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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es sitzt ein fremder Mann am Tisch

Jetzt ist eine große Einsamkeit um mich. Der Herr Baron hat mich in die Wälder geschickt, und das ist gut so. Ich soll Stämme zeichnen, die später gefällt werden. Jeder Mensch hat noch eine verborgene Heimat, irgendeine Landschaft ist ihm geschwisterlich verwandt. Manche gehören dem Berg und manche dem Wald, andere den Wiesen und Feldern und wieder andere dem Meere. Wenn ich darüber nachdenke, glaube ich, daß ich den Wäldern gehöre. Und darum sei es hier ausgesprochen: wenn ich einmal tot bin und es euch nicht allzuviel Mühe macht, dann begrabt mich bitte in den Wäldern.

Auch die Porzellanbrigitte ist nun begraben, sie liegt auf dem kleinen Friedhof in der Nähe des Gutshofes und sie soll einen schönen Stein bekommen. Schluckebier ist fort mit seinem Porzellanwagen und dem Pferd Ida. Der Baron wollte ihn zu sich nehmen, ihm eine Stelle als Hausverwalter geben, aber der Porzellankönig hat es abgeschlagen. Recht herzlichen Dank und viel zu viel Güte, aber seine Welt ist die Landstraße, der Wagen mit den zerbrechlichen Dingen und das Umherwandern von Dorf zu Dorf. In jedem Jahre aber will er einmal kommen, das hat er dem Baron in die Hand versprochen und wenn möglich, soll es an Brigittens Geburtstag sein.

Er fährt dahin, die Augen naß von Tränen, die Peitsche wedelt in der Luft, man kann das Geschirr klappern hören.

Ich aber bin mit Lohengrin in die Wälder gegangen; den Schlüssel habe ich zu des Barons Jagdhütte; nachts schlafe ich oben im kleinen Raum, wo ich mich einmal als Jägersmann verkleidet habe.

Auch muß ich gründlich Ordnung schaffen in der Hütte, die Fenster blank reiben, das Dach nachsehen und Brennholz kleinmachen.

263 Bettina ist in meine Arbeit und in meine Träume verwoben, aber auch an Brigitte muß ich denken, und es ist so seltsam, manchmal ist mir, als ob sie gestorben wäre, damit wir zwei leben können.

Bis spät in die Nacht hinein sitze ich dann mit Lohengrin in der Bauernstube, rauche aus Hurrles amerikanischer Pfeife, und manchmal lasse ich im Schränkchen das Grammophon spielen. Da sitze ich dann im Pfeifenqualm und vor mir hängt das Bild, man weiß ja, das Bild stellt Bettinas Mutter dar. In meinen Wälderträumen vertausche ich manchmal die Gestalten, es entsteht ein Wirrsal von Begegnungen und zuletzt bleibt immer Bettina zurück und noch in den Schlaf hinüber glänzt mir ihr Name wie ein heller Stern.

Seht, so gespenstisch ist das Leben. Ereignisse gibt es, die eintreffen müssen; Überschneidungen sind vorhanden wie Geleise, auf denen die Züge des Lebens fahren. Da gibt es nun also Begegnungen und Anschlüsse, Umsteigestellen und mancherlei gemeinsame Fahrt.

Und allerorten geht das Wunder um. Wohl dem, der noch ein kindliches Erstaunen hat vor den Verkettungen des Daseins.

Zum Beispiel erlebe ich heute etwas Außergewöhnliches, es liegt gewissermaßen in der Luft und ich warte buchstäblich auf irgendeine Überraschung.

Ich bin nachmittags im Wald gewesen und habe junge Tannentriebe frisch gekalkt, damit sie vom Wild nicht angefressen werden. Gegen Abend rauscht ein starker Regen nieder. Mein Hund und ich, wir werden bis auf die Haut naß, aber das macht uns Freude, denn es ist warm und im Regen duftet der Wald so herrlich.

Es wird schon dämmerig, als wir im strömenden Regen zur Hütte zurückkehren.

Die Tür steht offen, da habe ich mal wieder vergessen, abzuschließen. Der Hund gibt aufdringlich Laut und stellt die Haare.

Ich gehe in die Hütte hinein und bin ein wenig betroffen, Besuch vorzufinden.

264 Es sitzt ein fremder Mann am Tisch.

Mit Gewalt muß ich Lohengrin zurückhalten.

Ich schaue mir den Menschen an; er trieft vor Nässe und lacht mich mit einer spitzbübischen Freundlichkeit an. Ein rundlicher Mensch mit dicken Pausbacken und einem stachelhaarigen Kopf, glattem Gesicht und zwei kleinen Äuglein, mit spärlichen, weißlich blonden Augenbrauen.

»Schönen guten Abend,« sagt er und bleibt sitzen, »das gießt wie aus Waschbütten.«

»In der Tat, ja.«

»Übel dran, wer keinen Flossertstenz hat.«

Er streckt mir beide Arme hin und zeigt seine triefenden Rockärmel. Ein Kunde, denn er redet Rotwelsch, meint mit dem Flossertstenz einen Regenschirm.

»Ich darf schon mal fragen, wie du hier hereinkommst?«

Wieder lächelt er gutmütig und zieht die nackten Augendeckel hoch.

»Durch die Tür.«

»Was du nicht sagst; hier ist aber keine öffentliche Klappe.«

»Glaub's! Aber wenn man naß ist wie eine Bachkatze. Hab' gedacht, kannst dir hier in der Spechtwinde bissel die Klamotten trocknen. Ein elendes Leben jetzt.«

»Kunde?«

»Natürlich. Keine Asche und nichts zwischen den Zähnen; die Bauernhennen geben nichts mehr.«

»Siehst aber nicht verhungert aus mit deiner Kohlrübe.«

»Meiner Seel, ich hab' keinen Fetzen Hanf in der Tasche. Da schau her!«

Er zeigt mir eine Handvoll aufgelesener Zigarrenstummel.

»Man wird satt von den Straßburgern. Werden gekaut. Es sind durchwegs bessere Sorten.«

In der Tat, ein origineller Bursche und geradezu herrlich unbekümmert; Gott, hat der Mensch zerlumpte Kleider an, ich bin ja geradezu nobel angezogen in meinem Schilfleinenen mit den 265 Geweihknöpfen. Es sind keine Stiefel mehr, die er trägt, es sind Stiefelfragmente und sie scheinen mir geradezu museumsreif.

»Sag' mal, Kamerad, hast du nichts zu kauen?«

»Kannst ein Stück Hanf haben und einen Schluck Most.«

»Vergelt dir's Gott! Mir hängt der Magen in die Kniekehle!«

Wir hocken jetzt zusammen am Tisch und kauen; schauen uns dabei an und der Tippler ist vergnügt, als ob er die Taschen voll Asche hätte. Ein behagliches Schmunzeln läuft über sein Mondgesicht.

»Wie heißt du denn eigentlich?« frage ich und wir schauen uns kauend an.

»Fabian Flox!«

Mir gibt es einen Schlag, daß ich fast vom Stuhl fliege.

»Wie heißt du? Ich habe dich nicht recht verstanden.«

»Fabian Flox!«

»Religion?«

»Elementenfärber!«

Da habe ich es jetzt, schöner kann's nicht kommen. Großartige Mystifikation. Ich sitze mir selbst gegenüber. Ganz plötzlich habe ich mich verdoppelt und sitze zweimal am Tisch. Und dabei soll man an kein Wunder glauben. Ganz langsam erhole ich mich von meinem Schreck, das Abenteuer feuert mich mächtig an; ich gieße Most in die alten Gläser und werde recht aufgekratzt.

»Prost!« sage ich und stoße gewissermaßen mit mir selbst an.

»Prost!« antwortet wie ein Echo die andere Hälfte, es ist eine Situation zum Totlachen.

»Hör' mich mal an, was ich dir sage: du heißt also wirklich Fabian Flox und bist Elementenfärber?«

»Das schwöre ich dir beim dicksten Schwartenmagen!«

»Kannst du's beweisen?«

»Beweisen? Wieso beweisen? Ich muß doch wissen, wer ich bin?«

»Man soll's meinen. Mußt es aber beweisen können.«

Jetzt erschrickt er ein wenig, denkt über etwas nach und muß nun wieder lachen.

266 »Ach so! Ja, das hat wirklich, hol's der Teufel, einen gewissen Haken.«

»Aha!«

»Wieso denn aha? Fabian Flox bin ich, da beißt die Maus keinen Faden ab. Seit meiner Geburt heiße ich nicht anders.«

»Dann zeig' mir mal gefälligst deine Fleppe!«

Da sitzt mein zweites Ich jetzt aber böse in der Klemme. Woher soll er die Fleppe haben; die habe ja ich; hier, in meiner Rocktasche ist sie drinnen, also kann der andere sie doch nicht vorzeigen.

»Die Fleppe ist mir gestohlen worden. Eine Gaunerei.«

»Aha!«

»Schon wieder dein Aha! Du glaubst mir am Ende nicht?«

»Mensch, du willst hier eine schwere Falle reißen.«

»Ich reiße keine Falle! Was ich sage, stimmt! Man hat sie mir gestohlen. Irgendein kannibalischer Schurke und madiger Bruder läuft jetzt mit meiner Fleppe herum.«

»So! Das muß ein verfluchter Taschenkrebs sein!«

»Stimmt! Und wenn ich ihn mal zwischen Tag und Dunkel treffe, dann soll er eine Einreibung haben. Betrachte dir mal meine Flossen.«

Er zeigt mir seine Hände; nun, wo der hingreift wächst kein Gras mehr.

»Ich werde ihm mit Liebe eins vor den Kragenknopf geben, daß ihm die Glanzwäsche wackelt.«

»Ich traue dir nicht, du machst mir da Mengenke vor. Man sollte dir auf den Milchzahn fühlen.«

»Was meinst du denn damit?«

»Daß du an der falschen Adresse bist. Hier sitzt dir einer gegenüber, der dich entlarven könnte.«

»Mich? Wieso denn entlarven? Was willst du denn entlarven?«

Er rutscht auf der Bank hin und her und kratzt sich auf dem Kopf. Ich gieße neuen Most ein, durchbohre mein zweites Ich mit meinen Blicken und fahre lüstern und boshaft fort: »Wie ist dir zumute, wenn ich dir hiermit erkläre, daß ich einen Mann namens 267 Fabian Flox, seiner Religion nach Elementenfärber, persönlich kenne?«

»Du?! Ausgeschlossen! Ich habe dich im Leben noch nicht gesehen.«

Ich glaube es, daß er mich noch nicht gesehen hat. Eins ist sonnenklar: Kilian Baudendistel hat mich anständig angelogen. Es steht fest, daß sein Fabian Flox, von dem er mir erzählte, kein alter Mann war und auch nicht gestorben ist; er hat auch nicht vor seiner Leiche gestanden, wie er mir beteuerte. Keineswegs, die Fleppe hatte er irgendwie abgehängt und es ist durchaus glaubhaft, daß Fabian Flox hier vor mir sitzt. Ich werde mich aber hüten, das zu enthüllen, ich käme ja in des Teufels Küche beim Herrn Baron.

»Jawohl, mein Lieber,« fahre ich unbeirrt fort und bringe ihn weiter in die fatalste Zwickmühle, »Herr Fabian Flox ist mir wohl bekannt. Er steht mir sogar sehr nahe.«

»Was du nicht sagst.«

»Ich kann dir mitteilen, daß er ein alter Mann ist von mindestens siebzig Jahren.«

Mein zweites Ich macht köstliche Bullaugen und bläst lustig die dicken Pausbacken auf.

»Wie alt, sagst du?«

»Mindestens siebzig Jahre.«

»Was du nicht alles weißt.«

»Und außerdem ist er tot!«

»Was ist er?«

»Tot!!«

»Tot ist er?«

»Leider ja. Ich habe vor seiner eignen Leiche gestanden.« Jetzt fährt er von der Bank hoch, die Augen werden kugelig und die Deckel wölben sich faltig in die Stirn hinein. Auch ich erhebe mich; über den Tisch hinweg kommen wir mit aufgestützten Armen einander immer näher.

»Du hast vor seiner eignen Leiche gestanden?!«

268 »Ganz richtig. Vor seiner Leiche! Mit dem Wichskasten auf dem Kopf.«

Er versucht, zu schmunzeln, stippt den Zeigefinger auf die Stirn und kommt noch näher über den Tisch.

»Sag' mal, du Fußlappenindianer, was für'n Mistkäfer krabbelt denn dir in der Kohlrübe herum?«

»Ein Mensch muß beweisen können, wer er ist; und das kann er nur durch seine Fleppe. Nur wer eine Fleppe hat, lebt.«

»Dann zeige mir mal deine!«

Da hab' ich es jetzt; er dreht den Spieß um. Ich muß die Komödie abbrechen, sonst nagelt er nun mich fest, er ist ein gerissener Kerl.

»Einerlei!« sage ich, »reden wir von andern Dingen. Und außerdem wird es Nacht und ich habe Schlaf.«

»Kannst mich doch hier pennen lassen.«

»Na, meinetwegen; mußt dich nur morgen rechtzeitig auf die Socken machen.«

»Bist ein anständiger Kerl, wenn du mich auch für tot hältst. Laß mich mal paar Züge aus deinem Nasenwärmer tun.«

»Da, rauche sie leer, aber mit Verstand, sie hat einen Wassersack«.

Wir trinken noch den Most, essen Brot und Speck und dann legen wir uns nebenan in den kleinen Gesinderaum auf die Matratzen. Lohengrin schläft in der Stube draußen.

Da liege ich jetzt und neben mir liege ich noch einmal, hat man so etwas schon erlebt!

In der Dunkelheit richten wir uns noch einmal auf und schauen uns grinsend an, als ob wir um unsere geisterhafte Gemeinsamkeit wüßten.

»Wie heißt du? Sag's noch einmal! Ich hör's so gerne.«

»Fabian Flox. Elementenfärber. Und du?«

»Fabian Flox. Elementenfärber.«

»Du träumst ja, oder ich will barfuß in die Hölle fahren.«

»Ja, ich träume.«

269 »Du kannst keinen Most vertragen. Hau dich hin und penne!«

Das tue ich und habe eine Flut von wilden Träumen. –

Im Morgengrauen werde ich wach. Der Platz an meiner Seite ist leer. Teufel, der Himmelsfechter ist ausgerückt. Das kleine Fenster ist offen. Durch das Fenster ist er auf und davon. Das ist nun der Dank. Hat er am Ende doch Hitze gehabt. Warum ist er denn heimlich durch die Lappen, er hätte es doch weiß Gott nicht nötig gehabt? Ich bin allein, mein zweites Ich, mein Schatten, ist verduftet.

Ich springe von der Matratze auf und schaue mich im Raum um.

Was ist denn los, meine Kleider sind ja in Unordnung!

Hohoo, die Tasche im Rock ist aufgeknöpft! Nichts Gutes ahnend, durchsuche ich die Klamotten.

Meine Papiere sind fort!

Großartig: er hat sich seine eigene Fleppe zurückgestohlen! 270

 

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