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Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Liebe oder Kreidepünktchen?

Das war jetzt eine harte und wilde Zeit in den Wäldern des Gebirges. Wir haben fünfzig Dutzend Buchen gefällt. Ich habe gemerkt, daß ich Kräfte besitze, daß ich das Beil schwingen und die Baumsäge führen kann. Ich habe gelernt, den stinkenden Knaster zu rauchen und kann spucken wie ein Vollmatrose. Die Zeit war herrlich in den Buchenwäldern.

Wie es kam? Sehr einfach. Hurrle, den sie eingesponnen hatten bei der Ausräucherung der Lilie, wurde bald wieder freigelassen und ließ mir Nachricht zukommen, er habe sich bei einem Bauern zur Heuernte verdingt, und ich solle ihm langsam nachtippeln.

Da bin ich in die großen Wälder gegangen. Wenn jemand wünscht, kann er meine Hände sehen; sie sind rissig geworden und mit Horn überzogen. Und meine Haut ist hart und gebräunt vom Leben in den Wäldern. Vierzehn Tage in den Buchenwäldern, man vergißt das nicht; denn die Zeit war hart und wild. Was für ein Menschenschlag ist das. Wir aus der Stadt, wir Asphaltgewächse, sind weit von diesen entfernt. Es gibt keine Brücke, es sei denn, einer ginge selbst unter diese Horde und lernte ihr Wälderdasein kennen. Wie ich es gemacht habe, dem Himmel sei es gedankt.

Diese Menschen sind, wie die Stämme des Waldes, mit einer wetterfesten Rinde überzogen. Die Haut ist ledern und braun und verwittert wie Fels. Aus dem wilden Labyrinth des Gesichts bricht der tierhafte Glanz ihrer Augen hervor. Muskeln und Sehnen laufen wie Stricke über ihren Körper. Über den entblößten, verschwitzten Rücken zuckt das harmonische Spiel derb gestählter Muskeln. Die Hände sind gewaltig; wehe, wer zwischen diese Hände kommt. Das sind keine Hände mehr; es sind knollige Greifwerkzeuge, wuchtige Fänge, harmonisch bei all ihrer verkrümmten Steifheit.

78 Der Baumfäller ist schweigsam. Er trägt weite Manchesterhosen mit einem Ledergurt und ein grobes, bunt gemustertes Hemd. Es hat die Farbe des Waldes. Manchmal bleibt er einen Augenblick stehen; vielleicht, daß er sich mit dem Unterarm den Schweiß aus dem Gesicht wischt, vielleicht, daß er den Zeigefinger in die heiße Pfeife stößt; manchmal, sage ich, steht er da, ein wenig gebeugt und gedrückt; klobig derb und beingekrümmt: und dann, betrachtet ihn genau, dann ist er Gebilde des Waldes; dann ist er Baumstrunk, groteske Wurzel, aus dem Moos des Wälderbodens wachsend. Er könnte, denkt man, so stehen bleiben, immer bewegungsloser werden und zuletzt verholzen und uralte Rinde ansetzen; Moose würden an ihm hochkriechen und schuppenartige Flechten.

Viele sind abends nach Hause gegangen und am frühen Morgen mit den Langholzfuhren wieder gekommen. Die andern, und unter ihnen auch ich, wir haben in der Hütte geschlafen auf Lagern von Heidekraut und trockenem Moos.

Groß und weit waren diese Abende und Nächte. Ach, ich sage euch, da sind diese klobigen Wildlinge zu Kindern geworden. Da haben sie mit schmierigen Karten gespielt um Pfennige, und sie waren ohne Wünsche, wenn sie die Trümpfe auf den wurmzerfressenen Tisch hieben. Einer war dabei, der konnte die Tierstimmen nachmachen. Er röhrte wie ein Hirsch, pfiff klar wie ein Fink und rief, die hohlen Hände vorm Mund, wie eine uralte Ohreneule.

Ein anderer konnte auf dem Kamm blasen, daß es eine Art hatte, und er war stolz darauf, weil er ein solcher Musikus war und so viele Nummern auf der Walze hatte.

Ich will auch den Alten nicht vergessen, der ein Zauberer war und Spiegelfechter. Ihm wucherte ein grauer struppiger Bart, dessen Haare um den Mund gebräunt waren von der ewigen Pfeife. Er besaß nur noch sechs gelbe Vorderzähne und eine chronische Bindehautentzündung. Aber er war ein Teufelskerl, ich will das sofort beweisen. Paßt mal auf, er vollführte das folgende unglaubliche Zauberkunststück. In der rechten Hand hielt er ein 79 Stück Kreide und machte damit ein Pünktchen, ein Kreidepünktchen auf den Tisch. Dann zeigte er den flachen linken Handteller; da war nichts von Kreide zu sehen. Die flache Hand nun schob er unter den Tisch, hieb mit der rechten Faust dröhnend auf das Kreidepünktchen und zog die linke Hand unterm Tisch hervor. Siehe da, das Kreidepünktchen war auf dem linken Handteller. Er schaute sich um und lachte. Die angesengten Haare schoben sich auseinander; breit grinsend wurde der Mund frei und man sah die sechs gelben Vorderzähne, die windschief, wie alte Friedhofsteine, dastanden.

Die andern staunten und überlegten und versuchten, es nachzumachen. Vergebens. Himmeldonnerwetter, wie bringt der Alte das nur zuwege? Man soll nicht glauben, daß er es nur einmal vorführte; nein, fünf-, sechsmal hintereinander brachte er die rauhe Gesellschaft zum Staunen.

Nein, wie die Kerle lachten und die Fäuste auf die Tischplatte sausen ließen. Da hockten sie, braun und haarig, schweißdurchsogen und nach Bier und Rauch duftend. Oh, ich war mitten unter ihnen in ihrem abseitigen Tumult, in ihrer erdhaften Gemeinde, mitten unter ihnen war ich und Teil ihrer robusten Körperlichkeit; schade nur, daß ich nicht Muskeln und Sehnen hatte wie sie, daß ich ein Schwächling war zwischen ihrer lebenstrotzenden Athletenhaftigkeit.

Manchmal, wenn die verräucherte Bude erfüllt war von unseren lärmenden Feierabendstunden, manchmal bog ich mich wohl nach hinten, überblickte mit einer dunklen Wollust das werktätige Szenarium, schaute mir jeden der Waldgesellen an und hatte ein Gefühl, als ob sie alle meine Brüder wären. Ah, so hätte ich gerne zu ihnen gesagt, schaut mich doch an, wie ich zwischen euch sitze und über das Kreidepünktchen staune, wie ich auf den Boden prächtig spucke, wie ich die Baumsäge führen gelernt habe und alle Lust hätte, auf dem verlausten Kamm zu blasen; schaut mich doch an und laßt euch sagen: ich bin ein Verzauberter unter euch. Wie in einem Nebel sitze ich hier, geführt und geleitet von 80 einem unsichtbaren Magier; lacht mich nicht aus. Ich war auf der anderen Seite des Lebens, jetzt bin ich hier; jagt mich nicht fort.

Das Kunststück mit dem Kreidepünktchen ließ mich nicht los. Ich brannte darauf, es zu erfahren. Dem Alten machte ich allerhand Versprechungen, aber er gab das Geheimnis nicht preis.

Dann verriet er es doch. Wir machten ein Gegengeschäft. Ich bot ihm zwei Mark und ein Kartenkunststück, das ich wußte. Er überlegte eine Weile, zog endlich die Kreide aus der Tasche und schaute mich verschmitzt an.

»Du mußt mir dein Ehrenwort geben, daß du es nicht weitersagst.

»Hier die zwei Mark! Und mein Wort dazu.«

»Ganz einfach, schau her: du nimmst die Kreide und machst –«

Ich darf es natürlich nicht verraten. Es ist ausgezeichnet, wirklich ganz ausgezeichnet.

Er schenkte mir obendrein noch ein Stück Kreide, damit ich auf meinen Wanderungen die Zauberei manchmal vorführen könne.

Die Tage waren hart und voll Arbeit und Kraft und rinnenden Schweißes; da sangen die Sägen und klangen die Axthiebe; da stürzten die Stämme – und jeder sterbende Stamm schnitt mir ins Herz – da wurden Keile in berstendes Holz getrieben und Festmeter berechnet; lebendig waren die Wälder vom Pulsschlag der Arbeit.

Ungeheuer tief kamen die Nächte herauf und es klang wie von fernen Orgeln im Gestämm des Waldes. Manchmal geschah es, daß ich nachts wach wurde; ich richtete mich auf und sah, daß die Nacht blau durchs Fenster griff. Vor meinem Lager stand Lohengrin; still und unbeweglich; nur die Augen waren glanzvoll lebendig. Er schaute mich mit rätselvollem Staunen an und ich wußte, daß mich sein Blick aus dem Schlaf geweckt hatte; dieser stumme, fragende, melancholische Hundeblick.

Einmal ging ich mit ihm hinaus, über das Schnarchen und Atemholen der Schlafenden hinweg, durch die offene Tür hinaus in den Wald. Wir traten leise auf und wanderten dahin in der 81 singenden Nacht. Die Stämme waren schwarz und voll Schlafsucht. In der Ferne trieb ein matter Glanz herein.

Da trottete die Hundeseele an meiner Seite, maßlos traumbehangen und diesem Dasein gespenstisch ausgeliefert.

Wir setzten uns nieder an einem Baum. Ich legte mich auf den Rücken, mein rechter Arm umschloß den Stamm und mein linker Arm umschloß den Kopf des Hundes. Ihr glaubt nicht, wie es nach Moos roch und nach Käfern. Ich hörte das Herz der Erde schlagen. Nun war mein Nachtauge wach und ich sah durch die Wipfel hindurch einen einsamen Stern.

Die Vergangenheit jagte durch meine Gedanken.

Strohgelb war dein Haar; sieh, jetzt erhellst du meine tiefsten Nächte – – Ein Schatten taucht auf zwischen den Stämmen und ich richte mich hoch, denn der Schatten kommt auf mich zu. Vielleicht ist es nur ein Gebilde der tiefen Nacht, ein Gespinst zwischen Mondstrahl und dampfender Erde. Lohengrin ist bereit mit allen Sinnen; er steht aufgerichtet, mit straffen Muskeln und vorgeschobenem Kopf.

Es ist einer meiner Freunde, ein Waldarbeiter. Gott mag wissen, was ihn umhertreibt in so später Stunde. Verborgene Unruhe muß wach sein in seinem Blut. Die Widersacher seiner Gedanken lassen ihn nicht schlafen.

Da steht er vor mir, ein wuchtiger Klotz, nur mit Hose und Hemd bekleidet. Die Haare sind wirr und seine Augen glänzen. Er hat beide Hände in die weiten Taschen der Manchesterhosen gegraben.

So stehen wir einander gegenüber, zwei Schattenwesen aus der großen Wäldernacht, und uns zur Seite steht ein Hund, Geschöpf Gottes und Wunderwesen. Drei große Rätsel atmen zwischen den Stämmen.

»Warum schläfst du nicht?« frage ich. »Es muß schon nach Mitternacht sein.«

»Ich habe gesehen, wie du aus der Hütte bist und da kam mich die Lust an, dir nachzugehen.«

82 »Du hast mir etwas zu sagen.«

»Das schon. Jawohl. Ich hätte dir da etwas zu sagen.«

»Heraus damit! Meinst du am Ende das Kreidepünktchen?«

»Nein, bewahre! Aber du hast doch da einen Teller bei dir.«

»Einen Teller?«

»Ja, einen farbigen Teller.«

»Ach so, du meinst den Bunzlauer? Verstehst du etwas von Porzellan?«

»Wie man's nimmt. Wenn ich fragen darf, woher hast du denn diesen Teller?«

Er schaut mich fragend an und ist nahe zu mir gekommen. In ihm ist eine wilde unbeholfene Unruhe. Er bringt die Worte nur mühsam heraus.

»Oh,« sage ich prahlerisch, »den hat mir ein Mädchen geschenkt. Ein hübsches Mädchen, kann ich dir sagen; eine, mit dem Teufel im Leib, das darfst du mir glauben.«

Er ist ganz still geworden und es vergeht eine lange Zeit, bis er antwortet.

»Heißt sie am Ende Brigitte?«

»Nicht anders!«

Nun bin ich aber überrascht. Ist die Welt denn wirklich so klein? Ist es möglich, daß hier in der Nacht ein Holzfäller wie ein Waldgeist auftaucht und meine Porzellanbrigitte kennt? Ich will etwas sagen, aber er winkt mir mit einer lässigen Bewegung.

»Schon genug,« meint er, »schon genug! Mehr wollte ich nicht wissen.«

Er wendet sich um und will gehen.

»Hee,« rufe ich, »auf ein Wort. Warum stolperst du denn davon?«

Er kommt langsam zurück, baumelnd wie ein müder Bär.

»Mußt nicht denken, daß ich mir etwas draus mache. Bewahre, hoho, bewahre! Mag sie zum Satan gehen!«

»Woher kennst du sie denn?«

»Ich habe mal zusammen mit ihr gearbeitet.«

83 »Gearbeitet?«

»Ja, auf dem Jahrmarkt.«

»Tod und Katzendreck!«

»Von Beruf bin ich eigentlich Artist. Das Weibstück hat mich in die Wälder getrieben.«

»Artist?«

»Ja, ich habe einen Namen gehabt! Ich war der Mann mit der Lokomotivstärke.«

Kann mir jemand verwehren, wenn ich voll des Staunens bin? Da steht er vor mir in Hose und Hemd, von Nacht und Schlafsucht überfallen, und behauptet, er sei der Mann mit der Lokomotivstärke. Ich bin so überrascht, daß ich ihm die Hand hinstrecke.

»Freund,« sage ich, »hier meine Hand! Sie hat mir von dir erzählt. Du mußt furchtbare Kräfte haben.«

Was tut er denn, der Mann mit der Lokomotivstärke? Da liegt ein zersägter Baumstamm von nahezu drei Zentnern. Er streift die Hemdärmel hinauf, bückt sich und wuchtet den Buchenstamm hoch; jongliert ihn auf beide Hände und fängt an, ihn nach Athletenart zu stemmen. Stemmt ihn dreimal, fünfmal; zehnmal, ich zähle schon gar nicht mehr. Schweiß rinnt in Bächen an ihm nieder. Dann duckt er sich, macht einige Schritte und schleudert den Stamm mit ungeheurer Wucht von sich, daß er dumpf dröhnend auf die Erde fällt.

»Mensch, du stammst aus der Mammutepoche.«

Er steht vor mir und läßt den Kopf hängen. Die Hemdärmel sind noch geschürzt und die Muskeln der Arme treten hervor. Aber er läßt den Kopf hängen und der Schweiß rinnt in dicken Perlen von seiner Stirn.

»Das war noch eine Zeit,« sagt er leise, »aber das Weibstück hat mich in die Wälder getrieben. Die Hölle über sie!«

Was ist denn los? Täusche ich mich in der Schattennacht? Ist das Schweiß, was ihm jetzt über die harten Wangen rinnt? Nein, das sind Tränen. Alle Heiligen mögen mir beistehen, es sind Tränen!

84 Der Mann mit der Lokomotivstärke flennt. Noch keine zwei Minuten sind es her, da hat er einen Buchenstamm gestemmt. Wenn er mich streichelt, bin ich spitalreif. Er könnte Präriebüffel zu Boden schlagen.

Er tut es aber nicht, vielmehr er flennt.

Soll ich lachen, in die tiefe, undurchdringliche Nacht hinauslachen? Ach, es ist ja nicht zum lachen.

»Komm,« sage ich, »komm, laß uns zusammen gehen. Wir sind Narren; nichts als Narren! Ich habe mir eingebildet, das Kreidepünktchen ließe dich nicht schlafen.« 85

 

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