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Die Verwandlungen der Venus

Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Verwandlungen der Venus
authorRichard Dehmel
year1996
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressSulzbacherstr. 45, 65760 Eschborn
isbn3-88074-962-0
titleDie Verwandlungen der Venus
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Venus Mea.

          Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,
ich habe nun genug geschaut nach Osten;
die Seele will in ihren Abendlanden
Vollendung kosten.
An dem Tor des neuen Evagartens
steht ein knöchernes Gerippe,
mit dem Ausdruck des Erwartens,
aber nicht mehr in der Faust die Hippe.

Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder
ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand,
die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder
war und empfand.
In der Stunde einer Liebesfrucht
sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel;
dann erlischt die Wonnesucht,
keusch empfängt der dunkle Keim sein Siegel.

Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen
klar her zu dir aus väterlichen Sphären.
So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen
und dich verklären,
Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet,
wie die Sonne scheint durch Eis,
und dir deine Brunst beschwichtet
und im Traum selbst deinen Willen weiß.

Noch flimmert's erst; tief lockt die alte Nacht
mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.
Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht!
sieh, rings sind Fluten:
wenn zwei Liebende zusammensinken,
durch dein Glanzbild einst begeistert,
und im Rausch dann blind ertrinken,
wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert.

So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters
sollst du dem alten Garten kalt entschreiten;
dir weist die Phönixfeder unsres Wächters
Unsterblichkeiten...

              Nun verblich der Stern der Frühe;
meine Augenlider brennen.
Und die Sonne kann mit Mühe
die gefrornen Nebel trennen.

Mich verdrießt mein nächtlich Brüten.
Drüben an den Häuserwänden
sprießen diamantne Blüten.
Meine Prüfung kann nun enden.

Dieser Keller: dumpfer Zwinger!
Auf die dunstbelaufnen Scheiben
will ich breit mit steifem Finger
V ENUS R EDIVIVA schreiben!

Denn ich weiß, du bist Astarte,
deren wir in Ketten spotten,
Du von Anbeginn, du harte
Göttin, die nicht auszurotten.

Ich jedoch war weich wie glühend Eisen;
darum sollst du mich in Wasser tauchen,
bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen
und der Stahl wird, den wir brauchen.

Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien,
bis sie mit berauschter Durstgeberde
wünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seien
und ein Wurm zur Göttin werde.

Nach der Nacht der blinden Süchte
seh ich nun mit klaren bloßen
Augen meine Willensfrüchte;
denn ich bin wie jene großen

Tagraubvögel, die zum Fliegen
sich nur schwer vom Boden heben,
aber, wenn sie aufgestiegen,
frei und leicht und sicher schweben.

Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine,
die ich liebe: Ja und Amen:
heute komm ich! heut soll meine
Klarheit deinen Schooß besamen!

Schon errötet dort ein Giebel;
Sonne, mach ein bißchen schneller! –
Tolstoi, bring mir meine Stiebel,
heut verlass ich deinen Keller! –

– – – – – – – – – – –
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