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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es stirbt ein Komödiant

Ich bin also wieder auf dem Gutshof, laufe aber mit einem furchtbar schlechten Gewissen zwischen den Kornhalmen herum.

Es ist auch, wenn ich darüber nachdenke, keine Art von mir: man kommt auf den Hof, findet Arbeit und Brot, wird anständig behandelt, zum Musikantenbuckel eingeladen, und scheut sich nicht, mit der blonden Tochter des Gutshofes sich herumzuküssen, dazu auch noch nachts und in einer abgelegenen, am Ende gar verrufenen Wäldergegend.

Sie war aber heute morgen in der Scheune und hat mich gesucht, hat mich unglaublich frech und herrlich angelacht und hat mit verschlagenem Spott und Nasenfalten zu mir gesagt: Guten Morgen, Jägersmann, wie laufen die Hasen? Dabei war ich gar kein Jägersmann, nein, ich hatte den Schilfleinenen wieder an – und den Strohhut auf dem Kopf.

Der Porzellanwagen ist fort, auch die wunderliche Brigitte ist fort. O Jammer, mein Teller ist zerbrochen, oben in meiner Kammer liegen die Scherben.

Hurrle erzählt mir, daß er Schluckebier versprochen habe, er wolle ihm nun aber bestimmt den Wagen grün streichen, in den nächsten Tagen schon, wenn in Wiesental der große Jahrmarkt stattfinde.

In Wiesental ist also wirklich Jahrmarkt und der Porzellanwagen ist auch dabei.

»Wir müssen alle hin,« sagt Hurrle, »ich will Schluckebier die alten Ladenhüter an den Mann bringen. Glaubst du, der ließe sich auf meinen neuen Nachtgeschirrvorschlag ein?«

»Du solltest ihn endlich mal in Frieden lassen mit deinem ewigen Nachttopf!«

»So! Da weht ja ein neuer Wind. Du wirst nicht leugnen 236 wollen, daß meine Idee mit dem Grammophon, so ein Volkslied spielt, durchaus neuartig ist und Geld abwerfen kann. Ich habe mich sogar bereit erklärt, mit Schluckebier zusammen eine größere Summe in diesen Artikel zu investieren.«

»Größere Summe? Investieren? Was willst denn du investieren? Deinen Tagelohn etwa?«

»Unsinn, Tagelohn! Kapital natürlich!«

»Kapital?! Wo hast denn du mit einemmal Kapital her?«

»Ich habe ja nicht nötig, dir eine Zwischenbilanz zu unterbreiten.«

»Nein, gewiß nicht. Ich habe nur nicht gewußt, daß du Kapitalist bist.«

»Du bist eben kein Geschäftsmann. Das erhellt schon aus deinem Kreidepünktchen.«

»Wieso?«

»Ich habe dir eine Summe geboten, aber du zögerst; du steigst nicht rechtzeitig aus; du versäumst die Gelegenheit. Ein Narr bin ich, wenn ich dir hiermit noch einmal, nur um deine ramponierten Finanzen aufzufrischen, drei Mark und meine amerikanische Indianerpfeife für den Trick biete. Die Pfeife ist mit Wassersack.«

»Hurrle, ich verkaufe nicht.«

Warum nur setze ich ihm so hart zu? Oh, wie bereute ich es später, daß ich ihm die einfache Hexerei nicht verriet. Wie leid sollte es mir tun, daß ich ihn so schmerzlich kränkte und all seine hochherzigen Angebote in den Wind schlug!

Als ich von ihm fortgehe, steigt es fast wie eine Ahnung in mir auf, als ob etwas Besonderes sich ereignen müsse; es gibt nun einmal Dinge, die in der Luft liegen. Irgend etwas schattenhaft Dunkles ahne ich und fast bin ich versucht, noch einmal umzukehren und zum Kollegen Hurrle zu sagen: her mit Geld und Pfeife, hier hast du das Kreidepünktchen! Zu spät. Ich muß nachmittags mit einem Wagen über Land, um Kleie bei einem Klapperschütz (Müller) zu holen.

Wie kommt es, daß ich immer an Hugo Hurrle denken muß! 237 Unsere verzauberten Wanderwochen ziehen mit magischer Eile an mir vorüber, ich höre ihn schwindeln und kauderwelschen, seine ungeheuerlichen und haarsträubenden Einfälle werden mir seltsam lebendig und alles, was ich mit ihm erlebte, erscheint mir mit einer plastischen Eindringlichkeit. Zuletzt sehe ich ihn als Leichenhuhn über die Schmierenbretter torkeln und Gemüse sammeln. Schalk und Narr, Komödiant und Weltenwanderer.

Ich komme spät nach Hause, es wird schon dunkel, als ich den Karren auf den Gutshof schiebe.

Da stolpert mir der Dachkandel entgegen; hager wie ein Seil schwankt er auf mich zu und macht ein angstverzerrtes Gesicht. Mir ahnt nichts Gutes.

»Was ist denn los?«

»Etwas Furchtbares ist geschehen!«

Er stottert und bringt es nicht heraus, mit der Hand deutet er nach rückwärts.

»Was denn, so rede doch!«

»Hurrle – – Hurrle – –«

»Was, zum Teufel, ist mit Hurrle?«

»Gestürzt! Vom Dach gestürzt!«

»Gestürzt?!«

»Er wo – – wollte – – Ziegel befestigen und ist durch die obere Luke auf den Scheunenboden gestürzt.«

»Und jetzt, wo ist er? Sag' doch, wo ist er?«

»In seiner Kammer. Oh, es steht schlimm mit ihm. Sie holen den Arzt. Schlimm steht es.«

Ich höre nicht mehr auf ihn; gejagt von Schrecken, eile ich über die Treppe hinauf und sehe zwei Knechte vor Hurrle's Zimmertür stehen. Sie winken mir mit der Hand, ich möchte leise sein, und öffnen behutsam die Tür.

»Der macht's nicht mehr lange,« sagt einer der Knechte im Flüsterton.

Ich trete ein. Schon ist es dunkel im kleinen Raum. Eine Kerze brennt. Es riecht nach Karbol.

238 Da liegt Hurrle im Bett. Das trübe Licht der Kerze fällt über sein bleiches Gesicht. Er hat die Augen geschlossen und über seine Züge läuft ein schmerzliches Zucken. Der Kopf ist verbunden, ich sehe das Blut feucht durch die dicke Mullbinde sickern.

»Hurrle!« sage ich leise und bin tief erschüttert. »Hurrle, alter Kollege und Tippelbruder, was ist denn geschehen?«

Einen Stuhl rücke ich ans Bett und beuge mich zu ihm nieder. Er öffnet langsam die Augen, es sind müde, glanzlose Augen, blau und grau umrandet; oh, das ist ein anderer Hurrle, der hier liegt, ein trostloser Hurrle, aus dem das Leben fliehen will.

Ich fasse seine Hand, sie fühlt sich feucht und fettig an.

»Hugo Hurrle,« sage ich und die Tränen stürzen aus meinen Augen.

Er schaut mich glanzlos an, ein wenig wendet er den Kopf und versucht, mit Anstrengung zu sprechen.

»Mit mir ist es aus, Bierbrauer Fabian. Es geht zu Ende. Ich spiele meine große Rolle; der Tod ist mein Partner.«

»Hurrle, verzage nicht, du wirst gerettet.«

Ungläubig bewegt er den Kopf; sein Atem röchelt, er ringt nach Luft.

»Nein, nein. Es ist aus, glaube mir. Da ist man durch die ganze Welt gewandert, hinter Glück und Beutelratten her, über Meer und Gebirge, weiß der Teufel, welchem Phantom nach. Mit dem Abenteuer stand man auf du und du und war nicht selten in Lebensgefahr. Durch Busch und Steppe, durch Sturm und Fiebersümpfe, und dennoch immer heil davongekommen. Diese ganze komische Erdkugel hat man nur so quasi in der Westentasche getragen und jetzt – o erbärmliches Komödiantenschicksal! – jetzt fällt man zu Hause vom Dach und geht dahin.«

Die letzten Worte versinken halb im erschöpften Röcheln; ein feines Pfeifen kommt aus der Lunge.

Da sitze ich vor dem alten Freund und merke, wie sehr er mir ans Herz gewachsen ist. Nun die Gefahr vorhanden ist, daß er von mir geht, fühle ich erst, wie fest ich mit ihm verwachsen bin.

239 »Hurrle, tröste dich, es wird alles wieder gut.«

»Kein Trost, Lieber. Das fühlt man, glaube mir, das fühlt man deutlich.«

Er tastet nach meiner Hand und schließt eine Weile die Augen. Ich wende mich und sehe hinter mir im schattenhaften Raum das Gesinde stehen, eine schwarze, stumme Gemeinde, die keinen Laut von sich gibt.

»War eine schöne Wanderschaft, was, Fabian?« Er redet mit geschlossenen Augen und lächelt selig vor sich hin. »Haben manches Abenteuer erlebt, und einmal haben sie mir gar den Rosenkranz umgelegt und mich in der grünen Minna ins Gymnasium gebracht.«

»Ja, Hurrle, ja, damals im Gasthaus zur Lilie.«

»Wir haben aber immer treu zusammengestanden, gelt, Fabian?«

»Ja, Hurrle; ja.«

»Und dann – – mir brennt es die Kehle aus; gib mir einen Schluck Wasser!«

Mit Anstrengung hebe ich ihn hoch und flöße ihm Wasser ein. Er sinkt zurück und muß husten. Dann liegt er still.

»Kommt der Arzt bald?« frage ich nach hinten.

»Ist unterwegs. Der Herr Baron holt ihn im Auto.«

Hurrle öffnet wieder die Augen; o Gott, diese Augen sind schon halb gebrochen; es ist kein klares Schauen mehr in diesen Augen.

»Komm heran, Junker Tobias. He hee, Frau Wirtin, ein Stübchen Wein! Du bist es, Stephan.«

»Du mußt still liegen, Hugo!«

»Warst immer nett, Stephan, hol's der Teufel. Jetzt geht es zu Ende mit mir. Nichts übers Theater, Stephan, nichts über einen guten Komödianten!«

»Hurrle, kann ich irgend etwas für dich tun? Hast du einen Wunsch, oder eine Bitte oder willst du – –«

»Ta ta ta, letzter Wunsch, he? Letzter Wunsch, 240 Henkersmahlzeit, wie? Ich bin doch kein Verurteilter, ich stehe doch nicht vor dem Beil. Letzte Bitte, wie? Da war doch mal ein Schwerverbrecher, dem hatte man auch kurz vorm Schafott noch einen Wunsch freigestellt, eine Henkersmahlzeit. Was verlangte er, der Galgenvogel? Frischen Spargel verlangte er, und man war mitten im Winter.«

Hört den unsterblichen Flausenmacher, da kann er es, den Tod vor Augen, nicht lassen, seine Späße zu machen.

»Weißt du,« fuhr er fort, »noch nicht lange her, da habe ich das Leichenhuhn gemacht, und jetzt – – o Gott, es ist so schwer, zu sterben, es gibt zu viel gute Rollen auf der Welt. Eines muß ich dir sagen, verliebter Grünling, schön war's nicht von dir, nein, es war wirklich nicht schön – –«

»Was denn, Hurrle, was?«

»Daß du mir den Trick mit dem Kreidepünktchen nicht gesagt hast.«

»Oh, Hugo, ich wollte doch – – ich wußte doch nicht – –«

»Ta ta ta! Jetzt ist es zu spät.«

Ich bin entsetzt und zerknirscht. Ich Elender, warum habe ich ihn so zappeln lassen! Warum wollte ich nur immer allein glänzen mit meinem Hexenstück!

»Hurrle, ich wollte gewiß nicht –«

»Ja, jetzt ist es zu spät. Jetzt könnte ich es nur noch mit in die ewigen Jagdgründe hinübernehmen und Petrus, den himmlischen Penneboos in Erstaunen setzen.«

Wieder Stille. Die Kerze flackert trüb, es liegt eine schwere und düstere Stimmung in der kleinen Kammer.

Hurrle hat wieder meine Hand gefaßt; das Gesicht ist wachsbleich und die Lippen werden schmal. Mit geschlossenen Augen spricht er mehr zu sich selbst.

»Wenn du es mir doch noch sagen wolltest, wer weiß, wie es drüben in der andern Welt aussieht, – am Ende könnte man es doch einmal gut gebrauchen.«

»Oh, Hurrle, ich will dir's gerne sagen.«

241 »Ja, ich danke dir, wenn du es mir sagst. Es ist wohl mein letzter Wunsch, den ich an dich habe.«

Mir brechen die Tränen aus den Augen, kaum kann ich sprechen vor Weh und Erschütterung.

»Hurrle!« flüstere ich nah an seinem Gesicht, »hör' zu!«

»Ich – – höre – – schon – –«

»Du mußt dir vorher unbemerkt – – hörst du mich?«

»Ich – – höre – –«

»– – vorher unbemerkt etwas Kreide auf den Nagel des linken Ringfingers bringen. Wenn du die flache Hand zeigst, kann man diese Kreide auf dem Fingernagel nicht sehen. Nun machst du, kurz bevor du die flache Hand unter den Tisch schiebst, eine Faust, dann preßt sich die Kreide des Nagels auf die innere Handfläche und bleibt dort haften. Hast du mich verstanden?«

Da stößt Hugo Hurrle Kissen und Bettdecke beiseite, reißt sich die blutige Binde vom Kopf, macht einen Satz aus dem Bett und steht in Unterhosen vor mir.

»Ausgezeichnet habe ich dich verstanden. Herzlichen Dank. Der Petrus wird sich freuen und sämtliche Hallelujahengel auch!«

Hinter mir ein brausendes Gelächter, daß alle Wände wackeln.

»Abgeschminkt!« ruft Hurrle, nimmt ein Tuch und reibt sich den Tod aus dem Gesicht.

Oh, der abgefeimte Schurke, der unselige Komödiant; da hat er mich jetzt also doch überlistet. Der Satan und Rollenjäger, der geschminkte Strauchritter, da hat er Tod und Sterben, Blut und Knochenbruch gespielt, nur um mir schnöde und diebeslüstern mein Geheimnis zu entlocken. Und das ganze mistduftende Stall- und Scheunengesindel hat Statistenrollen gespielt.

Das ist ein wilder Aufruhr in der Kammer.

Sie lachen und johlen und schreien, es herrscht eine unbändige Lust und Heiterkeit.

»Geh!« rufe ich und werde nun auch pathetisch, »geh aus meinen Augen und tauche in des Teufels Bohnensuppe! Und das sage ich 242 dir: ich will aller Welt das Kunststück mit dem Kreidepünktchen verkünden; jawohl, die ganze Menschheit soll es erfahren, damit nur du nicht mehr damit glänzen kannst. Die Zeitungen sollen es drucken in allen Sprachen, die Wellen des Rundfunks sollen es verbreiten und niemand soll sein auf dieser Welt, den du Seelendieb noch damit zum Staunen bringen kannst!«

Und während Hurrle sich noch den letzten Todeskampf von den Augendeckeln wischt, verlasse ich hoch erhobenen Hauptes das karbolstinkende Sterbezimmer des Komödianten. 243

 

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