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Die Verwandlungen der Venus

Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Verwandlungen der Venus
authorRichard Dehmel
year1996
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressSulzbacherstr. 45, 65760 Eschborn
isbn3-88074-962-0
titleDie Verwandlungen der Venus
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Venus Vita.

          Und nun ein Feldweg, und um Morgengrauen;
die kahlen Bäume stehen da wie tot,
ich aber wandre, ohne aufzuschauen.

Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.
Ich höre den gedüngten Acker schweigen;
und heute wird kein Morgenrot.

Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen
sagt keine Tafel mir die rechte Spur:
soll ich hinunter, soll ich steigen?

Da deucht mir, in der tiefen Flur
rief mich mein Name, aus ersticktem Munde.
Ich horche; Nichts. Im Osten nur

enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.
Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,
mir dämmert eine längst vergangne Stunde,

und wieder hör ich fern und laut
die bange Stimme meinen Namen rufen;
und mir graut.

Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen
bekannt; ich bin so wandermatt.
Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?

Hinab! – Schon wird der Abhang glatt;
auf einmal, wie von einem Kinderwagen,
springt mir ein Rad

unter den Füßen auf. Ich seh es jagen,
es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,
seh's Funken schlagen;

mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,
ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle
hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,

und immer ruft mich klagend jene Seele
und winkt das Licht,
das Rad – halt! – Jetzt –: ich greife – fehle –:

es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh's zerbricht!
Ich fass'es, stürze – wach'ich? – meine matten
Finger umklammern es – – Nein – nicht: –

in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten.

          Werd'ich also stets ins Leere fassen?
lebt nichts ewig vor mir her?
Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr
meinen Blick verblenden lassen.

Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne,
wozu schürt ihr meine Seelennot?
Eisig haucht die gleißnerische Ferne:
ewig lebt allein der Tod.

Sei's denn! Umso unfaßbarer, freier,
umso weiter, unbegrenzter
strahlt des Daseins Auferstehungsfeier –
niemals sah ich die Nacht beglänzter!

Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte:
eine reifere Inbrunst lebt mir nun:
Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn,
aber ihm entsteigt in höhere Prächte...

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