Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Dehmel >

Die Verwandlungen der Venus

Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Verwandlungen der Venus
authorRichard Dehmel
year1996
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressSulzbacherstr. 45, 65760 Eschborn
isbn3-88074-962-0
titleDie Verwandlungen der Venus
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Venus Metaphysica.

                        Plötzlich sah ich draußen das Feld
ganz von magischem Licht erhellt.
Durch die äußersten Straßen von Berlin
schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn,
ich mußte nur immer gehn und gehn,
schließlich blieb ich im Sande stehn;
halbhoch in der Unendlichkeit
stand der Vollmond, meilenweit.
Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne,
mir war so anders im Gehirne;
ich fühlte, mir wollte was passieren,
mir war so weltweit. Die Gaslaternen
schienen sich förmlich zu entfernen.
Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren
drüben am dunkleren Himmelsrand
wurde ein Feuerwerk abgebrannt;
der letzte Böller war kaum verkracht,
da schlug's vom Rathaus Mitternacht.

Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute,
der Juli lag mir wohl im Blute;
ich sah mich um. Kein Laut von Leben;
bis hoch ins höchste Äthermeer
kein Bein! Die Landschaft dito leer,
ganz leer – Berliner Landschaft eben,
wo nur symbolisch hin und wieder
ein borstiger Büschel Gras aufsprießt,
als hätte der Sand ihn ausgeniest.

Seltsam: was hat der Mensch für Glieder!
Mich zwang ein geisterhaftes Regen,
in diesen Sand mich hinzulegen,
platt auf den Rücken. Der Mond stand grade
senkrecht über dem Schornsteinschlund
einer düstergrauen Fabrikfassade;
da stand er blank und kugelrund
wie aus der Kanone hochgeschossen.
Ich wünschte, er möchte runterfallen
und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen,
und machte noch sonstige mystische Glossen,
zum Beispiel über die Jakobsleiter,
mir wurde immer weltenweiter.

Auf einmal – ich rieb mir die Augenlider,
aber wahrhaftig: jetzt schon wieder:
der Mond, kein Zweifel, er rührte sich.
Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten,
sie schien mir beinah zwiegespalten;
und was ich bisher für den Mond gehalten,
die Geister überführten mich,
das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke.
Denn frei der blöden Sinnenschranke
erkannt'ich: es war die hintre blanke
Lendenpartie und noch was Schlimmers
eines überirdischen Frauenzimmers.
Ihr Kopf war völlig unsichtbar,
auch Arme und Beine und Zehenspitzen;
sie mußte stark in Kniebeuge sitzen.
Doch aus allem Übrigen sah ich klar:
so'was, das gibt's blos in höheren Zonen,
sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.

So lag ich und entzückte mich
an ihrer wunderbar schwierigen Stellung,
mein Herz kam immer mehr in Schwellung,
und nur das Eine bedrückte mich:
ob die Geister wohl Unheil sinnten
mit dieser Offenbarung von Hinten.
Und kaum geahnt, da seh ich schon,
daß diese maßlose Weibsperson
nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust,
unaufhaltsam auf mich losgesaust,
kommt immer näher, wird immer blanker,
hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker,
mir schwindelt, mir vergeht das Licht,
mir will das Herz durch Haut und Hemd,
zitternd erwart ich das Donnergewicht,
und die Hände unter den Kopf geklemmt
– jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß,
bumms! Schon will ich mich tot erklären,
aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß,
wupp: wie etwa die Hemisphären
eines Tragischen Heroinen-Popos.

Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form
seh ich ihn mir nun näher an:
hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm
wie einen das Jenseits doch täuschen kann!
Sonst sah ich nichts als um den Kopf
einen dicken, grauen, gepuderten Zopf,
und, da sie keine Anstalt machte
sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte:
sie wird als Dame wohl Gründe haben,
dich nicht mit ihrem Anblick zu laben.
Die Beine hielt sie steif in der Mitte
zwischen den meinen in den Sand;
sie war wohl von dem luftigen Ritte
noch echauffiert. So lag ich galant
stille und fühlte durch die Hosen
ihre unsterblichen Pulse tosen.

Wupp! machte sie plötzlich wieder – und
ich muß gestehn, mir tat das wohl,
ich schloß die Augen – und wuppwup, hohl
erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund:
»Mein Name ist Meta«, wupp – »genauer
Frau Meta Physika«, wupp. »Ich bin
Astralweib« wupp – »und von ewiger Dauer.«
Mir wurde immer wohler zu Sinn,
wie sie so jedes Komma und Zeichen
nachdrücklich angab in meinen Weichen.
Wupp: »Wem nämlich die krause Welt
nicht mehr genug von Vorne gefällt,
dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten,
in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten.
Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden
auch bei Dir zu Gaste geladen,
wupp!« Das war mir nun sehr erbaulich,
aber sie wuppte mir fast zu gut;
mir wurde immer dunkler zu Mut,
immer beklommner, mir wurde graulig.
Ich wollte die Augen öffnen – vergebens:
ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.

Wupp, ging's unten in meinem Schooß
mit Himmelskräften von frischem los,
während sie oben grollte: »Du kleines
Menschlein willst dich gegen mich steifen?
Was, ich bin dir zu dunkel gewesen?
Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines
der allgemeinsten weiblichen Wesen,
wupp, die nächtlich im Freien schweifen:
warte, du sollst es schon begreifen,
wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar
es ist haarsträubend, aber wahr!«
Und wupp – ich hörte noch was wie »schleifen«,
mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille,
alte Gefühle standen mir stille;
denn immer eifriger wurde, oh,
dieser fürchterliche Astralpopo.

Endlich konnt ich mich wieder ermannen
und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen
ihre unbewußten Körperstellen
mir entgegen wie zwei Riesenpfannen.
Der Rücken ist – in beiden Axen –
um mindestens drei Systeme gewachsen,
ich kann ihn garnicht zu Ende sehn;
von Kopf nicht mehr die geringste Spur,
ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur,
und nicht ein Wort mehr zu verstehn.
Doch, gottseidank, pausierte sie leise
mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.

Ich überlege schon, ob ich sie bitte
sich zu entfernen; da – wupp, wup wupp –
stampft's wieder los in meiner Mitte,
jetzt fast schon wie'ne Kanone von Krupp.
Von oben hör ich wie Unkenstimmen
dunkle Offenbarungen stöhnen,
die immer übersinnlicher tönen
und schon ins Transzendentale verschwimmen.
Ich stöhne selber: wie komm ich los!
Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß
wächst ihre physische Proportion
zurück in die vierte Dimension,
und immer fetter schwoll und fetter
ihr unermüdlicher Katterletter.Anm. d. Setzers: Quatre lettres = Vier Buchstaben scheint der Herr Doctor gemeint zu haben.

Zwar ihr Vergnügen, das gönnt'ich ihr herzlich;
aber mir wurde die Sitzung schmerzlich.
Mein spiritistisches Fluidum
spritzte schon literweise herum;
ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel,
ich armes menschliches Medibumsel.
Sie wuppte, wupp, immer wuppiger,
mir wurde immer matter und matter,
sozusagen immer schaluppiger.
Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter
und platter wurde, und mit den letzten
Kräften schrie ich ins Äthermeer:
»Madam! Sie werden mir zu schwer!«

Aber ihre Bewegungen setzten
sich mit unveränderter Miene
nur noch kategorischer fort.
Sie trieb mir's gradezu wie zum Tort,
diese grenzenlose Buttermaschine;
sie wollte mich vollends, schien's, vergeistigen.
Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: »Madam!
Heda! Wie können Sie sich erdreistigen,
mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm!
So hören Sie doch! Sie altes Kalb,
Sie Mondkalb Sie!« Da: hui, ein Kneifen,
ich höre die Engel im Himmel pfeifen –

»Herr, mit Verlaub, ich bin ein Alb«,
brüllt sie, daß mir der Schädel gellt,
»und bleibe auf eurer unglaublichen Welt
gefälligst so lange, wie Mir's gefällt,
verstanden?!« Und hui, wupp, seh ich – o Grausen,
Erbarmen, Rettung – ihren Zopf
sich blähen und auf mich niedersausen:
der ganze Himmel erscheint Ein Schopf,
eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren,
die immer spiraliger niederfahren:
sie wickeln sich mir um alle Gelenke,
um Hals und Arme und Brust und Weichen –
Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren,
vor meinen Augen tanzen verrenke
riesige Paragraphenzeichen,
die mir alle Sinne zuschnüren –
Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens:
sie umwickelt mich immer wilder,
vor meinem Geiste erscheinen die Bilder
meines aprioristischen Lebens,
während sie meinen sterblichen Rest
immer platter a posteriori preßt –
und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben:
ich fühle, wie sich die Seelenspitzen
ihrer Behaarung in alle Ritzen
und Poren meines Leibes schieben
ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach,
es kriecht mir krabbelnd in Ohren und Mund,
in Gaumen, Kehle, Nase, und

hapschih, pschih! nies'ich – und bin wach.
Und liege im Sande mit der Nase,
dicht bei einem borstigen Büschel Grase.
Halbhoch in der Unendlichkeit
stand der Vollmond, meilenweit.

                    Und so hab ich mit Gelächter
manchen Geisterrausch bestanden,
trank als Raum- und Zeit-Verächter
meinen Gottgeist fast zuschanden,

trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib,
aber war das, war das Freiheit? Nein!
Mitten in den knechtischen Zeitvertreib
herzerkältender Spöttereien

tratest Du, Du, die gleich mir gelitten
unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid
und sich dennoch Lebenslust erstritten,
herrlich in Liebseligkeit

Und ich sah die Wärme deiner Wangen,
deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht:
eines Sommerglückes Prangen
mitten in der Winternacht!

Und ich zeigte dir mein scheues Wehe;
und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß.
Aber wild erschrak's vor neuer Ehe.
Und ich rang mit dir – und rang mich los –

los – und ließ mich vollends von der Schwere
meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen;
über Länder, über Meere
trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.

Auf den blumigsten Inseln Griechenlands,
an Italiens blauesten Uferborden
saß ich echter deutscher Duselhans
voller Heimweh nach dem Norden.

Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten
Pfühl in dieser fremden kalten Kammer
und verwühl mich mit erstarrten Gliedern
wieder in den alten Jammer.

Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre
mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen
und dein ruhlos Herz beschwören,
prüfend, mit gedämpfter Stimme,...

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.