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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Klassische Szene

Ich habe auch einen Anzug aus Schilfleinen bekommen, er ist genau so schön und grün wie der Anzug Hurrles und hat auch solche Taschen mit Geweihknöpfen.

Ich sehe gut aus in dem Anzug und sauber; wirklich, ich kann mich sehen lassen; jeder darf mich anschauen, und ich habe nicht nötig, beiseite zu stehen.

Ach, Fräulein Bettina will mir nicht aus dem Sinn. Ich Tor muß immerfort an sie denken; wie nur ein einzelner Mensch uns so in Atem halten kann.

Vor einer Stunde ist der Herr Baron mit dem Auto fortgefahren. Fräulein Bettina war nicht bei ihm; wer weiß, wo sie ist. Der Himmel weiß es, ich weiß es nicht. Ich habe noch einen schweren Gang gehabt. Mit meinem frischen Schilfleinenanzug bin ich zu ihm ans Auto getreten und habe den lustigen Strohhut vom Kopf genommen.

»Was ist denn los, Braumeister?«

»Herr Baron, ich habe nicht den Mut, es zu sagen.«

»Feiglinge kann ich keine brauchen. Heraus damit! Was hast du?«

»Einen Hund.«

»Was hast du?«

»Einen Hund, Herr Baron. Sie dürfen mir glauben, es ist ein guter und schöner und echter Hund. Ein teurer Hund, kann man sagen.«

Habe ich mir's nicht gedacht, er lacht schon wieder; sein ho ho hei ha ha lacht er. Und kriegt Falten in die Nase. Ich aber schaue aus den Augenecken den Chauffeur an und habe das Gefühl, daß er sein Gesicht vor mir verbirgt. Zum Teufel, was ist mit dem Menschen?

127 »Einen Hund hast du?« meint der Baron. »Woher hast du einen Hund?«

»Er ist mir zugelaufen, Herr Baron. Nachts im Walde bin ich aufgewacht, da stand er an meiner Seite. Er ist mit mir gewandert die ganzen Wochen.«

»Was für einer ist es denn?«

»Ein Drahthaarvorsteher, Herr Baron.«

»Donnerwetter; laß ihn mal antreten.«

»Sofort, Herr Baron, sofort. Er ist oben auf meiner Kammer.«

Ich hole Lohengrin.

Ja, da steht er jetzt und ist ein wenig ruppig und struppig und seine Augen tränen.

Der Baron schaut ihn genau an und schaut dann mich an.

»Was hast du gesagt, daß er ist?«

»Ein Drahthaarvorsteher, Herr Baron.«

»So. Ich sage dir, es ist eine Ziege.«

»Eine Ziege?!«

»Jawohl, eine Ziege. Wie lange hat er nichts zwischen die Kiefern bekommen?«

»Er ist ein wenig mager, in der Tat. Aber ich habe mein Essen immer mit ihm geteilt. Fett ist er nicht; nein, wenn ich ihn so anschaue, er ist wirklich nicht fett.«

»Und jetzt, was soll geschehen mit ihm?«

Der Chauffeur hüstelt und hat Unruhe im Leib; er schaut nach der Uhr und tut, als ob man Eile hätte und gut daran täte, abzufahren.

»Wenn es, Herr Baron, möglich wäre, ihn hier zu lassen auf dem Hof.«

»Meinetwegen! Bestelle, daß er zu Senta in den Zwinger kommt; er ist eine Rüde, die beiden werden sich gut anfreunden. Hat er viel Flöhe?«

»Auf Ehre, nicht einen einzigen.«

Ausgerechnet jetzt sitzt er auf dem Hinterteil und kratzt drauf los, daß die Borsten fliegen.

128 »Das glaubt dir kein Hutmacher. Wie heißt er?«

»Lohengrin.«

»Ho ho hei ha ha! Felix, ab mit Gas! Ab, sonst bringt er noch den Schwan.«

Da braust er durch die Toreinfahrt. Noch einmal schaut er sich um und hat den breiten Mund zum Lachen weit geöffnet.

»Siehst du,« sage ich zu Lohengrin, »solch ein Mann ist der Herr Baron Maximilian von Bernau. Kann auf einer Flasche stehen und mit rohen Eiern jonglieren; und hat jetzt angeordnet, daß du hierbleiben darfst.«

Lohengrin zittert mit dem Stummel und krümmt den Leib. Ich bekenne nunmehr freimütig, daß er wirklich nicht fett ist; wenn ich es vordem einmal behauptet haben sollte, dann habe ich übertrieben. Warum es noch länger verheimlichen?

Er kommt also in den Zwinger zu der Braut des fliegenden Holländers, und ich glaube, das Wagnerduett wird sich recht gut ausnehmen. Senta ist bedeutend besser im Fleisch, aber ich bin gewiß, daß der Gralsritter ihr nacheifern wird.

Ich arbeite also den ganzen Tag auf dem Gutshof und habe Gelegenheit, nach den Fenstern hinaufzuspähen, von Hoffnung erfüllt, es könnte sich dort hinter den Vorhängen einmal regen. Aber nein, es regt sich nichts; Gott weiß, Fräulein Bettina hat mich gewiß schon längst vergessen.

Mittags habe ich eine halbe Stunde Zeit, in meine Kammer zu gehen. Ich ordne meine Lumpen und den Bunzlauer Teller stelle ich auf die Kommode; da steht er jetzt und leuchtet in seinen herrlichen Farben. Auch der Spruch leuchtet, ja, er dünkt mich viel heller als sonst.

Ich denke ein wenig über meinen Schwindel nach, daß ich nämlich als Fabian Flox hier herumlaufe. Und wie wird es mir ergehen, wenn der Baron meiner Bierbrauerei auf den Zahn fühlt. Da werde ich wohl mein Bündel wieder schnüren und die Ritterstiefel anziehen müssen.

129 Im Gutshaus wird ein Fenster geöffnet; dort steht jemand und schaut in den blauen Himmel.

Ich bin nicht etwa aufgeregt, Gott bewahre. Ich bin ganz und gar nicht aufgeregt. Ist bin ein Knecht hier und sonst nichts; wie dürfte ich aus der Fassung kommen, wenn drüben im Herrenhaus ein Mädchen, ein Fräulein, eine Baronesse mit strohgelben Haaren am offenen Fenster steht! Es wäre rein zum Lachen. Und wenn ich ein wenig zittere, so ist es von der neuartigen Arbeit, die ich noch nicht gewohnt bin. Ich habe zum Beispiel an der Häckselmaschine gedreht, das strengt an und man kriegt im Anfang das Zittern; es sind die Muskeln, die zittern; es ist nicht etwa Aufregung. Wer glaubt, daß es Aufregung sei, irrt sich. Übrigens zittere ich schon gar nicht mehr; vielmehr bin ich ruhig, daß ich eine Nähnadel einfädeln könnte. Gebt mir ruhig eine Nähnadel!

Ich gehe an die Arbeit; was soll mir Fräulein Bettina, ich will mich wirklich nicht mehr um sie kümmern. In die Scheune gehe ich und schneide Futterrüben; hier ist niemand um mich, nur die Hühner gackern. Ich kann ungestört meinen wilden Gedanken nachhängen. Ist es nicht ein Elend, wohin man schaut, sind Geheimnisse, überall lauern mysteriöse Dinge und man kann nicht mal eine Woche ruhig leben. Da läuft dieser Mensch mit der Lederjacke herum und tut diabolisch; hat ein auffallendes Benehmen und verbirgt sich vor mir, als ob ich ein Detektiv, als ob ich ein Herr Zickomander wäre. Ich bin kein Detektiv, der Himmel soll mich bewahren davor. Übrigens fällt mir ein: das wäre wirklich eine Sache für Herrn Zickomander; da könnte er wieder ankommen mit seiner Schläue und irgend etwas entlarven. Bei Gott, wenn ich wüßte, wo er zu finden ist, ich würde ihn auf diese Spur hetzen. Der Chauffeur hat ein schlechtes Gewissen; er führt etwas im Schilde. Nicht ausgeschlossen, daß er Fräulein Bettina entführen will! Hoppla, ein Gedanke! Das wäre durchaus möglich, Fräulein Bettina ist ein Mädchen, das zu entführen sich prachtvoll lohnen würde. Ich will ein scharfes und wachsames Auge haben, 130 auch wenn ich nur Futterrüben schnitzle und alte Winterkartoffeln auslese.

Ich säble grimmig drauflos und pfeife dazu; es arbeitet sich gut, wenn man pfeift. Es ist vielleicht noch nicht bekannt, daß ich Triller pfeifen kann, richtige Triller und auch Läufe wie bei einer Harfe. Ja, das kann ich; ich will mich hier nicht rühmen, aber schon mancher hat es versucht und nicht fertig gebracht.

Es fällt plötzlich helles Licht in die Scheune, so, als ob jemand die alte Holztüre geöffnet hätte. Ich pfeife und schnitzle weiter.

Fräulein Bettina kommt in die Scheune.

Da steht sie jetzt vor mir und riecht schon wieder nach Kölnischem Wasser; und hat ein betörendes schwarz- und grüngewürfeltes Kleid an; die Hände auf dem Rücken, schaut sie mir zu und lacht.

»Warum pfeifen Sie denn nicht weiter?«

»Habe ich gepfiffen? Ich weiß wirklich nicht, mein gnädiges Fräulein, ob ich gerade gepfiffen habe.«

»Na, Sie haben doch die ganze Zeit gepfiffen. Mau kann Sie ja draußen auf dem Hof hören.«

»Kann man das? Ich wußte es nicht, Fräulein Bettina. Sie sehen, ich bin beim Rübenschnitzeln; es ist nichts für junge Damen, es ist eine Arbeit für Knechte und Landarbeiter.«

»Na ja, das sind Sie doch!«

»In der Tat, ich bin es; und ich bin es gerne.«

Man muß nur sehen, wie ich drauflos schnitzle, als ob ich einen Rübenrekord aufstellen wollte.

»Sie schauen heute ganz anders aus.«

»Stimmt, ich habe auch einen neuen Anzug an, einen guten Anzug aus Schilfleinen. Ich will ihn abverdienen. Mein Freund, welcher Hurrle heißt und schon in allen Ländern der Welt war, hat infolge seiner musikalischen Kuhidee den Anzug gratis und franko erhalten.«

Jetzt muß Fräulein Bettina laut lachen. Ach Gott, kriegt sie nicht Falten in die Nase? Wie der Papa?

131 »Was für eine Idee?«

»Eine Kuhidee; ein neuer Melkeinfall; eine Art Milchgewinnung mit Orchesterbegleitung; eine tönende Leistungssteigerung.«

Gott, welches Glück: sie schüttelt sich vor Lachen; die Haare fliegen nur so.

»Nein, was für ein komischer Kerl Sie sind.«

»Wieso komisch?«

»Sie sind wirklich komisch. Wenn ich nur dahinter käme, wo ich Sie schon gesehen habe.«

»Man sieht manchmal jemand ähnlich, Fräulein Bettina. Auch Sie sehen jemand ähnlich, es ist verblüffend, ganz unglaublich verblüffend.«

»Haben Sie denn nicht auch eine Kuhidee?« sagt sie und muß wieder hell und klingend lachen. Ach, wie dieses Lachen alle Räume füllt; wie es hinauf bis in die höchste Scheunenziegel dringt, wo das Heu liegt und die Spinnen ihre Netze spannen. Ich sehe dieses lachende, fröhliche Gesicht, jedes Nasenfältchen begeistert mich; ich weiß, daß ich verloren und gefangen bin. Wer so lacht, dem kann man nicht mehr entrinnen, den muß man lieben, auch wenn es nur ganz in verborgen tiefer Brust ist und in den einsamsten Träumen.

Den Hanswursten will ich für sie machen in allen Tonarten, nur um dieses Lachen zu hören.

»Nein,« sage ich, »leider habe ich keine Kuhidee. Ich muß wohl doch ein Ochse sein!« Und mache ein furchtbar trauriges Gesicht.

Das ist kein Lachen mehr; es sind Ketten mit Perlen, die da aus ihrem Munde kommen.

»Kommen Sie übrigens mal mit,« sagt sie plötzlich ohne jede Überleitung. »Sie sollen mir helfen, Möbel rücken.«

Ich werfe das Rübenmesser fort und tappe höchst verblüfft hinter Fräulein Bettina her.

Möbel rücken in Fräulein Bettinas Zimmer! Du lieber Gott, wie wird mir ums Herz! Möbel rücken in Fräulein Bettinas Zimmer.

132 Ich stolpere über eine Treppe und dann, wie hineingezaubert befinde ich mich in einem Zimmer, worin feine alte Möbel stehen und Teppiche liegen und Bilder hängen. Es ist Tatsache geworden, ich weile mitten in Fräulein Bettinas Zimmer; kein anderes Zimmer kann es sein, denn es duftet nach ihr; Wände, Möbel, Vorhänge und Bilder, alles duftet nach ihr. Wenn sie jetzt mit ihrem Kölnischen Wasser kommt, dann vermag ich keine Hand mehr zu rühren.

»Passen Sie mal auf,« sagt Bettina, und deutet auf ein Möbelstück, »der kleine Bücherschrank soll aus dieser Ecke in diese Ecke und dafür soll der Sessel an den Platz, wo jetzt der Bücherschrank steht.«

»Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet.«

»Ich muß manchmal bissel rücken. Das habe ich von meiner Mutter geerbt; mein Vater hat mir erzählt, daß sie im Haus auch andauernd umgezogen ist.«

»Ein Glück ist das,« beeile ich mich zu sagen, »ein Segen geradezu. Ich rücke außerordentlich gerne Möbel.«

Es ist wahr, was ich sage; ich könnte Zeit meines Lebens hier Möbel rücken.

Und stürme auf den Bücherschrank zu. Er ist aber schwerer, als ich dachte und ich muß ihn erst ausräumen. Viele schöne Bücher sind im Schrank, prachtvolle Bücher; man sieht ihnen an, daß sie gelesen wurden, denn alle Rücken sind schief, wie das bei gelesenen Büchern der Fall ist.

Ich beeile mich gar nicht; nein, ich ziehe die Minuten wie Gummischlangen; wer weiß, wann ich wieder hier Möbel rücken darf.

»Ein herrliches Zimmer,« sage ich und will nur immer loben. »Ein Zimmer, daß man an eine Kirche denken muß.«

Da steht sie ganz nahe bei mir und hilft Bücher stapeln; sie steht so nahe, daß wir uns mehr als einmal berühren. Ich will gewiß nicht prahlen, aber wir berühren uns manchmal so nahe, daß mir ein Schauder über die Haut läuft.

133 »Gut,« sage ich, »daß so viele Bücher geschrieben werden; niemand soll darüber schimpfen.«

Sie hält inne und schaut mich an; ihre Blicke treffen mich wie brennende Garben, ich weiß keinen Ausweg mehr vor diesen Blicken. Sie sagt dann: »Warum reden Sie nur immer so tolles Zeug?«

Ich wende den Kopf und weiß im Augenblick keine Antwort; ich kann ihr auch nicht in die Augen sehen, nein, ich starre auf das Kleid mit den grünen und schwarzen Vierecken. Die Vierecke wachsen mir entgegen; mir ist, als hörte ich im Ohr ein feines Sausen, und Singen, wie man es manchmal aus elektrischen Bogenlampen heraus hört.

Sie hat mich, weiß Gott, wieder in den Haaren gepackt.

»Warten Sie; ich gehe hinunter, ein Staubtuch holen.«

Sie geht und ich sehe, wie ihre Augen flackern und wie ihre linke Wange leicht gerötet ist. Ganz fremd scheint mir ihr Gang; federnd und stürmend nach vorn geneigt.

Sie ist fort. Die Tür ist geschlossen.

Ich stehe allein im Zimmer. Möglich, daß ich in der nächsten Sekunde wach werde. Torheit, ich träume ja nicht; ein Unding zu glauben, daß ich träume. Beim Möbelrücken bin ich, staple Bücher auf und halte zum Beispiel hier ein großes, feines und gewiß sehr teures Lederalbum in Händen. Es wird nichts verschlagen, wenn ich das Album einmal öffne und hineinschaue; man hat ja keine allzugroßen Geheimnisse in solchen Lederalben. Sagte ich's nicht, es sind nur Photographien, meistens Postkarten, einige mit Unterschriften und andere mit kleinen Versen geschmückt.

Wer alles sind denn diese Menschen? Das sind ja, weiß der Himmel, nur Schauspieler und Schauspielerinnen; auch Heldentenöre und Bässe und korpulente Sopranvertreterinnen; in ihren Masken und Kostümen und mit wichtigen Photographengesichtern. Kurz: ein Lederalbum, angefüllt mit Komödiantenpack.

Teufel, da ist Hurrle! Richtig, da steckt auch er im Album und feixt vergilbt. Hurrle als »Schmock« in den Journalisten. Ich 134 will ihm das sofort heute abend erzählen, er wird die Hände überm Kopf zusammenschlagen.

Da bin ich! Da stecke ich!! Kein Irrtum möglich: da steckt, in Postkartengröße aus Bromsilber der Schauspieler Stephan von der Wieden und macht ein Gesicht, als ob vieles in der Welt von seinem glorreichen Vorhandensein abhinge. Mortimer bin ich, kein anderer als Mortimer. Neben mir steckt eine Dame, von der eine Unterschrift behauptet, sie sei die Venus im Tannhäuser. Ich will es gerne glauben.

Ich atme auf und schaue an meinem Schilfleinenanzug herunter; betrachte die Hände, die noch schmutzig und rissig sind von Rübenschnitzeln. Jetzt endlich kommt es heraus; ich bin ein berühmter Mann; ich bin Sammelobjekt; in einem kostbaren Lederalbum werde ich zusammen mit Heldentenören und Primadonnen der Nachwelt überliefert!

Wieso denn, bitte? Mein Name ist Fabian Flox, ich bin meines Zeichens Bierbrauer, sonst nichts, sonst gar nichts. Wie kann ich mir einbilden, ein Künstler zu sein, da meine ganze Kunst nur darin besteht, daß ich Triller pfeifen kann und mit Hilfe eines Kreidestückchens eine artige Hexerei vorzuführen vermag.

Ich starre ein wenig benommen in das Album, da kommt Fräulein Bettina zurück und wedelt mit dem Staubtuch.

»Haben Sie spioniert?« Sie greift zum Album.

»Wie sollte ich, Fräulein Bettina. Ich habe nur einmal flüchtig in das Album hineingeguckt. Schöne Menschen sind drinnen, lauter feine und hochberühmte Menschen; da ist unsereiner weit davon entfernt.«

»Das sind lauter Komödianten. Ich sammle sie; etwas muß jeder Mensch sammeln und so sammle ich mir die Darsteller aus den Stücken, die ich gesehen habe.«

»Großartig, wirklich ganz großartig.«

O weh, sie blättert in dem Album; Seite für Seite blättert sie um; da kommt Hurrle, der Vergilbte und jetzt kommt der 135 großartige Bromsilber-Mortimer. Gut, daß Bettina nicht sieht, wie ich zittre und wie mir das Blut ins Gesicht schießt.

»Meistens sind das recht läppische Menschen,« sagt sie ein wenig schnippisch, »und obendrein noch eitel wie die Pfauen.«

»Aufs Haar! Wie sie sagen und nicht anders.«

Gott sei Dank, das Album liegt wieder auf dem Tisch. Ich wünschte, sie würde es nie mehr öffnen.

Sie schaut mich wieder an und ich glaube, es liegt ein sonderbarer Schein über ihren Augen.

»Manchmal haben wir auch im nahen Städtchen Theater. Da kommt eine Landesbühne; die reisen mit Autos im Land umher und spielen in Sälen und Turnhallen.«

»Das wird mir ein rechtes Meerschweinchen sein.«

»Meerschweinchen?«

»Na ja, zu umherwandernden Theatern sagt man doch Meerschweinchen. Das ist Bühnenjargon.«

»Woher wissen Sie denn das?«

Ich werde wieder verlegen und fange nun aber endlich an, am Bücherschrank zu rücken. Eine Kleinigkeit ist es, den Schrank in die andere Ecke zu bringen; ein Kinderspiel geradezu für einen Mann, der im Walde Buchen gefällt hat.

Da steht er schon am neuen Platz, der Schrank; ich muß sagen, er nimmt sich gut hier aus.

»Ich will jetzt die Bücher wieder hineinsetzen,« sage ich und greife nach Gottfried Kellers Werken. Fräulein Bettina aber will es anders. Ich soll ihr die Bücher zutragen und sie will sie selbst in den Schrank setzen. Meinetwegen.

»Hier habe ich also den Klopstock.«

Ich stehe vor ihr am Bücherschrank und will ihr den Klopstock reichen. Da schaut sie mich wieder an und schon wieder ist ein Schleier vor ihren Augen.

»Woher Sie das wissen?«

»Was denn, Fräulein Bettina?«

»Das mit dem Meerschweinchen.«

136 »Du lieber Gott, das habe ich auf der Walze mal gehört. Ich bin mal mit einem engagementlosen Komödianten getippelt, wahrhaftiger Gott, Sie dürfen es glauben. Er war ein Charakterkomiker. Nehmen Sie bitte den Klopstock!«

Sie nimmt jetzt den Klopstock und ich mache mich an den Friedrich Schiller heran.

»Schillers sämtliche Werke, wenn ich bitten darf.«

Ich kann nichts dafür, daß mir ein Buch fällt von Schiller; der erste Band mit den Gedichten, mit den Phantasien an Laura und mit der Kindesmörderin.

»Du bist ein Tollpatsch!«

Mit den Augen krallt sie nach mir.

»Das bin ich wirklich, Sie sollten mich hinausstäuben. Am Buch ist nichts passiert. Sehen Sie selbst her! Die Laura ist heil und der Ibykus und der König mit dem Ring im Fischbauch.«

»Was habe ich gesagt, daß du bist?« zischt sie und stößt die Bücher in den Schrank.

Ich schweige, aber das Blut in mir rauscht; Ströme sind in meinem Körper, die unterirdisch schäumend einem Ozean zujagen.

»Bist du stumm?«

»Gewiß nicht, Fräulein Bettina. Das Buch ist wirklich heil. Unversehrt ist die Laura samt Kindesmörderin.«

Ihre Arme baumeln, sie schüttelt den Kopf wie ein junges Pferd.

»Du bist doch ein Mann, oder nicht?«

»Ich habe mir's immer eingebildet.«

»Und ein Mann kann doch den Mund halten, gelt? Ein Mann ist doch keine Waschfrau?!«

»Nein, ein Mann ist keine Waschfrau. Schande über den Mann, der eine Waschfrau ist!«

Bettina blickt mit lauerndem Eifer nach Tür und Fenster, wie um sich zu überzeugen, daß kein Lauscher oder heimlicher Zuschauer in der Nähe sei.

Dann schlingt sie, der ich gerade Hölderlin zustrebe, beide Arme 137 um mich und küßt mich auf den Mund; und kommt über mich wie ein Sturmwind.

»Bettina!« stöhne ich wie von Sinnen und nehme sie in die Arme und drücke und presse sie. »Bettina!«

Wir küssen uns wieder und wieder; ich bin dem Schrank zugekehrt und sehe Schillers sämtliche Werke stehen.

Da stehen sie, denke ich blitzhaft verschwommen, da stehen sie, die gesammelten Werke und an mir schlagen die Flammen hoch. Ich verbrenne bei lebendigem Leib und dort lungert der Schiller herum.

Bettina steht mitten im Zimmer mit verwilderten Haaren; das grün und schwarz gewürfelte Kleid ist verschoben. Seitwärts hat sie die Arme halb erhoben und die ganze Gestalt will nach rückwärts umsinken; ich muß es sagen, sie ist ein herrliches, unvergleichlich schönes Tier, ein wildes Geschöpf der Welt mit dem streifenden Blut der Jugend. So steht sie da, eine brennende Garbe, eine lebendige Fackel Gottes; sie sucht nach einem Entschluß, ringt mit einer formlosen Flut von Gedanken. Ich selbst weiß nichts zu beginnen; gegen den Schrank bin ich gelehnt und fühle immer noch die Segnung ihrer Lippen und die Gnade ihrer Umarmung. Und zaghaft trete ich vor und schwätze Unsinn.

»Fräulein Bettina, in die oberste Reihe sollten wir Goethes vierzigbändige Ausgabe – –«

Ich habe nicht nötig, weiterzureden; nein, es erübrigt sich, noch weiter mit den Klassikern sich zu beschäftigen. Bettina hält beide Hände wie in Abwehr vor das Gesicht.

»Gehen Sie hinaus!« stößt sie heiser hervor; »sofort gehen Sie aus dem Zimmer!!«

»Es sind noch viele Bände!«

»Gehen Sie!!«

Sie schreit mich an; sie wirft mich hinaus; seht nur, zur Tür geht sie und öffnet. Und jagt mich von dannen.

»Ich kann meine Bücher allein ordnen. Was versteht denn ein Vagabund von Büchern.«

138 Noch einmal will ich stehen bleiben und etwas beginnen, mich rechtfertigen, weil sie jetzt das mit dem Vagabunden gesagt hat.

Sinnlos, die Tür ist hinter mir schon geschlossen.

Vollkommen betrunken bin ich, als ich jetzt über die Treppe hinunterstolpere. Unter der Tür, die in den Hof führt, bleibe ich noch einmal stehen; ich halte mich am Pfosten und bin vornübergeneigt; und sehe meinen Schilfleinenanzug mit den Geweihknöpfen.

Es ist ein schöner Anzug, und wenn ich eine Kuhidee hätte, dann wäre er mein Eigentum. Vielleicht kommt mir ein guter Gedanke; wer weiß, ob mir nicht doch etwas einfällt. Man muß darüber nachdenken.

Nie hat mein Herz so geklopft; wie eine Kolbenmaschine schlägt es in der Brust. Oh, wie mein Herz schlägt!

Ich will über den Hof in die Scheune gehen, da kommt es mit Stampfen und Schreien durch das große Tor. Es sind die Leute vom Feld; sie kommen mit hochbeladenen Erntewagen hereingebraust.

»Wüa!« brüllt es, »wüa!« Die Peitschen knallen; und die Pferde, Schaum vor den Mäulern und auf den Trensen kauend, trampeln wie ein Unwetter herein. Hochgetürmt ist die gelbe Frucht der Felder; Halme fallen zu Boden, es rauscht im reifen Korn und Weizen.

Der Teufel, da kommt auch Hurrle. Da marschiert er wie ein Gott unter dem Volk. Sehe ich denn recht: er hat eine Sense auf der Schulter; auf dem Strohhut baumeln Kornblumen.

»Da bist du ja,« sagt er und ich sehe, daß Lehm und Erde an den Stiefeln kleben.

»Ja, da bin ich. Donnerwetter, das sind schöne Pferde.«

»Mein Lieber, das sind Oldenburger; aber das verstehst du nicht. Sie sind gut, leider im Blut ein wenig phlegmatisch.«

»Phlegmatisch sagst du?«

»Nicht anders. Du hast natürlich keinen Pferdeverstand. Ein großartiges Halbblut. Ich will sie auffrischen.«

»Auffrischen willst du sie?!«

139 »Bei Gott, ja. Ich habe mit dem Herrn Baron schon geredet. Weißt du, da müßte Mustangblut dazwischen kommen.«

»Jawohl, Mustangblut. Ganz recht.«

»Ganz recht? Schwafle doch nicht. Der Baron ist nicht abgeneigt, zu Kreuzungszwecken zwei Mustanghengste kommen zu lassen. Ich habe da eine gute Adresse.«

»Eine Mustangadresse?«

»Freilich! Du hast am Ende vergessen, daß ich lange in Südamerika war. Ich werfe dir heute noch das Lasso, daß dir die Augen tränen.«

»Du kannst und weißt eben alles.«

»Was hast denn du den Tag über gearbeitet?«

»Oh, danke; ich habe Kartoffeln ausgelesen und Rüben geschnitzelt.«

»Sonst nichts?«

»Doch, ich war dann noch beim Möbelrücken. Weißt du, einen Bücherschrank haben wir von einer Ecke in die andere gestellt.«

»So! Bei wem denn?«

»Wenn du es wissen willst: bei der Baronesse, bei Fräulein Bettina.«

Sein Lachen ist viele Ohrfeigen wert. 140

 

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