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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die weiße Taube

Da komme ich also mit Hurrle auf den Jahrmarktsplatz und mit einem Schlage wird das ganze göttliche Komödiantenleben der Fahrenden wach. Bude reiht sich an Bude, das Karussell dreht sich im Glitzerspiel, Schiffschaukeln schwingen und Orgeln jammern ihre Gassenhauer hinaus. Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm, und zwischen dem kunterbunten Allotria der Volksbelustigungen quetscht sich die Menge hindurch, dudelnd und pfeifend, knarrend und quarrend, mit Luftballons und schreienden Gummiteufeln bewaffnet. Es wird schon Nacht und die bunten Lichter flammen auf. Geruch von Azetylen macht sich süßlich breit und Ketten von Lampions schaukeln über dem tobenden Brei des Vergnügens und der Lustbarkeit. Man glaubt nicht, wieviel Attraktionen und Sensationen hier zusammenströmen. Es tobt und quietscht hinter Bretterwand und Leinenzelt. Menschenaffen und Krokodilseier, Sternenwunder und Damen ohne Unterleib. Der wahre Jakob, umringt von Gaffern, verschleudert Hosenträger, die besten Hosenträger auf Gottes Erdboden.

»Hinter der Bratwurstbude, Hurrle. Ich werde ganz nervös, wenn ich daran denke.«

»An was denn?«

»Daß wir Brigitte nun mit auf das Gut nehmen wollen. Der Herr Baron ist wirklich ein guter Mensch, und Brigitte soll nun eine neue Heimat haben. Er will sie heute schon mitnehmen. Ob Brigitte wohl mit uns kommt? Und was Herr Schluckebier dazu sagt!«

»Er ist froh, wenn er den Rohrspatz los ist.«

»Das glaube ich nicht.«

Du meine Güte, ist das ein kochender Trubel. Tranduftende Polarmeerwunder und Wahrsagerinnen, athletische Kraftnaturen und Marionettenspiel. Alpenkräutermagenbrot.

252 Seht nur hin, wie sich die Menschen stauen! Ein zweistöckiges Karussell; drinnen steht ein Mann mit furchtbaren Muskeln und schwingt das Orgelrad.

Ein Stimmensturm und Lärmgewitter; beim Teufelsrad, bei der Hexenschaukel.

»Das Tollste habe ich in Shanghai gesehen auf dem Trödelmarkt. Dort war ein anatomisches Wunder gegen Eintritt zu bestaunen. Er enthüllte seine ganzen Eingeweide und inneren Organe und man konnte sehen, wie es im Innern eines Menschen zugeht, Lunge und Herz und Leber und – –«

»Wie soll er denn das gemacht haben, schwätze doch keinen Mist!«

»Er hatte einen Reißverschluß am Bauch.«

»Du solltest einen am Maul haben!«

Was ist denn da los? Volk staut sich, Lachen und Bravoklatschen, frenetischer Beifall.

Aha, der Lukas, der Kraftmesser, der Athletenbaum. Drei Schlag zehn Pfennig.

Wer schwingt denn gewaltig den Hammer? Ganz einfach: der Herr Baron!

Das ist ein Allotria. Bei jedem Hieb saust ein Eisenmännchen hoch und wer gewaltig stark ist, bei dem springt das Männchen bis ganz hinauf und schlägt dort gegen eine Glocke.

Ein junger Bursche will den starken Jonathan heraushängen und haut den Lukas, bis ihm der Halskragen platzt. Er zieht jetzt auch noch den Rock aus, spuckt in die Hände, aber es gelingt ihm nicht, bis zur Glocke zu kommen, Sakrament, Sakrament!

»Hugo, paß auf, der Herr Baron!«

Wir quetschen uns durch die Menge. Bettina ist auch da und hat nur immer zu lachen. Der Baron zieht nicht den Rock aus; nein, er packt den Hammer, und er packt ihn mit einer Hand; er hat es nicht nötig, zwei Arme zu verwenden; bewahre, mit einer Hand ergreift er das wuchtige Werkzeug, als ob es ein Bleistift wäre, schwingt den Arm, vollführt den sogenannten Rundschlag 253 – fachtechnisch ausgedrückt – und krach! fliegt das Eisenmännchen an die Glocke hinauf. Beifall und Johlen.

Vollführt er den Rundschlag etwa nur ein einziges Mal und hört auf? Weit gefehlt, zweimal, dreimal, fünfmal haut er hintereinander, krach und krach und immer wieder krach! Und die Glocke kommt gar nicht mehr zum Schweigen, ich erlebe, daß er noch den ganzen Athletenbaum zuschanden schlägt. Das gibt Getöse und Applaus. Sowas von Rundschlag!

Jetzt sieht er uns. Ho ho hei ha ha! Falten in der Nase. Ein Blick aus Bettinas Rätselaugen.

»Habt ihr das Mädel gefunden?«

»Wir sind auf dem Wege, Herr Baron.«

»Vorwärts, in einer halben Stunde in der Wurstbude zum Rapport!«

Hinein in den Schlund. Weiter in das Dudeln und Orgeln.

Da ist auch ein kleiner Bettelzirkus. Eine Cowboy-Kapelle hockt am Eingang und donnert einen Marsch. Sensation: die Todeskurve.

»Höllengestank, ein Zirkus; da müssen wir rein.« Hugo drängt hinüber und seine Augen glänzen. »Lies nur: die Todeskurve!«

»Zuerst zum Schluckebier! Herr Schutzmann, wo ist denn die Bratwurstbude?«

»Nächste Budengasse links.«

Immer weiter. Türkischer Honig. Okassa Sakka, frisches Eis.

Ach, da steht jetzt halb im Dämmerlicht der Porzellanwagen. Schluckebier hat für diesen Tag den Verkauf eingestellt und ist damit beschäftigt, die Waren im Wagen zu verstauen.

»Xaver, da bist du, alte Topfnudel.«

Hurrle eilt auf ihn zu und klatscht ihn auf den nassen Buckel. Die alten Hosenträger sind mit Bindfaden geflickt.

»Hättest heute Mittag kommen sollen. Ein miserables Geschäft, ich glaube, die Menschheit ißt bald vom Papier und sabbert aus Konservenbüchsen.«

»Wo ist denn Ihre Tochter Brigitte?« frage ich ein wenig ängstlich. Er glotzt mich böse an und gerät in Wut.

254 »Auf und davon, das Rabenaas. Der Teufelsbraten! Weiß der Geschwänzte, wo sie ist.«

»Davon?! Brigitte ist fort?«

»Hab' sie den ganzen Tag noch nicht gesehen. Ausgerückt. Verpufft, verdunstet. Meinetwegen, ich schicke ihr keinen Salonwagen nach.«

»Wo mag sie denn sein, Herr Schluckebier?«

»Bin ich ein Wahrsager? Kann ich durch die Wände gucken?«

»Ja, wir – – wollten doch etwas – – der Herr Baron, wie soll ich es Ihnen denn erklären?«

Ich weiß wirklich nicht, wie ich es dem Porzellanmann auseinander setzen soll. Er wird mich am Ende gar nicht begreifen.

»Der Herr Baron könnte auf seinem Gut notwendig jemand brauchen; ein weibliches Wesen, um es kurz zu sagen; für den Haushalt und sonstwie; prima Stellung wäre es und nicht etwa ein Dienstmädchen; nein, bewahre, mehr eine gute und bessere Hausangestellte. Verstehen Sie mich? Mit Familienanschluß.«

»Hää! Bessere Hausangestellte? Brigitte? Braut ihr einen Schwefeldampf oder meint ihr es ernst?«

»Durchaus ernst, vollkommene Wahrheit, Herr Schluckebier.«

Schluckebier, Tropfen auf der Stirn und rot angelaufen, drückt beide Fäuste in die Hüften und kommt aus dem Staunen nicht heraus.

»Hugo, stimmt das?«

»Aufs Haar!«

»Das wäre ja großartig! Da möcht mir ja ein Stein vom Herzen fallen, wenn ich das Rabenaas irgendwo unterbringen könnte, wo es ihr gut geht. Von der Straße fort, verstehst du, das Mädel muß von der Straße fort. Sie verkommt mir ja sonst.«

Er wird gerührt und weich und die geränderten Augen feuchten sich an. »Man hängt an dem Mädel, wenn sie auch ein Lumpenstück ist. Das wäre wirklich großartig vom gnädigen Herrn Baron. Seiner Lebtag soll er einen anständigen Rabatt kriegen.«

255 Er wischt sich über Augen und Nase und stellt die letzten Sauermilchtöpfe in den Wagen.

Dann wird er schon wieder wild und die Adern an der Stirn schwellen ihm an.

»Einfach davongelaufen, sage ich euch. Ausgeflogen. Sucht sie mal, wenn ihr sie findet, das Bündel Leichtsinn. Schon zweimal ist sie mir durch die Lappen. Hat's von ihrer Mutter, Gott hab' sie selig.«

Er verschnürt das Plantuch und brummt vor sich hin.

Hurrle und ich machen uns auf, um Brigitte zu suchen. Ich halte Umschau nach einem Mann mit der Lokomotivstärke. Vielleicht ist sie bei den Seiltänzern, sind denn überhaupt Himmelreichmänner da? Nein, es sind keine da, also weiter in den Trubel hinein, das Volk ist ja rein von den Ketten los.

»Jetzt gehen wir mal aufs Geratewohl in den Zirkus,« schlägt Hurrle vor, denn es drängt ihn zum Manegenvolk, er hat keine Ruhe mehr.

Meinetwegen in den Zirkus, Gallerie-Stehplatz für vierzig Pfennig. Die Vorstellung hat schon begonnen. Eine Kunstreiterin vollführt gerade ihre Sprünge, steht auf einem klobigen Apfelschimmel, der in faulem Galopp die Manege rundet. Sie springt durch Reifen, die mit Seidenpapier bespannt sind, es ist wirklich großartig. Zwischendurch macht ein dummer August seine Späße, man muß sich den Bauch halten vor Lachen.

Es kommt dann ein Mann, der Petroleum trinkt und es im Mund anzündet, so daß eine gewaltige Feuergarbe aus seinem Rachen schießt. Bohrt sich auch eine Stricknadel durch die Backen und blutet nicht, ein reines Wunder. Dann näht er sich den Mund zu, man begreift nicht. warum. Er ist also ebenfalls ein anatomisches Wunder, wie Hurrles Attraktion aus Shanghai.

Anschließend kommt für mich eine Sonderüberraschung, paßt nur mal auf.

In die kleine Manege wankt ein übertrieben langer und dürrer Mensch herein. Kein Mensch ist es, vielmehr eine Stange. 256 Lächerlich weite Kleider hängen an der Stange. Auf der Stange sitzt ein Köpfchen und am Köpfchen ist ein Bärtchen. Die Stange führt am Strick einen struppigen Hund.

Tobendes Gelächter.

Das ist ja Kilian Baudendistel, der Mann mit dem Hufeisenmagneten. Kommt denn alles humorvolle Gelichter der Welt auf dem Jahrmarkt zusammen?

Wahrhaftig, die Zykade, das Blatt im Winde. Was will er denn hier in der Zirkusmanege? Welche Nummer hat er auf der Walze?

Der sprechende Hund, da habt ihr es!

Ruhe! Gebt doch Ruhe zum Donnerwetter.

Also der struppige Hund kann sprechen.

Baudendistel setzt sich auf einen Stuhl mitten in die Manege, wendet sich um und ruft: »Herr Stallmeister, bitte ein Glas Bier!«

Der Hund wendet sich auch um und ruft: »Und mir einen Knochen!«

»Was willst du?« fragt Baudendistel.

»Einen Knochen!« antwortet der Hund.

Man kann sich denken, wie die Zuschauer losbrüllen.

Ruhe, Blitzhagelschlag, man versteht ja nichts.

»Du willst also einen Knochen? Hast du auch Geld?«

»Nein. Er soll ihn ankreiden,« meint wiederum der Hund.

»Du hast ja nette Gewohnheiten.«

»Von dir gelernt.«

So redet der Hund daher und bei jedem Satz bricht das Publikum in ein wahres Gebrüll aus.

Oh, der durchtriebene Zinkenpflanzer, der gerissene Bauchredner, da hat er wieder mal Unterschlupf gefunden.

»Hurrle, weißt du, wer das ist? Kein anderer, als mein Bauchredner Baudendistel, mein Zauberer mit der Wiedergeburt.«

»Ein unglaublich langes Monstrum. Wenn der Montags nasse Füße hat, kriegt er Freitags erst den Schnupfen. Übrigens sitzt dort der Herr Baron und die Donna ist auch dabei.«

257 Wo denn? Richtig, dort in der Loge sitzen sie; ganz vorn und vornehm, auf Stühlen mit rotem Plüschbezug.

Endlich kommt die Todeskurve, die Hauptattraktion des Abends. Der Direktor im schäbigen Frack, eine Elefantenpeitsche in der Hand, kündigt die Nummer noch besonders an. Die Diener bauen schon das waghalsige Gerüst auf, eine Welle von Unruhe und nervöser Spannung läuft über die Zuschauermenge. Man kann es begreifen; da setzt sich ein verwegener Mensch aufs Motorrad, fährt eine Laufbahn in rasendem Tempo herunter, überschlägt sich in der Luft und fährt auf einer zweiten, federnden Laufbahn weiter.

Heute will er die halsbrecherische Nummer gar noch mit einem Sozius zusammen ausführen, das kündigt der Direktor mit der Elefantenpeitsche an. Ich muß sagen, der Mensch kann mir leid tun; muß hier vor Gaffern sein Leben aufs Spiel setzen, nur um Brot zu haben, um essen und leben zu können.

Die Cowboy-Kapelle schmettert einen dröhnenden Tusch, das Volk klatscht in die Hände. Da steht er ja schon oben auf dem Startgerüst, in halber Höhe des Zirkuszeltes.

Und jetzt kommt der Sozius.

Sehe ich recht, das ist ja gar kein Mann; nein, ein Mädchen ist es. Trägt ein verwaschenes grünes Trikot mit einem flitterbesetzten Hüftgürtel. Brigitte!

Ich weiß nicht mehr, was in diesem Augenblick in mir vorgeht. Jede Rückerinnerung ist ausgeschlossen, ich weiß nur, daß ich das Gefühl einer quälenden und lähmenden Leere habe.

»Hurrle, das ist Brigitte! Im alten Trikot ihrer Mutter!« Ich höre nicht, was Hurrle antwortet, wie sollte ich es hören, ein Nebel geht über mich hinweg, ich will etwas hinausrufen in die Manege hinein, aber meine Kehle ist abgeschnürt. Ich ringe nach Luft; Hurrle, merkst du nicht, wie mir schwindelig wird, kannst du nichts unternehmen in diesem schrecklichen Augenblick?

Ein Motorrad höre ich knattern; Lichter, Menschen, Zelt und Manege, Scheinwerfer und tobende Cowboy-Kapelle, alles 258 verschwimmt, löst sich in rasende Striche auf, die vor meinen Augen vorübergeistern.

Ungeheuerliche Stille. Grauenhaft ist die Stille.

»Brigitte!!« Mein Ruf stößt wie ein Geschoß in dieses entsetzliche Schweigen hinein.

Schattenhaft sehe ich die Beiden auf dem Rad in die Todeskurve fahren. – –

Was ist denn nur geschehen, kann ich es nicht zusammenfinden in meinen Gedanken? Blitzhaft taucht in mir jenes Traumbild auf, als der riesenhafte Tod in den reifen Feldern stand, und sein gelber Mantel war um Brigitte geschlungen.

Schreie, Rufe, Tumult. Eine Panik. Frauen werden ohnmächtig.

Was hat sich denn ereignet?

Ich stoße durch die wogende Menge vor, über ihre Köpfe hinweg, nichts kann mich halten; ich pflüge mich durch einen Brei aufgeregter Zuschauer; wie ein Bär, ausbrechend aus einem Zwinger, spalte ich das schwarze Gewimmel und taumle in die Manege.

Ein Unglück! Gestürzt! Wieviel Sekunden sind verstrichen, wieviel Stunden, wer weiß es?

Da liegt Brigitte. Ratloses Volk, im Entsetzen erstarrt, umlagert die Unglücksstätte.

»Platz da! Platz machen! Alles hinaus! Zurück, zum Donnerwetter, zurück!«

Da liegt Brigitte! Ich beuge mich zu ihr und nehme sie in die Arme. O Gott, sie ist übel zugerichtet. Blut sickert aus dem halb offenen Mund, der Atem röchelt, sie hat die Augen geschlossen. Das zuckende Gesicht ist blutlos bis in die Augenhöhlen hinein.

»Einen Arzt!« ruft es irgendwo, »sofort einen Arzt!«

Da liegt ihr Kopf in meinen Armen.

»Brigitte,« sage ich und kann nichts tun vor Schmerz und Weh. Ich streiche über das schwarze Haar; meine Hand wird rot, denn das Haar ist klebrig getränkt von Blut.

»Brigitte!« Ich schaue mich im Kreise um, als müsse aus dieser 259 gestauten Schwärze eine Rettung kommen; ein Gewimmel menschlicher Gesichter sehe ich, mit grauenhaft geöffneten Augen; alle Gesichter sind starre Masken. Überall, wohin ich schaue, überall Masken, vernebelt und verschwommen und wie auf eine Leinwand geworfen.

Der Herr Baron. Und Fräulein Bettina. Ich merke jetzt erst, daß sie hart neben mir stehen und keine Worte finden.

Seht her, da liegt Brigitte und sie ist bleich wie der frühe Morgenhimmel. Ihr solltet gehen und sie allein lassen; ach, es sind allzuviele Gaffer da.

»Geht!« sage ich, »geht hinweg! Kommt denn kein Arzt?«

»Wir müssen sie hinaustragen!« ruft jemand.

»Nein, liegen lassen. Warten, bis der Arzt kommt und die Polizei.«

Sie bewegt die Lippen. Jetzt schlägt sie die Augen auf. Eine andere Welt ist in diesen Augen müde glanzvoll versammelt.

Ganz groß schaut mich Brigitte an.

»Du bist es, Stephan!«

Tiefes Staunen in ihrem Blick; die Augen wandern umher, sie tasten die starre Umgebung ab. Sie sehen auch den Herrn Baron und sehen Bettina, aber es ist kein Begreifen in diesem Schauen.

»Stephan.«

»Ja, Brigitte.«

»Hab dich schon wieder – – ganz vergessen gehabt. Mußt nicht meinen, daß ich mir was draus mache, weil – – du – – mit der – – andern – – nein, ich mache mir nichts draus.«

Sie sinkt ganz in sich zusammen und birgt sich frierend in meinen Armen. Da sehe ich, daß sie ein kleines, armseliges Kettchen um den Hals trägt. An dem Kettchen baumelt ein Münze. Mein Silberling ist es, den ich ihr geschenkt habe. Ein Zeichen habe ich mir damals hineingemacht. Wirklich, es ist mein Silberling.

Der Baron faßt nach ihrer Hand. Bettina kauert sich nieder und bringt kein Wort über die Lippen. Ganz starr vor Schmerz ist ihr Gesicht und ich erkenne sie fast nicht wieder. Mit der Hand greift 260 sie verloren nach dem Kettchen und nach dem glitzernden Silberling.

Der Arzt. Er richtet ihren Kopf hoch und fühlt den Pulsschlag.

Ich wage nicht, ihn anzuschauen.

Warum unternimmt er denn nichts? Warum erhebt er sich denn schon wieder und bleibt untätig stehen?

Der Direktor vom Zirkus fragt ihn etwas. Er schüttelt den Kopf. Warum schüttelt er den – –?!

Brigitte regt sich; das Gesicht fällt zusammen wie eine erfrorene Blüte. Sie öffnet die Augen, aber jetzt ist kein Glanz mehr in diesen Augen.

Ich bin nahe bei ihr und schaue in diese erlöschenden Fackeln wie in trübes Glas.

»Brigitte.«

Sie bewegt die Lippen und ihr Mienenspiel steigert sich zu einem wundersamen Staunen. Seht nur, eine weiße Taube.

»Himmelreichmänner – –« sagt sie glücklich, »lauter Himmelreichmänner.«

Dann ist sie ganz still und mir ist, als würde ein Schattenvogel, dunkel beschwingt, davonfliegen.

Ich weiß genau, jetzt ist sie tot. Nicht nötig, daß der Arzt es mit einem Achselzucken verkündet.

Eine Spannung löst sich. Fremde, unbeteiligte Menschen weinen. Erschütterung hat alle gepackt.

Wohin denn mit ihr? Stimmen werden laut. Man kann sie doch nicht hier liegen lassen.

Keine Bange, ich habe sie schon in die Arme genommen.

»Wohin denn?« fragt jemand.

»Ich will sie nach Hause tragen,« sage ich und bahne mir auch schon einen Weg durch die Menschenmauer.

Eine Gasse bildet sich. Ich gehe mitten hindurch mit meiner traurigen Last. In meinem Gefolge sind Hurrle und Bettina und der Herr Baron. Hinter uns schließt sich der Schwarm.

Aus dem Zelt hinaus komme ich ins Freie und der Jahrmarkt 261 schlägt mir mit wildem Leben entgegen. Orgeln und Pfeifen rumoren, Lichterketten blitzen auf, die rebellische Nacht hat sich über die Festwiese geworfen. Ich gehe durch den Trubel hindurch mit meiner weißen Taube, immer mehr Volk strömt zusammen und drängt hinter mir her wie ausgebrochenes Wasser. So trage ich Brigitte nach Hause.

Tausendfältiger glänzt das Flitterwerk der Schaubuden, eine Flut von Lichtreflexen taumelt aus dem Drehwirbel der Karussells und Luftschaukeln und irgendwo blähen sich die Dunstfahnen qualmender Fackeln. Erst draußen hinter den Zelten wird es stiller.

Ich sehe den Porzellanwagen im Schatten stehen und eine Weile halte ich erschüttert inne. Fast will ich umsinken mit meiner schwersten Bürde.

Ich reiße mich zusammen, tiefste Kräfte sammle ich und stehe hochgereckt da, das tote Kind der Landstraße in den Armen, während hinter mir die Menge sich murmelnd staut.

Warum nicht weiter, welche Schranke versperrt meinen düsteren Weg? Ach, nur ein Lied.

Ein Mensch, ganz im Schattenmantel der Nacht, spielt ein Lied. Xaver Schluckebier. Ich sehe ihn nicht, er muß im Wagen sitzen, zwischen seinen Tellern und Tassen, zwischen Schüsseln, Blumenvasen und anderem Steinguttrödel.

Er spielt auf der Klarinette.

La Paloma, die weiße Taube. 262

 

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