Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Roland Betsch >

Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Vorhangauge

Durch einen bunten Traum, durch eine glückselige Wanderschaft, durch einen verwegenen Zauber sind wir hindurch gegangen und jetzt stehen wir wieder am Anfang unserer abenteuerlichen Fahrt.

Das ist unsere Garderobe im alten Musenstall, nichts hat sich hier geändert, mir ist, als wären wir gestern erst hier ausgerückt, um in des Herrgotts lieben Tag hinauszutippeln.

Recht ergötzlich, uns anzuschauen; denn wir tragen auch die gleiche Landstreicherkluft, die wir damals in der neufrisierten Posse am Leibe hatten, und mit der angetan wir die große Pleite verließen, um uns dem Abenteuer in die Arme zu werfen.

Nicht genug, auch die gleiche Posse wird heute Abend gespielt, es ist wie ein großer Kreislauf, wir kehren zurück zum Ausgangspunkt; wir laufen nach einer seltsamen Weltumsegelung den Heimathafen wieder an und finden, daß alles beim Alten geblieben ist.

Hugo Hurrle sitzt vorm Spiegel und schminkt sich auf Wolkenschieber, er schneidet Fratzen und hat das große Leuchten in den Augen. Ach, er atmet Heimatluft.

»Eines ist doch anders im alten Musenstall,« sagt er und zieht Luft durch die Nase, »als wir auszogen, roch die Pleite aus allen Ritzen und heute duftet es nach Pinke.«

So ist es; unser Direktor Prottengeier muß irgendeinen guten Geldmann gefunden haben. Es weht ein wohlhabender Wind zwischen den Kulissen. Im Geiste höre ich die Schleusendeckel klimpern.

Wir beide sind fertig zum Auftreten; wir stehen einander gegenüber und bestaunen uns. Und unsere Augen sind feucht von Glück.

»Sind wir echt, oder sind wir es nicht?«

»Wir sind es, Hugo!«

281 »Bei meiner Seele Seligkeit, ich rieche prachtvoll nach Kuhstall und Gaunerklappe. Kind Gottes, heute Abend sollst du was erleben; ich sage dir, ich zische aus allen Ventilen, in mir ist ein Überdruck, daß ich jeden Augenblick platzen kann. Wann steigt der Fetzen, Bierbrauer?«

»Noch zehn Minuten, Hugo.«

»Eine Ewigkeit. Komm, laß uns mal über die Bühne stänkern.«

»Hugo mit der musikalischen Kuhidee, ich habe ein Lampenfieber, daß mich die besten Eidgenossen jucken. Gebt mir einen Duft, ein Königreich für einen Nordhäuser!«

Hurrle hält mir die Fundusbuddel hin, wahrhaftig, da ist ein Kaschemmenfusel drinnen, der einem die Löcher in den Strümpfen stopft.

Hinaus aufs Nudelbrett. Oh, sagt mir, war es ein Traum?

Der Jammerfetzen zittert; ich zittere mit. Die große Unruhe geht um. Ich höre es rumoren in der Höhle; das Brausen und Rauschen dringt in meine Ohren. Hurrle geht zum Vorhangauge und schaut in den brodelnden Schlund hinaus.

»Mensch, der Stall ist voll bis unter die Ziegeln.«

Plötzlich, mitten im Schauen, sehe ich, wie er zusammenzuckt und wie unter einem Schlag zurücktaumelt.

»Was ist denn los? Ist dir plötzlich übel geworden?«

»Das ist des Barons Werk! Nur er allein ist imstande, uns eine solche Überraschung zu servieren. Blick hin und staune!«

Beklemmung im Busen, trete ich vor das Vorhangauge und schaue hinaus. Mein erster Blick trifft eine vornehme Dame mit strohgelben Haaren. Da steht sie aufrecht in der ersten Parkettreihe, fast leuchtet sie magisch heraus aus dem brodelnden Brei. Seht nur, so steht sie da: ein wenig gegen die Rückenlehne des Klappsitzes gebeugt, den Kopf aufrecht und verwundert Umschau haltend.

»Was siehst du denn?« höre ich Hurrles Stimme.

»Bettina! Welch ein Schattenspiel!«

»Sonst niemand?«

282 Oh, ihr Heiligen, ist es denn wirklich wahr?

Neben Bettina sitzt der Herr Baron Maximilian von Bernau.

Und weiter?! Weiter?!! Schrei es doch hinaus!

Links und rechts von den beiden sitzen sie und scheinen mir wie hingezaubert.

Herr Zickomander sitzt da und Kilian Baudendistel, Xaver Schluckebier und der krumme Trarabumm, der Dachkandel und die blonde Fränz und alles Gesinde vom Gutshof, und ganz am Ende Fabian Flox, mein zweites Ich, meine selige, unselige Wiedergeburt.

Die ganze vordere Parkettreihe nehmen sie ein und alle starren sie den Jammerfetzen an und die Erwartung steht glitzernd hell in ihren Augen. Fehlt nur mein Hund Lohengrin, die Kreatur aus Nacht und Wäldern. Lohengrin liegt draußen in der Garderobe, überallhin ist er mir gefolgt, er soll auch den Lorbeer mit mir ernten.

Ich schaue mich um und sehe Hurrle stehen. Er ist bleich bis unter die Schminke.

»Hugo!«

»Stephan!«

Wir sinken uns in die Arme. Tränen stürzen aus unsern Augen.

»Wie hat er sie nur alle zusammengekriegt, Hugo?«

»Dem Baron ist nichts unmöglich.«

Du lieber Gott, da sitzen sie in der ersten Reihe, die Gestalten eines verzauberten Sommers, eine humorvoll geisterhafte Gemeinde. All meinen Segen, all meine guten Wünsche über euch!

Gong!

Merkt auf, es steigt ein lustig Possenspiel.

Gong!!

Bettina, du Sonne! Und ihr, Trabanten meines Herzens.

Gong!!!

Herr, gib mir Kraft, denn die Gardine steigt!

 


 

 << Kapitel 31 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.