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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Glück ist wie im Sturm das Laub

Zick, die Zykade. Zack, der Bauchredner. Vorbei! Ich lache in den heraufdämmernden Abend hinein. Alle Schwermut ist von mir gewichen; ich bin so heiter und zufrieden, wie nur ein wandernder Galgenvogel sein kann. Nicht mehr lange, und ich werde die Wälder hinter mir haben; der wogende Halm und das blühende Gras, sie werden mir die Straße säumen.

Morgen oder übermorgen werde ich bei Hurrle sein. Bei des Teufels Flammenspiel, ich will ihn zum Staunen bringen.

Schon öffnet sich der Wald wie ein Tor; aus der kühlen Dämmerung läuft die Straße hinaus in die dampfende Ebene.

»Guten Abend, Herr Straßenwart.«

Da steht nämlich ein Straßenwart und hackt Unkraut von der Bordschwelle. Am Kilometerstein 17 lehnt sein Fahrrad. Er hat ein Messingschild an der Mütze.

»Fabian Flox ist mein Name, wenn's erlaubt ist. Sie werden's nicht glauben, aber wenn ich Bottiche hätte und Töpfe und Hopfen und Malz und ein kleines Sudhaus, ich wollte uns ein Bier brauen, daß der Schaum spritzt.«

»Elementenfärber?«

»Stimmt, Elementenfärber.«

»Stellungslos, arbeitslos? Kann mir's denken.«

»Erraten. Die Menschheit scheint mir in der Tat ein wenig bierscheu geworden zu sein. Ich will zur Erntearbeit.«

»Da gibt es jetzt zu tun. Das Korn wird geschnitten und gedroschen. Es wird Euch nicht an Arbeitsgelegenheit fehlen.«

»Gewiß sind schon alle Sensen wach und die Dreschmaschinen surren?«

»Wenn's Abend ist, werdet Ihr keine Kegeln mehr aufsetzen.«

101 »Glaubs, glaubs. Wenn ich da hinunterschaue, da steht ja Kornfeld an Kornfeld.«

»Ist auch Weizen dabei und Gerste.«

»Du lieber Gott, das sind gewiß Millionen Halme. Verteufelt, wer die zählen müßte.«

»Die meisten Felder hier gehören zu einem Gut. Zum Gut Bernau.«

»Was Ihr nicht sagt. Und wem gehört das stattliche Besitztum?«

»Dem Herrn Baron.«

»Ohoo! Einem Baron also?«

»Ja, dem Herrn Baron Alexander von Bernau.«

»Wie interessant. Das ist sicher ein bedeutender und hochgeachteter Mann?«

»Weiß Gott, ja. Ich könnt Euch stundenlang von ihm erzählen.«

»Das könnte mir wohl recht sein, einmal etwas von einem echten Baron zu hören.«

»Das sind Euch ganz besondere Heilige; anders wie wir armen Luder.«

»Ja, ja, ein Baron, der hat so seine eigene Art zu leben.«

»Dieser ganz besonders. Wißt, er ist ein rechtschaffener Mann, wirklich, ein Mann, der es gut meint mit den Leuten, die bei ihm arbeiten.«

»So so; das ist schön zu hören.«

»Nur, daß er bissel eifrig hinter den Schürzen her ist.«

»Ha ha, ich verstehe.«

»Er hat eine Vorliebe für hübsche Bauernmädel und Schnitterinnen. Na ja, ein jeder hat halt seine Eigenarten. Wenn Ihr's wissen wollt: man sagt ihm nach, es spazierten so mancherlei Menschenkinder in der Weltgeschichte herum, die ihm verdächtig ähnlich sehen.«

»Kurios, was Ihr sagt. Da hat also der Baron viel Nachkommen, die nun wiederum das Land bevölkern?«

102 »Ich hab's vom Hörensagen. Aber er ist ein Mensch, bei dem es die Angestellten gut haben, das muß man nicht vergessen.«

»Und seine Frau? Er wird doch gewiß eine Frau Baronin haben?«

»Hat er gehabt. Sie war die schönste Frau im Lande, und man hat sie den blonden Teufel genannt.«

»Den blonden Teufel?«

»Sie hat ganz helles, weizengelbes Haar gehabt.«

»Strohgelbes Haar etwa? Ach Gott, wie mich das berührt.«

»Jawohl, so war sie. Im Herrenhaus, da hängen viele Bilder an den Wänden; auf den Bildern könnt Ihr die Baronin sehen. Ich war schon dort, und ich sage Euch, sie schaut aus, ich weiß nicht wie. Sie ist schon lange tot.«

»Ach Gott.«

»Ja, sie ist vor – warte mal – vor elf Jahren vom Pferd gestürzt und hat sich das Rückgrat gebrochen. Die ist Euch geritten wie der Teufel. Ich kann mich noch deutlich erinnern, wie sie über die Felder galoppierte und in den Wald hinein.«

»Und strohgelb war sie, sagt Ihr? Wie merkwürdig, nein, wie merkwürdig! Der Herr Baron ist am Ende noch gar nicht alt?«

»Bewahre, der ist so an die fünfundvierzig, und wenn Ihr ihn seht, könnt Ihr staunen. Der trägt Euch einen Doppelzentner auf den Schultern und tut, als ob's ein Sack mit Gänseflaum wäre.«

»He, he, man macht sich ganz andere Vorstellungen von den Baronen. Ich heiße mal nur Fabian Flox und bin ein Elementenfärber.«

»Ihr solltet hingehen und bei ihm Erntearbeit nehmen.«

»Potzdonner, das ist kein schlechter Gedanke.«

»Wenn Ihr hinunter bis ins übernächste Dorf tippelt, dort steht das Gutshaus mit Ställen und Scheunen. Dort könnt Ihr bestimmt unterkommen und Arbeit finden.«

»Vielen Dank, Herr Straßenwart, vielen Dank. Da will ich also weitertippeln.«

Ich bin im Begriff, dem Herrn Straßenwart noch etwas 103 Wichtiges zu sagen, da höre ich ein Auto hupen. Es kommt auch schon oben aus dem Walde und rast die Windungen der Landstraße herunter. Teufel, wie der Staub aufwolkt!

Da kommt es. Broooo! orgelt die Hupe.

Es gespenstert vorüber. Am Steuer sitzt – – –!

So also ist es, wenn einem das Herz stille steht. Ich habe das vordem nie gewußt. Jetzt aber weiß ich genau, wie es ist, wenn einem das Herz stille steht.

Schon ist der Wagen vorübergebraust. Ich sehe noch flatternde Haare. Gelb wie Stroh sind diese Haare.

Am Steuer, Freund, am Steuer sitzt – –!

Um mich ist Nebel; nein, es ist Milch. Eine weiße, flutende Fläche ist es. Und jetzt schlägt das Herz gegen die Rippen, ein Hammerwerk tobt in meiner Brust.

Jemand ruft nach mir; ich wende mich um.

Der Straßenwart.

»Habt Ihr das Fräulein gesehen?«

Ich kann nicht einmal Antwort geben; törichte Frage; wie sollte ich sie nicht gesehen haben!

»Das war die junge Baronesse.«

Ich wanke zurück zu dem Mann, der da am Straßengraben hackt.

»Wer, bitte, war das?«

»Das war Fräulein Bettina von Bernau.«

»Ihr flunkert, Mann. Oh, seid mir nicht böse; Ihr flunkert!«

Ich muß wie ein Narr aussehen; wie einer, der gestört ist; denn der Straßenwart schaut mich fast erschrocken an.

»Ich sag's Euch, sie ist die Tochter vom Herrn Baron. Ich kenne sie gut.«

Ich kann nichts mehr sagen, nein, ich bringe kein Wort heraus, so geht mir alles durcheinander.

»Die Pappeln hier,« sage ich, »haben großen Wert. Man kann gute Kochlöffel aus ihnen schnitzen. Ja, ja, das kann man.«

»Mit Euren Kochlöffeln! Die macht man aus Kastanienholz. 104 Aber ich sage Euch, das Fräulein Bettina hat den Teufel im Leib.«

»Wen hat sie im Leib?«

»Den Satan!«

»Ach so! Ich muß jetzt gehen, Herr Straßenwart. Es hält mich nicht länger hier. Nehmt mir's nicht übel.«

Ich stapfe davon; Lohengrin zottelt hart an meiner Seite. Wir lassen beide die Köpfe hängen und stolpern in die Schleier des Abends hinein. Die Straße senkt sich immer noch in anmutigen Windungen in die Ebene hinab. Wer weiß, wie lange wir schon tippeln. Dunkelheit, die von Osten kommt, überholt uns. Es ist eine schöne, gute und prachtvolle Straße; es muß sich gut fahren auf solcher Straße mit einem glitzernden Auto.

Meinetwegen! Ich habe ja kein Auto; ich habe Lohengrin und ein schweres, unruhiges Herz. Ich baumle in der Weltordnung herum, und mir fällt das Lied ein, das der Mann mit dem Hufeisenmagneten gesungen hat. Die Arie des Bauchredners kommt mir in den Sinn. Wie war doch die Melodie?

Glück ist wie im Sturm das Laub;
Fliegt herbei und fliegt davon;
Wirbelt Gold und wirbelt Staub;
Greif nur zu, du packst es schon!

Singen kann ich nicht; nein, mein Kehlkopf ist nicht sonderlich begnadet. Ich singe wie eine rostige Gießkanne. Ich täte besser, aufzuhören; schließlich falle ich noch unangenehm auf und belästige meine Nebenmenschen.

Der Kilian Baudendistel konnte recht artig singen. Besonders die letzte Strophe des närrischen Liedes hat er beinahe ergreifend gesungen. Ich will es noch einmal versuchen.

Die Welt ist groß mit ihrer Ferne,
Die Welt ist klein, man glaubt es kaum.
Das Glück ist nah und weit wie Sterne.
Ach, alles Glück ist nur ein Traum.

105 Lohengrin knurrt. Warum knurrt er denn? Ich weiß schon, ihn stört meine Tenorarie. Meine musikalische Begabung ist ihm lästig.

Nein, er knurrt weiter, und im Nacken stellen sich die Haare. Da hält ja ein Auto an der Straße; das hätte ich fast übersehen. Ein schönes, glitzerndes Auto, das mir recht gut bekannt ist. Einen Augenblick wird es mir schwarz vor den Augen. Aber ich habe keine Furcht; niemand soll einen Feigling in mir sehen; ich gehe dem Teufel vor die Schmiede, wenn es drauf ankommt.

Ihr könnt mich beobachten, wie ich geradewegs auf das Auto zugehe, den Hut vom Kopfe nehme und zu dem Fräulein mit den strohgelben Haaren sage: »Wäre es erlaubt, gnädiges Fräulein, Ihnen behilflich sein zu dürfen? Sicher ist etwas gebrochen oder gerissen oder geplatzt. Ich will gerne mit allen Kräften –«

Sie schaut mich nämlich jetzt an, und mir läuft es wie Ameisen über die Haut. Ich war so mutig mit dem Reden, und nun verschlägt es mir wieder die Sprache. Eine Sekunde lang meine ich, es ist die Porzellanbrigitte.

Das Fräulein ist dabei, ein neues Rad aufzuziehen.

»Ich habe einen Plattfuß,« sagt sie und zeigt mir schwarze, ölbeschmutzte Hände. Und gelbe Strähnen hängen ins Gesicht.

»Welch ein Glück,« fährt es mir heraus, und jetzt zieht sie die Brauen zusammen.

»Sie können hier mal helfen, die Schrauben einziehen.«

Sie gibt mir einen Steckschlüssel, und nun knie ich an ihrer Seite und orgle die Schraubenmuttern aufs Gewinde.

O Himmel, da knie ich an ihrer Seite. Fünf Hände breit bin ich von ihr entfernt; bequem könnte ich in ihre Haare fassen; ich rieche sie, so nahe ist sie. Wieviel Schrauben sind es denn? Oh, wären es tausend Schrauben, und alle würden sich sträuben, auf daß ich lange orgeln müßte; und jeder Schraube wünsche ich tausend Gewindegänge.

»Wer sind Sie denn?«

106 »Fabian Flox, mein Fräulein; Fabian Flox mein Name; ein wandernder Geselle.«

Eindringlich ruhen ihre Blicke auf mir; ich senke den Kopf und schraube und schraube. Das Ereignis vorm Theater rast an mir vorüber. Der Silberling. Teufel, wenn sie mich erkennen, wenn sie nach dem Silberling fragen würde!

»Fabian Flox?!« sagt sie und tut ein wenig erstaunt. »Der Name ist mir so bekannt.«

»O nein; gewiß nicht. Ein ganz unscheinbarer Name. Mir ist er gar nicht bekannt, durchaus nicht bekannt.«

»Fabian Flox?!« Eine Weile steht sie aufrecht und sinnt über den Namen nach.

»Wieviel Schrauben sind es denn, mein Fräulein? Sind nicht noch ein paar Schrauben da? Haben wir bestimmt keine vergessen?«

»Fertig!« Sie schüttelt den Staub aus ihrem Mantel und streckt die schmutzigen Hände mit gespreizten Fingern von sich.

»Ich will Wasser holen zum Waschen,« beeile ich mich zu sagen, »wenn mich nicht alles täuscht, ist ein kleiner Bach in der Nähe.«

»I wo!« Sie hantiert im Wagen herum und bringt eine Flasche zum Vorschein. Gießt sich die Flüssigkeit über die Hände und reibt und wäscht. Ich rieche es: Kölnisches Wasser; ringsum verbreitet sich der herrliche Duft; das ganze Land riecht nach Kölnischem Wasser, in einer Wolke von Wohlgeruch schwimmen wir.

Sie ist fertig und spritzt mit der Flasche nach mir; es trifft mich ins Gesicht, auf die Kleider, auf den Hut. Auch Lohengrin bekommt sein Teil ab.

»Ha ha ha!« lache ich, »ha ha ha haaa!«

Da spritzt sie noch einmal und muß nun selbst lachen. Was muß ich sehen: auch sie kriegt beim Lachen allerliebste Falten in die Nase!!

»Es ist schon dunkel,« meint sie, »ich muß Licht machen.« Sie 107 dreht vorn am Schaltbrett an einem Hebel, und schon strahlen die Scheinwerferaugen in die verschwimmende Landschaft.

Jetzt fährt sie davon, denke ich, und dann bist du wieder allein mit deinem Hund Lohengrin.

Aber nein, ich habe einen großartigen Tag: sie fährt nicht davon.

»Kommen Sie,« sagt sie zu mir, »weil Sie mir so nett geholfen haben, wollen wir zusammen eine Zigarette rauchen.«

Ich lüge nicht, wenn ich sage, daß wir uns jetzt in den feinen, ledergepolsterten Wagen setzen; ich schwindle nicht, wenn ich erzähle, daß sie mir eine Zigarette gibt und daß wir bald darauf Seite an Seite sitzen und drauf los qualmen.

»Da sitzen wir jetzt,« sagt sie und stößt Dampfstrahlen durch die Nase.

»Ja, da sitzen wir. Es ist ein lustiges Qualmen.«

Es stellt sich heraus, daß sie von der Jagdhütte ihres Vaters kommt. Die Hütte steht tief im Walde und der Vater geht auf den Bock.

»Ich weiß es,« prahle ich wichtig, »ich kenne mich aus. Ihr Vater ist der Herr Baron von Bernau.«

Sie schaut mich halb verwundert an; das Geschmeide der ganzen Welt fällt über mich her, wenn sie mich so anschaut. Es ist ja schon dunkel, und sie muß genau schauen; sie muß sich ganz zu mir herüberbeugen.

»Ich weiß nicht, Sie sind mir so merkwürdig bekannt. Ich möchte wetten, daß ich Sie schon einmal gesehen habe!«

»Das haben Sie schon einmal gesagt,« will ich antworten, halte aber im letzten Augenblick zurück.

»Gewiß ein Irrtum, mein Fräulein. Wer sollte mich kennen!«

Was macht sie denn? Sie nimmt mir den alten Hut vom Kopf und greift mit der Hand in meine Haare; sie hat mich da am Schopf, als wollte sie ein Büschel Gras ausrupfen. Sie biegt mir den Kopf nach hinten und studiert genau mein Gesicht.

»Merkwürdiger Mensch. Was für Augen er im Kopfe hat! Und heißt Fabian. Ich glaube, Sie schwindeln.«

108 Ich hätte nichts dagegen, wenn sie mir alle Haare vom Schädel risse. Sie mag ruhig herausreißen; oh, ich habe genug Haare. Es fehlt mir nicht an Haaren.

»Ich schwindle nicht, nur: ich bin verzaubert. Ganz verzaubert bin ich. Ich war einmal und bin nicht mehr. Ein anderer bin ich in einem anderen Leben. Oh, fragen Sie nicht!«

Sie läßt mich los und legt sich in die Polster zurück; und summt vor sich hin und ist ganz zerfahren. Wir reden eine Weile nichts; kein Wort, kein Satz fällt mir ein; die Stunde hat mich stumm gemacht. Immerfort könnte ich hier sitzen, endlose Zeit. Kein Essen brauche ich, keinen Schlaf.

»Ich könnte hier so sitzen bleiben und langsam verhungern.«

»Du Narr!«

»Ach, mein Fräulein, da ist mir doch auf meinen Fahrten ein Mädel begegnet, sie hatte ein verwaschenes, gelbes Fähnchen am Leib und trug einen bunten Schal. Und der Vater konnte Klarinette blasen. La Paloma, die weiße Taube. Solche Ähnlichkeit, es ist fast nicht zu glauben. Und beim Abschied, da hat sie mir einen Teller geschenkt. Kriegte auch Falten in die Nase.«

Plötzlich kommt es über mich wie eine wunderliche Erleuchtung. Zusammenhänge öffnen sich mir, fast will es klar werden um mich. Was hat doch die Porzellanbrigitte damals gesagt? Welches Geheimnis hat sie mir anvertraut? Dein Vater ist nicht dein Vater; dein Vater ist der Baron!

Ich erschrecke. Bunte Dinge der Welt verknüpfen sich. Ich schaue das Fräulein an und grüble über etwas nach.

»Sie sind so still geworden.«

Nun ist sie wieder nahe bei mir; die Augen glimmen wie kleine Feuer, das Haar sprüht, und ich sehe, daß ihre Hände zittern.

»Wie kommt es denn,« sagt sie, und ihre Stimme ist verändert, »daß ich hier mit Ihnen allein in der Dunkelheit sitze? Haben Sie mich denn behext?«

Ihre Lippen beben; sie ist ganz wie ein herrliches Tier, das auf rätselvollen Wanderungen ist.

109 »Ich kann nicht hexen, Fräulein Bettina, ich bin ja selbst verhext.«

Ich fühle ihre Hand, die über meinen Kopf fährt; wild zerrt diese Hand in meinen Haaren; einen Augenblick scheint es, als wollte sich etwas Unsagbares ereignen. Da steht sie aufrecht im Wagen, reckt sich steil in die Höhe und hält die Arme hoch, als wollte sie einen Stern vom Himmel holen.

Durch mein Hirn jagt gesetzlos ein Gedanke: ›Du könntest sie, die wie ein junger Baum hier steht, in die Arme nehmen; du könntest sie an dich pressen, du Narr, du Wildling, du Verbrecher!‹

»Es ist Zeit,« sagt sie ruhig, »ich muß fort. Ich kann mich manchmal selbst nicht verstehen.«

Sie springt aus dem Wagen und geht einige Schritte in die Dunkelheit hinein. Dann kommt sie zurück.

»Wohin wollen Sie denn eigentlich?« sagt sie beinahe barsch zu mir.

»Wer will das wissen! Ich bin auf der Wanderschaft. Ich will zur Ernte gehen.«

»Wenn Sie wollen, können Sie bei Vater Arbeit finden.«

»Vielen Dank, oh, recht vielen Dank!«

Ich wollte doch noch so viel zu ihr sagen, zu ungeheure Dinge hatte ich auf dem Herzen. Porzellanbrigitte und Bunzlauer Teller; das Lied vom Glück und – richtig! – das Kunststück mit dem Kreidepünktchen hätte ich ihr vormachen können.

»Sie haben recht, ich bin kein Hexenmeister,« so hätte ich sagen können; »ich will Ihnen mit einem Kreidepünktchen – –!«

Aber sie fährt ja davon! Sie sitzt schon am Steuer und macht sich mit den Hebeln und Hahnen zu schaffen.

»Haben Sie mich verstanden?« sagt sie noch einmal und schaltet das große Scheinwerferlicht ein, »wenn Sie Arbeit wollen, melden Sie sich unten im Gutshaus beim Verwalter.«

Ich gebe keine Antwort, ich weiß nichts zu sagen, so trunken bin ich vom Erlebnis. Was macht sie denn? Sie steigt noch einmal aus dem Wagen; sie geht zu Lohengrin, beugt sich nieder 110 und umfängt ihn mit beiden Armen, wühlt in seinem struppigen Fell und tut ganz toll mit dem Hund.

»Welch ein verrückter Kerl ist dein Herr. Welch ein ganz verrückter Kerl!«

Sie steht nahe vor mir, eine Flut von Glanz kommt aus ihren Augen; ich sehe das Gesicht wie eine herrliche Maske in die Dunkelheit gestellt.

»Du beschwindelst mich doch. Spiegelfechter!«

Ich senke den Blick; nichts kann ich unternehmen. Wer will, kann lachen über mich; schallend mag er hinauslachen, weil ich hier am Straßenrand stehe und nichts zu beginnen weiß.

»Können Sie mähen?«

Keine Antwort.

»Ob Sie Korn mähen können?«

»Ich glaube wohl, daß ich Korn mähen kann.«

Ich weiß jetzt, sie steht da und würgt etwas hinunter; ein Kampf spielt sich ab, sie ist selbst ohne Entschlußkraft in dieser Minute.

»Sagen Sie dem Verwalter, daß ich wünsche, daß Sie beschäftigt werden.«

»Jawohl, Fräulein Bettina.«

»Und tun Sie nicht so demütig und untertänig, ich kann das nicht ertragen. Warum schauen Sie mich denn so komisch an? Brauchen Sie Geld?«

»Nein, nein. O bewahre! Ich habe Geld, das will ich Ihnen schwören. Ich habe Bäume gefällt; Buchen, schöne, herrliche Buchen. Wenn Sie das Geld sehen wollen – –«

»Mich interessiert Ihr Geld nicht. Ich könnte Sie ja im Wagen mitnehmen, aber ich tue es nicht. Schließlich sind Sie ja doch nur ein Handwerksbursche. Hab' ich recht?«

Ich sage nichts.

»Ob ich recht habe? Sind Sie ein armer Tippler oder nicht?«

Sie ist ganz wild; nahe steht sie vor mir, hebt beide Arme, als wollte sie auf mich losfahren.

111 »Ja, der bin ich. Ganz gewiß. Es taugt nicht, daß ich in einem herrlichen Wagen fahre. Ich will mit Lohengrin zu Fuß gehen.«

»Und Sie haben nicht nötig, sich etwas einzubilden, weil ich hier mit Ihnen geschwatzt habe.«

»Wie sollte ich.«

»Man schwatzt auch mal mit Landstreichern, wenn man genügend Langeweile hat.«

Sie geht rasch zum Wagen und hat schon den Fuß auf dem Tritt. »Wenn Sie sich beeilen, sind Sie in zwei Stunden im Gutshof.«

»Danke sehr, danke.«

»Gute Nacht.«

»Gute Nacht und vielen Dank für alles, recht vielen Dank!«

Nein, dieser gelbhaarige Teufel! Dieser Irrwisch und dieses Häuflein Rätsel! Ich wende mich, um zu gehen, da öffnet sie hinten den Wagenschlag, streckt den Arm aus und ruft mir zu: »Hinein! Tippler samt Köter!«

Sie zerrt mich in den Wagen, ihre Augen brennen wie Fackeln. Schon sitze ich hinten im weichen Polster und Lohengrin kauert am Boden auf der Matte.

»So ein Landstraßenfetzen!« ruft sie, rückt an den Schalthebeln und schon brausen wir in die grandiose Nacht hinein.

Eine Fahrt mit dem Satan ist das, nie habe ich solche Geschwindigkeiten erlebt. Der Wagen schluckt das beleuchtete Band der Straße, die Pappeln, unheimlich lebendig geworden, geistern lautlos vorüber; Kurven werden genommen und Haarnadeln; Blitz und Teufel sind unsere Gevattern, wir sind wie eine riesige Sternschnuppe, die das Dunkel leuchtend spaltet. Schon gleiten wir in die Ebene hinein, der Wind peitscht mir ins Gesicht, ich sehe vor mir züngelnde, brennende Haare, die in wundervollen Flammen, ein lebendiges Elmsfeuer, mir entgegenwehen.

Häuser schwirren vorüber. Lichter brennen, müde, kleine, gelbe Lichter.

112 Vor einem Haus hält der Wagen. Laut und befehlend ruft die Hupe.

Brooo! ruft sie, brooooo!

Ein Mann kommt durch das Tor, er hat es eilig und macht viele Bücklinge.

»Gnädiges Fräulein?« sagt er. »Was befehlen Baronesse?«

»Der Mann bleibt hier,« sagt Fräulein Bettina, »er wird beschäftigt.«

Ich steige mit Lohengrin aus dem Wagen.

»Er kriegt eine kleine Kammer in der Scheune oben. Der Hund bleibt auf dem Hof.«

Sie ist schon fort. Das Maul der Nacht frißt sie auf. Ich taumle über einen Hof; Wagen stehen da und landwirtschaftliche Maschinen, aber man kann die Dinge nur undeutlich sehen, sie haben sich in die Dunkelheit verkrochen.

In das wilde Brausen des Erlebnisses hinein sage ich noch zum Herrn Verwalter: »Wenn es erlaubt wäre, daß ich meinen Hund mit in die Kammer nehme. Er ist fremd hier und würde am Ende anfangen zu heulen.«

Ja, ich darf ihn mitnehmen. Wir kriegen noch etwas zu essen, und mit einem Mal bin ich in einer kleinen Kammer, und die Kammer ist so vornehm, daß ich sogar das elektrische Licht anknipsen kann.

In der Kammer steht ein gutes, schönes, altes Feldbett mit bunten Bezügen, und ich bin gewiß, daß sich in diesem Bett ausgezeichnet schlafen läßt. Es sind da noch eine richtige Kommode mit Schubladen, ein eisernes Waschgestell und ein Stuhl. Überm Bett hängt ein prächtiges Gemälde; es ist ein Öldruck, darstellend den alten Kaiser Wilhelm. Auch ein Spiegel ist vorhanden, und wenn man hineinschaut, hat man ein dickes, verzogenes Gesicht, als würden einem die Zahnschmerzen plagen.

Schlafen kann ich nicht. Töricht wäre es, jetzt zu schlafen, ein Verbrechen geradezu. Ich lösche das Licht und schaue zum offenen Fenster hinaus.

113 Umrisse von Dächern schieben sich aus dem Dunkel. Im schattenhaften Hof steht schlafend das Geräte. Ich höre Klirren von Kuh- und Pferdeketten. Ein Hund schlägt an und Lohengrin antwortet kurz und scharf.

Oben am Himmel stehen die Sterne. Wenn man lange still sitzt und sich nicht rührt, kann man sie wandern sehen.

Jed' Ding ist auf Wanderschaft, wir begreifen es nicht.

Lange verweile ich in Gedanken bei Fräulein Bettina; ich werde nicht müde, an sie zu denken. Da stand ein Stern links vom Schornstein, als ich anfing, an sie zu denken. Ach, der Stern ist weit gewandert, und immer noch denke ich an sie. Möglich, daß es Tag wird, und ich werde es immer noch nicht zu Ende gedacht haben.

Das Bett ist hart und gut und riecht nach Stall.

Ich liege wach im Bett und segle mit der Erde in den Morgen hinein. Schon erblassen die Sterne.

Ein Stern bleibt; er ist groß und funkelnd und kommt wie ein feuriges Geschoß auf mich zu.

»Bettina,« sage ich, »Bettina.« 114

 

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