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Die Verwandlungen der Venus

Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Verwandlungen der Venus
authorRichard Dehmel
year1996
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressSulzbacherstr. 45, 65760 Eschborn
isbn3-88074-962-0
titleDie Verwandlungen der Venus
sendergerd.bouillon@t-online.de
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          »Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann,
»Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift;
»Doch wer den Augenblick ergreift« –
man horchte auf – »das ist der rechte Mann.
»Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut«,
Fräulein Lucinde nickte zart;
»An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen.
»Und wenn ihr euch nur selbst vertraut«,
ich griff mir schmachtend in den Bart,
Fräulein Lucinde saß erstarrt,
»Vertraun euch auch die andern Seelen.
»Besonders lernt die Weiber führen«,
der Pastertochter wurde schwach.
»Es ist ihr ewig Weh und Ach« –
die Pate schien der Schlag zu rühren,
»So tausendfach« –
Frau Klooß erkannte mit Gewimmer:
Herr Gott, das wird ja immer schlimmer –
»aus Einem Punkte zu kurieren.
»Und wenn ihr halbweg ehrbar tut«,
jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer,
»Versteht das Pülslein wohl zu drücken«,
die Frau Geheime schien zu sticken,
»Habt ihr sie alle unterm Hut.
»Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken«,
schrie ich – »verdammte Heuchlerbrut,
»Wohl um die schlanke Hüfte frei,
»Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei« –
da platzte die Bombe. ein Jammergeschrei:
die Frau Geheime lag auf dem Rücken.

Und krach! auf die Diele das Wasserglas
und den Lesetisch, und heraus die Knute:
»Nu hoppla, hopp, Frau Zimperschnute!
Karline, jetzt kommt der Kontrabaß!
jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!«
und knautsch, da hatt ich sie beim Wickel.
Ei, alle Wetter: dies dicke Karnickel,
das war ja wie'ne Puppe leicht!
Und plötzlich: Himmel, was war denn Das:
Fräulein Lucinde sank fassungslos
dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß,
die Pate schnappte leichenblaß
nach Luft: in meinen Fingern saß
– die Frau Geheime bibberte nur –
ihre ganze Jugendstilfrisur.
Und auf der grau strupphaarigen Platte
– mir schauderte – ein Schurf und Schinn,
ein Schund und Schmiericht, als klebte drin
die ganze abgekratzte Pomade
von zehn Jahrhunderten festgefilzt,
so eingeschimmelt und verpilzt.

Die ganze Bande lag in Krämpfen;
na wart't, Kanaljen, es kommt noch besser,
ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen!
Und schnipp schnapp flitz: mein Taschenmesser:
herrjee, wie wurden sie plötzlich munter!
Frau Klooß, geborene Freiin, schrie:
»Allmächtiger Vater, er mordet sie« –
und holterdipolter, stuhlüber stuhlunter,
als ob ein Satan zwischen sie führe,
das ganze verehrliche Lesekränzchen,
germanische wie semitische Pflänzchen,
klabotter klabatter hinaus zur Türe.

»So, Schatz!« ich nahm sie sacht beim Ränzchen,
zum Glück hatt ich noch Handschuh an –
»jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann
und Weib das manchmal soll passieren,
uns etwas näher inspizieren!«
Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen
und Seidenfranjen und Sammetlitzen,
und schlitz – an knöpfen war nicht zu denken,
so war die Kracke verschnürt und verschnallt –:
das Taschenmesser! und –: brrr, schnitt's kalt
und heiß mir selber in allen Gelenken,
wie da aus Flunker und Flitter und Flatter,
aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter,
aus Watte und Wolle und Fischbeinzacken
und Gummi-Busen und –Hinterbacken
mit Winseln und Betteln und Strampeln und Schelten
sich diese vermickerten Knickknochen pellten.

Ich stand – na, wie klein Hans beim Drecke.
Zum Henker! um diese verschrumpelte Schrippe,
dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke,
dies dürre, lahme Altjungferngerippe,
da hatte ich Narr mich so geplagt?
Zwar: Jungfer – Das zu untersuchen
bei diesem verbrutzelten Hutzelkuchen,
das hätte wohl kaum ein Arzt gewagt.
Ich konnte mich immer noch nicht fassen;
blos heimlich wünscht'ich, hätt ich ihr doch
das Hemde wenigstens angelassen!
Pfui Teufel, wie sie da vor mir kroch
mit ihren Faltenschlitzen und Runzeln,
mit ihren Zottelzitzen und Zunzeln,
mit ihren ausgetrockneten Waden
und eingetrockneten Hinterfladen –
fast entsank die Geißel meinen Armen,
mein Ekel stieg bis zum Erbarmen.

Lern aber einer die Weiber kennen!
Noch eben mitten in Zappeln und Flennen:
kaum merkte sie meine Männerschwäche,
ich merkt'es selber erst durch sie,
es war die reine Telepathie:
da grinst und äugelt mich die freche
Vettel mit ihrer geschminkten Fratze
so von unten über die Achsel an,
daß mir's durch beide Nieren rann.
Ich weiß nicht, ob die alte Katze
mich etwa zu – beglücken dachte,
ob sie sich über mich lustig machte,
ob diese abgetakelte Ratze
in ihrer kahlen Scheußlichkeit
meinte, sie sei dadurch gefeit:
ich fühlte nur plötzlich eine Wut,
mir schien das ganze erbärmliche Blut
unsrer verjammerlappten Zeit
in dieser Hexe zusammengebreit,
und – »So! nu zappel, verwünschte Pute,
jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand«,
hol'ich zum Hieb aus mit der Knute,
da – – legt sich sanft um meine Hand
und rührt mich bis ins weheste Mark
wie junge Liebe so still und stark
und warm, um meinen Hals gebogen,
ein Arm. Und mild, voll Stolz und Huld,
tönt eines Atems leises Wogen:
»Laß ab! sie büßt mit ihrer Schuld

Und wie sich nun mein Nacken wendet,
von Schauern mächtig überwallt,
da steh ich scheu und fast geblendet
vor einer schimmernden Gestalt.
Im bleichen Kreis der Glühlichtglocken
ist ihre Nacktheit heller Tag,
es spielt ein Schein um Stirn und Locken
wie Blütenschmelz im Frühlingshag.
Zur Hüfte nieder um die Brüste
fließt mantelschwer ihr offnes Haar
und wogt und flimmert dämmerklar,
als ob ein Morgenwind es küßte.
Weiß leuchtet aus der schlanken Rechten,
zum Gruß geneigt und zum Gebot,
ein Lilienstab, den dunkelrot
zwei volle Rosen hoch umflechten;
so steht sie wehrend, wundersam
beglänzt. Und ich – mich überkam
ein Ahnen wie Erinnerung,
ein Sehnen, neu und kinderjung:
ich hatte sie nie noch nirgendwo
gesehn, und wie mir dennoch so
ihr freudig Auge, seelenweit,
und ihres Mundes Zärtlichkeit
jedwedes Faserchen tief innen
zu lauter Andacht ließ gerinnen:
ach, war's denn nicht, als sähe wieder
meine liebe Mutter zu mir nieder?

Und wie nun fromm und ganz befangen
mein Blick an ihr zu Boden wollte
und doch in bangem Hinverlangen,
da doch ihr Haar an Ohr und Wangen
und Brüsten schmeichelnd sie umrollte,
mein Herz nach ihrer Schönheit schrie,
als müßtest Du mir, Du, mit weiten
Armen aus ihr entgegenschreiten,
du Eine, Einzige, die mir nie
ein Wort noch Winkchen vorenthalten,
nicht Seel noch Leibs geheimste Falten,
seit endlich dein an mein Herz schlug –
Und wie's so immer inniger drängte
und wie mich süß und süßer tränkte
der dunklen Rosen Wohlgeruch:
es riß mich nieder ihr zu Füßen
und machte meine Arme breit:
»wer bist du, Weib, in deiner süßen,
in deiner milden, herben, süßen,
unsagbar süßen Herrlichkeit?«

Und aus der Rechten sacht zur Linken
läßt sie das Blumenszepter sinken,
dann spricht sie, über mich geneigt,
nimmt mir die Geißel aus der Hand nun,
nimmt eines Teppichs bunten Rand nun,
indem sie ihn der Andern reicht,
und winkt ihr mit der Lilie: »Geh!
bedecke dich! es tut mir weh,
in deiner Blöße dich zu sehn.«
Und wieder über mich geneigt nun,
indeß die Andre scheu entweicht nun,
tönt ihres Atems leises Wehn:
»Was war's doch, was in liebsten Lüsten,
wenn Lippen sich und Seelen küßten,
den trunknen Blick dir ganz benahm,
was dich im reinsten Rausch der Wonnen,
tief in ein Andres einversponnen,
wie willige Blindheit überkam?
Dann warst du Mein! ich bin die Scham.

»Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,«
senkte sie lächelnd die Lilienblüten,
»so um alles in Eifer wüten.
Die da, meine mißratene Schwester,«
nickte sie neckisch nach der Tür hin,
Während sie mir den Scheitel zauste
und ihre zierlichen Nüstern krauste,
»Die da ist schon über Gebühr hin
durch die eigene Ohnmacht gestraft:
fehlt ihr zur rechten Freude die Kraft.
Hat ja viele Seelen zu Sklaven,
alle die Biedern, alle die Braven
vom werten Orden der Gleißnerschaft,
alle die zahmen, ewig alten,
sinnelahmen Halben und Kalten,
scheint ein gar gewaltiger Bund,
ist aber doch nur – nun eben Schund.
Haben die Welt nie aufgehalten;
und alles, was sie zu Stande brachten,
und ihrer Weisheit letzter Grund
ist – ihr gegenseitig Verachten.
Können sich nicht gesund betrachten,
weil ihrem armen dünnen Blut
jedes freie Lüftchen wehe tut,
und machen drum aus ihrer Not
ein Gebot.

»Und, Lieber,« streicht sie zart mein Haar,
»der Heuchler meint die Lüge wahr,
der Wahre muß ihn nur verstehn!
Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn,
man würde sich nicht sehr beklagen;
doch etwas schwerer zu vertragen
ist Häßliches, bei Licht besehn.«

Und während silbern noch im Ohr mir
ihr fröhlich stolz Gelächter klingt,
winkt mit den Rosen sie empor mir
und spricht: »Ein schlechter Boden bringt
aus echter Wurzel schlechte Blüte.
Und wer mit schwächlichem Gemüte
sich schämt, der ist zur Scham verdorben;
doch ist sie drum nit ausgestorben.
Wer Löwe ist, der gönnt der Katze
den Mäusefang in seiner Welt;
sie will auch leben. Jede Fratze
zeugt für den Gott, den sie entstellt

So beugt sie sich mit gnädigem Kusse
in heller Anmut zu mir hin,
und ich, ich fühle ihrem Gruße
mein ganz Gefühl entgegenglühn –
und nur noch, wie's mich übermannte,
ich wieder an ihr niedersank,
mein Mund auf ihren Brüsten brannte,
ich ihre Lenden dann umspannte,
ihr Haar mir um die Finger schlang,
die Stirn geschmiegt in ihren Schooß –
Sie aber, hold und mütterlich,
zupft mich am Ohr: »Ich bitte dich,
mein lieber Mensch! was willst? laß los!
ermuntre dich: du – träumst ja blos.«

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