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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Freinsheimer Musikantenbuckel

Die Affäre Zickomander ist aufs Beste zu Ende gebracht worden, und das ist gut so. Der sonderbare Herr aus dem Gasthaus zur Lilie, jener humorvolle Kauz mit dem Flaschengummi am Hemdenknopf, er hat hier beim Baron freimütig bekannt und die entwendete Wasserscheue wieder ausgeliefert; er hat auch das amerikanische Bärtchen entfernt und alle Verkleidung von sich abgelegt.

Der Herr Baron, weit davon entfernt, in dem kleinen Abenteuer ein Verbrechen zu erblicken, freute sich zuletzt noch über das lustige Diebesintermezzo und versprach Herrn Zickomander, er wolle mit ihm in Geschäftsverbindung bleiben.

Es gab im Laufe der artigen und angeregten Unterhaltung noch eine kleine Überraschung, als nämlich Herr Zickomander erklärte, er habe, trocken juristisch gesprochen, eigentlich keinen reinen Diebstahl begangen nach Paragraph soundsoviel; nein, er habe einen zwangsweisen Tausch vorgenommen und den entwendeten Wert ersetzt.

Wieso er ihn ersetzt habe, will der Baron wissen.

Ganz einfach: der Herr Baron möge nur im Album nachschauen, er werde unter den Südamerikanern eine sehr wertvolle Marke, ein sogenanntes Essay finden; diese Marke, die nach Michelkatalog sogar noch einen höheren Wert als die entwendete Wasserscheue repräsentiere, habe er, Zickomander, als Ersatz in das Album fachmännisch hineingeklebt.

Habt ihr's gehört, ein so gerissener Hund ist dieser Herr Zickomander, dieser Liebhaberdetektiv aus englischen Romanen, dieser Spezialist für Wasserscheue. Man muß ihn noch bewundern. Auch der Baron bewundert ihn und scheint rein den Narren an ihm gefressen zu haben. Soll man es denn glauben; er lädt den Dieb 162 am gleichen Abend noch zu einer kleinen Trinkerei im altdeutschen Zimmer ein und auch ich darf beim Zechen mithelfen und Kollege Hurrle wird gerufen. Wir hocken da, ein sauberes Kleeblatt, trinken Pfälzer Wein und müssen zu dreien dem Herrn Baron von dem grausigen Abenteuer im Gasthaus zur Lilie berichten. Wir stoßen an, der Herr mit den Knechten und mit seinem Dieb. Einen herrlichen Wein trinken wir und er hat obendrein noch den poetischen Namen Freinsheimer Musikantenbuckel. Der Dieb, der behauptet, eine Weinzunge zu haben, errät in der Tat den Jahrgang.

Man kann sich denken, wie Hurrle übertreibt; er lügt das Blaue vom Himmel herunter, ja, seine Unwahrheiten stinken dermaßen zum Firmament, daß selbst Herr Zickomander verstummt und sich lediglich Notizen macht.

Es ist wirklich eine angeregte Stunde und man begreift fast den Herrn Baron nicht, diesen großartigen Menschen, der da unter seinem Gesinde sitzt und mit seinem Einbrecher anstößt. Ein Weilchen noch und sie werden Schmollis trinken und er wird ihn zu neuen philatelistischen Diebstählen ermuntern.

»Fanatische Sammler,« weiß Hurrle, schon mit Dämpfen im Hirn, zu berichten, »fanatische Sammler scheuen vor Verbrechen nicht zurück. Mir fällt da beiläufig ein Wanzensammler ein –«

»Was? Wie?! Noch einmal!«

»Ein Wanzensammler sagte ich; bitte sich nicht zu kratzen. Es gibt in der Tat Wanzensammler, wenn sie auch nicht so epidemisch auftreten, wie die Briefmarkensammler. Lassen Sie sich erklären, daß es viele Tausend verschiedene Wanzen gibt, und daß eine komplette Sammlung zu den Seltenheiten zählt. Kurz, in Amerika hat sich ein Fall ereignet, daß ein solcher Wanzensammler eine alte Frau knebelte, weil er in ihren armseligen Räumen die Abart einer Hottentottenwanze vermutete. Er ging auf die Jagd und erlegte in der Tat die kostbare Rarität. Die alte Frau, mangels genügender Luftzufuhr, hatte inzwischen die irdischen Gefilde verlassen. Der Mann mußte, um einer Wanze willen, auf den 163 elektrischen Stuhl. Als man ihm einen letzten Wunsch gewährte, bat er, man möchte ihm den seltenen Hottentotten, dem er über vierzig Jahre nachgejagt habe, mit ins Grab geben.«

Jetzt ist es aber genug, Hurrle. Du wirst dir kaum einbilden, daß wir solchen Unsinn glauben. Es gibt Gelächter, jawohl, aber alles in allem ist dieses Flunkern kaum mehr auszuhalten.

Der Abend ist außerordentlich vergnügt. Acht leere Flaschen stehen schon auf dem Tisch. Ihr Inhalt bewirkt, daß dem Herrn Baron auch der Kamm schwillt; er gibt etwas zum besten. Ja, der Freinsheimer Musikantenbuckel hat eine sonderbare Wirkung und wo in aller Welt, so frage ich, setzt sich ein leibhaftiger Baron zu seinen Angestellten und zu seinem Privatverbrecher, entkorkt Weinflaschen und fängt auch noch an, eine kleine amüsante Galavorstellung zu geben? Er dreht jetzt eine Sache, über die wir dröhnend lachen, nämlich er knickt Zündhölzer, klemmt sie sich in die Augendeckel und fängt dann zu blinzen an, daß die Zündhölzer wie groteske Wimperhaare auf- und niederklappern. Er kann noch mehr; mit den Zähnen packt er ein gefülltes Weinglas, hebt es hoch, trinkt es leer und stellt es wieder auf den Tisch, ohne es mit den Händen berührt zu haben.

Das Gelächter wird wild und tobend. Der Baron köpft eine Flasche Musikantenbuckel und es gewinnt den Anschein, als wollte er redselig werden. Sätze, für sein Volk gemünzt, verursachen ihm anscheinend Beschwerden, er muß sie von sich geben.

»Meine lieben Angestellten,« sagte er und hat einen dünnen Schluckauf, »mein sehr verehrter Dieb! Glaubet nicht, daß ich hier den sogenannten Patriarchen markieren will; mit nichten, wenn wir hier einigen Flaschen Musikantenbuckel den Hals brechen, so nur deshalb, weil ich drei so sonderbare Hühner, wie ihr sie seid, kaum mehr unter einen gemeinsamen – hick! – Hut bringen werde, als da sind ein hochverehrter Dieb, der mir die Wasserscheuen stiehlt, ein vielgereister Bruder Walzerich, der meine Kühe mit Musikbegleitung melkt und nicht zuletzt ein Bierbrauer, mit dem zusammen ich die Absicht habe, mir eine Hausbrauerei für 164 Doppelexport Hell einzurichten. Wie? Was? Hab ich recht oder nicht?«

Natürlich hat er recht; aber die Brauerei sollte er aus dem Spiel lassen, er verdirbt mir damit noch den ganzen Abend; er ist aber rein versessen darauf, wo ich ihm erklären könnte, daß Bier die Quelle alles Übels ist und eine schlechte Leber macht. Mag er zum Teufel gehen mit seiner Brauerei.

Er geht aber nicht zum Teufel, nein, er nimmt das gefüllte Glas und geht zu Herrn Zickomander, der leicht schwankend ihm entgegensteuert.

»Herr Zickomander, nein, Herr Zickenmacher – – ho ho hei ha ha! – Herr Zickenmacher, zücken Sie das Glas und trinken Sie mit mir auf gute Geschäftsverbindung.«

»Mensch und Bruder,« erwidert der Dieb und ist besoffen, »dieser Wein ist keine Kiloware. Eintagsfliege, sage ich, Kanone, gewaschen und gebündelt; Kanone ist dieser Wein, ohne Wasserzeichen, auf Ehre und Gewissen, ohne Wasserzeichen! Ein Salonstück mit Gefälligkeitsstempel. Prosit, alter Satzjäger!«

Wir heben die Gläser; mir ist ein wenig verschwommen vor den Augen, den Baron sehe ich plötzlich zweimal, aber nun ich das gefüllte Glas hebe, denke ich still für mich: du mußt auf Fräulein Bettina trinken, auf ihr Wohl und ihre Gesundheit, auf ihr langes Leben und auf alles Glück der Welt. Der Wein hat mich melancholisch gemacht und während ich jetzt das Glas leere auf Fräulein Bettina, fällt mir die Porzellanbrigitte ein, da schließe ich auch sie noch ein in meine versoffenen Wünsche.

»Sind wir nicht verzaubert,« sage ich und merke, wie der Tisch anfängt, sich zu drehen. »Habe ich nicht immer gesagt, daß wir verzaubert sind und auf der andern Seite des Lebens wandeln?«

»Was schwätzt denn der für Unsinn!« stößt der Baron hervor und schaut mich mit einem mitleidsvollen Blick an.

Hurrle wischt sich Schweiß von der Stirn. »Der Wein,« meint er, »schlägt ihm aufs Gemüt. Er ist eine Gänseblümchennatur.«

Der Baron hat aus einem dunklen Winkel eine Gitarre 165 hervorgeholt. Er steht da wie ein Troubadour, stellt den einen Fuß auf die Holzbank und legt los. Der Gesang, ein wenig rauh und verschleimt vom Wein, randaliert durch den kleinen Raum. Er singt ein Landsknechtslied, daß die Fensterscheiben zittern.

Es geht ein Butzemann im Reich herum
Didum, didum; bidi bidi bumm!
Der Kaiser schlägt die Trumm
Mit Händen und mit Füßen,
Mit Säbeln und mit Spießen!
Didum! Didum! Didum!

Zuletzt singen wir alle mit, ungeordnet und falsch und schreckhaft unmusikalisch, aber was schadet's in solchen Stunden. Kommt es auf die musikalische Reinheit, kommt es auf eine Interpretation an, die fachmännischer Kritik standhält? Nein, darauf kommt es keineswegs an, vielmehr auf die Stimmung der seltenen Stunde, auf die einmalige Atmosphäre, von der umnebelt der Herr Baron Maximilian von Bernau, mein jetziger Brotherr, auf den Schwerverbrecher zugeht und unter rührendem Schluckauf berichtet:

»Mein lieber Dieb für den Hausgebrauch, nimm zum ewigen Angedenken und als sichtbares gezähntes Postwertzeichen meiner Verehrung die Wasserscheue, für die du mir zuerst brieflich sechs zahnlose Westindier geboten hast und die du dann, als ich die Westindier ausschlug, auf kriminellem Wege dir zu eigen gemacht hattest. Nimm sie hin, sie sei dein Eigen, ich schenke sie dir!«

Zieht die Brieftasche hervor und überreicht Herrn Zickomander das kostbare Objekt. Herr Zickomander, unter dem Diktat des Musikantenbuckels stehend, ergreift sie mit zitternden Händen, Rührung überkommt ihn mächtig, seine Mundwinkel zucken und nun, während er dem Baron zutrinkt und Wein auf seine Weste fließt, werden ihm die Augen naß. Das sind die Tränen des Herrn Zickomander, des Mannes mit den zwei sonderbaren Steckenpferden; seht nur, sie rinnen über die bacchantisch geröteten 166 Wangen und versickern irgendwo zwischen Krawatte und Stärkekragen.

Es ist ein stimmungsvoller Augenblick.

»Luft!« ruft der Baron, »Luft!« denn es ist ein furchtbarer Qualm im Zimmer. Er öffnet das altdeutsche Butzenscheibenfenster und siehe da, draußen in der klaren Nacht steht die Fränz, das unruhige Tier mit dem nassen Mund und den verlorenen Augen.

Ja, sie steht draußen und der Baron schaut sie eine Weile an und mir ist, als wäre ein Sausen und Brausen in der Luft.

»Was will die Dame?« ruft Hurrle und wankt zum Fenster. »Ach, jetzt wäre es an der Zeit, daß ich euch den Junker Tobias hinlegte, den unsterblichen Junker Tobias.«

»Welchen Tobias denn?« fragt der Baron.

Ich fahre auf Hurrle zu; der Mensch ist imstande und plaudert aus der Schule; verrät, daß wir zwei abgewrackte Mimen sind, denen der Direktor mit der Gage durch die Lappen ist.

»Willst du das Maul halten!«

Aber der Baron hat den Faden schon wieder verloren; übrigens schaut er zum Fenster hinaus; möglich, daß er nach den Sternen Ausschau hält oder die Windrichtung kontrolliert.

Die Fränz geht über den Hof. Sie ist ein Schatten, ein rufender, werbender Schatten.

Ein Gespenst ist sie und ich bin sicher, sie hätte gespenstische Lust, dem Herrn Baron die Schwalbennester zu zeigen.

»Ich muß mal nachschauen,« sagt er, »warum sich das Weibsstück da in der Nacht noch auf dem Hof herumtreibt. Ja, ja, man muß seine Augen überall haben, ho ho hei ha ha!!«

Und mit festen Schritten, jeder Zoll ein Gutsherr, geht er hinaus ins Freie. 167

 

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