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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Leichenhuhn

Der große Saal im Gasthaus zum Engel ist mit Menschen gefüllt. Das Unglück des Meerschweinchens hat sich herumgesprochen, jetzt drängt alles ins Theater, was Beine hat. Sie wollen den verwundeten Komiker, den Spaßmacher mit der blutigen Stirn sehen. Kein Platz ist frei, es brodelt und kocht im Saal und auf der Galerie hängen schwitzende Trauben von Menschen. Ein summendes, brummendes Rumoren schwingt in der dicken und verbrauchten Luft.

Beim Höllengeschwänzten, auch mir klopft das Herz. Ich sitze ziemlich weit hinten mit meinem ganzen Gesindel von Feld und Acker. Der Baron, wie immer ein strammer Kavalier, hat uns alle zum Komödienspiel eingeladen; fünfzehn Karten hat er gekauft, und da sind wir nun alle in die Stühle gepreßt und starren nach dem Jammerfetzen, hinter dem schon die Fußrampe brennt. Ja, da hocken wir, wie die Hühner auf der Stange. Nur der unselige Hurrle fehlt noch. Warum kommt denn Hurrle nicht? Oh, der Kerl schnüffelt sicher hinterm Vorhang herum.

Lieber Himmel, dieser Brei von Menschen. Alle wollen den blutigen Komiker mit der Stirnbinde sehen. Er wird eine lustige Rolle spielen, eine urkomische Rolle; einen Saufbruder und Liederjahn wird er spielen. Ein versoffener Fettwanst wird er sein, ein rülpsender, torkelnder Weinschlauch; schaut nur auf den Zettel: Junker Tobias, Rolf Wegfried. Das ist er, Rolf Wegfried, habet Obacht wenn er kommt! Die Beule am Kopf hat ihn berühmt gemacht.

Wo ist denn, verflucht, der Hurrle? Mir wird jetzt plötzlich ganz schwer ums Herz, ich weiß nicht, warum. Auf einem rumpelnden Leiterwagen sind wir gekommen, eine lustige und verwegene Fahrt war es, nur Hurrle fehlte. Am Ende hat er sich 191 verkrochen wie eine Ratte, weil er den Geruch der Rampe nicht ertragen kann.

Der Menschenbrei wird immer lauter und tobender, sie rufen alberne Bemerkungen von der Gallerie herunter, Gelächter antwortet, es siedet und quirlt von Unruhe.

Warum wird mir so schwer ums Herz? Einen Augenblick versinkt meine Umgebung; ich werde magisch herausgehoben aus dem Hexenkessel. Zeit braust um meine Ohren. Richtig, ich war doch auch einer von denen, die in Schminke und bunten Kleiderfetzen hinter den verstaubten Kulissen auf den Augenblick ihrer Hanswursterei warteten. Auch ich war geschminkt und gepudert und habe die alten Fahnen des Fundus am Leibe gehabt. Habe auf das Zeichen gewartet und bin hinausgetreten vor die schwarze, lauernde Höhle. Wieviel Jammer und Verlogenheit, wieviele Enttäuschungen; wieviel Neid und Scheelsucht, – und dennoch! Dennoch!! Halte dich, daß du nicht hinausschreist und die Arme nach dem versunkenen Paradiese streckst, nach dem unseligen Zaubergarten und Irrgarten.

Fangt endlich an! Hoch mit dem Fetzen!

Ach, ich habe einmal durch das Vorhangauge geschaut, und da sah ich in einer Parkettreihe ein Mädchen im strohgelben Haar. Hat mir einen Silberling geschenkt. Landstraße. Porzellanwagen. Hufeisenmagnet. Wasserscheue. Einen Silberling hat mir die strohgelbe Dame – –!

»Paß auf, sie kommt!«

Von hinten stößt mich jemand. Wie bitte? Die Fränz.

»Dort kommt sie! Deine Allerliebste!«

Jetzt sehe ich den Herrn Baron Maximilian von Bernau und seine Tochter, die Baronesse Bettina von Bernau in den Saal kommen. Eine Gasse öffnet sich, sie pflügen sich durch den Menschenbrei und nehmen ganz vorne zwei reservierte Plätze ein.

Gong! Aha, die Komödie beginnt! Der Saal wird dunkel. Hurrle ist nicht da. Schade!

Der Vorhang geht ein wenig beiseite und, vom Fußrampenlicht 192 hell übergossen, erscheint der Herr Intendant vor den Zuschauern. Und mit einer königlichen Armbewegung verschafft er sich Gehör.

»Meine hochverehrten Theaterbesucher, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen, leiderfüllt und schweren Herzens, eine Rollenänderung in letzter Stunde ankündige. Die Zeitung wird Ihnen geworden sein, daß wir die unmittelbaren Opfer eines Unfalles, einer Katastrophe, geworden sind, die, Gott sei gelobt, keine Menschenleben forderte. Nichtsdestoweniger hat es unseren allseits beliebten Chrakterdarsteller peinlich ereilt. Die Wunde, so er an der Stirne davonzutragen sich nicht erwehren konnte, hat sein Allgemeinbefinden so beeinflußt, daß er sich für diesen Abend außerstande sieht, seine berühmte Rolle vor ein hochgeschätztes Publico hinzulegen. Dank einer gütigen Konstellation ist es uns aber in letzter Stunde gelungen, ein Leichenhuhn zu fangen, wie der fachtechnische Ausdruck lautet. Besagtes Leichenhuhn, ein Komödiant und Laienspieler aus Liebhaberei, wird die schwierige Rolle des Junker Tobias kreieren.«

Mir steigt plötzlich eine schillernde Blase auf, eine unsichtbare Lampe erhellt meinen Verstand und mir wird blitzhaft klar, warum mein Kollege und Tippelbruder Hugo Hurrle nicht hier auf seinem Platze sitzt. Während der Vorhang hochgeht und das Narrenspiel beginnt, weiß ich mit visionärer Klarheit, daß dort oben zwischen den abgeschossenen Kulissenfetzen bald ein Junker Tobias auftreten wird, der mir wohlbekannt ist und an dessen Erfolg ich keinen Augenblick zweifle. Kurz heraus, ich habe Hurrle im Verdacht, daß er das Leichenhuhn macht.

Habe ich es nicht gesagt, da ist er schon, von brausendem Gelächter empfangen; da poltert er über die Szene, ein genial versoffener Junker, ein spaßhafter Fettwanst, ein alkoholisches Behältnis mit feuchtem Baß; da brabbelt er randalierend los und erobert sich auf Anhieb den Saal.

Wer ist das Leichenhuhn? Hugo Hurrle, der Charakterkomiker, der unsterbliche Rampenhanswurst; der Bruder durch die Welt und Wanderer über alle Meere. Dort oben poltert er los und 193 gewinnt mit jeder Minute an Format. Macht Augen und Ohren auf und genießt Hugo Hurrle, der gewaltig aus sich herauswächst, weil er seine Luft atmet und seinen Boden unter den Füßen spürt; weil er Ketten gesprengt und Stäbe zerrissen hat und nun, ein freier Wildvogel, seine rauschenden Schwingen weitet.

Der Saal zittert vom Lachen der Zuschauer; eine Wolke von Heiterkeit schwimmt über allen Menschen, die schwitzend hier zusammengepfercht sind und die Narrenfontänen und Witzkaskaden eines Komödianten über sich hinwegsprudeln lassen, der mit der tiefen Komik einer Dichtergestalt in haarsträubender Burleske Fangball spielt.

Was soll man zu diesem Hurrle sagen. Da hat er alle Musenställe bis ins neunte Glied verflucht und geschworen, er wolle, und würde er alt wie eine biblische Person, niemals mehr eine Theaterperücke aufsetzen und sich das alberne Gesicht mit Schminke beschmieren. Alle Unholde der Welt hat er auf die Kulissen losgelassen und nun, seht ihn euch doch an im zweiten Akt, wie er total besoffen, das Gesicht gedunsen aufgeschminkt und einen Weinbauch vorgeschnallt, mit dem Narren und Junker Christof beim Saufen sitzt.

Ich muß sagen, es herrscht im Saal eine wirklich zauberhafte Komödienluft; das Volk, buntscheckig zusammengeströmt, genießt mit sattem Behagen den Narrenfetzen.

Was habe ich denn gesagt, Hurrle artet aus. Er torkelt über die Bühne und läßt ein nasses Lachen los; er führt den Zeigefinger an die Stirn und grübelt hinter Alkoholdämpfen.

»Ein pestilenzialischer Atem!« ruft er verschleimt hinaus und greift nach dem Weinkrug.

»Ein Stübchen Wein, sage ich! Einen Musikantenbuckel, einen Freinsheimer Musikantenbuckel. Hee, du Narr, einen solchen wie ich ihn trank bei einem Baron, bei einem richtigen elfzackigen Baron. Bei meiner Ehr' und bei allen Hutmachern Europas, ich trank davon schon manche Gallone. Du dreimal geflickter Narr, fort mit der Laute, bringt mir ein Faß voll Musikantenbuckel her 194 vom Herrn Baron, sag ich euch, ihr Gummiteufel. Wo ist er denn bei allen Weingespenstern zu finden? Wo ist er, hee?«

Es stößt ihm wundervoll auf, nun er an die Rampe torkelt und stolpernd auf der Suche ist.

»Wo ist der Mann? Wo? Hinter den Kulissen der Stadt? Oder gar hier unter diesem lustigen Volk, dem auch der Gaumen lechzt?«

Er stößt weiter vor und streckt den Bauch ins Publikum. Und sucht nach dem Baron, der vorn in der ersten Reihe sitzt und in ein kannibalisches Lachen ausbricht.

»Ho ho hei ha ha!« lacht er und seine Stimme übertönt alle andern. Das Gelächter wächst zu solchem Sturm an, daß die Vorstellung ins Stocken gerät; die Gefahr taucht auf, daß er eine Szene schmeißt. Aber wer Hurrle kennt, dem ist nicht bange.

Vollständig im Dampf des Weines stehend, droht er kindisch schäkernd mit dem wackelnden Finger nach dem Baron hin. Der ganze Saal reckt die Hälse.

»He he he,« meckert Hurrle und stürzt beinahe über die Rampe, »he he he, ich will nächstens zu dir kommen und dir den Ochsen musikalisch melken.«

Jetzt ist kein Halten mehr; Beifall und Lachen fegen wie Sturmwind aus den Zuschauern. Das ganze Gesinde vom Gutshof hat ihn nun erkannt. Sie reißen die Mäuler auf und rufen in die Szene hinein; es entsteht ein heilloses Durcheinander, aber Hurrle hält die Szene zusammen. Hurrle, der Unselige, schwimmt wie ein Fisch in seiner Rolle.

»Der Hurrle!« schreien und kreischen sie und deuten mit den Fingern und fuchteln und wedeln. Die Fränz ist ganz aus dem Häuschen; vom Stuhl ist sie aufgesprungen und der Mund steht offen; aus der breiten zahnumhegten Höhle quillt das Lachen. Ihr junger Körper dampft.

Da kriegt sie doch wirklich eins auf den Hut. Hurrle hat dem Narren das Saiteninstrument entrissen, stampft wieder an die Rampe und singt gröhlend: 195

»Vom Weine gibt's ein brav Gedicht,
Ein Hoch, wer's zupft und geigt;
Paßt auf, daß euch die Fränz dann nicht
Die Schwalbennester zeigt!«

Ho ho hei ha ha! Das kommt dröhnend und gewitternd aus der ersten Reihe. Die Fränz kreischt gellend hinaus und stößt mir beide Fäuste in die Rippen; der ganze Saal wird aufmerksam auf das tolle Weibstück. Sie wenden sich um nach ihr. Der Trarabumm hackt wie ein Raubvogel mit dem Kopf und es pfeift zischend durch seine Zahnlücken. Aufruhr. Vulkanausbruch. Der Intendant saust hinter die Draperiefetzen; ich weiß, ihm ist Angst um seine Vorstellung.

»Ruhe! Ruuhe!« Des Barons Stimme.

Der schreckliche, unverbesserliche, der verwilderte und besessene Hurrle hat schon wieder einen neuen Vers.

»Begreiflich ist, wenn man besingt,
Was es auf Erden gibt,
Daß einer, der gern Weine trinkt,
Die Wasserscheuen liebt!«

Und hängt, während neues Gelächter aufbraust, den Weinkrug an den Hals. Fährt fort, noch lauter und mit furchtbar verschleimtem Baß:

»Was mir zu singen übrig blieb,
Sowas war niemals da:
Bestohlner zecht mit seinem Dieb!
Juchheirassassassa!!«

Neues Trommelfeuer aus dem Zuschauerraum; denn die ganze Stadt weiß um die Diebsgeschichte des Herrn Zickomander.

Gott sei Lob und Dank, er taumelt in seine gesetzmäßige Rolle zurück und glättet die Panik, die hinter der Szene offenbar herrschen muß. Wie über eine Kletterweiche mündet er mit guter Fahrt ins alte Geleise ein. 196

»Sollen wir die Nachteule mit einem Kanon aufstören, der einem Leinweber drei Seelen aus dem Leibe haspeln könnte?«

Das ist wieder Shakespeare; Hurrles Ausflug in die Stegreifbezirke ist zu Ende; er spielt die Szene aus, und als der Vorhang über diesem Akt fällt, kommt der Beifall wie eine Überschwemmung.

In der Pause schiebe ich mich durch das Gedränge, schlüpfe hinter den Vorhang und schnüffle nach der Herrengarderobe. Ich finde sie in einem kleinen Raum, in dem allerlei Turngeräte stehen. Es duftet penetrant nach Theater, mir wird ganz sonderbar zumute; so, als ob ich mich selbst ankleiden müßte, als ob meine verstaubte Wolke hier irgendwo in einer Ecke läge und nur auf mich wartete.

Ach, Bettina, da bist du wieder in einer Parkettreihe, und wenn es auch nur in einem dumpfen Saal mit alten Wirtshausstühlen ist. Da bist du wieder, du Kind mit dem hellen Haar; zwischen einst und jetzt ein Traum, für den ich dem Himmel danke, ein Zauber, der eingewoben ist in mein absonderliches Schicksal.

Da sitzt er in einem Stuhl und qualmt und um ihn ist das übrige männliche Gesindel versammelt; hingequollen ist er mit dem fetten Wanst und dem fratzenhaft geschminkten Gesicht, der Mätzchenmacher, der Kulissenreißer vom Mutterleibe her.

Ich stelle mich recht unschuldig und erstaunt, um die andern nicht wissen zu lassen, daß ich zur Zunft gehöre.

»Wo bleibt nun dein armseliges Kreidepünktchen, wie? Sieh mich an, den Stegreifritter aus der flachen Hand, der seine Rolle aus dem Ärmel schüttelt. Fluch deinem Kreidepünktchen!«

»Erstaunlich. Ich gratuliere dir. Wenn du fortan so melkst, wie du hier spielst, wird es nicht an Butter fehlen.«

Rolf Wegfried steht da mit verbundenem Kopf, kann das Wunder nicht begreifen und ruft, nicht ohne versteckten Neid: »Sowas nenne ich ein Leichenhuhn!«

Jetzt kommt der Herr Intendant; groß, ragend, königlich, umwölkt von Unsterblichkeit. Er geht wie auf Gummikissen, streckt Hurrle die Hand hin und entfaltet ein verfettetes Pathos. 197

»Man wird so alt und muß das Wundern immer neu erleben. Ein solches Leichenhuhn ist tausend Kronen wert. Wer bist du, Mann, der so den Stall begeistert?«

»Ein musikalischer Kuhknecht, Herr, sonst nichts!«

»Und welcher Gott gab dir die hehre Gabe? Wer lehrte dich die Kunst, das Klauenfett so überreichlich auszuteilen?«

»Daß ich nicht wankte, hochverehrter Intendant, dem Ohrenbläser sei's gedankt!«

»Am Nachmittag die Sense und abends die Unsterblichkeit.«

In dieser geschwollenen Art reden sie daher, es ist kaum auszuhalten. Es lohnt sich wahrhaftig, sich den Talentpächter genau anzuschauen. Jeder Zoll ein klassischer Held. Aber man sieht, daß die irdischen Güter nicht auf ihn niederregnen. Sein weißes Hemd ist dort, wo die gestärkten Kragenecken es vorzeitig wundgescheuert haben, ein wenig schludrig geflickt und außerdem raucht er Zweipfennigzigaretten.

»Alles auf die Plätze!« höre ich den Inspizienten rufen. Die Komödie geht weiter.

Gong! Seht, der hohe Herr schlägt selbst den Gong, hängt ihn an einen vernagelten Balken und entzündet einen neuen Zweipfennigräuber.

Da stehe ich jetzt und schaue mich um, und in mir ist eine unselige Fremdheit. Ich habe die Empfindung, ein Taucher zu sein, der in ein Medium hinabgetaucht ist, das mit flutenden Händen nach ihm greift. Ich sehe Gestalten vorbeihuschen; ein Mann mit einer Schirmmütze macht sich an einem elektrischen Schaltbrett zu schaffen; ich weiß dumpf, er zaubert Tag und Nacht und Dämmerung und Abendrot. Stimmen höre ich hinter Vorhängen und wüsten Leinwandfetzen. Gelächter, als ob unterirdisch Wasser rauschte. Hurrle's Säuferstimme.

Ich tappe auf Zehenspitzen eine schmutzige Treppe hinauf und bin beim Vorhangzieher; ich tappe zurück und steige über uraltes Kulissengerümpel; Fetzen geleimter Leinwand hängen da; rostige 198 Nägel und krumme Bohrer; die Holzrahmen sehen aus, als hätten sie die Würmer zerfressen.

Immerfort die Stimmen der Szene im Ohr, schleiche ich durch diese beinahe gespenstische Arena wie über ein Trümmerfeld.

Stichwort, denke ich verworren, mein Stichwort! Auftritt. Große Szene, Ruhm, Ehre, Beifall. Waschfrau im Theater. Zeitung, Kritik, Galle, Bosheit. Rollenjagd. Vor den Türen stehen. Hoffen, immer hoffen. Iffland, Kainz, Bassermann. Schon wieder die Schneiderrechnung. Budenmiete. Zwei Zentner Kohlen.

Stichwort, denke ich verworren, mein Stichwort! Was ist in mich gefahren? Ich stehe da und habe beide Arme hochgereckt; ein Krampf schüttelt mich. Ich wanke an die staubdurchsetzte Vorhangdraperie – ha ha ha, ein Loch! Ein Auge, ein Vorhangauge!

Nicht schreien, du störst die Vorstellung; der Intendant mit dem Zweipfennigräuber kommt und zerschmettert dich mit einem klassischen Zitat. Nicht schreien, sage ich! Ein Vorhangauge!

Ich schaue durch das Auge; meine Finger flattern, ich fühle Schmerz in den Haaren. Ich weiß nicht, was mich überfallen hat, der Himmel ist mein Zeuge, ich weiß es nicht! Glaubt nicht, daß ich mich zurücksehne in diese Scheinwelt; Gott bewahre, mir ist kein Stern aufgegangen am schönsten Theaterhimmel. Was sollte ich hier zwischen Schminke und Neid, zwischen Theaterdonner und Gagenvorschuß!

Ein Vorhangauge! Nur einen Blick hinaus, ein Seelendieb aus Scheinbezirken.

Schwarze Höhle; dämmerig bewegter Rachen; Schlund, aus dem die feuchten Dämpfe steigen. Düstere Galgenstätte.

Ganz vorn, vom Bühnenwiderschein getroffen, sehe ich Gesichter, ovale Gebilde, maskenhaft verzerrt, mit glimmenden Augen und falschem Licht im Haar.

Bettina! Bettina!! Bettina!!!

Schattenspiel der Zeit; Wiederkehr der Geschehnisse; Kreislauf. Wandelhorizont des Lebens. 199

Bettina! In der ersten Reihe; lachend, strahlend, mit den Haaren wie aus Korngarben.

Maske! Allerschönste Maske. Nein, keine Maske; Leben, das ich liebe. Ja, ich liebe dich über alle Maßen, ich liebe dich durch Himmel und Hölle hindurch. Immer hinter dir her wie ein Hund; nachwandernd deiner glitzernden Fährte; geschleppt und gezerrt an der unsichtbaren Leine. Ein Schatten auf deinem Lichterweg.

Fort von hier, ich muß schreien!

Hurrle's Stimme. Saufaus. Faß, Bütte, Schlauch, Witzrakete. Willst du das Zwerchfell der Toten wecken?!

Fort, sage ich, mir wollen Adern springen. Über Leinwandbäume und Netze, um die schauerlich bemalte Kulissenwand eines Gartenhauses herum, über Drähte und Schlangen und pechduftendes Lurchgetier hinweg. Die Herrengarderobe. Ho hoo, Kleider hängen zerknüllt an Nägeln, es riecht schlecht hier. Auf Holztischen lungern alte, fette, zusammengeflickte Schminkeköfferchen herum; Spiegelscherben schielen mich halb blind an; schminkebeschmierte Wischtücher duften mir entgegen.

Tief atmen, wenn es auch diese abscheuliche Luft ist. Tief atmen in dieser Kammer menschlicher Verwandlungen. Tief atmen in diesem Zauberkabinett. Einen Augenblick verweilen in diesem verwegenen Paradies.

Kann ich denn nicht widerstehen? Ein Spiegel hier und Schminkestifte. Her den Cochenillestift! Einmal mich wieder schminken und pudern. Mit dem Stift über die Lippen; die Augen rot umrändern; eine Säufernase zaubern.

Was tue ich denn; bin ich verrückt?

Da stehe ich, aufrecht wie ein junger Baum. Ganz stark fühle ich mich noch in diesem Augenblick. Dann wirft es mich auf die Bank, und ich stoße mit dem Kopf auf den klobigen Tisch. Es strömt aus meinen Augen, ich weiß nicht, was die Tränen sollen. Mein Körper ist ein zuckendes Bündel, nun ich hier liege zwischen den stinkenden Schminketöpfen und den armseligen Spiegelscherben. 200

Die Narrenzunft ist über dir, was heulst du denn?!

Ich erhebe mich und taumle aus den Höhlen; durch eine enge Hintertür entkomme ich. Spinnweb klebt in meinem Gesicht, Schimmelpilz von feuchter Wand hängt widerlich an meinen Händen.

Draußen kommt mit milder Geste die weite Sommernacht über mich. Ich stürme in diese Sommernacht hinein, mit vorgeschobenem Kopf und tränenverhängten Augen. Armselige Laternen brennen in Straßen und Gassen. Warum sind meine Schritte so laut und verräterisch?

Ich komme ins Freie und die Nacht schwingt über mir wie eine gewaltige Glocke. Die Sternenwiese ist aufgeblüht und ich sehe schwarze Wälderkulissen gegen den bestickten Himmel geschoben.

Die Landstraße wandere ich entlang, dem Gutshof zu. Eine unbeschreiblich wohltätige Kühle haucht über mich hinweg. Den Schilfleinenen habe ich an und keinen Hut auf dem Kopfe. Kornfelder, reif in den Halmen, tauchen wie wehende Tücher aus der matten Dämmerung.

Da liege ich am Rande eines Feldes und der Segen flutet über mich dahin. Die Halme rauschen und aus dem reifen Gespinst strömt eine Melodie aus Mohn und blauer Blume und nächtlicher Zykade.

Auf dem Rücken liege ich und das Licht der fernen Welten tropft auf mich nieder. Und mit den Händen fahre ich durch die Halme und mir ist, ich würde die Saiten einer Harfe schlagen. So formen sich die unersättlichen Akkorde meiner Sehnsucht und ich weiß, daß Gott mich wundersam verzaubert hat, und daß er mir eine Liebe schenkte, die ein Leben wert ist und eine lange Wanderschaft.

Schläge einer Kirchenuhr kommen wie unsichtbare Barken durch die Luft daher und segeln an mir vorüber den fernen Wäldern zu.

Ach, ich bin glücklich, daß ich lebe unter diesem wirren, reichen, 201 rätselhaften Sternenzelt. Ich bin glücklich, weil ich manchmal so gequält bin, und weil mir die Erde so nahe ist in diesen Stunden.

Wer will wissen, wie lange ich hier schon liege! Es ist ohne Bedeutung, und die Zeit hat ihr Recht verloren.

Ungeheure Scheinwerferaugen spalten gefräßig die blaue Nacht. Ein Auto jagt vorüber, o ich habe es deutlich gesehen. Bettina am Steuer. Bettina, ein leuchtendes Geschoß in meiner Sommernacht. Noch sehe ich das Licht wandern und sich suchend wenden. Fort. Viel Glück die helle Straße entlang.

Wieder glühende Lichter aus schwarzer Höhle. Zwei große Wagen in scharfem Tempo. Voran der Omnibus und hinterher der Kulissenwagen. Das Meerschweinchen. Vorbei. Mimen und Pferdestärke; Lorbeer und Benzingestank. Da fahren sie dahin und greifen nach des Himmels Sternen.

Hier liegt ein Bruder und kaut an einem Kornhalm; reibt die Körner aus der Ähre und zerbeißt die harten, schmalen Früchte.

Und zuletzt rumpelt ein Leiterwagen vorüber, mit zwei Oldenburgern bespannt. Der Leiterwagen ist gefüllt mit lachenden und johlenden Menschen.

Ein ganzer Wagen voll Seligkeit und Glück rumpelt vorüber. Oh, ich kenne euch alle, die ihr oben sitzt und rauh seid in euren Späßen.

Euch alle kenne ich, rumpelt nur hinein in das Allotria des Lebens. Meine guten Wünsche über euch! 202

 

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