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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Hexenmeister in Bedrängnis

Ich glaube, das wird ein verrückter Abend. Wir hocken nach dem Abendessen in der Gesindestube, Knechte und Mägde und überhaupt das ganze Gesinde. Es ist eine prachtvolle Luft hier, das darf man mir getrost glauben; eine Mischung von Pfeifenqualm und Arbeitskleidern, von Stallatmosphäre und Ackerschweiß. Nicht jeder Raum hat solche Luft aufzuweisen; ich werde an die Holzfällerhütte im Wald erinnert und darum bin ich auch so froh gestimmt; jawohl, ich bin guter Dinge, wie noch nie und muß sagen, daß der liebe Gott das Leben herrlich eingerichtet hat. Nicht etwa, daß an meiner frohen Laune gewisse Bücherschränke schuld wären oder Schillers gesammelte Werke; gefehlt, ich bin schließlich ein Mann, der nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen ist und den ein kleines Erlebnis nicht gleich aus allen Fugen reißt. Da kann ich für mich einstehen, da fehlt nichts. Mein Ehrenwort!

Ich sage, das wird ein verrückter Abend. Paßt auf, gar nicht ausgeschlossen, daß ich mit meinem Kreidepünktchen glänzen kann. Sie hocken auf den Bänken herum, lümmeln sich auf den langen Tisch mit ihren haarigen Armen und das Weibervolk schürt das Feuer bei diesen Arbeitern und Burschen, bei diesen derben, gesunden, nervenlosen Menschen, die auf den Pfeifen herumbeißen und schwarzen Tabak kauen.

Hurrle, Hugo Hurrle, ist mitten unter ihnen, und es ist keiner, der gegen ihn aufkommen kann; er ist Mittelpunkt und verrückter Pol, um den eine laute, lustige Geselligkeit kreist. Ich bitte die Welt, wer wollte gegen Hurrle angehen, gegen das alte Rampenschwein, gegen den ausgekochten, abgebrühten Kulissenfetzen, der mit hundert tollen Einfällen wie mit nassen Handtüchern um sich wirft und dieser grobgehauenen, unverfälschten Gemeinde seine Lügen und Späße zum besten gibt.

141 Schaut ihn euch bitte an, wie er dort am Tisch sitzt und wie ein Magnet alle Aufmerksamkeit bannt; wie er dort sitzt und Falten ins Komödiantengesicht zieht; wie er dort sitzt mit dem Schilfleinenen und faule Raketen verpufft.

Oh, über diesen ewigen Bajazzo!

Warum lachen sie denn so; warum kreischen sie nur wie besessen und spucken Kurven?

Ich wette, daß er ein Erlebnis erzählt. Natürlich erzählt er eine Geschichte, alle guten Geister sollen mich bewahren vor diesem Leim, auf den sie kriechen.

»Wenn ich hier auf dem Tisch noch die Eierschalen liegen sehe,« redet er und ist aufgebläht, »dann fällt mir eine berühmte Eiergeschichte ein, die damals alle Zoologen und Biologen beschäftigte, was ihr mir auf Ehre glauben dürft.«

»Eiergeschichte, ho ho, was denn, wo denn?« rufen sie und das Weibervolk kreischt schon wieder hinaus.

»Eier, ha ha, Eier!«

»Ihr Weiber,« ruft Hurrle, »gackert schon wieder los, als ob ihr selbst welche im Hintern hättet. Hört erst mal zu, vielleicht kommen euch nachher die Tränen.«

»Der Hahn legt krumme Eier.« Das sagt eine junge, blonde Arbeiterin, ein prächtiges Stück Leben mit einem großen, nassen Mund und einem strahlenden Gebiß.

»In Indochina, das ist dort, wo die Hühner eigentlich herkommen, hat einmal ein Huhn Eier gelegt und sie anschließend, wie sich das für ein Huhn gehört, ausgebrütet. Was glaubt ihr, es sind junge Enten ausgeschlupft.«

Sie lachen schon wieder los und rufen Schwindel und Hokuspokus.

»Verwechslung der Eier war nicht möglich; die Gelehrten haben sich die Köpfe zerbrochen. Da kam's heraus. Was meint ihr?«

»Daß du ein Lügengespenst bist.«

»Nein, aber es hat sich herausgestellt, daß dieses Huhn, das die Eier ausbrütete, selbst von einer Ente ausgebrütet worden war.«

142 »Was war? Wer war?«

»Von einer Ente ausgebrütet!« schreit Hurrle in den Trubel hinein. »Wenn Enten Hühnereier ausbrüten, dann kommen Hühner raus, aber wenn diese Hühner wieder legen, dann legen sie Enteneier!«

Jetzt wollen sie über ihn herfallen. Die Blonde zeigt das Gebiß und kneift die Augen zusammen. Ich sehe es, sie hat den Satan im Leib, oh, sie kann einem Mann den Kopf verdrehen. Setzt sie sich jetzt nicht auf den Tisch und stellt die Füße auf die Bank? Doch, das tut sie; und ein junger Kerl kommt an ihre Seite und schaut sie wohlgefällig an. Es sind noch zwei Mädchen da, und diese sind eifersüchtig auf die Blonde; Unheil brütet in ihren Augen.

»Mit den Enteneiern, das ist Quatsch,« sagt ein baumlanger Kerl und setzt die Bierflasche an den Hals. »Meinst du nicht auch, hee, du Neuer dort?«

Mit dem Neuen meint er mich. Sie werden auf mich aufmerksam; Köpfe drehen sich nach mir und Redensarten fallen. Einen feinen Anzug hätte ich da gefaßt, und wie man gehört habe, sei ich mit einem Hund angekommen, so einer sei ich; alle Hochachtung.

»Laßt mir diesen,« ruft Hurrle, »er ist mein besonderer Freund; ich bin mit ihm durch die Steppen gewandert, wo die Eselswürste auf den Bäumen wachsen. Außerdem ist er ein Elementenfärber, den Hut ab vor ihm. Prost Fabian.«

Seht, auch er hängt die Flasche an den Hals; das tun alle hier, und im Walde bei den Holzfällern war es nicht anders.

»Egal,« knarrt der Lange, »aber das mit den Enteneiern ist ein ausgekochter Schwindel!«

Nun startet Hurrle von neuem und wird nach seiner Art ein wenig gespreizt.

»Was hinwiederum verstehst denn du lange Makkaroni von indischem Federvieh? Warum übrigens bist du so lang; ich wette, du kannst aus dem Dachkandel saufen.«

143 Geschrei und Gelächter; Lärm und Trampeln.

»Ohoo!« Er rückt heran, er bläst sich auf. »Ohoo!« brummt er, und das Hemd spannt sich vor seiner Brust.

Hurrle, o weh, steigt auf die Bank.

»Wollte fragen, was du vom indischen Federvieh verstehst? Warst du in Indien? Antwort!«

»Nein, aber ich kann – –«

»Nebensache, was du kannst! In Indien warst du nicht, das steht fest. Ich will dir etwas ganz anderes sagen. In diesen Ländern ist es außerordentlich heiß; wenn du morgens säst, kannst du abends die Radieschen essen. Und gerade was das Huhn betrifft, hat sich da eine kuriose Sache ereignet. Ein Huhn fraß etwas zuviel Weizen; es konnte nicht schnell genug verdauen. Ein Weizenkorn blieb unverdaut im Darm stecken und fing sofort zu keimen an. Ihr mögt es glauben oder nicht, dem Huhn wuchs ein Weizenhalm zur hinteren Öffnung hinaus und –« Er kann nicht weiterreden; denn es fällt wie Unwetter über ihn her. Die Wände zittern. Das Bier gluckert durch Kehlen. Adamsäpfel hüpfen. »– – und da, – – und weil –« stößt er trompetenartig in das Chaos hinein, »und weil dieser Halm auf natürlichstem Wege gedüngt wurde, schoß er so üppig ins Kraut, daß es eine wahre Pracht war und das Huhn sich einbildete, ein Pfau zu sein.«

Steht mir bei, dieser Unsinn! Ein Glück, daß einer zur Ziehharmonika greift; daß er die alte Quetschkommode nimmt und einen Gassenhauer aus den Pfeifen jagt. Wer ist denn dieser komische Kerl? Dürr und alt und mit Zahnlücken; mit einem nassen Scheitel. Mir scheint, seine Augen stehen schief und er hat, wie man sagt, einen Zwiebelkopf. Aber er handwerkt das Maurerklavier, daß es eine Pracht ist. Es lohnt sich, ihn anzuschauen; wie er dasitzt, den Riemen über der Schulter und den Rücken gekrümmt. Der Kopf, lauernd in den Hals gedrückt, dreht sich vogelartig, und was da auf den Tasten sich bewegt, das sind keine Finger; ich sage euch, es sind Klauen, herrliche Klauen.

144 Er hat den Spitznamen Trarabumm.

Übrigens spielt er jetzt ein Volkslied und einige singen mit.

»Du bist wirklich ein Feiner.«

Aha, die Blonde mit den Raubtierzähnen.

Ich wende mich um; da steht sie wirklich an meiner Seite und tut wie eine blonde Carmen.

»Ja, dich meine ich: kommst mit einem Hund daher. Ha ha!«

»Den habe ich gefunden.«

»Wie ein Gänseblümchen; gelt.«

Sie rückt mir auf den Leib und schaut mich herausfordernd an; macht ein paar Drehungen in den Hüften und bläst sich eine Haarsträhne aus der appetitlichen Fratze. Franziska heißt sie, aber sie sagen Fränz zu ihr.

»Warum kümmerst du dich um meinen Hund?«

»Feine Gewächse, he he; werden von der gnädigen Baronesse im Auto gebracht. Schläfst du in den Gasträumen?«

Nehmt euch in acht vor der Fränz; sie reitet auf dem Besen.

Na ja, das Lied ist doch zu Ende gegangen, und es macht sich eine lärmende Behaglichkeit breit. Die Luft ist zum Schneiden; ganze Schwaden steigen zur Decke und bilden dort einen förmlichen Wolkenhimmel. Hier sitzen derbe Menschen und freuen sich; Menschen mit ausgezeichneten Nerven sitzen hier und beweisen. daß sie am Leben sind, daß sie geniale Teile sind dieser unheimlich gespenstischen Welt.

Nehmt nur einmal die Fränz; sie muß immer in der Stube herumschleichen und die Männer aufstacheln; ihre gesunde Sinnlichkeit trägt sie gefährlich unverhüllt spazieren.

Hurrle fällt plötzlich etwas ein. Er kommt auf mich zu und fordert mich auf, das Kunststück mit dem Kreidepünktchen zu machen. Nein, ich will es nicht machen, es ist vielleicht jetzt nicht die rechte Zeit. Aber Hurrle, begierig, hinter das Geheimnis zu kommen, läßt nicht locker. Ich weiß, die Geschichte quält ihn, er grübelt darüber nach und findet die Lösung nicht. Vielleicht wird er heute Nacht wach im Bett liegen und nach der Erklärung fahnden.

145 »Freunde,« ruft er, »dieser da, der ansonsten Gerstensaft braut, hat ein prima Zauberstück auf der Walze. Er soll uns das hier vormachen, wir haben ein Recht darauf.«

Sie gröhlen ihre Zustimmung und stoßen mit den Bierflaschen nach mir.

»Hexenmeister bist du auch?« Das ist schon wieder die Fränz. »Hast die Baronesse auch verhext, hä, du Strauchdieb!«

Mit den Nägeln von Daumen und Mittelfinger zwickt sie mich bösartig in den Arm. Zum Teufel mit ihr, sie macht mich noch ganz verrückt.

»Schieß los, ich zeige dir dann auch hinterm Haus die Schwalbennester.«

Was zeigt sie mir? Die Schwalbennester? Ha ha, habt ihr gehört, diese wache Kreatur auf dem Sprung, dieses Mädel, das nach Stroh riecht und einen nassen Mund hat, will mir die Schwalbennester zeigen.

»Du sollst deine Glühbirne nicht unter einen Scheffel stellen.«

Hurrle drängt weiter, und jetzt kommt auch der Trarabumm und wackelt mit dem Kopf; dazu dudelt er mir ein paar Quetschtöne ins Ohr.

Ich denke mir, ich will sie noch auf der Lauer halten, sie werden dann recht versessen auf meinen Hexentrick. Oh, wie froh bin ich, daß der Alte im Wald sich breitschlagen ließ und mir das Geheimnis anvertraute; daß er die Lösung eintauschte gegen zwei Mark und ein simples Kartenkunststück.

Wie stehe ich jetzt da; ein Illusionist bin ich und einer, den sie umringen und auf dessen Schwefeldämpfe sie warten. Ha ha, so einer bin ich, und wenn sie erst wüßten, was ich erlebt habe oben bei den Klassikern, beim Möbelrücken. Still, mein Herz, still!

Der Lange, der aus dem Dachkandel saufen kann, will auch glänzen; weiß Gott, auch er ist ein Auserwählter, auch er ist ein Besonderer, dem der Himmel herrliche Gaben verliehen hat und der sein Häuflein Stolz auszupacken beginnt.

Sie lassen ihn aber nicht zu Wort kommen.

146 Er tritt wieder ab und tut wie einer, der eine große politische Rede gehalten hat. Das ungelegte Ei stimmt ihn weich und beinahe melancholisch. Er wird gerührt über sich selbst und schielt nach der Fränz, so, als habe er nun auch ein Anrecht darauf, daß sie ihm die Schwalbennester zeige hinter der Scheune.

»Das Kreidepünktchen!« rufen sie, und einer faßt mich am Halskragen.

Was ist denn mit einem Male in mich gefahren? Wie ist das nur zu erklären? Ist es nicht ganz unheimlich, was sich in mir innerhalb weniger Sekunden abspielt? Nämlich folgendes: während ich schon in die Tasche nach der Kreide greife, während die lärmende Schar mich umringt, ist mir plötzlich, als ob eine unsichtbare, unwiderstehliche Kraft mich magisch nach der Tür zöge. Ich kann gar nicht anders, nein, ich eile blitzschnell an die Tür und öffne sie weit.

Draußen, tief erschrocken, steht der Chauffeur mit der Lederjacke. Man kann ihn kaum sehen, denn er steht im Dunkeln.

»Mein Herr,« sage ich, »warum kommen Sie nicht herein? Warum schleichen Sie herum und horchen an Schlüssellöchern? Hee?!«

Gestalten drängen sich zur Tür.

»Was ist denn los?«

»Ein Mann spioniert,« sage ich ganz ruhig und gehe auf den Flur hinaus.

Der Chauffeur kommt nicht etwa herein; das tut er nicht, denn er hat ein schlechtes Gewissen. Er wendet sich dem Ausgang zu und will verschwinden. Er soll nicht meinen, daß ich mich vor ihm fürchte; da muß ich lachen, ich könnte ihm von einem gewissen Gasthaus zur Lilie erzählen, wo sich ganz andere Dinge ereigneten.

»Jawohl,« rufe ich ihm nach. »Sie scheinen mir, mein Herr, irgend etwas im Schilde zu führen. Nicht von der Hand zu weisen, daß auch Sie ein politischer Verbrecher sind, nein, ich halte es durchaus für möglich.« Und folge ihm bis ans Tor; rufe noch hinter ihm drein.

147 »Nehmen Sie sich in acht, denn wir entlarven Dunkelmänner. Vielleicht ist Ihnen ein Herr mit Namen Zickomander bekannt; dieser Herr ist mein Freund, und es ist gar nicht ausgeschlossen, daß ich ihn antelephoniere und auf Ihre Spur hetze.«

Der Mann bleibt mitten im Hof stehen, wendet sich im Dämmerlicht nach mir um und legt den Zeigefinger an die Stirn, eine Geste, die zweifellos ausdrücken soll, daß er mich für verrückt hält.

In der Stube drängen sie, daß ich meine Leuchtfontäne abbrenne. Ich will nun gewiß nicht den Drückeberger spielen, gehe also ein wenig martialisch zum Tisch und gebärde mich wie ein Nachkomme des großen Bellachini.

»Was habe ich in der Hand?« frage ich und halte die Kreide hoch, streife auch noch die Rockärmel hinauf, wie dies Zauberkünstler mit Vorliebe tun.

»Kreide!« rufen sie und lachen schon. »Ein Stück Kreide!«

»Rock ausziehen!« befiehlt der Lange und macht ein Gesicht, als ob er furchtbar auf Entlarvung aus wäre. Meinetwegen, ich ziehe auch noch den Rock aus und kremple die Hemdärmel hoch. Dabei kratze ich mich am Kopf und ziehe ein schiefes Gesicht, als fürchte ich einen Fehlschlag.

»Aha! Wie wird dir?« Wieder der Lange; er schiebt sich vor, er stößt die andern beiseite.

»Hier ist die Kreide, und hier sind meine beiden Hände.«

Ich strecke ihnen allen der Reihe nach die flachen Hände hin. So, jetzt mache ich das Kreidepünktchen auf den Tisch.

Ich stelle mich in Positur; nochmal zeige ich beide Hände vor und dann – krach! – haue ich mit der Rechten auf den Tisch, während die Linke flach unter die Tischplatte geschoben ist.

Bitte; ich ziehe die Hand vor; da ist das Pünktchen auf der flachen Hand. Ha ha ha, ist da das Pünktchen oder ist es nicht da?

Sie staunen und gaffen; keiner kann es begreifen. Der Lange macht auch ein Pünktchen, haut drauf und wird ausgelacht.

Ich sage nichts mehr, wie sollte ich auch; ich ziehe meinen Rock an und schiebe mein Kreidestückchen wieder in die Tasche. Sie 148 wollen natürlich wissen, wie man das macht; sie drängen mich und schinden mich, aber wie sollte ich mein Geheimnis preisgeben, fällt mir doch nicht ein.

Der Trarabumm feixt und macht ein schlaues Gesicht, als ob er's wüßte; er schleicht durch die Stube, hockt sich hinten auf die Bank und orgelt auf der Quetschkommode.

Aber Hurrle, Hugo Hurrle, Charakterkomiker! Sehe ich recht, er hat einen roten Fleck auf der Backe; er ist also in Erregung, er grübelt und kommt zu keinem Erfolg. Er ist wütend.

»Noch einmal!« brüllt er und trinkt die Flasche leer.

Gut, ich will es noch ein einziges Mal machen. Wieder sind sie um mich versammelt, und während ich zaubre, merke ich nur undeutlich, wie sich ihre Gesichter verändern; wie sie plötzlich etwas auseinanderrücken und strengere Mienen annehmen. Ich bin aber so beim »Arbeiten«, daß ich mir nichts draus mache.

»Bitte!« sage ich und halte die flache Hand hin.

Da merke ich die Veränderung in den Gesichtern und wende mich um. Die Baronesse, Fräulein Bettina, steht hinter mir. Ich fühle deutlich, wie mir das Blut in den Adern zurückströmt, fast bin ich ein wenig schwindelig.

»Bitte um Entschuldigung,« sage ich bedrückt und so, als ob ich eine Schuld auf mich geladen hätte.

»Ein Tausendsassa, gelt? Hab ich recht?«

»O nein, gewiß nicht!«

Wie stehe ich da! Alle schauen mich an und lachen. Die Fränz äugt wie ein Raubvogel. Nackt stehe ich da und aller Augen sind auf mich gerichtet. Und das Fräulein Bettina scheint mir schlechter Laune zu sein; sie ist nicht freundlich zu mir. Ihre Stimme ist so, als wollte sie mich demütigen.

»Wie macht man denn das?«

Ich gebe vorerst keine Antwort, weil ich Hoffnung habe, es möchte sich alles zum besten für mich wenden.

»Ich will wissen, wie man das macht! Haben Sie mich denn nicht verstanden?«

149 »Doch, gnädiges Fräulein. Es ist nichts, wirklich nichts. Es ist nur ein einfältig Zauberspiel, ein Hexenstück, man soll weiter nicht drüber reden.«

Hurrle, der abgefeimte Bruder in Apoll, steht schon hoch in Bereitschaft. Jetzt kommt es heraus, denkt er, jetzt kann er sich nicht mehr weigern; in einer Minute werde ich des Rätsels Lösung wissen.

Fräulein Bettina läßt nicht locker; sie will die Lösung wissen. So, da zapple ich an der Angel; all mein Nimbus schwindet dahin. Noch einmal versuche ich einen Haken zu schlagen, um auszukommen.

»Mein gnädiges Fräulein,« sage ich und blase mich etwas auf, »ich kann Ihnen viel schönere, viel imposantere Hexenstücke vormachen. Wenn vielleicht jemand ein Kartenspiel – –«

»Nichts da, Kartenspiel! Die Sache mit der Kreide will ich wissen!«

»Jawohl!« fällt Hurrle ein und sekundiert mit Macht, »wir alle wollen's wissen; aber er ist boshaft, der Brauereidirektor, und sagt es nicht.«

»Ich habe es, Verzeihung, einem Kameraden in die Hand hinein versprochen; mein Wort habe ich gegeben, es nicht zu verraten!«

Hat sie mich nicht schon wieder bei den Haaren gefaßt? Das tut auch noch weh, und jetzt komme ich mir wirklich recht gedemütigt vor, weil die andern schallend lachen.

Ganz zerknirscht beschließe ich zu kapitulieren. Bettina will es so.

»So muß ich denn mein Wort brechen,« seufze ich und ziehe die Kreide vor.

Blitzdonner, wie sie jetzt die Mäuler aufsperren, Hurrle vorn dran. Wie sie jetzt gaffen und nicht warten können, bis ich den Vorhang vom Geheimnis ziehe.

»Sehen Sie her, es ist ganz einfach. Man nimmt die Kreide und macht ein Pünktchen auf die Tischplatte; doch muß man –«

150 In diesem Augenblick fliegt ein Stein gegen das Fenster. Die Scheibe zersplittert mit Getöse. Ein kleiner Aufruhr entsteht.

»Was ist denn los?«

Sie stürzen ins Freie. Wie kommt jemand dazu, einen Stein in die Fensterscheibe zu werfen?

Auch Fräulein Bettina eilt hinaus. Man hört Rufen und Schreien. Sicher nur ein Zufall, denke ich.

Hurrle und ich bleiben allein im Zimmer zurück. Er steht vor mir und ist gefüllt mit Wut.

»Ich bin gerettet, Hurrle!«

Er sagt nichts. Kein Wort sagt Hurrle. Mächtig kaut er und spuckt braunen Saft von sich.

»Der Trick ist doch wirklich einfach, Hugo; hab' ich recht oder nicht?«

Er geht. Wuchtig trottet er hinaus und pfeift.

Ich gehe hinterher und pfeife auch. La Paloma pfeife ich. Niemand soll mir's verwehren. 151

 

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