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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ihr Vater war ein Himmelreichmann

Herr Schluckebier kommt aus dem Haus und schmunzelt über das dicke Gesicht. Er hat gewiß eine gute Vesper bekommen, denn seine Lippen sind fett und er jongliert mit der Zunge im Munde herum.

»Da war doch, hol' mich der Henker, noch ein Hase bei dir, wie hieß er gleich, der's immer mit den Nachttöpfen hatte – –«

»Hurrle, Hugo Hurrle.«

»Richtig, Hugo! Ein Teufelskerl. Ist er zerplatzt?«

»Nein, er ist in der Gerste. Da kommt er ja!«

Hurrle kommt mit einer Fuhre auf den Hof gedonnert. Die Oldenburger haben Schaum vor den Mäulern. Das ist eine nette Überraschung.

»Xaver!« ruft Hurrle und eilt auf ihn zu, »willkommen, du Fürst der Zerbrechlichkeiten!«

Herr Schluckebier ist froh bewegt, klimpert mit dem Geld im Sack und läßt gesteckte Luft aus dem Magen.

»Wenn du mal wieder den wahren Jakob machen willst, dann komme nächstens zur Herbstmesse nach Wiesental!«

»Nach Wiesental? Dort war ich erst als Leichenhuhn. Aber glaube mir, Freund Schluckebier, die unaussprechlichen Töpfe haben mich nicht schlafen lassen. Ich habe darüber nachgegrübelt und bin einer kapitalen Sache auf der Spur.«

»Fängst du schon wieder mit den Nachtgeschirren an!«

»Was verpönt ist, soll zu hohen Ehren kommen. Laß dir's nur kurz andeuten – –«

»Du wolltest mir doch den Wagen grün streichen.«

»Zuerst die Töpfe, dann die Farbe. Kannst du dir, Schluckebier, ein Nachtgeschirr vorstellen, das gleichzeitig ein Wecker ist und eine Uhr mit leuchtendem Zifferblatt besitzt?«

212 »Hör' endlich auf. Ist niemand unter dem Gesinde, das heiraten will? Ich gebe den sogenannten Ehestandsrabatt und gratis eine Milchflasche mit Patentgummisauger.«

»Das ist wirklich großartig,« sage ich, »man sollte mit dem Standesamt nicht mehr zögern.«

Hurrle hat sich hartnäckig festgebissen.

»Gesetzt den Fall, ich meine bezüglich des Verwendungszweckes des besagten, zu Unrecht im Gesprächsthema der Gesellschaft leider geächteten Gebrauchsgegenstandes, ich sage, gesetzt den Fall, daß er in mondlosen Nächten seiner eigentlichen Bestimmung nunmehr anheimzufallen sich nicht mehr zu schämen braucht, kündet er gleichzeitig die Stunde, und am frühen Morgen weckt er mit tieferen oder höheren Tönen seinen Besitzer zum Werke des Tages.«

»Flunkere meinetwegen bis dir das Wasser aus den Augen tropft!«

Der Porzellankönig bohrt mit einem zugespitzten Zündholz in den Zähnen, wischt das Fett vom Mund und geht hinein, um zu kassieren.

»Hurrle, es kann einem übel werden, wenn du dich in etwas verrannt hast.«

»Verrannt! Wieso denn bitte verrannt? Es sind oft die einfachsten Probleme, die ungelöst bleiben, weil sie angefüllt sind mit – –«

»Hör' auf, bitte. Ich will dir etwas anderes sagen: Brigitte und Fräulein Bettina sind in der Scheune hinten; und der Herr Baron ist auch dabei. Es hat eine große Enthüllungsszene stattgefunden.«

»Merkst du nicht, wie närrisch du bist und verschroben? Bis über die Ohren verknallt in eine Baronesse. Ein Mann im Tagelohn und streicht hinter der Baronesse her. Kutschiert aus unerforschlichen Gründen unter falschem Namen und Beruf durch die Menschheit und hat Gänseblümchenträume.«

»Woher weißt du denn das alles?«

213 »Na, das sieht ein Blinder. Über ein Weilchen kriegst du Pickel ins Gesicht. Bildest dir etwas auf dein Kreidepünktchen ein.«

»Wer bildet sich etwas aufs Kreidepünktchen ein? Fängst nicht immer du damit an?«

»Ich? Bitte sehr, ich? Du wirst nicht im Ernst meinen, daß mich, ein Mann, der dir mit Fakirkünsten aufwarten könnte, wenn er wollte, ein Mann, von dem ein Bellachini gelernt hat, ich sage, daß mich dein Kreidepünktchen interessieren könnte.«

»Na also, dann sind wir uns ja einig.«

»Ich war so zuvorkommend, dir einen tanzenden Taler anzubieten – –«

»Still! Der Herr Baron!«

Baron Maximilian von Bernau kommt aus der Scheune und in diesem Augenblick scheint er mir ganz verändert. Eine kleine Verlegenheit hat ihn gepackt und mit ihr beladen, kommt er auf uns zu.

»Ihr haltet mir das Maul, verstanden? Waschfrauen schwätzen.«

Herr Schluckebier, mit dem Geld klimpernd, erscheint wieder.

»Ich brauche noch verschiedene Dinge,« sagt der Baron, »kommen Sie nachher mal herein, ich will eine kleine Liste aufstellen.«

Damit geht er ins Haus, ganz anders sind seine Schritte und etwas von Nachdenklichkeit liegt über dem stattlichen Mann. Er wendet sich nicht mehr um und es kümmert ihn auch nicht, daß wir hier herumstehen und faulenzen.

»Das wird noch ein goldener Tag,« sagt Schluckebier und kratzt die Hängesäcke unterm Kinn. »Ich habe heute Nacht von Läusen geträumt.«

Hurrle spannt den Bogen.

»Um auf besagte Töpfe noch einmal zurückzukommen – –«

Schluckebier hört ihn nicht an; er latscht zum Wagen und kramt Waren aus Heu und Holzwolle; aber Hurrle folgt ihm wie ein böser Schatten.

»Mein von Alters her verfochtener Grundsatz, den Geächteten 214 beizustehen und somit auch einen moralischen Kampf zu führen für einen internationalen Gebrauchsgegenstand, der den Export in hohem Maße zu beleben imstande ist – – –«

Herr Schluckebier, in Zorn geraten, wulstet die Lippen und stülpt dem unausstehlichen Schwätzer ein Bündel Packheu über den Kopf.

Ich gehe in die Scheune zum Strohgabeln. Mitten im Stroh bin ich, überall Stroh, eine ganze Welt voll Stroh, trocken, knisternd, stechend, leichtgewichtig. Tief verbergen kann man sich im Stroh, weit unterkriechen und goldene Höhlen bauen.

Torheiten! Heraus aus dem goldenen Überfluß, heraus, du Narr und greife zur Gabel.

Horch, Brigitte öffnet unten das Tor. Sie kommt in die Scheune und schaut sich ängstlich um.

»Stephan!« ruft sie und ist hilflos allein. Ich beuge mich vor und schaue hinunter.

»Ich heiße Fabian. Still und geh aus der Scheune. Fräulein Bettina darf uns hier nicht sehen.«

Da kommt sie schon die Leiter heraufgeklettert, die unselige Porzellanbrigitte.

»Was willst du denn hier oben? Du fällst noch die Leiter hinunter.«

»Das Fräulein ist im Garten. Oh, ich weiß nicht ein und aus.«

Sie hat sich wirklich auf den Speicherboden gesetzt und ihre Beine baumeln nach unten.

Mir wird weh, nun ich sie so sehe; mit der schmutzigen Arbeiterhand streiche ich ihr über den Kopf; das Haar ist immer noch naß.

»Jetzt weißt du alles, gelt Brigitte?«

»Ich weiß alles und jetzt kann ich wieder gehen.«

»Gehen?!«

»Was sonst? Ich gehöre nicht hierher. Das ist mir alles fremd. Ich bin auf der Straße zu Hause. Ich gehöre in den Wagen.«

Recht traurig sagt sie das, und jetzt rollen ihr die Tränen 215 herunter, sie ist gar nicht mehr die lustige Brigitte; ganz verwandelt ist sie, und ich erkenne sie fast nicht wieder.

»Du solltest dich freuen, Brigitte.«

»Warum denn freuen? Weißt du, was ich mache? Habe ich dir das denn schon erzählt?«

»Was denn, Brigitte?«

»Auf den Jahrmarkt gehe ich wieder. Du weißt doch, ich war schon einmal in der Jahrmarktbude.«

»Ich weiß, der Mann mit der Lokomotivstärke. Ich bin mit ihm zusammengewesen im Walde. Wir haben Buchen gefällt. In der Nacht im Walde hat er mir von dir erzählt. Dann hat er einen Buchenstamm gestemmt und anschließend geflennt, weil du ihn verlassen hast.«

»Jetzt gehe ich wieder zu ihm.«

»Brigitte!«

»Ja, das tue ich! Ich habe ihn immer gern gehabt.«

»So.«

»Mußt dir nicht einbilden, daß ich mir was aus dir mache. Nein, da bist du auf dem Holzweg.«

»Das weiß ich.«

»Ich habe nie an dich gedacht, kein einziges Mal. Glaub mir's, ich habe dich ganz vergessen gehabt.«

»Ich glaube es wohl.«

»Wie käme ich dazu, an dich zu denken. Außerdem schwindelst du und lügst einem an. Wer weiß, was für einer du bist. Pah, was mir schon an dir liegt. Ich gehe auf den Jahrmarkt.«

Sie schaut mich an und ihre Augen sind ganz naß, es sickert über die Wangen und ihre Lippen beben vor Schmerz und Weh. Wie ein Kind ist sie, ganz ohne Hilfe und Ausweg, und dazu noch ein wenig schmutzig im Gesicht von Tränen, Regen und Scheunenstaub.

»Komm, wisch dir mal das Gesicht ab, Brigitte! Soll ich dir helfen?«

»Geh schon, geh! Du hast Arbeit. Ich verdufte auf dem 216 schnellsten Wege. Mein Vater ein Baron, meine Mutter von den Komödianten und ich – –«

»Komödianten? Deine Mutter von den Komödianten?!«

»Das weißt du vielleicht noch nicht. Meine Mutter kommt auch aus dem Wagen, aber aus dem Artistenwagen.«

»Artistenwagen?«

»Ihr Vater war ein Himmelreichmann.«

»Ein Himmelreichmann? Was ist denn das?«

»Dummkopf, ein Seiltänzer. Wirst doch einen Seiltänzer kennen.«

»Ach so! Deine Mutter war auf dem Seil?«

»Ja, das war sie. Oh, schön war meine Mutter, da frage nur mal den Herrn Baron. Mei – – nen – Va – Vater.«

»Auf dem Seil war deine Mutter?«

»Ja, und du brauchst sie nicht zu verachten.«

»Aber Brigitte.«

»Und mich zieht es auch auf den Markt. Ich träume immer nachts davon. Vom hohen Seil und von der Manege. Und das Azetylen rieche ich so gerne.«

Da kollern ihr schon wieder die dicken Tränen aus den Augen, ich kann das nicht mehr mit ansehen; mir wird ganz weh und schwach und ich sinne darüber nach, wie ich sie aufheitern könnte.

»Wenn du dich mal im Löwenkäfig rasieren läßt, mußt du mir das vorher mitteilen.«

Gott sei Dank, sie lacht mich an; zwischen die Tränen hinein lacht sie und kriegt Falten in die Nase.

Von unten aber erschreckt uns eine Stimme; Fräulein Bettinas Stimme.

»Fabian, haben Sie keine Arbeit?«

O weh, ich greife wuchtig zur Gabel und dolche auf die Strohbündel los. Brigitte klettert affengewandt die Leiter hinunter. Fräulein Bettina ist schon wieder verschwunden.

Es ist jetzt unheimlich still hier. Nur ganz verloren knistert es 217 im Stroh und ich höre draußen das Regenwasser über die Dachrinnen laufen.

Ich arbeite weiter und dann klettere ich über die Leiter hinunter und gehe auf den Hof hinaus. Ich sehe Herrn Schluckebier noch einmal im Haus verschwinden, mit wichtigen und eilfertig plumpen Bewegungen.

Mir kommen ganz ungeordnete Gedanken. Komisch, denke ich und spiele Ball mit dieser Vorstellung, komisch, hier sind nun drei Menschen und kriegen Falten in die Nase, wenn sie lachen; da soll einer dahinter kommen.

Beim Porzellanwagen steht Brigitte. Sie winkt mir, und ich gehe zu ihr, selbst auf die Gefahr hin, noch einmal beim Faulenzen ertappt zu werden.

»Wir fahren weiter, Stephan. Leb' jetzt wohl, wir werden uns so bald nicht mehr sehen.«

»Warum denn, Brigitte?«

»Ich meine nur so. Ich habe ja auch nichts mit dir zu tun. Gar nichts, du darfst es mir glauben. So einen wie dich finde ich unterwegs immer.«

»Danke.«

»Lügst und schwindelst und spielst noch den dicken Mann.«

»Ich?!«

»Jawohl, du! Ich bin ganz wirr im Kopf. Es ist nicht gut, wenn man zuviel weiß. Leb wohl!«

Sie streckt mir die Hand hin; da halte ich nun ihre Hand und schaue sie an. Ihre Lippen zittern und sie senkt den Kopf.

»Leb' wohl, Brigitte,« sage ich und mir ist furchtbar schwer in diesem Augenblick. Ich wende mich und will gehen, da ruft sie mich noch einmal zurück.

»Mußt nicht meinen, daß mir das weh tut, weil du hinter der andern da, hinter der vornehmen Dame her bist. Sei nur still, ich weiß schon. Mich geht's nichts an.«

Sie geht zum Wagen, kramt im Packheu herum und zieht jetzt etwas Glitzerndes hervor.

218 »Was hast du denn da, Brigitte?«

»Schau nur mal her, das darf niemand sehen; dir aber will ich's zeigen.«

Sie faltet und schlenkert es auseinander, blickt sich verstohlen um und hält es mir dann hin, damit ich es anschauen kann.

Es ist ein Trikot, ein Seiltänzertrikot. Verwaschen grün und verschossen in den Farben, mit einem flitterbesetzten Hüftgürtel.

»Das ist von meiner Mutter, und das hat sie mir noch geschenkt. Sie hat es früher immer getragen, als sie noch bei den Himmelreichmännern war.«

Sie wirft einen zärtlichen Blick auf den alten Komödiantenfetzen; dann stopft sie ihn wieder ins Heu, ein wenig hastig und ängstlich in den Bewegungen.

»Weißt du, manchmal ziehe ich es an. Manchmal, wenn der Pappi im Wagen schläft und ich im Gasthaus. Wenn ich dann allein in meinem Zimmer bin, ziehe ich es nachts manchmal an und begucke mich im Spiegel. Aber du darfst es niemand sagen.«

»Nein, ich werde gewiß schweigen. Vielleicht wird nun bald alles ganz anders, als du denkst; jetzt, weil doch der Herr Baron . . .«

»Ja, manchmal wird es anders, als man denkt.«

Ich kann nichts dagegen machen, ich muß noch einmal ihre beiden Hände fassen, und wie ich so stehe und wahrhaftig nichts zu sagen weiß, kommt Fräulein Bettina über den Hof.

Sie sieht mich stehen, wendet sich ruckhaft nach der Seite und geht in kurzen Schritten, den Kopf nach hinten geworfen, an uns vorüber. Am Zaun bleibt sie stehen.

»Fabian!« ruft sie herüber, »Sie sollen zum Gärtner kommen.«

»Nun geh schon!« sagt Brigitte, »merkst du nicht, daß sie eifersüchtig ist?«

»Auf wen denn, Brigitte, beim Teufel, auf wen denn?«

Ich gehe in die Gärten, durch die Gewächshäuser, über die Krautbeete. Es ist kein Gärtner da, sie hat mich angelogen.

Meinetwegen! Ich will hier arbeiten und an nichts mehr denken. 219 Es gibt Arbeit hier; es ist feucht und man kann die Wege säubern. Überall gibt es Arbeit; genug, um das Denken zu verjagen.

Dann ist der Wagen fort. Herr Schluckebier ist fort, Brigitte ist fort und das Roß Ida ist fort. Mögen sie in alle Welt fahren; immerzu, ich will des Himmels Segen auf sie niederwünschen. Ich aber kann nicht unter Menschen sein an diesem Abend. Nach dem Abendessen gehe ich mit Lohengrin hinauf in meine Kammer. Dort setzen wir uns hin, und der Hund ist froh erstaunt, daß er wieder einmal vorm Bett liegen darf. Den Kopf wendet er nach oben und schaut mich an und sein Maul bewegt sich leise schnappend und schmatzend.

Wir betrachten uns zusammen den Öldruckkaiser, während es langsam dämmerig wird und nur noch die Segler mit schrillen Rufen durch die Luft blitzen.

Wahrhaftig, so bringt man nun die Tage hinter sich, immer einen um den andern und jeder bringt Gedanken und Wünsche und eine Welt voll Sehnsucht. Aber ich will ja nicht denken, nein, ich will doch nur auf dem eisernen Bett sitzen und hinausschauen, wo das Licht immer mehr versinkt und der Abend seine Schatten aushaucht.

Vielleicht kann ich einmal in den wunderlichen Spiegel schauen, mein komisch dickes und angeschwollenes Zahnwehgesicht belachen und ein paar närrische Fratzen schneiden.

Mit einem Male öffnet sich die Tür und herein kommt Fräulein Bettina. Man kann sich denken, wie ich erschrecke, ganz bis ins Herz hinein erschrecke ich.

»Ach so, Sie sind hier?« sagt sie erstaunt und bleibt eine Weile unschlüssig stehen. »Ich wollte nur die Kammern kontrollieren.«

»Entschuldigen Sie, daß ich hier bin; ich kann sofort gehen, wenn Sie es wünschen.«

Sie hat kein Lächeln für mich und keinen freundlichen Blick in dieser Minute; ach, warum schaut sie mich so böse an und warum flackern ihre Augen so merkwürdig.

»Bleiben Sie ruhig. ich gehe gleich wieder.«

220 Sie geht langsam durch die Kammer, betrachtet das Bett und die Kommode und das Waschgefäß. Dann schaut sie den Hund an, immer noch mit flammenden Augen und starrem Gesicht.

»Ein Hund gehört schließlich nicht ins Zimmer!« sagt sie.

Ich antworte nicht, Lohengrin erhebt sich und schleicht geduckt in eine Ecke. Lohengrin und ich, wir zwei sind wirklich recht betreten.

»Sie haben mich doch verstanden? Ich meine, ein Hund gehört nicht ins Zimmer.«

»Gewiß nicht, mein gnädiges Fräulein, ganz gewiß nicht; er ist ja auch sonst immer unten im Zwinger.«

»Überhaupt, ein Knecht mit einem Hund! Sonderbar, ich muß schon sagen, sehr sonderbar!«

Wieder weiß ich keine Antwort zu geben; welche Antwort sollte ich auch finden auf diese schroffen Worte. Sie steht vor mir und ein verborgener Zorn glimmt in ihren Augen. Aber das Haar glänzt wie Seide, das Antlitz ist bezaubernd auch in diesem flackernden Grimm und der Mund ist eine herrliche Frucht, auch wenn er diese verletzenden Worte spricht.

»Ich wundere mich, daß Sie nicht auch noch einen Papageien oder weiße Mäuse mitgebracht haben. Wo sollte denn das hinführen, wenn jeder Tagelöhner bei uns seine Meute mitbringen wollte!«

»Ich will gleich hinuntergehen mit dem Hund, Fräulein Bettina, ich wußte nicht, daß er Ihnen so im Wege ist.«

»Bleiben Sie nur, ich will mir das noch überlegen.«

Ich mache aber doch Anstalten, mit Lohengrin aus der Kammer zu gehen, da tritt sie mir kampflüstern in den Weg. Wieder streckt sie beide Arme nach rückwärts und ich sehe, daß die Finger ihrer Hände gespreizt und unruhig bewegt sind.

»Sie sollen bleiben, habe ich gesagt!«

»Wenn Sie es wünschen.«

»Man muß nicht so empfindlich sein.«

Sie kommt noch näher auf mich zu.

221 »Lügengespenst! Jawohl, ich traue Ihnen schon lange nicht mehr. Tut immer so fromm und hat's faustdick hinter den Ohren.«

Ich werde milde gestimmt; Gott, denke ich, die Ereignisse des Tages haben sie erregt und nervös gemacht. Vielleicht quält sie sich schon wochenlang mit dieser Angelegenheit herum und nun, da sie alles weiß, hat sie die Nerven verloren. Da ist ihr nun eine Schwester vom Himmel gefallen, und wenn es auch nur eine Halbschwester ist, oder wie man diesen Verwandtschaftsgrad nennen mag; jetzt hat sie gleich den Kopf verloren.

Sie geht noch einmal zur Kommode, und nun fällt ihr Blick auf den Bunzlauer Teller, auf den gemalten Teller mit dem glückhaften Spruch.

»Was soll denn das hier?«

»Ein Bunzlauer, gnädiges Fräulein. Echt Bunzlau, ich weiß nicht, ob Sie keramische Kenntnisse besitzen.«

Sie lacht spöttisch hinaus, hat immer noch den Teller in der Hand und tut ganz verächtlich.

»So was schleppen Sie mit herum?«

»Ein Geschenk, nur ein kleines Geschenk und Andenken. Das hat sonst nichts auf sich. Sie haben es schon einmal gesehen.«

»Geschenk? Von wem denn?«

Verteufelt, ich wage es kaum zu sagen; ich darf es jetzt nicht sagen, nein, ich muß schweigen.

»Warum reden Sie nichts?«

Ich suche nach einer Ausrede. »Ich habe den Teller eingetauscht, wenn man so sagen will. Einen Silberling habe ich dafür gegeben. Es war ein wertvoller Silberling, und ich konnte mich nicht leicht von ihm trennen.«

»Von wem, habe ich gefragt. Sagen Sie nur ruhig, von Brigitte. Hab' ich's erraten?«

»Ich glaube, ich habe es schon einmal erzählt.«

Sie stellt den Teller auf die Kommode zurück und geht ans Fenster; schaut hinaus und tut, als ob ich nicht vorhanden wäre. 222 Lange steht Fräulein Bettina am Fenster und bewegt sich nicht; schattenhaft ist sie gegen das Abendlicht geschoben.

Ich denke, es wird das Beste sein, wenn ich ganz still mit Lohengrin aus der Kammer gehe. Da kommt sie zurück und ich sehe, daß ihre Augen mit Tränen gefüllt sind. Nun bricht es aus, sie kann die innere Erregung nicht mehr verbergen. Sie steht vor mir, und das Blut ist aus ihrem Gesicht gewichen.

»Sie werden sich doch hoffentlich nicht einbilden, daß ich mir etwas draus mache, wenn Sie hinter der andern her sind!«

»Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Bettina. Was meinen Sie denn?«

»Mir kann es doch gleichgültig sein, wenn unsere Tagelöhner hinter den Schürzen her streichen.«

»Oh, gnädiges Fräulein!«

»Was mir schon dran liegt. Ich will das nur sagen, damit Sie nicht auf falsche Gedanken kommen.«

Was, um Himmels willen, ist denn in dieses Mädel gefahren? Diese Szene erscheint mir wie ein Schattenbild. Hatte ich nicht Ähnliches, fast mit den gleichen Worten, erst vor wenigen Stunden auf dem Strohspeicher erlebt? Dies scheint mir ein rechtes Gespensterspiel, eine unheimliche Spiegelung von seelischen Vorgängen, die kein Mensch zu erklären vermag.

Bettinas Stimme! Wie ein phantastisches Echo.

»Wie käme ich überhaupt dazu, mich mit Ihnen zu beschäftigen? Bitte, wie käme ich dazu?!«

»Ich – – ich weiß das selbst nicht, Fräulein Bettina. Oh, ich kann es ja nicht sagen, was mich bedrückt, ich will schweigen, weil ich selbst so verwirrt bin.«

»Ha ha ha! Da müßte schon ein anderer kommen. Ha ha ha, Walzbruder! Ich bedanke mich. Hören Sie, ich bedanke mich!«

Ich gebe keine Antwort. Stille herrscht.

»Und auch noch einer, der ein solches Andenken da mit sich herumschleppt!«

Sie greift wieder nach dem Teller und lacht verächtlich.

223 »Einen Bunzlauer Teller mit einem läppischen Kalenderspruch. Da liegt er! So, da liegt er!!«

Wütend schleudert sie den Teller auf den Boden. Er zerbricht. Die Scherben liegen trostlos umher. Ich erschrecke tief und in diesem Augenblick ist mir, als ob jemand in mein Herz schnitte.

»Fräulein Bettina, was haben Sie getan!«

Jetzt bricht das Feuer aus ihr heraus; sie kann sich nicht mehr bezähmen. Zwischen Zorn und Tränen und Lachen geht sie auf die Scherben zu und tritt mit den Füßen nach ihnen.

»Und das sage ich Ihnen: der Hund kommt hinaus. Fort vom Hof kommt er!«

»Ich habe mich so an ihn gewöhnt.«

»Der Hund verschwindet!«

»Ich möchte ihn gerne – – ich kann mich nur schwer von ihm trennen.«

»Dann können Sie mitgehen! Es gibt genug Arbeiter.«

Ich zögere nicht, zu antworten; nein, ich sage es still und fest: »Ja, dann möchte ich wohl mitgehen. Dann wollen wir zusammen gehen.«

»Aber möglichst sofort! Kein Mensch hält Sie zurück.«

Sie stürzt aus dem Zimmer, eine Flamme, ein unseliger Brand. Ich höre ihre Schritte auf der engen Holztreppe, die nach unten führt. –

Noch an diesem Abend verlasse ich mit Lohengrin den Gutshof, und nun wandern wir den fernen Wäldern zu. 224

 

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