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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Vertrauen: ich bin ein Zinkenpflanzer

So war das Leben in den Wäldern. Nun ist es vorbei, aber glaubt mir, ich höre es noch rauschen wie ferne Wasserfälle. Ich wandere aus dem Gebirge hinaus; noch sind Wälder um mich und Berge, aber einmal, als ich an eine steile Wendung der Straße komme, wird der Ausblick frei und ich sehe hinaus in eine gesegnete Ebene, wo gelb das Getreide wogt und die Rübenäcker glänzen. Verstreut stehen Obstbäume in diesen hellen Fluren, rotes Dächergewirr häuft sich zu Dörfern und durch diese bunte, warme Fläche ziehen die Landstraßen in weißen, leuchtenden Kurven.

Die Landstraßen sind wie Kanäle meines eignen Körpers, aus mir herausströmend und wieder in mich einmündend. Sie gehen durch mich hindurch; wie eine wunderliche böhmische Perle bin ich auf sie aufgereiht.

An der Straße steht wieder ein Gasthaus; aber dieses Haus ist freundlich und ruft zur Einkehr. Da sind gewürfelte Bauerngardinen an den Fenstern; es ist gelb verputzt und über der Tür greift ein schmiedeeiserner Arm hinaus mit einem Schild: Wirtshaus zu den sieben Eichen.

Wenn nun einer glaubt, daß mir bange ist, weil ich Klinken putzen soll, so ist er gewaltig im Irrtum. Ho, hoo, ich habe Geld verdient in den Wäldern, wer Lust verspürt, dem will ich's zeigen. Hier liegt es in der hohlen Hand, schwer und allmächtig.

Wir gehen hinein, Lohengrin und ich; mit festen Schritten steuern wir auf einen Tisch zu und setzen uns. Es sind einige Leute in der Gaststube und essen, denn es ist Mittagzeit.

Eine behäbige Wirtsfrau, die beide Hände flach auf den Bauch legen kann und naß gekämmtes Haar hat, das über der Stirn widerspenstig sich gegen jede feuchte Bändigung sträubt, bringt das Essen. Es gibt Bohnensuppe und dann Weißkraut mit Hammelfleisch. Außerdem Schwarzbrot und eine Flasche Bier.

86 Die Frau ist zuerst ein wenig mißtrauisch, da klimpere ich wie von ungefähr so nebenbei mit dem Geld und schon steht die Bierflasche da. Ich könnte der Frau sagen, daß ich Buchen gefällt habe, daß ich spucken kann und wenn es darauf ankäme, könnte ich ihr von meinem Zauberkunststück berichten; von einem Kreidehäufchen. Jawohl, das könnte ich, von meinem abenteuerlichen Erlebnis in der Lilie ganz abgesehen. Was will sie überhaupt und tut so geschwollen? Kann sie vielleicht auf dem Kamm blasen? Ich wette, sie kann es nicht; sie würde sich, vor die musikalische Aufgabe gestellt, schändlich blamieren. Ich will sie lieber nicht in Verlegenheit bringen. Viel besser, sie holt Lohengrin einen Napf, damit ich ihm sein Essen geben kann. Das tut sie auch, und in dem Napf sind sogar Knochen und Fleischstücke. Gott segne dich, rundliche Frau mit den nassen Haaren.

Während ich nun so dasitze und mit prachtvollem Behagen esse, betritt ein gar seltener Mensch die Szene.

Dieser Mensch ist eine Stange, auf der alte Kleider hängen. Auf der Stange sitzt ein Köpfchen ohne Hut und das Köpfchen muß sich ducken, sonst würde es am oberen Türbalken anstoßen. Die Stange hat bei dieser Hitze einen phantastisch alten Mantel mit herabhängenden Taschen an und trägt außerdem einen Rucksack. Ich muß sagen, daß mich die Stange sofort interessiert. Ich habe Glück, sie steuert auf meinen Tisch zu. Behält den Mantel an, den Rucksack auf dem Buckel und setzt sich zu mir.

»Kunde?«

»Wie man's nimmt. Ich habe Buchen gefällt.«

»Religion?«

»Fettläppchen.«

»Das ist Schwindel. Na, egal. Ich heiße Kilian Baudendistel. Du wirst es nicht glauben: ich bin ein Meter sechsundachtzig groß und wiege siebenundsiebzig Pfund.«

»Erstaunlich.«

»Ich bin ein anatomisches Wunder. Mit den Händen kann ich meine Hüften umspannen. Schau her!«

87 Das anatomische Wunder öffnet den Mantel und ich sehe, daß es drei Westen trägt. Es klammert nun wirklich beide Hände wie einen Schraubstock um die Hüften und zeigt mir, daß hinten die Daumen und vorn die Mittelfinger zusammenstoßen.«

»Du solltest auf den Jahrmarkt gehen.«

Der Mensch, die Stange, das anatomische Wunder, Kilian Baudendistel genannt, lacht mich an. Der Mund ist vollständig eingeschrumpft und von einem struppigen Bärtchen umpflanzt. Nase und Kinn kommen nahe zusammen; die Augen sind hell und klar und verschmitzt; es sind Vogelaugen und viel zu groß für dieses Köpfchen, aus dem, wie ein einsamer Fels über krausem Bartmoos, die Nase herausstürzt. Auf dem Kopf wachsen Ringelstauden und Gewächsbüschel schwarzer Locken und diese wunderliche Plantage ist in der Mitte des Kopfes geteilt. Eine mathematisch strenge Scheitelstraße läuft von der Stirn nach dem Hinterkopf.

Die drei Westen Kilian Baudendistels stehen vorn offen. Was macht er denn da mit den Spinnenfingern? Er bohrt sie wie Rüssel in die verschiedenen Westentaschen und zieht einige schmutzige Papierpaketchen hervor.

»Wenn ein starker Wind weht, fliege ich davon,« sagt er und wickelt die Paketchen aus. Im ersten befindet sich ein kläglicher Rest ranziger Butter, im zweiten eine wehmütig verkrümmte Scheibe Schwarzbrot. Er holt aus der Manteltasche ein dolchähnliches Messer hervor und kratzt damit die halb zerflossene Butter aufs Brot.

»Ich vertrage gerade noch Windstärke sechs,« sagt er und säbelt auf das Butterbrot los; »bei sieben oder acht muß ich mich an die Kette legen, sonst werde ich davongewirbelt.«

Soll ich über ihn lachen oder will er ernst genommen werden? Er sitzt da am Tisch, ragt um Hauptlänge über mich hinaus und fängt eilfertig zu kauen an.

»Du solltest dir Bleigewichte in die Hosentaschen stecken; bei Unbilden der Witterung hast du Ballast nötig. Du mußt also bunkern, wie Schiffe ohne Fracht.«

88 Er dreht den Kopf wie ein exotischer Vogel und wickelt das dritte Paketchen aus. Es kommt ein gelbliches, etwas beschmutztes Etwas zum Vorschein.

»Gewiß ein Radiergummi?« frage ich.

»Nein, das ist Schweizerkäse.«

»Aha, Schweizerkäse. Richtig, hier ist ja auch ein Loch.«

Wie konnte ich es für einen Radiergummi halten. Er bohrt den furchtbaren Dolch in den bescheidenen Rest alpenländischen Milchproduktes, spießt Stücke auf und führt sie zum Mund.

Die Wirtsfrau mit den nassen Haaren kommt an den Tisch.

»Vorsicht Spitzbube!« ruft in diesem Augenblick ein halb verschollenes, meckerndes Stimmchen. Kilian Baudendistel fährt hoch.

»Wie meinen Sie, bitte?«

Die Frau ist erschrocken und schaut sich verwundert um. Die widerspenstigen Stirnhaare zittern.

»Ich habe nichts gesagt. Was ist denn?«

Baudendistel ist beleidigt. »Haben Sie nicht Vorsicht, Spitzbube gesagt?«

»Bei meiner Seligkeit, ich habe nichts gesagt.«

Ich bin auch etwas betroffen und halte Umschau nach dem Sprecher, sehe aber nur die Leute am Nebentisch sitzen und mit vollen Backen kauen.

»Ist am Ende ein Papagei im Zimmer?«

Nein, es ist kein Papagei da.

»Bringen Sie mir einen Teller Suppe,« sagt Baudendistel und schiebt ein neues eßbares Stückchen in die Öffnung unter der Nase.

»Aufgepaßt, der Schwindler hat kein Geld,« meckert es wieder wie hinter Vorhängen.

Jetzt ist es Baudendistel aber zu viel; er zuckt mit dem Kopf, macht vogelartige Drehungen und rollt die Augen. »Ich kann meine Suppe noch bezahlen; das kann ich wirklich.«

»Bei Gott,« stottert die Frau und wölbt den Bauch, »ich habe keinen Ton gesagt.«

Und wackelt davon. Kilian Baudendistel heftet den Blick auf 89 mich, grinst wollüstig verschlagen und kratzt hastig den letzten Butterrest vom fettigen Papier.

»Weißt du, ich bin so nebenbei auch Bauchredner.«

»Jetzt kommt's heraus. Du bist ein Künstler. Ich nehme an, ohne Engagement.«

»E te te! Brotlose Kunst. Na ja, die Alte ist schön erschrocken.«

»Warum hast du denn drei Westen an?«

»Ich friere immer. Ich bin für südliche Breiten bestimmt. Ich habe kein Blut mehr, ich habe Sauermilch. Du kannst einen Arzt fragen.«

»Sei mir nicht böse, ich habe dich für eine Stange gehalten. Wenn du dich auf einen Acker stellst, gehen die Kletterbohnen an dir hoch.«

»Was glaubst du, daß ich bezahlen würde, wenn ich deine Knochen und Muskeln hätte!«

»Ich war vierzehn Tage beim Bäume fällen.«

»Ich wollte gerne arbeiten, aber ich komme kaum noch für eine Laubsägearbeit in Frage. Ich bin auch viel zu groß. Wenn ich mich bücke, dauert es zu lange, bis ich unten bin. Ein Arzt hat mich einmal gefragt, ob ich in meiner Jugend vielleicht zu viel Makkaroni gegessen hätte.«

Die Wirtin bringt die Suppe und Kilian Baudendistel macht sich daran, sie auszulöffeln. Er kann schön schmatzen und manchmal läuft ein kleines Rinnsal in den Bart; er hat dann eine hübsche Technik, diesen fahnenflüchtigen Rest mit kreisender Zungenbewegung zurückzuholen.

»Mit dir habe ich nachher ein ernstes Wort zu reden. Du bist mir der rechte Pachulke. Irgendwas stimmt nicht bei dir. Du gibst ein Gastspiel, ich kenne dich Luder. Ich liege vierzig Jahre auf der Landstraße und habe mich jetzt in diesem Bezirk hier seßhaft gemacht. Ein alter Affe bin ich, jawohl, aber dir Grünling kann ich immer noch auf die Hamsterschliche helfen. Tod und Katzenschwanz, da bin ich gut dafür.«

»Ein Irrtum,« sage ich und nehme mir vor, ihn auch ein wenig 90 aus dem Geleise zu werfen, »ein greulicher Irrtum. Ich bin ein Verzauberter.«

»Was für Gewäsche?«

»Ein Verzauberter bin ich. Ich wandere auf der anderen Seite des Lebens. Umgewendet habe ich mich wie einen nassen Strumpf.«

»Was hast du denn erlebt?«

»Viel zu viel. Mancherlei Menschen, die ich erlebe, kann man gewöhnlich nur gegen Eintrittsgeld besichtigen.«

»Meinst du am Ende mich? Ha ha, ich bin hartgesotten!«

»Glaub ich. Du wirst hundert Jahre alt. Was sollte dir passieren, der du ohne Angriffsflächen bist! Dir kann nur der Wind gefährlich werden. Du dürftest nie ohne Fallschirm dich ins Freie wagen. Wollen wir nicht zahlen und zusammen weitertippeln? Wenn du müde wirst, kannst du auf meinem Hund Lohengrin reiten.«

»Es sieht dir ähnlich, mit einer Bestie durch die Welt zu tippeln. Wo hast du den Quadrupeden her? Böhmischer Zirkel, was?«

»Er ist mir zugelaufen in der Nacht. Aus dem Wald ist er gekommen, so zwischen den Stämmen hindurch und hat sich an meine Seite gelegt.«

»Frau Wirtin, zahlen!«

Sie kommt an und macht ein böses Gesicht. Der Bauch hat sich zum Ballon gerundet, wie eine bedrohliche Waffe hat sie ihn vorgeschoben.

»Macht euren Ulk mit andern Leuten. Essen 60, Bier 35, macht 95.«

Ganz überraschend kommt noch einmal das Bauchrednerstimmchen und trällert:

»Wer seine Schulden zahlt
Verplempert sein Vermögen,
Kille, kille, kille hoppsassa!«

91 Jetzt müssen wir alle lachen. Auch die Wirtin lacht und kratzt sich in den nassen Haaren.

Dann brechen wir auf.

Die Landstraße senkt sich weiter in die Ebene hinab. Wir schlucken zusammen das endlose Band, ein malerisches Dreigespann unter der leuchtenden Sonne. Baudendistel macht lange, gesetzmäßig ausholende Schritte; sein Körper schwankt wie eine Pappel im Sturm; der Mantel und die drei Westen baumeln nach unten, die Löckchen wehen in der sanften Mittagsbrise. Manchmal läßt er den Oberkörper vornüber baumeln, als wolle er eine Rumpfbeuge machen.

»Du treibst, wie ich sehe, auch Gymnastik.«

»Das nicht. Aber ich leide unter chronischen Kreuzschmerzen; mein treuester Freund ist der Hexenschuß.«

»Übler Geselle.«

»Ich habe aber ein probates Mittel; das hat mir vor Jahren ein Schäfer anvertraut. Ich trage einen Magneten im Kreuz.«

»Einen Magneten? Nie hätte ich einen Kompaß in dir vermutet.«

»Ja, einen Hufeisenmagneten. Wenn du hierher greifst, kannst du ihn deutlich fühlen. Der Magnet bannt die Hexenschußnerven. Ohne Hufeisenmagnet bin ich nicht lebensfähig.«

»Das ist ja großartig.«

»Er schützt auch nebenbei gegen Blitzgefahr. Du begreifst, daß ich dürr bin wie tausendjähriges Holz und leicht Feuer fange. Mit dem Magneten gehe ich durch die tollsten Hochsommergewitter, kein Blitz kann mir etwas anhaben.«

»Da sollten doch alle Menschen einen Magneten tragen.«

Wir sind zwei Stunden getippelt und setzen uns jetzt an einem kleinen Gebirgsbach ins Gras. Dort macht der Mann mit den drei Westen einen Generalangriff. Er stellt mit Gewalt meine Personalien fest.

»Du bist kein Kunde und auch kein Fettläppchen. Ich weiß nicht, wohin ich dich stecken soll. Du schaust manchmal aus wie 92 einer, der in eine Sterbekasse zahlt. Zeige mir doch mal deine Fleppe. Hast du am Ende Hitze?«

»Ich habe keine Hitze.«

»Du darfst dich mir ruhig anvertrauen, wenn du Angst vor dem Rosenkranz hast.«

»Mein Gewissen ist rein.«

»Du kommst daher wie ein Honorist und klimperst mit der Asche.«

»Das Geld habe ich in den Wäldern ehrlich verdient. Schau dir das Horn an meinen Händen an.«

»Schwatz keine Ammenmärchen. Nur heraus mit der Sprache! Ich will dir was verraten: wenn du eine Wiedergeburt brauchst, wende dich vertrauensvoll an mich.«

»Was für eine Wiedergeburt?«

»Möglich, daß du eine Wiedergeburt brauchst. Ich verschaffe sie dir billig und preiswert. Ich bin kein Krawattenmacher.«

»Was für eine Wiedergeburt meinst du?«

Jetzt werde ich aber neugierig. Aus der Stange, aus dem Mann mit dem Hufeisenmagneten, wetterleuchtet plötzlich eine magische Spannung. Er enthüllt sich als ein Individuum, hinter dem Geheimnisse lauern. Das Knochengestell mit dem Vogelköpfchen gewinnt urplötzlich an kriminalistischem Format. Aus Haut und Knochen wächst ein Hexenkerl hervor.

Kilian Baudendistel, die Wirkung seiner Worte abwartend, schaut mich mit den Habichtaugen an. Es wird sich lohnen, einmal draufloszuflunkern. Man soll sich nichts entgehen lassen in diesem abseitigen Landstraßenleben, in diesem Zauberwald zwischen Aufgang und Niedergang.

»Vielleicht,« lüge ich ungeheuer ernst, »könnte mir eine solche Wiedergeburt nicht schaden.«

Was meint er nur mit der Wiedergeburt? Ich brenne darauf, es zu erfahren.

Er hackt nach mir mit dem Kopf, beugt sich dann nahe zu mir, hat ein meckerndes Lachen und sagt leise und verschmitzt: »Ganz im Vertrauen: ich bin ein Zinkenpflanzer!« 93

 

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