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Die Verwandlungen der Venus

Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus - Kapitel 7
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Verwandlungen der Venus
authorRichard Dehmel
year1996
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressSulzbacherstr. 45, 65760 Eschborn
isbn3-88074-962-0
titleDie Verwandlungen der Venus
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Venus Pandemos.

          Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé
der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch
der schwülen Sofapolster und des Punsches,
der vor mir glühte, und vom Frauendunst
der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.

Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter
und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen
und Derer, die drum warben. Das Gerassel
der Alfenidelöffel am Büffet
ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,
ununterbrochen, wie ein Tamburin.

Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,
und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,
der drüber hing, sich mühsam mit den Farben
auf den Gesichtern um die Marmortische
in seiner gelben Sprache unterhielt;
wozu der schwarze Marmor blank auflachte.

Ich war schon bei der Wahl – da teilte sich
die rote Türgardine neben mir:
ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug
schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;
die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.
Mir grade gegenüber, quer am Ende
des Ganges, als beherrschten sie den Saal,
nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter
hing über ihnen wie ein schwerer alter
Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen.
Doch hört'ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:
»Bejejent muß ik die woll schon wo sein.«

Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft
schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,
die wachsbleich an die schwachen Haare stieß.
Die großen blassen Augenlider waren
tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag
ihr Schatten um die eingeknickte Nase;
der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.
Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin
ihm kichernd einen Satz zuzischelte,
sah man sein eines schwarzes Auge halb
und drehte sich sein langer dünner Hals,
langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,
wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.

Es wurde immer stiller durch den Raum;
sie blickten Alle auf den stummen Mann
und auf das sonderbar geduckte Weib.
»Sie ist ganz jung« – war um mich her ein Flüstern;
auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.
Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge
durch eine Lücke ihrer trüben Zähne
spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während
ihr grauer Blick den Saal belauerte;
das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.

Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt;
ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.
Sie ging; er folgte automatisch nach.
Die rote Türgardine tat sich zu,
der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,
doch fluchte Keiner; und mir schauderte.

Ich blieb für mich – ich kannte sie auf einmal:
es war die Wollustseuche und der Tod.

      Weicht, ihr Schatten! – Wie sie zucken,
wie die Fensterhöhlen drohn!
Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken;
aber ich, ich sprech euch Hohn!

Die Laternen flackern greller,
jäh erlosch das letzte Fenster;
jeder Stern erscheint noch heller
niemals sah ich die Nacht beglänzter!

Ich! Denn ach –: ich kannte Einen,
der sah nie zu gleicher Zeit
Sterne, Fenster und Laternen scheinen –
dieser Ärmste tut mir leid.

Beim Geschmetter einer Blechkapelle
kann er keine Nachtigall hören,
ohne daß sich auf der Stelle
seine zarten Ohren empören.

Ich indessen – o Mirakel –
höre das Lied der Nachtigallen
durch den ärgsten Höllenspektakel
nur noch himmlischer erschallen.

Ich Barbar! ich brauch mir meine
Nerven nicht zu vergesundern;
ich kann beim Laternenscheine
manchen Stern erst recht bewundern.

Mir wehrt keine Kunstscheuklappe
meinen freien Blick durchs Fenster,
weder Holz noch Blech noch Pappe –
niemals sah ich die Nacht beglänzter!

Leucht auch Du mit deinem reinsten
Licht, du Spürkraft meiner Seele,
die mitfühlend im gemeinsten
Wicht noch scheut die eignen Fehle!

Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen
einst zum edelsten Trotz anschürtest,
als ich dich, du Allgemeinsame,
selbst im schmutzigsten Elend spürte,...

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