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Die Verwandlungen der Venus

Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus - Kapitel 23
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Verwandlungen der Venus
authorRichard Dehmel
year1996
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressSulzbacherstr. 45, 65760 Eschborn
isbn3-88074-962-0
titleDie Verwandlungen der Venus
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Venus Idealis.

              Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht:
Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm,
doch darf ich folgen? ist's ein Geist der Wahrheit?
ist's Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht.
Und furchtsam dacht ich an das unverstandne
Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater,
in Deine Hand befehl ich meinen Geist!
Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang.

Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand
an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche.
Sehr finster war's. Doch finstrer ragte noch,
zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt,
ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.
Dumpf um es schnob und brodelte die Flut,
und ich erkannte, eine Sintflut war's,
die ein verwittertes Stück Welt zerfraß.

Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond
durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte,
und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht
rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib.
Ich sah sie sinken. Doch noch Einmal tauchte
das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf:
der nackte Körper bäumte sich im Schaum,
und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang,
entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind.

Da war's, als käm ein Staunen in den Aufruhr;
der Mond besänftigte die wüste Flut,
die Wellen hüpften um das kleine Leben
und wuschen es und wiegten es und trugen
es langsam durch die Klippen an das Eiland.
Und nun gewahrt'ich auf dem schroffen Gipfel
ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt,
in riesenhafter Starrheit saß sie da;
es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte,
einäugig starrte sie aufs Meer hinab,
und bis ins Mark verwirrte mich der Blick.
Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind.

Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe,
und nahm es mit gelassner Hand ans Herz,
und öffnete die Tücher ihrer Brust,
und tränkte es, und küßte es, und schaute
ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm
ihr Blick hinüber in des Kindes Blick,
als zündete sie drin das Seelchen an.

Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind,
und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs.
Da nahm es von der Brust die Rätselhafte
und setzte mit gelassner Hand es wieder
hinab ans Ufer, wo ein neues Land
sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen;
ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne,
dann saß sie starr und dunkel wieder da.
Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn,
der erste Schmerz verstörte seine Stirne;
und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs,
und immer wachsend ging er immer weiter,
bis ich im Morgendunst des Horizonts
ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.

Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;
weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser,
als müßten immer neue Menschlein kommen,
sich Leben holen hoch an ihrer Brust.
Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden:
nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn,
dies Geisterauge, das dort oben über
der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe
so groß und bleich im Mondlicht flimmerte.
Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände:
O komm! komm her zu mir und sieh mich an,
wie du den Säugling ansahst! Einmal nur
tu mir das Wunder deines Wesens auf!
Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe –

Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder.
Vor ihren Schritten teilte sich die See.
Und näher, immer näher kam sie dröhnend.
Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee.
Selige Tränen übermannten mich.
In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich.
Da stand sie vor mir, beugte sich herab.
Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn
und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich
sie ansehn: Aug in Auge – oh Erkenntnis:
Stein war es! Stein! ein glotzender Opal!
Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf;
da sah ich weinend in den grellen Mond.

          Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl
schrien mir zu. Spei deiner Qual ins Antlitz!
Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl,
Gottnatur ist Menschenwahnwitz!

Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht,
Überspannt von einem Regenbogen.
Darauf steht die schillernde Inschrift:
hier wird grenzenlos gelogen!

Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar
Noah nach der Sündflut schon erschlossen!
Und ich brauchte ihn fürwahr.
Wißt ihr's noch, ihr alten Zechgenossen?

Strindberg, herrlichster der Hasser,
Scheerbart, heiliges Riesenkänguruh,
und vor Allen Du, mein blasser,
vampyrblasser Stachu du,

der mit mir durch manche Hölle
bis vor manchen Himmel kroch,
Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle –
Przybyszewski, weißt du noch:

wie wir, spielend mit der blöden
Sucht nach unserm Seelenheile,
aufgestachelt von der öden
Wüstenluft der Langenweile

und der Glut der Toddydünste,
unser Meisterstück begingen
in der schwierigsten der Künste:
über unsern Schatten zu springen?!

Wie wir jedes Weib verpönten,
das nicht männlich mit uns tollte;
wie wir selbst auf Nietzsche höhnten,
der noch »Werte« predigen wollte!

Denn auch wir, wir waren Jeder
mehr als weiland Faust verschrien.
Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder:
Doctor sämtlicher Philosophieen!

Und da sah ich endlich sie erscheinen,
die noch niemals jemand sah,
sie, die Schöpferin des All-Einen,
sie, des Satans Großmama:...

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