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Die Verwandlungen der Venus

Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Verwandlungen der Venus
authorRichard Dehmel
year1996
publisherVerlag Dietmar Klotz
addressSulzbacherstr. 45, 65760 Eschborn
isbn3-88074-962-0
titleDie Verwandlungen der Venus
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Venus Urania.

Psalm an den alten Gott.

                          Der du in Gewittern hausest,
kommst du, Grollender?
Tief von unten,
über Berge und Wolken her:
suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du,
schwarzgekrönter Wetterherr,
mit der bleiernen Stirne?

Höher doch! näher! herauf zu mir,
mir und meiner Sonne,
die ich aus Abgrundnacht an meinen
Himmel setzte mit kettendem Blick,
die mich erleuchtet, von mir durchglüht,
aufgegangen in Eine große
einige einzige Strahlenwelt!

Ja, du suchst uns,
willst uns segnen,
Du mit deiner Donnerglockenstimme,
willst empor zu unserm
Strahlenherd, Strahlender du!
Sehnst dich, hell in unser helles
lichtfrohlockendes Glück zu blicken,
du auch ein Lichtsproß,
Lucifer, Lichtschleudrer,
weltbelebender Erschüttrer – komm!

Denn wir kennen dich:
du bist mein Bruder!
Komm und sieh: hell
schaun auch Wir dir
durch die nachtgraue Maske
in dein glühend blutendes Herz, das gute:
Du wirfst Kraft,
Liebe aufs schmachtende Feld herab,
wenn du mit wuchtender Faust
krachend zersprengst
die dumpf drückende Dunstlast.

Tobe nur, Kommender! nimm,
hebe die splitternde Axt!
Hebe die düstern, schönen,
schattenumhangenen Lider!
Grüßt mich, sprüht, ihr jähen,
Ewigkeit aufschließenden Blicke:
ja! ich will mich satt sehn, satt
an dieser funkelnden Unendlichkeit.
Auf, ihr stürmischen Lippen auch:
aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir
das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht,
vom Keim der Kämpfe, der Atem der Lust!

Sonne, meine Sonne,
sieh: er hört uns!
Weh: Er: stählerne
Ströme sein Blick!
Über dir – rette dich –
Sonne, wo bist du –
hilf – o Sonne –
lieg'ich umklammert,
liege von blendenden,
wilden, sausenden Wonnen durchbohrt.

Sonne, mein zitterndes Licht:
lache! – nur den Baum,
sieh, den Felsen nur
traf sein zischendes Beil.
Hörst du ihn jauchzen?
über der klaffenden Buche,
über den talab polternden Trümmern,
im flatternden Bart ihn
jauchzen sein schmetterndes Lied:
Wecke den Tod,
Echo! es loht
von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft;
Einer stürzt, der tausend drückte.
Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden;
tausend wachsen, Einer ragt.
Tod zeugt Leben – stammelt die Menschheit unten;
hochher schweigt dazu die Ewigkeit.

Auf, mein knieendes Glück!
Grolle nur, Donner! Blitz,
greller noch! triff, zerbrich,
was furchtsam zitternde Kronen trägt!
Uns segnest du,
eins prüftest du,
Blut von Deinem Blut, mit heißen
Fingern in deiner Flammentaufe.

Wir, mein Zitterndes, auf!
wir sind fromm und heilig:
mit gefeitem Diademe krönte
uns die Liebe,
unsre lichtfrohlockende Liebe,
zitternd von Andacht und Inbrunst! Und –
ja – und trifft auch Uns er,
will ein Bruderopfer Seine Liebe:
nimm uns, Lucifer! herrlich
stürzen wir hin ins Licht auf,
vermählt verglühend in deiner reinen,
in unsrer eignen reinen Glut.

Nein, wir fürchten dich nicht,
rasend liebender Bruder!
Wir sind Welt wie Du,
Lucifer, Lichtbringer:
Ich und meine Sonne,
die wir Eins mit allem Licht der Welt sind,
wir lieben Alles,
alle Welt muß Uns lieben!

          Aber dann ward trunkne Stille;
war's die Stille der Ermattung?
Taumelnd stand mein junger Wille
vor dem Zwiespalt der Begattung.

Sollte nicht ein Sturm von Wonne
aufsprühn, der zwei Welten einigte?
Warum zagte meine Sonne
vor dem Glutwind, der mich reinigte?

Stumm vernimmt das längst entwichene
Himmelreich mein wehes Fragen.
O verzeih mir, du Verblichene!
heut versteh ich dein Verzagen.

Griechin solltest du mir werden,
Jüdin bliebst da allerwärts;
ach, mit Übermenschgeberden
griff ich in dein menschlich Herz,...

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