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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwei in der Hexenküche

Ich wandere mit dem sinkenden Tag. Das letzte Licht taucht in die Wälder. Ach, ich habe Sehnsucht nach den Wäldern. Tief eindringen will ich in ihre dunkelste Verborgenheit, Stämme sollen um mich sein und über mir schimmernde Äste. Und wohin ich auch höre, überall klingt das Sausen und Brausen; die ewige Orgel spielt, die strömende Zeit musiziert auf ihre Weise im schwingenden Geäst der Buchen und Tannen.

Und einmal wieder im Walde schlafen, zwischen Moos und Farnkraut und trockenen Wäldergräsern; Duft des Harzes strömt aus Millionen Poren; Getier umgibt mich, staunendes Reh und schnürender Fuchs, Schattenflug der Eule, neugierig stelzendes Insektenvolk. Tief schlafen in der satten Umarmung dieser Holzriesen mit dem Rindenduft und dem sickernden Harz.

Es fängt wieder an zu regnen, aber was kümmert uns das; die Nässe stürzt auf uns nieder, wir fühlen es kaum. Das Tier Lohengrin, der ewige Hund, des Herrgotts liebste Kreatur, seht, wie dieser Quadrupede hier an meiner Seite schreitet, immer bereit, mir zu folgen, immer staunend ob der unbegreiflichen Ereignisse und dennoch immer zustimmend meinen Plänen, durch Hölle und Himmel und Nacht und Licht hindurch.

Des Herrgotts liebste Kreatur.

So wandern wir weiter, dem Walde entgegen, der Regen rauscht in den Bäumen, die an der Landstraße stehen. Manchmal spaltet ein ferner Blitz das aufbrechende Dunkel.

Es soll aber anders kommen, eine neue wundersame Stunde ist für mich bestimmt. Schon taucht es hinter uns auf, ein Lichtrachen, weit geöffnet, frißt die Schatten. Der Rachen wächst, unheimlich rasend kommt er näher, jagt um die Kurven der Straße und öffnet furchtbar grell die leuchtenden Kiefer.

225 Brooo! brüllt der Rachen, broooo!

Diesen Ton kenne ich, dieses Brüllen ist mir nicht fremd. Niemand anders als Fräulein Bettina jagt auf einer unbekannten Fährte.

Wir beide, Lohengrin und ich, wollen uns verbergen; hinter einen Vogelkirschenbaum wollen wir uns stellen und das blonde Wunder an uns vorüberrasen lassen, aber der Wagen, lichtgefräßig und im Rausch der Geschwindigkeit, kommt schon heran; pfützenspritzend, triefend von Nässe und mit nassem Lehm der Straße beschmutzt, geistert er an uns vorüber, die Bremsen pfeifen, Geruch von Öl und Benzin überfällt uns und im Glanz der Lichtkegel sieht man, wie der Regen die Luft liniiert.

Mir wird angst und bange, Fräulein Bettina steigt aus dem Wagen, kommt auf mich zu und alles an ihr ist stürmisch bewegt.

»Warum laufen Sie denn davon? Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie davonlaufen sollen?«

Nein, wie ihre Augen glänzen zwischen den Schatten der Nacht.

»Sie haben mich fortgeschickt. Kein Zweifel, Sie haben mich davongejagt.«

»Ich?!«

»Niemand anders.«

»Wann denn; wo denn? Sind Sie des Teufels? Wohin wollen Sie in der Nacht?«

»In die Wälder.«

»Was wollen Sie in den Wäldern?«

»Allein sein. Sonst nichts.«

»Narr! Narr!! Narr!!« Nach ihrer Art packt sie mich bei den Schultern und schüttelt mich. Furchtbar aufgebracht ist sie und ohne Beherrschung.

Eine Weile steht sie ganz steif da, den Kopf weit nach hinten gedrückt. Die Flügel des Stumpfnäschens beben. Sie sagt leise und mit zitternder Stimme: »Wer ist nun schuld, daß ich diesem Hexenmeister begegnet bin?«

»Der Hexenmeister steht irgendwo hinter den Kulissen.«

226 »Steigen Sie ein; sofort steigen Sie ein!«

»Ich möchte mit meinem Hund Lohengrin Ihnen nicht mehr zur Last fallen.«

»Einsteigen! Lohengrin, Köter, marsch in den Wagen.«

»Ich will weiter nichts, als meiner Wege gehen.«

»Es ist Nacht und Gewitter, und es regnet wie verrückt.«

»Das tut mir nicht weh. Ich bin Keiner, der sich wie ein Lump davonjagen läßt. Ich kann aus freiem Willen gehen. Und nun lassen Sie mich, ich will mich beeilen, daß ich in die Wälder komme.«

Da steht sie mitten im Regen und weiß keine Antwort; mit hängendem Kopf und baumelnden Armen steht sie da und findet keinen Ausweg mehr.

»Warum quälen Sie mich denn so?« sagt sie still und ihre Stimme ist ganz verändert.

Ich kann nun nicht mehr böse auf sie sein. All mein Widerstand ist elend gebrochen, weil sie das gesagt hat. Dieser kleine Satz macht mich schwach wie ein Kind. Ich will alles tun, was sie will, so gefangen bin ich in ihrer Nähe, so willenlos und ohne Widerstand, wenn sie zu mir spricht. Man muß alle Achtung vor mir verlieren, weil ich mich nicht mehr wehre.

Im Wagen sitze ich, an ihrer Seite, unter dem Allwetterverdeck. Los, wie aus einem Geschütz. Lichtspeiend abgefeuert. Wohin denn? Sie wendet nicht, nein sie fährt die Straße, die in den Wald hinaufführt. Mit vollem Gas geht sie in die Bergkurven.

»Wohin denn, Fräulein Bettina? Wohin fahren Sie?«

Sie gibt mir keine Antwort mehr. Die Mütze hat sie vom Kopf gerissen; der Duft ihres Haares verbreitet sich. Wildes, krauses Haar. Flechten und Strähnen mit Glanz und Felderfarbe. Teufelsbart an wildem Stamm. Schon stößt der Lichtrachen in den Wald. Baum und Strauchwerk enthüllen sich, blitzend glänzt die triefende Nässe.

Wir bleiben nicht auf der Landstraße; irgendwo biegt der Wagen schaukelnd in einen schmalen, ausgefahrenen Waldweg 227 ein. Die schweren Bäume rücken näher auf uns zu, wir streifen triefende Äste, Schmutzlachen spucken schäumend unter den Rädern hervor, es ist eine Fahrt mit allen Teufeln und Nachtgespenstern.

Tief im Herzen des Waldes stoppt die Hexe an meiner Seite ab, schaltet das Licht aus und springt in der rieselnden Dunkelheit aus dem Wagen. Der Hund ist schon draußen. Ich folge staunend nach und nun mein Nachtauge langsam sich einstellt, erkenne ich unter Tannen die Umrisse einer Blockhütte.

Fräulein Bettina rasselt mit einem Schlüsselbund, die Tür öffnet sich, eine Taschenlampe leuchtet auf und ich betrete langsam und mit einem verwunderten Zögern die Hütte.

Das Licht verlöscht, ich höre ihre tappenden Schritte, eine Tür wird geöffnet, und mit einem Male leuchtet mit freundlichem Schimmer eine gelbe Petroleumlampe auf.

Ich finde mich in einem geräumigen, ländlich eingerichteten Zimmer und vermag mich vorerst nur überrascht umzuschauen.

Eichentisch und Bänke; Bauerngardinen und holzgetäfelte Wand. Zwei eingebaute Schränke und ein grüner Kachelofen. Allerlei Geweihe ringsum an den Wänden, auch ein ausgestopfter Auerhahn und ein langgestreckter Iltis mit gefletschten Zähnen. Wundersame Umgebung. Verwunschene Behausung.

Lohengrin streicht mit forschender, windender Nase durch den abenteuerlichen Raum. Da ist auch eine uralte Truhe und am Kachelofen steht ein Schaukelsessel mit perlenbestickten Kissen.

»Unsere Jagdhütte!«

Aha, nun kommt es heraus, wir befinden uns in der Jagdhütte des Herrn Baron. Kein Zweifel, hier bin ich in einem Jagdzimmer, in einer Jägerklause, in einem verborgenen Weidmannsheim. Ein unverstandener Zauber hat mich hierhergeführt.

Was hängt hier an der Wand? Ein Bild hängt hier, ein großes Ölgemälde, darstellend eine feine Dame, jung und blond, gekleidet in ein Jagdkostüm aus grünem Samt, mit einem Stuartkragen, und mit Otternfell besetzt. Der Rock ist weit und fließende Falten strömen von den Hüften abwärts.

228 Eine wundersame Schönheit mit einem merkwürdig verborgenen Blick.

»Das ist meine Mutter,« sagt Bettina.

Bettinas Mutter. Einmal hat mir der Straßenwart von ihr erzählt. Da hängt sie nun und schaut mich aus unergründlichen Augen an. So also sah Bettinas Mutter aus.

Bettina hat sich in den Schaukelsessel gesetzt, und ich fühle, wie sie mich lauernd beobachtet.

»Jetzt sind Sie in den Wäldern, gefällt es Ihnen?«

»Ich bin noch viel zu sehr betroffen, – ich muß immer dieses Bild anschauen, und dann muß ich Sie selbst anschauen und dann – – dann will sich alles verwirren in mir. Ich passe nicht in diese blanke Stube; sehen Sie nur, wie naß ich bin und beschmutzt. Wasser läuft mir aus den Stiefeln. Dies Bild ist Ihre Mutter?«

»Ja, meine Mutter. Sehe ich ihr ähnlich?«

»Nein, nur die hellen Haare. Alles andere ist vom Vater.«

»Ich war noch jung, als sie verunglückte; es sind bald zwölf Jahre her. Sie ist vom Pferde zu Tod gestürzt; in diesem Kleid. Sie war gut.«

»Das glaube ich wohl.«

»Mein Vater ist auch gut, wenn er auch manchmal über die Stränge schlägt. Wer will das verstehen?«

»Ja, es sind überall Rätsel um uns. Wir sind Fremdlinge vor uns selber.«

Wir klettern über eine Treppe nach oben und auch hier brennt bald eine Lampe. Ein Schlafraum, klein und niedrig, mit Harzgeruch.

»Wir sind bissel sonderbare Menschen, mein lieber Fabian. Es wird gut sein, wenn du tust, was ich will.«

»Was soll ich denn tun?«

»Deine nassen Lumpen ausziehen. Ich will dich hier als Jägersmann sehen. Nicht nur dein Freund Hurrle kann Komödie spielen.«

229 Sie holt einen schönen Jagdanzug und braune Jagdstiefel aus einem Schrank und wirft das alles vor mich hin.

»Das hier sollst du anziehen.«

»Warum denn nur, Fräulein Bettina?«

»Ich möchte dich einmal in andern Kleidern sehen. Kleider verändern einen Menschen. Am Ende kommt dein wahres Gesicht zum Vorschein.«

Sie duzt mich wieder, und ist schon draußen; poltert die enge Stiege hinunter und ich höre sie unten rumoren und spektakeln. In der Tat, ich erlebe eines der seltsamsten Abenteuer; Hurrle wird nicht mit ähnlichen Erlebnissen aufwarten können, seien sie aus Kanada oder Brasilien, aus den russischen Steppen oder von den Südseeinseln. Auch zu Hause geht das Abenteuer um.

Ich kleide mich an und trete vor den kleinen Spiegel; ich bin wirklich ein Jäger, ein nächtlicher Bürschgänger auf absonderlicher Wildfährte. Verändert habe ich mich in wenigen Minuten, soll ich eine neue Rolle spielen? Ist dies meine Garderobe und muß ich auf mein Stichwort warten?

Eine Weile noch stehe ich wie auf Lauer, dann steige ich über die enge Treppe hinunter.

Ich öffne die Tür und trete ein.

Welche Gaukelei! Das Bild ist von der Wand gestiegen; die schöne rätselhafte Frau ist aus dem Gemälde herausgetreten und steht mitten im Zimmer.

Lächelt mich an und hat Falten in der Nase.

Unsinn, greulicher Unsinn; das Bild ist unverändert, aber eine Doppelgängerin ist liebreizend lebendig geworden.

Im Zimmer steht Fräulein Bettina, hoch und schlank gewachsen; sie trägt das grüne Jagdkleid mit dem Stuartkragen und dem Otternfell. Lichtspiegel glänzen im gelben Haar; die grünen Falten strömen wie ein Wasserfall zur Erde.

Du liebliches Wunder, du Zauberkind, du hellhaariges Rätsel!

»Oh, Fräulein Bettina!« rufe ich aus und bin ganz bedrückt von diesem Anblick, »wie schön sind Sie!«

230 Ich mache einige Schritte im Zimmer und sehe, daß die alte Truhe geöffnet ist. Süßlich modrigen Duft strömt das Truhenmaul aus.

»Das Kleid hat Vater hier aufbewahrt, er kann sich nicht von diesem Kleid trennen, Mutter hat es getragen, als sie stürzte.«

»Wie traurig, Fräulein Bettina.«

»Weißt du, manchmal gehe ich allein hier in die Hütte, und dann ziehe ich das Kleid an, ganz still für mich und niemand darf um mich sein. Dann bleibe ich hier und bin doch nicht allein. Aber du darfst es niemand sagen!«

Bin ich ganz von Hexenblendwerk eingehüllt? Habe ich nicht Ähnliches erlebt vor wenigen Stunden, zeigte mir nicht Brigitte ein Seiltänzertrikot? Manchmal ziehe ich es nachts an, erzählte sie mir, ja, manchmal ziehe ich es nachts an und betrachte mich im Spiegel; es ist von meiner Mutter. Aber du darfst es niemand sagen.

»Du bist so still, ich weiß, daß du mich nicht verstehst.«

»O doch, ich verstehe es. Ganz gewiß verstehe ich es.«

»Dann muß die Lampe brennen und ich trinke roten Wein.«

»Roter Wein ist schön.«

»Heute habe ich dich mitgenommen; denn es soll jemand bei mir sein, wenn ich dieses Kleid anhabe. Jemand, der mir hier drinnen im Herzen ganz nahe steht.«

Sie kommt zu mir und ihr Antlitz ist gewandelt, die Augen scheinen viel größer, und die Pupillen sind weit und wie große schwarze Räder.

»Weil du ein ganz anderer bist, als du scheinst; ein Doppelwesen. Kannst mich nicht irreführen; hinter dir verbirgt sich ein Zweiter, du läufst mit einem falschen Ich herum. Ich muß dich schon einmal gesehen haben. Einerlei, jetzt bist du mit mir in den Wäldern.«

»Ja, ganz tief in den Wäldern.«

»Und wir wollen auch roten Wein trinken.«

Kann man nüchternen Verstandes an solches Abenteuer glauben?

231 »Ganz fremd in diesem Kleid sind Sie, Bettina.«

Wir trinken wirklich roten Wein, mit den Gläsern stoßen wir an und es herrscht eine Stimmung wie in Gewölben.

Der Wein trinkt sich schön und man wird froh im Herzen, wenn man ihn genossen hat. Ich sitze auf einem derben Tannenholzstuhl am Bauerntisch; schaut mich nur einmal an, ich bin ein Jäger und mir gegenüber sitzt des Herrgotts schönste Jägerin. Braungrün ist meine Jacke und die Hose grau; ich rieche nach Wild, nach Pulver und Meute. Sie hält das Glas in die Höhe und beobachtet das Spiel der roten Reflexe; ich sehe ihr an, sie denkt über etwas nach; das Gesicht, rosig glühend vom Wein, wird ernst und nachdenklich. Und was sie jetzt sagt, das ist mehr an sie selbst gerichtet.

»Da habe ich also eine Art Schwester gefunden. Ja, eine Schwester, nicht anders. Brigitte. Ihr Vater ist mein Vater; Brigittens Vater ist Bettinas Vater. So ist es doch?«

»Ja, so ist es.«

Stille im Raum. Bettina spielt mit dem Glas; immer hält sie den roten Wein gegen das wispernde Licht. Und redet an den Wein hin, plaudert mit dem roten Lichterspiel.

»Und einer läuft in der Welt herum, der ist in diese Brigitte bis über die Ohren verliebt. Er kann nicht anders, er ist von ihr eingefangen wie ein Vogel.«

»Wer denn, Fräulein Bettina?«

»Ich kann ihn mit den Händen greifen und er soll hier nicht Fräulein, er soll hier du zu mir sagen!«

Ich erschrecke; meint sie am Ende mich? Ich, der ich hier sitze, und das Wesen, das an meiner Seite redet, im Verborgenen über alle Maßen liebe? Ich, der ich auf meiner Wanderschaft nur immer hinter ihr her war, am Tage und in den stillen Nächten, im Wachen und in verirrten Träumen?! Was geschieht nur hier, welche Trugschlüsse werden wach?

»Wer denn, Bettina, wer?«

»Überall hinter ihr her, auf den Landstraßen und über Berge und Täler; als ein Verkappter; als einer, den man durchschaut.

232 Immer hinter ihr her, ha ha, einen Jahrmarktteller im Rucksack.«

»Du hast ihn mir zerschlagen, Bettina.«

Keine Antwort. Sie trinkt das Glas leer und erhebt sich; da steht sie im Dämmerspiel, das Kleid aus verrauschter Zeit hüllt sie ein. Sie macht einige Schritte und beugt sich zu mir nieder.

»Ich bin verrückt; weißt du, ich bin manchmal verrückt, total verrückt. Plem plem! Mußt das nicht tragisch nehmen.«

Richtet sich auf, legt den Kopf zurück und preßt die flachen Hände gegen die Schläfen.

»Total verrückt, sage ich dir. Ganz wie von Sinnen.«

»Es ist doch nur eine romantische Stunde, Bettina, die man in seinem Leben nicht mehr vergißt.«

»Ich sage dir, ganz verrückt. Warum trinkst du denn nicht? Bitte, trinke dein Glas leer! Du sollst dein Glas leer trinken! Ich will Musik machen. Leer trinken, es ist alles viel leichter dann.«

Ich gehorche; aber mir ist wild und wirr im Kopf. Bettina geht in eine Ecke, öffnet ein Schränkchen und bald kommt aus dem Schränkchen eine schwache, gedämpfte Musik.

»Du sollst jetzt mal mit mir tanzen. Jäger und Jägerin. Nocturno quasi una fantasia

Nun denn, wir wollen tanzen, vielleicht paßt der Tanz zu diesem heimlichen Beisammensein.

Was für Musik ist das; wo ist der Rhythmus? Nicht herauszufinden. Der Jäger nimmt die Jägerin. Ich fühle ganz Bettinas Nähe, ach Gott, sie steckt mich ja in Brand. Wir kommen nicht zum Tanzen; nein, das wird im Leben kein Tanz. Bettinas Kopf ist an meine Schulter gesunken.

Warum denn Tanz? Wo denn? Ein Wirbel ist um mich, ein feuriges Kreisen. Die Welt bricht aus den Fugen. Ich habe kein Recht auf sie, wenn ich sie jetzt nicht in meine Arme schließe. Das Schicksal will es, daß sie mein Eigentum wird.

Wir wollen tanzen, aber wir haben uns eng umschlungen, und ich höre einen leisen Ton, der aus Bettinas Mund kommt.

233 Ein Tanz sollte es sein und wird eine Umschlingung, die alle Schranken niederreißt.

Vielleicht sind wir in diesem Augenblick wie brennende Bäume, ineinander verwachsen und verwurzelt und der Vernichtung preisgegeben. Bedeutungslos, was hinterher geschieht!

»Du, du!« stößt sie hervor, »merkst du nicht, daß ich ganz sinnlos verrückt bin!«

Sie reißt sich los, steht einen Augenblick frei, und ich sehe die Lohe in ihrem Gesicht flackern; dann wirft sie sich mir in einem wilden Ungestüm entgegen. Sie stößt einen verwegenen Ruf aus, wie ein Vogel, der sich in die Bläue des Himmels aufschwingt.

Ich fühle den geliebten Mund, wir küssen uns immer wieder, Gott soll uns beistehen, wir sind ganz von Sinnen. Ich rede töricht zwischen die Wärme der Küsse hinein, Unsinn rede ich und finde kein Ende. Falten in der Nase, denke ich blitzhaft, Silberling und Schillers Werke. Brand in der Hütte, Blitzschlag im Herzen, Tollheit im Kopf. Erde, Kugel, immerfort sich drehend im großen System.

»Bettina! Immer auf deiner Spur. Jäger und Wild. All meine Tage kreisen um dich, Bettina.«

Sie ruft etwas, ich verstehe es nicht; vielleicht, daß sie nicht mehr atmen kann, daß ich sie wie ein Bär erdrücke; denn mein Griff ist hart, ich habe Buchen gefällt; ja, das habe ich.

»Oh, Bettina!«

Jetzt reißt sie sich los. Sie taumelt durch das Zimmer; ich will sie stützen, sonst fällt sie, denn sie hat allen Halt verloren.

Sie taumelt auf das Fenster zu; öffnet und stößt die Laden auf.

Wäldernacht strömt herein. Stimmen gehen um in Schattenwipfeln.

Den Kopf hat sie gegen das niedere Fensterkreuz gelegt. Ich stehe an ihre Seite. Frieren läuft über meinen Körper.

Es tropft von den Bäumen. Noch leuchten ferne Blitze auf und dann offenbart sich das Regiment der Stämme.

Horch auf, jemand streicht nächtlich durch den Wald! 234 Lohengrin schlägt an. Ganz gewiß, jemand ist zwischen dem nassen Gehölz. Dürre Äste knacken.

»Hörst du nichts, Bettina?«

»Doch, ich höre etwas.«

»Stimme im Wald. Kreatur, einsam zwischen den Blitzen.«

»Es entfernt sich. Es ist wie Schritte eines Menschen.«

Ich beuge mich weit zum Fenster hinaus und sehe Himmel zwischen den Ästen. Ein Blitz, weit jenseits, feuerwerkt in die Schatten.

Und nun kommt Gesang, ganz deutlich vernehmbar; Stimme, die in mein Gedächtnis festgewachsen ist. Stimme, die ich nie vergesse.

Ein Mensch geht durch die Wälder und singt.

»Hör' zu, Bettina!«

»Die Welt ist groß mit ihrer Ferne,
Die Welt ist klein, man glaubt es kaum;
Das Glück ist nah und weit wie Sterne;
Ach, alles Glück ist nur ein Traum!«

So kann nur ein einziger Mensch singen. Kilian Baudendistel, der Zinkenpflanzer. Die Zykade. Das treibende Blatt im Winde.

»Hör' zu, Bettina. Ein Mensch, den ich kenne. Bringt das Wunder mit sich. Ein Zinkenpflanzer. Trägt einen Hufeisenmagneten im Kreuz. Ist gegen alle Blitze gefeit. Sieh, er wandert durch das Gewitter und singt. Es ist unser Lied, Bettina, unser glückhaftes Lied!« 235

 

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