Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Roland Betsch >

Die Verzauberten

Roland Betsch: Die Verzauberten - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verzauberten
authorRoland Betsch
year1934
firstpub1934
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleDie Verzauberten
pages282
created20160728
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zwei sonderbare Steckenpferde

Das Wirtshaus zur Lilie hat sich recht auffällig verändert. Vor der Tür steht ein Gendarmerieposten, und als ich aus dem nächtlichen Wald herauskomme, sehe ich gerade noch, wie ein dichtbesetztes Polizeiauto mit Vollgas und Fackeln davonfährt. Ich habe mir gleich gedacht, daß hier etwas Außergewöhnliches sich ereignet haben muß. Um dies zu erfahren, gehe ich also mit meinem Hund auf das düstere Haus zu. Der Blechkopp fleppt mich, findet alles in Ordnung und läßt mich eintreten. Du lieber Gott, wie sieht es denn hier aus? Das Mobiliar durcheinander geworfen, der Schenktisch beiseitegeschoben und nach hinten zu einige Fenster zerschlagen. Dieses Kampffeld ist von einer brennenden Stearinkerze bettelhaft beleuchtet.

Wo mag nur Hurrle sein? Meine nächste Aufgabe muß sein, Hurrle zu suchen. Nirgends zu finden. Der Blechkopp kommt herein und bedeutet mir, ich möchte ihm beim Aufräumen des Lokales behilflich sein. Wir rücken die Möbel zurecht, stellen Tische und Stühle an ihren Platz und räumen Glas- und Flaschenscherben fort.

»Wenn ich mir die Frage erlauben dürfte, was hat sich denn hier ereignet. Das sieht nicht nach einem Familienfest aus?«

»Ein sauberes Nest haben wir ausgehoben. Berüchtigte politische Dunkelmänner. Mehr darf ich nicht sagen.«

»Aha! So so! Die Angelegenheit duftet also politisch. Ja, wir leben in unruhigen Zeiten, Herr Fußlatscher. Aber, wenn verstattet wäre, zu fragen: wo ist mein Kollege geblieben, Herr Hugo Hurrle? Er ist wohl kaum hier politisch interessiert.«

»Alles, was in diesem Hause war, ist mit der grünen Minna abtransportiert.«

»So so, mit der grünen Minna! Da ist also dann Hurrle auch dabei?«

65 »Wird nicht anders sein.«

»Und was geschieht denn mit der Lilie hier?«

»Bleibt vorläufig offen. Es wäre möglich, daß noch irgendeiner dieser sauberen Vögel auftaucht, ohne Lunte gerochen zu haben. Dann läuft er hier ins Garn. Auch Sie hängen schon im Garn.«

»Ich?! Erlauben Sie mal: ich?!«

»Wer anders. Ihre Personalien müssen noch eingehend geprüft werden. Der Herr Privatdetektiv wird gleich da sein.«

»Wer wird da sein?«

»Der Herr Privatdetektiv.«

»Ach so.«

»Bleiben Sie nur ruhig hier sitzen, und machen Sie nicht etwa einen Fluchtversuch.«

»Keineswegs, nein, nein, wie sollte ich. Mein Gewissen ist rein. Das ist mein Hund Lohengrin.«

»Abgehängt, hä?«

»Nein, durchaus nicht. Ich habe ihn für einen Schleusendeckel gekauft.«

»Gekauft? Ha ha ha!«

»Auf Ehre, mein Herr! Wollen Sie mich bitte einen schoflen Kerl nennen, wenn es nicht wahr ist. Ich habe ihn gekauft vom Porzellanhändler Herrn Xaver Schluckebier.«

Xaver Schluckebier! Jetzt fällt er mir ein; jetzt steht er greifbar vor mir, samt Wagen und dürrer Ida. Und da ist noch ein Fetzen Jugend dabei, mit einem gelben, verwaschenen Kleiderfähnlein und einem bunten Halstuch. Wie heißt er doch gleich, der Fetzen: Brigitte, richtig, die Porzellanbrigitte.

Mir wird weh ums Herz. Sie ist einmal zu mir in den Wagen gekommen, weil sie Angst vorm Gewitter hatte. Und hat fünf Mark gestohlen, damit ich Lohengrin kaufen konnte. Und hat mir einen Bunzlauer Teller geschenkt mit einem artigen, glücklichen Spruch darauf. So war sie, seht, so war die Porzellanbrigitte.

Ich gehe zum Rucksack und krame den Teller hervor.

»Sehen Sie, Herr Wachtmeister, das ist auch vom 66 Porzellanhändler. Das hat mir seine Tochter geschenkt, so wahr ich hier vor Ihnen stehe. Ich verkaufe ihn nicht, den Teller, nein, keineswegs verkaufe ich ihn. Lesen Sie nur: Umsonst ist das Glück. Da steht's drauf; und ich sage Ihnen, es hat seine Richtigkeit. Die Tochter, das war Ihnen ein Zeisig, na, na! Die hat der Herrgott nicht umsonst gemacht, das dürfen Sie mir glauben. Kriegte beim Lachen Falten in die Nase.«

Ich packe den Teller wieder sorgsam in den Rucksack.

Plötzlich taucht die Vergangenheit aus der Versenkung. Stumm, aber mit ungeheurer Leuchtkraft tritt sie vor meine verwandelten Sinne. Ich sehe mich im Lichtergewirr vor der Rampe stehen; vor mir klafft eine Höhle, und in der Höhle rauscht und raunt die Zuschauermenge. Man kann große Toiletten sehen, weiße Frackhemden und Blumen in Knopflöchern; es duftet nach arabischen und französischen Wohlgerüchen. Ich aber stehe kurz vorm Klingelzeichen vorm Vorhangauge und schaue in den erleuchteten Raum. Und vorn im Parkett, ein wenig zurückgelehnt, eine junge, hübsche Dame mit Haaren wie ein reifes Kornfeld. Deutlich herausgehoben steht sie in meinem Blickfeld, was ist das nur!

»Entschuldigen Sie, Herr Wachtmeister, mir ist nur eben etwas durch den Kopf gegangen.«

Ich bin einige Sekunden lang recht verwirrt. Mir ist mit einem Male, als würde die Porzellanbrigitte jener jungen Dame ähnlich sehen. Teufel, auf was für Gedanken komme ich!

»Man ist manchmal wie verhext, Herr Wachtmeister. Ich glaube, da sind gewiß die Kerzen schuld, die hier brennen. Das ist ja eine Beleuchtung aus dem Mittelalter, finden Sie nicht?«

»Bleiben Sie nur ruhig hier am Tisch sitzen, bis der Herr Kriminal kommt.«

Der Blechkopp, wichtig und martialisch und doch mit einem Schmelz von Gutmütigkeit, geht durch die Tür ins Freie. Ich sehe ihn draußen in der hellen Nacht, zum schwarzen Klumpen geballt, stehen und Wache halten.

Merkwürdig, er hat sich nicht viel aus der Porzellanbrigitte 67 gemacht, und der Bunzlauer Teller hat ihn gleich überhaupt nicht interessiert. Na, ich bin nicht beleidigt, was weiß ein solcher Fußlatscher, welche Gefühle mit einem wandernden Menschen Fangball spielen. Und vom Bunzlauer Porzellan versteht er gar nichts. Möglich, daß ich eingeschlafen bin. Was um mich gespenstert, sind Lug und Trug. Da sitze ich am Tisch in der Lilie; allein sitze ich in dem öden Raum, und vor mir flackert eine Kerze. Die Schatten jagen durchs Zimmer; an der Decke ist der Teufel los, so zuckt das durcheinander. Es ist nicht gemütlich hier, man kann sich nicht wohlfühlen und geborgen; im Gegenteil, mir wird unheimlich, und ich warte nur darauf, daß Tote auferstehen. Daß sie aus Grüften heraufsteigen in den matten Kerzenglanz, all diese morschen Gestalten, die ich so abgeschmackt fand: der Wirt mit den merkwürdigen Ohren, mit dem scheußlichen Glasauge und dem roten dicken Kopf; der Ingenieur mit seinen verschrobenen Ansichten, mit seinem komödiantischen Fatalismus und all seiner Verludertheit; und nicht zuletzt der Alte mit der Brille, der hüstelte und mit den Händen zitterte, das elende, getretene Nervenbündel mit dem Flaschengummi im Kragenknopf. Ich warte, daß sie aus dem zerfaulten Fußboden wachsen, eine läppische Gemeinde von hohläugigen Zwitterwesen. Mitten unter ihnen die Schlampe, verkommen schon in der Jugend; gefärbtes Haar und geschminktes Gesicht; und ohne Scham. Ich bin nicht im geringsten überrascht, wenn sie aus Versenkungen tauchen und mir ihre infantilen Weisheiten – –

Ich fahre hoch vom Stuhl; mit aufgestützten Armen beuge ich mich weit über den Tisch und starre die Erscheinung an. Da steigt er aus der Tiefe herauf; lautlos und ganz verwandelt: der Alte mit der Brille und mit den Zitterhänden. Ich sehe den Flaschengummi. Aber die Brille ist fort; er zittert nicht, nein, er steigt ganz ruhig aus dem Boden und hält eine brennende Kerze in der Hand. Nicht, daß ich mir das einbilde, Gott bewahre; Lohengrin springt auf und steht tief knurrend vor mir.

»Ruhe!« sage ich zum Hund, »Ruhe!«

68 Immer noch stehe ich auf den Tisch gebeugt und fühle, wie mein Körper heftig in Aufruhr ist.

»Ich habe Sie wohl ein wenig erschreckt?«

Er kommt näher, ruhig und ohne Nervenzittern, aufrechten Ganges und mit einem schadenfrohen Lächeln im Gesicht. Die Kerze stellt er auf den Tisch und macht mir eine liebenswürdige Verbeugung.

»Sie finden es hier gewiß seltsam verändert?«

»Besonders Sie, mein Herr, haben die Maske abgelegt und eine neue Rolle übernommen. Ich habe Ihnen von allem Anfang nicht getraut.«

Wir sitzen zusammen am Tisch und schauen uns eine Weile an. Er legt mir eine Hand auf die Schulter und sagt: »Ich heiße Zickomander und bin nicht der, für den Sie mich gehalten haben.«

»Ich auch nicht, Herr Zickomander!«

Er ist betroffen; meine kurze Antwort macht ihn stutzig; ich merke, wie er nachdenkt, wie er Schlußfolgerungen zieht und mich seelisch ausspioniert. Mir aber kommt eine Erleuchtung.

»Sie sind ein Detektiv! Sie waren nur getarnt. Eine geschickte Maske. Alle Hochachtung!«

»Stimmt! Ich bin aus englischen Romanen entsprungen.«

»Sie haben das Nest hier ausgehoben. Die Lilie war ein Unterschlupf für allerlei lichtscheues Gesindel.«

»Nicht nur das! Politische Umstürzler sind hier zusammengekommen. Verschwörungen und Attentate wurden ausgemacht. Aufhetzende, revolutionäre Flugblätter wurden gedruckt.«

»Gedruckt? Hier?!«

»Im Keller verborgen, Eingang hier durch den Schacht, aus dem ich soeben auftauchte, habe ich eine Flachpresse gefunden. Was glauben Sie, in letzter Zeit sind unbekannte Flugzeuge über Großstädten erschienen und haben Tausende von Flugblättern abgeworfen. Niemand ist dem Spuk auf die Spur gekommen. Da habe ich mich eingesetzt und die Höhle ausspioniert. Hier im Keller wurden die Flugblätter gedruckt.«

69 »Sie haben einen Zug von Größe. Aber Ihr Beruf scheint mir nicht ungefährlich.«

»Ist nicht mein Beruf. Liebhaberei; Steckenpferd. Im normalen Dasein bin ich ein freier Schriftsteller, der sein Brot mit Hilfe der fünfundzwanzig Buchstaben verdient. Denken Sie an die englischen Romane.«

»Was Sie nicht sagen. Bei solchen Gelegenheiten stöbern Sie dann Stoffe auf. Vortrefflich. Ganz ausgezeichnet.«

»Das tue ich und halte keine schlechte Ernte. Unsere Zeit ist unheimlich bewegt. Das sogenannte technische Zeitalter frißt an unsern Nerven. Die Maschinen schaffen nebenbei auch Neurastheniker. Diese wunderlichen Käuze merkt man im öffentlichen Leben kaum. Das Leben, sage ich Ihnen, hat nicht viel Zeit für sie. Es sind Neubildungen im Werden; die Zeit ist eine der interessantesten seit den Völkerwanderungen; man darf nicht schimpfen über ihre ungeheure Unruhe. Das flutet durcheinander, das wälzt sich über Länder und Meere. Der Aufruhr ist unters Gold gefahren. Beachten Sie wohl: früher sind Völker gewandert, heute wandert das Gold. Unterm Kapital ist eine Revolution ausgebrochen. Ich sage Ihnen, wir sind glückliche und gesegnete Menschen. Wir leben in einer Zeitenwende, mitten in einer spontanen Umwertung aller Werte. Neues Blickfeld und neue Weltanschauungen tauchen auf, der Mensch überbrückt die Naturgesetze, der Mensch holt aus zum letzten großen Sturm. Ein Gefühl von Säuberung und Reinigung bricht sich Bahn. Es ist viel geredet worden; jetzt stehen wir vor der Tat. Interessante Jahre, ich versichere Ihnen, wir dürfen dankbar sein, zu leben, auch wenn wir nicht recht zur Ruhe kommen wollen.«

Er hat sich in eine stürmische Begeisterung hineingeredet. Ich glaube, daß er ein Phantast ist.

»In solchen gebärenden Zeiten,« fährt er fort »in einer raketenhaften Epoche der Umwälzung, sind Verbrechen und Anarchie und Wühlarbeit gegen die Kraft des Volkstums immer am Werk gewesen. Es gibt ein Leben vor und ein Leben hinter den Kulissen.«

70 »Ja, das verzauberte Leben; ein Leben, das nebenhergeht; das jenseits der Maschinen und Räder, der Kilowattstunden und Funkwellen existiert und das wundervoll schön sein kann und von ungeahnter Farbigkeit. Denn zu diesem Leben gehören auch die Erde und die Landschaft; der Himmel und die wandernden Ströme.«

»Sie haben mich nicht ausreden lassen. Es gibt ein Leben im Licht und ein Leben im Schatten. Und das letztere ist mein Gebiet. Die Unterwelt. Die Natur hat mich dazu bestimmt, dem Verbrechen, der Verschwörung, der Anarchie nachzuspüren; einzudringen in die gefährlichen Schächte der Verneinung. Fragwürdige Existenzen aufzustöbern und sie zur Strecke zu bringen. Sie sehen in mir einen Jagdhund mit einer gesunden Witterung. Ich rieche den Menschen an, was sie innerlich bewegt, was sie beschäftigt und welche Pläne sie haben.«

Ist er nicht ein absonderlicher Mensch; ein Kauz ist man versucht zu sagen? Paßt er nicht in seine eigene Liebhaberei hinein? Er stößt jetzt mit dem Zeigefinger nach mir und hat wieder sein fast verletzend überlegenes Lächeln. Mit der andern Hand dreht er am Flaschengummi.

»Sie, mein Freund, sind kein Tippler. Die Fahrenden haben ein anderes Aroma. Mit Ihrer Kleidung und mit den paar Rotwelschbrocken können Sie einen Fachmann nicht hinters Licht führen.«

»Na, was bin ich denn?«

»Sie könnten ein Maler, ein junger Naturforscher oder auch ein Schauspieler sein.«

»Satan! Getroffen.«

»Ein Komödiant also. Und der andere ist ein Kollege?«

»Stimmt. Ein alter Charakterkomiker.«

»Ta ta ta! Der andere hat die Landstraße gerochen; der andere ist ehrlich getippelt. Ich wette, der hat etwas Respektables hinter die Trittlinge gebracht. Der ist ein Bruder über alle Meere.«

»Stimmt! Er ist über den ganzen Erdball gestolpert.«

71 »Ein Original. Ich habe ihn mir notiert. Er ist brauchbar, durchaus brauchbar. Ich werde ihn mir noch ein wenig zurechtkneten, ihn einen Schuß stärker auf Grotesk schminken, und dann wird er großartig verwendbar sein.«

»Wozu verwendbar?«

»Als Romangestalt; was dachten Sie?«

»Ach so, als Romangestalt. Muß er sich das denn gefallen lassen?«

»Weiter nichts als eine Auszeichnung. Die meisten Menschen sind höchst langweilige Geschöpfe. Sie hinterlassen nichts als eine ungesalzene Schablonenhaftigkeit. Man könnte sie ruhigen Herzens entbehren. Zumeist spielen sie sich noch großartig auf und halten ihr Vorhandensein für eminent wichtig. Die wahren Originale, die innersten Lebenskünstler, die spaßhaftesten Heiligen, die finden Sie heute, wie zu allen Zeiten, auf der Landstraße. Dieses Riesenband, das über alle Erdteile zieht und den Himmel über sich hat, schafft Menschen von absonderlich krausem Gepräge, halb verwilderte, halb barock wuchernde Geschöpfe, die in sich etwas durchaus Einmaliges haben und es daher wert sind, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Ihre Erdenfahrt ist bunt und ziellos; sie sind verhungerte Lieblinge Gottes. Man muß sie lieben.«

Die Kerzen sind zur Hälfte niedergebrannt. Die gelben Flammen pendeln unruhig; es ist überhaupt eine gespensterhafte Nacht.

»Was wissen andere Menschen in ihren Betten von solchen Nächten, die erfüllt sind vom geheimnisvollen Schattenspiel. Ich kann mir denken, Herr Zickomander, daß Ihre Tätigkeit Ihnen mancherlei Erlebnisse zaubert. Auf jeden Fall haben Sie eine ganz absonderliche Liebhaberei.«

»Nicht nur diese. Ich habe leider noch eine zweite Liebhaberei und die kostet mich viel Geld, ja, ich darf es Ihnen sagen, ich habe schon gehungert für sie.«

»Kaum zu glauben. Und darf man fragen, welcher Art die zweite Liebhaberei ist?«

»Ich sammle Wasserscheue.«

72 »Wie bitte?«

»Wasserscheue sammle ich. Und das mit einer fanatischen Leidenschaft.«

»Sie sagten doch Wasserscheue? Ich habe Sie nicht falsch verstanden?«

»Ganz richtig. Sie sehen, ich bin Spezialist. Es gibt nur wenige Spezialisten in Wasserscheuen.«

»Das glaube ich Ihnen gerne.«

Ich schaue mir den komischen Kerl noch einmal genau an. Da sitzt er, stromerhaft gekleidet, unrasiert, hat einen Flaschengummi im Kragenknopf und behauptet, er würde – –! Was würde er sammeln? Am Ende ist er doch gestört. Nicht ganz ernst zu nehmen. Denkbar, daß ich hier mitten in der Nacht in einem berüchtigten Gasthof sitze und an meiner Seite sitzt ein sonderbarer Mensch, der nicht ganz richtig ist.

»Ich unterhandle zur Zeit gerade mit einer wasserscheuen Afrikanerin.«

»Das setzt mich in Erstaunen. Und die Afrikanerin?«

»Ich kriege sie, koste es, was es wolle. Gegebenenfalls tausche ich eine seltene Fehlgeburt aus Dänemark dafür aus. Die hat zwei Zähne zu viel. Eine Kuriosität geradezu.«

»Kann man wohl sagen. Sie muß jeden Zahnarzt interessieren.«

»Hinter der Afrikanerin bin ich schon zwei Jahre her. Sie hat schon dreimal den Besitzer gewechselt. Zur Zeit besitzt sie ein Priester in einem tibetanischen Kloster.«

»Nanu? Von einem tibetanischen Priester sollte man das nicht glauben!«

Kein Zweifel, ich habe es mit einem Irren zu tun. Nicht der geringste Zweifel ist möglich. Das Beste, man geht auf seinen Widersinn ein, verständigt nebenan den Blechkopp und läßt diese abwegige Ausgeburt einer verzauberten Nacht sorgsam bewachen.

»Am Ende,« fährt Herr Zickomander mit geistesgestörter Hartnäckigkeit fort, »besitzen Sie selbst zu Hause die eine oder andere Wasserscheue, die ich einhandeln könnte?«

73 »Ich?! Mein Herr, woher sollte ich eine Wasserscheue haben?! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, wir baden alle recht gerne. Wir lieben das Wasser; die ganze Familie ist geradezu begeistert vom nassen Element. Wir würden, ich schwöre es Ihnen, wenn wir Geld hätten, jedes Jahr ans Meer fahren.«

Er hört mich gar nicht an, so versessen ist er auf seine Wasserscheuen.

»Es hat ja heute keinen Sinn mehr,« fährt er fort, »Generalsammler zu sein.«

»Werden denn auch Generäle gesammelt?«

»Die Masse wächst einem über den Kopf und man tut gut, sich zu spezialisieren. Ich besitze heute 274 berühmte Wasserscheue.«

»Du lieber Gott.«

»Es werden auch heute auf der ganzen Welt keine Wasserscheuen mehr gedruckt.«

»Gedruckt?«

»Na ja, Marken werden doch gedruckt.«

»Marken!?«

»Briefmarken! Was sonst?«

Nun kommt es heraus: er meint Briefmarken. Der spaßhafte Kerl sammelt Briefmarken; man darf ihm gratulieren. Es kommt ans Tageslicht, daß die Wasserscheuen Briefmarken sind; Postwertzeichen, die auf Briefe geklebt waren und nun, in einem dicken Album vereinigt, zur Leidenschaft ausarten.

»Was nun eigentlich versteht man unter einer Wasserscheuen?«

»Das wissen Sie nicht? Und leben dennoch? Ha, ha. Eine Wasserscheue ist eine Marke, die kein Wasser verträgt, die abfärbt oder die Farbe verliert. Sie begreifen?«

»Gewiß begreife ich. Da besitzt also der tibetanische Priester eine solche krankhaft veranlagte Briefmarke?«

»Eine? Sie sagten eine? Ich eröffne Ihnen, daß er die weitaus größte Sammlung der Welt besitzt. Er ist der Fürst der Wasserscheuen. Man kann ihn nur beneiden.«

74 »Ja, das kann man wirklich. Interessant, das zweite Steckenpferd, auf dem Sie die hohe Schule reiten.«

»Es wäre ein Glück,« sagt der Detektiv und erhebt sich vom Stuhl, »ein Glück wäre es, sage ich, wenn sich noch etwas abenteuerliches ereignen wollte. Ein Überfall oder eine kleine Schießerei.«

»Ich finde es eigentlich ohne Schießerei gemütlicher.«

»Es wäre leicht möglich, daß irgendein Individuum sich einschleicht. Im Keller haben wir auch Sprengstoffe gefunden; ganze Einrichtungen für Eisenbahnattentate. Denkbar, daß einer sich einschleicht, eine Zündschnur legt und den ganzen Kram in die Luft sprengt.«

»Es wird einem recht behaglich, wenn Sie so fromme Dinge erzählen.«

Er zieht ein Pack Papier aus der Rocktasche und schraubt einen Füllfederhalter auf.

»Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich noch einige Stunden arbeite. Mir ist gerade ein sehr spannendes Kapitel eingefallen.«

»Ich will Sie gewiß nicht stören.«

»Schlafen Sie, wo Sie wollen. Irgendwo wird eine Matratze zu finden sein. Vor den Bienen werden Sie sich nicht fürchten.«

»Nein, nein! Gute Nacht, Herr Zickomander.«

»A propos, Wasserscheue: ich kann Ihnen verraten, daß sich keine fünfzig Kilometer von hier entfernt eine transatlantische Wasserscheue in einem Album herumtreibt. Ich bin ihr auf die Spur gekommen. Ich bin verteufelt hinter ihr her. Taktik, mein Herr, Taktik! Hä hä hä, ich werde sie fangen oder ich will einen Besen samt Putzfrau fressen.«

Herr Zickomander beugt sich über den Tisch und kritzelt. Ich höre das leise kratzende Geräusch der Feder. Mein Schatten wächst zur Decke hinauf. Ich nehme einen Kerzenstummel und gehe mit Lohengrin durch die hintere Tür hinaus. Es ist ein verteufelt winkliges Haus, man findet sich kaum zurecht in dieser feuchten Höhle.

75 Wir kommen an der Küche vorbei; ich leuchte hinein; es ist eine schmutzige unordentliche Küche. Ungewaschene Schüsseln und Teller stehen herum. Die Flaschen sind alt und fettig. Auf dem Herd und dem wurmstichigen Küchenschrank treiben sich allerlei Speisereste umher. Es riecht nach Abspülwasser und nach alten Zwiebeln.

Lohengrin geht schnüffelnd hinein. Ich folge ihm und finde auf einem Brett einige Knoblauchwürste. Da liegt auch Brot und daneben ein wuchtiges Messer.

Plötzlich fühle ich quälenden Hunger, und ich weiß, daß auch Lohengrin schon lange nichts Rechtes in den Magen bekam.

Es ist schon einerlei, was aus den eßbaren Dingen hier wird; die sind bestimmt herrenlos; verwaist. Kein Mensch wird sich darum kümmern, wenn wir sie aufessen, Lohengrin und ich.

Ich stelle das Kerzenstümpfchen auf den alten Küchentisch und dann fangen wir beide zu tafeln an. Wurst essen wir und Brot und kalte Pellkartoffeln. Die Kerze zuckt und es ist wirklich ein vergnügtes Schmausen; man muß nur beobachten, wie es Lohengrin schmeckt. Lustig wäre es, hier ein Backen und Braten zu veranstalten; Butter und Schmalz in die Pfannen zu werfen; unterm Salz und Pfeffer zu wüten; die Zwiebeln zu schneiden und dann den Wiener Rostbraten zu bereiten. Aber nein, das ist hier nicht möglich. Diese Küche ist kaum für Würste und Schwarzbrot geeignet; da sind feuchte Wände, Geschirr hat Sprünge und am Ofen hängt der Rost. Komm, Lohengrin, hier ist es nicht schön; wir sind satt, wir können die Küche verlassen. Außerdem hat sie etwas Gestorbenes; nun ich keinen Hunger mehr habe, mutet sie mich wie eine Gruft an; ich möchte hier nicht Küchenchef sein und dem Teufel böse Seelen kochen. Die Würste sind alle; in meinem ganzen Leben möchte ich diese gestorbene Küche nicht mehr sehen.

Wir steigen über eine alte Holztreppe; die Kerze wird bald niedergebrannt sein. Na ja, da ist ein muffiger Raum mit Matratzen. Ich bin müde; das beste, man legt sich hin und schläft. Froh bin ich, wenn diese Nacht zu Ende ist. Es gibt Nächte, die wollen kein Ende nehmen; sie sind ein Stück zerhackte Ewigkeit.

76 Ich öffne das Fenster. Die Dunkelheit liegt schon über den Wäldern. Odem der Nacht strömt zu mir herein; die alten, zerrissenen Schaltergardinen werden lebendig. Das Licht hat die Mücken aufgeweckt; ein Summen und Sausen setzt ein. Nachtgetier zuckt durchs Fenster herein.

Ich höre die Eule rufen.

Überall Leben; nur das Haus ist tot. Holt einen Sarg und legt das alte Haus hinein. Es ist plötzlich und unerwartet verschieden. Ich aber habe keine Lust, mich um die Toten zu kümmern. Auf dem Rücken liege ich und pfeife ein Lied. Es ist ein schwermütiges, mexikanisches Lied. La Paloma, die weiße Taube. 77

 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.