!«

Sie greift ins Heu, zieht meine Papiere hervor und wedelt mir damit vor der Nase herum. Beim Neungeschwänzten, sie hat mir die Papiere geklaut, und ich habe es nicht gemerkt. Dieses Rabenaas; dieser Teufelsbraten. Das Feuer springt ihr buchstäblich aus den Augen.

»Hab' ich dir nicht gesagt, daß ich dich spielend übers Ohr haue? Wetten, daß ich dir 's Hemd ausziehe, ohne daß du's merkst. Du Äffchen, du kleines, liebes.«

Sie beißt die Zähne aufeinander und faucht mich an. Ich denke, es ist Zeit, daß du zupackst und sie zur Vernunft oder Unvernunft zwingst. Greife nach ihr und will sie ein wenig in die Arme nehmen, da ist sie schon unter mir fortgeschlüpft, nimmt einen bemalten Topf und stülpt ihn mir auf den Kopf.

»Das wär' grad ein Hut für dich.«

Ich will natürlich den schönen Suppentopf nicht zerschlagen, und so sitze ich eine Weile mit dieser zweifelhaften Kopfbedeckung da, und der liederliche Fetzen lacht, daß die Teller zittern.

»Nimm mir das Gefäß vom Kopf!« befehle ich.

Sie zerrt ihn herunter, jongliert damit in der Luft herum und wirft ihn ins Heu.

»Zertrampeln könnte ich ihn; zertrampeln. Weil er auf deinem dummen Kopf war.«

33 »Wenn du mich beleidigst, suche ich das Weite.«

Sie beugt sich jetzt nahe zu mir, betrachtet mich genau und lacht mir mit einer furchtbaren Frechheit ins Gesicht. Dann wird sie auf einmal viel stiller, lehnt sich gegen die Wagenwand und bläst die verzottelten Haare aus dem Gesicht.

»Wo bist du mir nur begegnet, Brigitte?«

»Im Mond!«

»Vielleicht in einem Traum.«

»Gewäsche.«

»Ich muß es herausfinden.«

Da führt sie den Zeigefinger zum Mund und sagte leise: »Daß du's nur weißt: um mich ist ein Geheimnis.«

Sie lehnt sich zurück ins Heu und schließt die Augen. Eine prachtvolle Gelegenheit, denke ich, eine wirklich prachtvolle Gelegenheit, um sie zu küssen. Aber die Augen sind schon wieder offen.

»Sympathisch bist du mir nicht,« sagt sie und zieht die Knie an den Leib. »Nein, ich könnte nicht behaupten, daß du mir sympathisch bist. Es läßt sich auch ohne dich leben.«

Ich denke: laß sie reden und schwatzen; es ist so schön hier und so still. Und eigentlich, denke ich verschwommen, eigentlich riecht sie gar nicht übel. Nein, sie hat einen Geruch wie von einer frischgemähten Wiese.

»Du riechst so ländlich,« sage ich, »man könnte an dir nur immer so herumschnuppern.«

Da hat sie einen Grashalm genommen und mißt mit den Fingern Entfernungen ab. Und plappert vor sich hin.

»Da fährt man immer so in der Welt umher. Rumpelt durchs Land mit dem Klapperwagen. In einem Monat kommen wir so weit, wie ein Auto in einem Tag. Überallhin; dort sind sie arm, dort sind sie reich. Und jede Nacht ein andres Bett. Manchmal schlafen wir im Wagen. Und meine Mutter ist im Wagen gestorben, als wir unterwegs waren; und jung war sie noch und – – und – – und wenn ich dir den Grashalm da so ungefähr 34 fünf Zentimeter lang in die Nase stecken darf, dann kannst du mir dafür einen Kuß geben.«

Sie spießt mit dem Halm nach meinem Gesicht. Ich denke, für einen Kuß kannst du dir's gefallen lassen. Es ist furchtbar, aber ich halte es aus, der Henker soll mich haben, wenn ich's nicht aushalte. Die Tränen brechen aus meinen Augen, aber ich bleibe standhaft.

»Du Affe hast gewonnen.«

Sie lehnt sich zurück und schließt die Augen; und rührt sich nicht. Umsonst hast du das nicht ausgehalten, überlege ich und küsse sie auf den zuckenden Mund. Sie wird ganz weich und wehrlos und es bricht wie Flammen aus ihrem Körper.

Nun ist es ganz still um uns, und riecht nach Heu und Wiesen. Und die Teller klappern nicht mehr. 35

 

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