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Die Vertreibung der triumphierenden Bestie

Giordano Bruno: Die Vertreibung der triumphierenden Bestie - Kapitel 7
Quellenangabe
authorGiordano Bruno
titleDie Vertreibung der triumphierenden Bestie
publisherMagazin-Verlag Jacques Hegner
firstpub1583
year1904
translatorPaul Seliger
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180411
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Zweiter Dialog.

Saulino. Ich bitte dich, Sofia, ehe wir zu einem anderen Thema übergehen, gib mir den Grund und die Ursache für jene Ordnung und Reihenfolge der Gottheiten an, die Jupiter für die Gestirne bestimmt hat, und zuerst laß mich hören, warum er den vornehmsten Platz – denn dafür gilt er allgemein – der Wahrheit eingeräumt hat.

Sofia. Gern. Über allen Dingen thront die Wahrheit; denn sie ist die Einheit, die über allem waltet, und das Gut, das alle anderen an Wert übertrifft; denn eines ist das seiende, gute und wahre, das wahre, das seiende und das gute sind einunddasselbe. Die Wahrheit ist jene Wesenheit, die keinem Dinge nachsteht. Denn wenn du von irgend einem Dinge annehmen willst, es sei vor der Wahrheit, so müßtest du der Ansicht sein, es sei etwas von der Wahrheit verschiedenes, und wenn du es für etwas anderes hältst als die Wahrheit, mußt du notgedrungen annehmen, daß es nicht die Wahrheit in sich enthalte und ohne Wahrheit, das heißt nicht wahr sei; daraus folgt, daß es falsch, nichtig, nichts und nicht seiend ist. Ich lasse es dahingestellt, daß nichts vor der Wahrheit ist, wenn es nicht wahr ist, daß dies das erste und über der Wahrheit ist, ein solches wahres kann aber nicht existieren außer durch die Wahrheit. So kann also nur das sein, was mit der Wahrheit verbunden ist, und ebendasselbe kann ohne Wahrheit nicht existieren, denn wenn es nicht durch die Wahrheit wahr ist, so ist es nicht ein seiendes, so ist es falsch, so ist es nichts. Ebensowenig kann etwas neben der Wahrheit existieren; denn wenn es nach ihr ist, so ist es ohne sie; wenn es ohne sie ist, so ist es nichts wahres, denn es enthält keine Wahrheit in sich; es wird also falsch, es wird nichts sein. Daher ist die Wahrheit vor allen Dingen, mit allen Dingen, nach allen Dingen, sie ist über allem, mit allem, nach allem, sie enthält den Grund des Anfangs, der Mitte und des Endes in sich. Sie ist vor den Dingen als Ursache und Prinzip, weil die von ihr abhängen, sie ist in den Dingen und ist die Substanz der Dinge selbst, weil diese durch sie ihre Subsistenz haben; sie ist nach allen Dingen, weil sich diese durch sie ohne Irrtum verstehen lassen. Sie ist ideal, natürlich und begrifflich; sie ist metaphysisch, physisch und logisch. Die Wahrheit ist daher über allen Dingen und das, was über allen Dingen ist, muß doch der Substanz nach die Wahrheit selber sein, mag es auch in anderer Weise aufgefaßt und anders genannt werden. Aus diesem Grunde hat daher Jupiter die höchst vernünftige Bestimmung getroffen, daß am vomehmsten Teile des Himmels die Wahrheit sichtbar sei. In der Tat aber ist diese, die du mit deinen Sinnen wahrnimmst und mit der Schärfe deines Verstandes begreifen kannst, nicht die oberste und erste, sondern nur eine Nachahmung, ein Bildnis und ein Abglanz von jener, die selbst höher steht als Jupiter, den wir so oft erwähnen und von dem wir in Metaphern sprechen.

Saulino. Eine würdige Ausdrucksweise, Sofia! Denn die Wahrheit ist die lauterste und göttlichste Ursache von allen; sogar die Göttlichkeit, Lauterkeit, Güte und Schönheit der Dinge ist die Wahrheit, die sich weder durch Gewalttätigkeit vertreiben noch durch das Alter schwächen, weder durch Geheimhaltung vermehren noch durch Mitteilung vermindern läßt. Der Verstand löst sie nicht auf, die Zeit entstellt sie nicht, der Raum verbirgt sie nicht, die Nacht unterbricht sie nicht, die Dunkelheit umhüllt sie nicht, ja, je heftiger sie bekämpft wird, um so mehr richtet sie sich auf und wächst. Ohne Verteidiger und Beschützer verteidigt sie sich, und daher liebt sie die Gesellschaft weniger Weisen, haßt die Menge, zeigt sich denen nicht, die sie nicht um ihrer selbst willen suchen, und will sich denen nicht offenbaren, die sich ihrem Dienst nicht voller Demut weihen, ebensowenig denen‚ die sich ihrer mit Hilfe von Betrug bemächtigen wollen. Daher tront sie in schwindelnder Höhe, wohin zwar alle blicken, aber wenige sie wirklich wahrnehmen. Aber warum, Sofia, folgt ihr die Klugheit? Etwa, weil, wer die Wahrheit schauen und verkünden will, sich von der Klugheit führen lassen muß?

Sofia. Nicht dies ist der Grund. Jene Göttin, die mit der Wahrheit verbunden ist und ihr zunächst steht, führt zwei Namen: Vorsehung und Klugheit. Sie heißt Vorsehung, insofern sie die oberen Prinzipien beeinflußt und sich in ihnen findet, Klugheit wird sie genannt, insofern sie sich in uns betätigt, wie Sonne der Weltkörper genannt zu werden pflegt, der Wärme und Licht ausstrahlt, und ferner jenes Licht und jenen zerstreuten Glanz, der sich im Spiegel und in anderen derartigen Gegenständen zeigt. Die Vorsehung offenbart sich also in den höheren Dingen; sie ist die Begleiterin der Wahrheit und nie ohne diese, sie ist die Freiheit an sich und die Notwendigkeit an sich, derart, daß die Wahrheit, die Vorsehung, die Freiheit und Notwendigkeit, die Einheit, die Wirklichkeit, die Wesenheit, das Sein alle das eine absolute Wesen sind, wie ich es dir ein andermal näher auseinandersetzen will. Für jetzt will ich dir zur besseren Veranschaulichung noch sagen, daß sie in uns die Klugheit wirkt, die in einem gewissen zeitlich verlaufenden Denken besteht und eine der Haupttätigkeiten des Geistes darstellt, die sich auf das allgemeine und besondere bezieht; zur Dienerin hat sie die Dialektik und zur Führerin das erworbene Wissen, das man in der Regel Metaphysik nennt; sie betrachtet das allgemeine in allen Dingen, die sich der menschlichen Erkenntnis darbieten, und diese beiden verwenden alle ihre Betrachtungen zum Nutzen jener. Sie hat zwei hinterlistige Gegnerinnen, die Repräsentantinnen von Lastern sind; auf der rechten Seite befindet sich die Schlauheit, Durchtriebenheit und Bosheit, auf der linken die Dummheit, Trägheit und Unklugheit. Sie bewegt sich auf dem Gebiete der besonnenen Tugend, als Tapferkeit gegenüber den Ausbrüchen des Zornes, als Mäßigkeit gegenüber der Gesamtheit der Begierden, als Gerechtigkeit gegenüber allen äußeren sowohl wie inneren Handlungen.

Saulino. Von der Vorsehung also behauptest du, daß sie uns die Klugheit einflöße und daß jene in der urbildlichen Welt dieser in der physischen entspreche. Die letztere ist es, die den Sterblichen den Schild reicht, damit sie sich mit der Vernunft gegen widrige Verhältnisse wappnen; durch sie werden wir gelehrt, rasche und genügende Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wenn größere Gefahren drohen und zu befürchten sind; durch sie passen sich die niederen Seelenkräfte den Dingen, den Zeiten und den Verhältnissen an; sie ändern sich jedoch dabei nicht, sondern passen nur diesen ihre Willensbestrebungen an; dank ihr stößt den Weisen nichts unerwartetes, plötzliches zu; sie fürchten nichts, sondern erwarten alles, sie argwöhnen nichts, sind aber vorsichtig, indem sie sich der Vergangenheit erinnern, die Gegenwart lenken und die Zukunft voraussehen. – Nun sage mir, warum die Weisheit der Klugheit und Wahrheit folgt und ihnen am nächsten steht.

Sofia. Die Weisheit ist, wie die Wahrheit und die Vorsehung, von doppelter Art. Die eine ist jene höhere, überhimmlische und überweltliche, wenn ich so sagen darf; sie ist die Vorsehung selbst, zugleich Licht und Auge: Auge, das das Licht selbst ist, Licht, das das Auge selbst ist. Die andere ist die abgeleitete, weltliche und niedere; sie ist nicht die Wahrheit selbst, ist aber wahrhaftig und nimmt an der Wahrheit teil; sie ist nicht die Sonne, sondern der Mond, die Erde, ein Gestirn, das von einem anderen sein Licht erhält. So ist sie denn nicht Weisheit ihrem Wesen nach, sondern nur durch Anteilnahme; sie ist ein Auge, das Licht erhält und von einem äußeren und fremden Lichte erleuchtet wird; sie ist nicht Auge an sich, sondern durch etwas anderes, und hat kein Sein an sich‚ sondern durch etwas anderes; denn sie ist nicht das eine, nicht das seiende, nicht das wahre; sondern sie ist ein Teil des einen, des seienden, des wahren; sie gehört zum einen, zum seienden, zum wahren, sie steht in Beziehung zu dem einen, dem seienden, dem wahren; sie ist in dem einen, dem seienden, dem wahren; sie stammt von dem einen, dem seienden, dem wahren. Die erstere ist unsichtbar, undarstellbar, und unfaßbar über allem, in allem, unter allem; die zweite ist dargestellt am Himmel, wird klar dem Verstande, mitgeteilt durch Worte, verarbeitet durch die Wissenschaften, geglättet durch die Untersuchungen, aufgezeichnet durch die Schriften; für sie ist der, der zu wissen behauptet, was er nicht weiß, ein frecher Sophist; wer aber leugnet, zu wissen, was er weiß, ist undankbar gegen die wirkende Vernunft, beleidigt die Wahrheit und beschimpft mich. Und von gleicher Art sind alle, die mich nicht um meiner selbst oder der höchsten Tugend willen suchen und aus Liebe zur Gottheit, die über jedem Jupiter und jedem Himmel tront, sondern um mich für Geld oder für Ehre oder für andere Arten des Gewinnes zu verkaufen; weniger um zu wissen, als um gelehrt zu sein oder um andere herabwürdigen und befehden zu können und aus Feindschaft gegen das Glück anderer sich zu lästigen Zensoren und strengen Beurteilern aufzuwerten. Von diesen sind die ersten Elende, die zweiten von Eitelkeit beherrscht, die dritten boshaft und von niederer Gesinnung. Aber diejenigen‚ die mich suchen, um sich selbst Genüge zu verschaffen, sind klug. Die andern, die sich um mich kümmern, um anderen zu nützen, sind menschenfreundlich; die, die mich ohne Rücksicht auf einen anderen Zweck erstreben, sind wißbegierig; die, die mir aus Liebe zur obersten und ersten Wahrheit nachforschen, sind weise und folglich glücklich.

Saulino. Wie kommt es aber, Sofia, daß sich nicht alle, die dich in demselben Maße besitzen, auch gleichmäßig wohl fühlen, daß vielmehr der, der dich in höherem Maße besitzt, weniger glücklich ist?

Sofia. Woher kommt es, Saulino, daß die Sonne nicht alle erwärmt, die sie bescheint, und mitunter die am wenigsten erwärmt, die sie am stärksten bescheint?

Saulino. Ich verstehe dich, Sofia, und begreife, daß du es bist, die die Wahrheit und die Wirkungen jenes höchsten Ausflusses deines Wesens auf verschiedene Weise betrachtet, auffaßt und erläutert. Zu diesem Ausflusse streben mit größerem oder geringerem Eifer alle empor, ihn suchen alle zu erreichen und mühen sich ab, zu ihm emporzudringen, er bietet sich als gemeinsames Endziel den verschiedenartigsten Studien dar und spornt die Träger der verschiedenartigsten Geisteskräfte in verschiedenem Maße an, indem er sie zu jener einen und unteilbaren Wahrheit hinleitet, und wie es niemand gibt, der sie nicht irgend wie berühren könnte, so findet sich auch niemand hienieden, der sie vollständig zu begreifen vermöchte; sie wird von niemand begriffen oder in Wahrheit erblickt außer von dem, in dem sie ihrem Wesen nach weilt, und dies ist niemand anders als sie selbst. Und daher sieht man sie auch von außen nicht anders als in einem Schatten, einem Gleichnisse, einem Spiegel, an der Oberfläche und nach Art eines Abbildes. In dieser Welt existiert niemand, der ihr nach Fügung der Vorsehung und nach Wirkung der Klugheit näher käme als du, Sofia, während du ihr die verschiedenen Sekten zuführst, von denen die einen durch Betrachtung, die anderen durch Vergleichung, die einen durch Forschen, die anderen durch Vermuten, die einen durch Urteile und Begriffsbestimmungen, die anderen mit Zuhilfenahme der natürlichen Magie oder durch abergläubische Divination, die einen durch Negation, die anderen durch Affirmation, die einen auf synthetischem, die anderen auf analytischem Wege, die einen durch Definitionen, die anderen durch logische Beweisführung, die einen mit Hilfe erworbener, die anderen mit Hilfe göttlicher Prinzipien sie zu erreichen suchen. Sie selbst jedoch, an keinem Orte gegenwärtig und von keinem Orte fern, ruft ihre Verehrer herbei, stellt ihnen vor das Auge des Geistes eine Niederschrift aller natürlichen Dinge und Wirkungen und donnert ihnen in das Ohr des inneren Sinnes mit allen erdenkbaren Arten sichtbarer und unsichtbarer Dinge. – Auf die Weisheit folgt das Gesetz, ihr Kind; durch dieses will sie selbst wirken und sich verwirklichen; durch dieses herrschen die Fürsten und behaupten sich die Königreiche und Republiken. Indem es sich der Eigenart und den Sitten der Völker und Stämme anpaßt, unterdrückt das Gesetz die Kühnheit durch Furcht, läßt die Gutgesinnten sicher in der Mitte von Verbrechern wohnen und bewirkt, daß die Schuldigen stets von Gewissensqualen, von der Furcht vor der Gerechtigkeit und der Erwartung der Strafe gepeinigt werden, welch letztere mit Hilfe ihrer acht Diener: Wiedervergeltung, Gefängnis, Geißelung, Verbannung, Ehrlosigkeit, Knechtschaft, Armut und Tod den stolzen Wagemut austreibt und demütige Unterordnung herbeiführt. Jupiter hat es unter der Bedingung in den Himmel aufgenommen und erhöht, daß es die Gewalthaber veranlasse, sich nicht im Vertrauen auf ihre hohe Stellung und ihre Macht in Sicherheit zu wiegen, sondern indem es alles auf die höhere Vorsehung und das höhere Gesetz bezieht, nach dem sich sowohl das göttliche und natürliche wie das bürgerliche Gesetz richtet, soll es sie belehren, daß für solche, die die Fäden eines Spinngewebes zerreißen können, Netze, Schlingen, Ketten und Blöcke vorhanden sind, da durch die Bestimmung des ewigen Gesetzes verordnet ist, daß, je mächtiger jemand ist, er mit um so größerer Macht ergriffen und gefesselt wird, wenn auch nicht in Sträflingskleidung oder in einem Kerker, so doch in einer anderen Kleidung und in einem anderen Kerker, der noch schlimmer ist. Sodann hat er ihm befohlen und aufgetragen, sich hauptsächlich und mit aller Strenge der Angelegenheiten anzunehmen, für die es von Anfang an sowohl als erstes wie hauptsächlichstes Mittel angeordnet worden ist, nämlich alles dessen, was die menschliche Gesellschaft auf den bürgerlichen Verkehr bezieht, damit die Mächtigen von den Schwachen unterstützt, die Schwachen aber von den Stärkeren nicht unterdrückt, die Tyrannen abgesetzt, die gerechten Regenten unterstützt und gefördert, die Republiken begünstigt werden, damit die Gewalt nicht die Vernunft zu Boden trete, die Unwissenheit die Gelehrsamkeit nicht herabwürdige, die Armen von den Reichen unterstützt, die Tugenden und die dem Gemeinwesen nützlichen und unentbehrlichen Studien gefördert, begünstigt und gepflegt, daß die geehrt und belohnt werden, die sich in diesen auszeichnen, und die Trägen, Geizigen, Reichen verachtet und geringgeschätzt werden. Die Gottesfurcht und die Verehrung der unsichtbaren Mächte soll ebensowohl aufrecht erhalten werden wie die Achtung, die Ehrerbietung und die Scheu vor den unmittelbaren irdischen Herrschern; niemand soll zur Macht gelangen, der sich nicht zugleich durch Geist und Tugend auszeichnet, der nicht entweder aus eigener Kraft, was allerdings selten und fast unmöglich ist, oder unter Beihilfe und mit Unterstützung anderer dem, was ordnungsmäßig und unter allen Umständen zu geschehen hat, den Sieg verschafft. Dem Gesetz hat Jupiter die Macht, zu binden, verliehen, die hauptsächlich darauf beruht, daß es nichts zuläßt, was ihm Verachtung und Geringschätzung eintragen könnte; in diese Gefahr kann es geraten, wenn es zwei Abwege betritt: von diesen ist der eine der der Unbill, die Ungerechtigkeiten empfiehlt und in Vorschlag bringt, der andere der der Schwierigkeit, die unmögliches, das ebenfalls ungerecht ist, empfiehlt und in Vorschlag bringt. Zwei Hände sind es, durch die jedes Gesetz zu binden vermag; die eine ist die der Gerechtigkeit, die andere die der Möglichkeit. Die eine wird durch die andere geleitet, denn soviele mögliche Dinge es auch gibt, die nicht gerecht sind, so ist doch nichts gerecht, was nicht zugleich möglich ist. Du hast recht, Sofia, wenn du behauptest, kein Gesetz dürfe angenommen werden, das sich nicht auf die praktische Ausgestaltung der menschlichen Gesellschaft beziehe. Vortrefflich hat dies Jupiter so eingerichtet und angeordnet; denn mag es nun himmlischen oder irdischen Ursprung sein, kein Gesetz, keine Institution dürfte gebilligt und gutgeheißen werden, die nicht Nutzen und Vorteil bringen und zum besten aller Ziele führen, in welcher Hinsicht wir uns kein höheres vorstellen können, als die Gemüter so zu leiten und die Seelen so umzugestalten, daß sich daraus mit Notwendigkeit segensreiche Folgen für die Gesamtheit ergeben. Und wahrlich, es muß eine göttliche Sache, die Kunst der Künste und die Wissenschaft der Wissenschaften sein, durch die die Menschen regiert und gezügelt werden können, die doch von allen lebenden Wesen die mannigfaltigsten Temperamente, die verschiedensten Charaktere, die vielseitigsten Neigungen und die unbeständigsten Willensantriebe besitzen. Aber, leider, Sofia, ist es dahin gekommen – wer hätte dies je für möglich gehalten? – daß eine Religion sich heutzutage des meisten Anklanges erfreut, die die guten Werke für völlig bedeutungslos, für nichtig und für einen Irrtum erklärt, und daß manche behaupten, die Götter kümmerten sich nicht um diese, und die Menschen würden durch gute Werke, so groß sie auch sein möchten, nicht gerecht.

Sofia. Wahrlich, ich glaube zu träumen, Saulino; ich möchte meinen, es sei nur ein Wahngebilde, ein Erzeugnis meiner erhitzten Phantasie und nichts wirkliches, wovon du sprichst; und doch ist es nur allzu wahr, daß sich solche Leute finden, die dies behaupten und dem armen betörten Volke weismachen. Aber du brauchst nicht zu verzweifeln, denn die Welt wird es bald merken, daß sich etwas derartiges nicht verdauen läßt, wie man leicht daran sehen kann, daß sie ohne Gesetz und Religion nicht bestehen kann. – Nun haben wir jetzt einigermaßen gesehen, einen wie vortrefflichen und passenden Platz das Gesetz erhalten hat; jetzt sollst du hören, aus welchem Grunde ihm die Rechtspflege zur Nachbarin gegeben worden ist. Jupiter hat der Rechtspflege ein Schwert und eine Krone in die Hände gelegt, letztere, damit sie die belohne, die gutes tun und sich vom schlechten enthalten, ersteres, um die zu strafen, die verbrecherische Neigungen besitzen und unnütze, schädliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind. Er hat der Rechtspflege die Verteidigung und den Schutz des wahren und die Vernichtung des ungerechten und falschen Gesetzes zugewiesen, welch letzteres von Irrgeistern und Feinden eines ruhigen und glücklichen Zustandes des Menschengeschlechts gegeben wird; er hat der Rechtspflege befohlen, in Verbindung mit dem Gesetze die Ruhmbegier in der Brust des Menschen nicht auszulöschen, sondern möglichst zu entflammen; denn diese ist der einzige und wirksamste Ansporn, der die Menschen zu jenen heroischen Taten anzureizen und anzutreiben pflegt, durch die die Republiken vergrößert, erhalten und befestigt werden.

Saulino. Unsere Freunde von der erdichteten Religion freilich nennen alle die ruhmreichen Taten eitel und behaupten, man dürfe sich nur, ich weiß nicht was für einer kabbalistischen Tragödie, rühmen. Gemeint ist der stellvertretende Opfertod Christi.

Sofia. Übrigens ist es ja gleichgiltig, was ein jeder sich einbildet oder denkt, wenn nur seine Worte und Handlungen nicht den öffentlichen Frieden stören, namentlich aber soll man es sich angelegen sein lassen, alles das zu verbessern und aufrecht zu erhalten, was die guten Werke zu fördern geeignet ist. Man soll den Baum nicht nach seinem schönen Laube, sondern nach seinen schmackhaften Früchten beurteilen: die Bäume, die keine Früchte tragen, sollen abgehauen werden und anderen Platz machen, die Früchte tragen. Man glaube ja nicht, daß sich die Götter in irgend einer Weise für Dinge interessiert fühlen, für welche sich kein Mensch interessiert. Die Götter kümmern sich nur um die Dinge, um die sich auch die Menschen kümmern können; sie regen sich nicht auf und ereifern sich nicht über sie betreffende Taten, Worte oder Gedanken, wenn es nicht soweit kommt, daß jene Achtung, die zur Aufrechterhaltung der Staaten unbedingt erforderlich ist, erschüttert wird. Die Götter würden keine Götter sein, wenn sie Gefallen oder Mißfallen, Trauer oder Freude darüber empfänden, was die Menschen tun oder denken, sondern würden weit mehr Bedürfnisse haben oder wenigstens ebenso Nutzen und Vorteil von den Menschen erwarten wie diese von ihnen. Da nun die Götter über jede Leidenschaft erhaben sind, so werden sie auch Zorn und Wohlgefallen lediglich aktiv und nicht passiv empfinden. Daher drohen sie nicht Strafe oder verheißen Belohnung für gutes oder böses, das sich für sie ergibt, sondern nur für das, was sich auf die Völker im ganzen und den bürgerlichen Verkehr bezieht, und kommen diesen mit ihren göttlichen Gesetzen und Einrichtungen zu Hilfe, wenn die menschlichen Gesetze und Einrichtungen nicht ausreichen. Insofern ist es eine unwürdige, einfältige, gotteslästerliche und tadelnswerte Einbildung, zu glauben, die Götter verlangten von den Menschen Ehrerbietung, Furcht, Liebe, Anbetung und Achtung zu anderem Zwecke und in anderer Absicht als um der Menschen selbst willen. Denn sie tragen ihren Ruhm in sich selbst und brauchen sich ihn nicht noch von außen zu holen; sie haben die Gesetze gegeben nicht sowohl um Ruhm zu ernten, wie um den Menschen zu Ruhm zu verhelfen. Daher sind denn auch die einzelnen Gesetze und Urteile soweit von der Güte und Wahrheit des Gesetzes und Urteils an sich entfernt, wie sie sich von der Anordnung und der Billigung der Handlungen entfernen, namentlich solcher, die sich in dem moralischen Verhalten der Menschen zu anderen Menschen äußern.

Saulino. Klar und deutlich, Sofia, beweist Jupiter durch diese Anordnung, daß die Bäume, die in den Gärten der Gesetze stehen, von den Göttern zum Tragen von Früchten bestimmt sind und namentlich von solchen, die den Menschen zur Nahrung, zum Lebensunterhalt und zur Erquickung dienen, und daß die Götter an dem Dufte anderer Früchte kein Wohlgefallen finden.

Sofia. Höre zu! Jupiter will, die Rechtspflege soll daraus den Schluß ziehen, daß die Götter hauptsächlich deswegen geliebt und gefürchtet sein wollen, um das Gedeihen der menschlichen Gesellschaft zu fördern und namentlich solche Laster zu verhindern, die dieser Schaden bringen. Daher sind auch die innerlichen Sünden nur insoweit als Sünden zu betrachten, wie sie sich in äußere Folgen umsetzen können, und innerliche gerechte Handlungen sind ohne äußere Betätigung niemals gerechte Handlungen, wie die Pflanzen, die jetzt oder in Zukunft keine Früchte tragen, ohne jede innere Berechtigung Pflanzen heißen. Auch ist Jupiter der Ansicht, daß von den Sünden vergleichsweise die die schwersten sind, die dem Staate zum Schaden gereichen, leichter die, die nur einem anderen daran interessierten Individuum schaden; am leichtesten die, die zwischen zwei Personen mit gegenseitigem Einverständnis vorfallen, gar keine Sünde aber das, aus dem kein böses Beispiel, keine schlimme Folge erwächst und was infolge von zufälligen Erregungszuständen innerhalb des Organismus des Einzelwesens geschieht. Und dies sind auch dieselben Sünden‚ wegen deren sich die erhabenen Götter am meisten, am wenigsten, gar nicht beleidigt fühlen, ebenso wie sie sich auch durch die diesen Sünden entgegengesetzten guten Handlungen am meisten, am wenigsten, gar nicht geehrt fühlen. Ferner hat Jupiter der Rechtspflege aufgetragen, darauf zu achten, daß er in Zukunft auf die Reue Wert lege, sie aber der Unschuld nicht gleichsetze; ebenso legt er Wert auf das Glauben und Meinen, aber niemals denselben wie auf das Tun und das Handeln. Derselben Ansicht ist er über das Gestehen und Bekennen im Hinblick auf Besserung und Enthaltung von Sünden; die Gedanken schätzt er nur, soweit sie in äußeren Zeichen und möglichen Wirkungen sichtbar werden. Die Rechtspflege soll nicht zugeben, daß derjenige, der zweckloserweise seinen Körper kasteit, denselben Rang einnehme wie der, der seine Seele im Zaume hält. Nicht soll sie den unnützen Einsiedler mit dem Manne vergleichen, der durch sein segensreiches Wirken zur Erhaltung des Staates beiträgt. Sitten und Religionen soll sie nicht sowohl nach der Verschiedenheit der Mäntel und Kleider wie nach der guten und besseren Gewöhnung an Tugend und Zucht beurteilen. Dem der die Glut der Sinneslust zügelt, weil er vielleicht impotent und von kühlem Temperament ist, soll sie nicht soviel Gunst erweisen wie dem, der einen heftigen Zornesausbruch unterdrückt hat und dabei sicher nicht zaghaft, wohl aber geduldig ist. Sie soll nicht sowohl dem Beifall spenden, der sich vielleicht ganz nutzloserweise verpflichtet hat, der Wollust zu entsagen, wie einem anderen, der sich entschlossen hat, fernerhin kein Lästerer und Übeltäter mehr zu sein. Sie soll die stolze Ruhmgier, aus der dem Staate oft Segen erwächst, nicht für eine größere Sünde erklären als die schmutzige Geldgier. Sie bereite einem, der einen elenden und unnützen Kerl, der als Gesunder wenig oder gar nicht mehr wert ist denn als Kranker, geheilt hat, nicht denselben Triumph, wie dem, der das Vaterland befreit oder einen gestörten Geist wieder hergestellt hat. Jupiter hält es nicht für eine gleich große oder noch größere Heldentat, wenn jemand auf irgend eine Art und Weise das Feuer eines brennenden Ofens ohne Wasser hat löschen können, als wenn ein anderer den Aufruhr eines erbitterten Volkes ohne Blutvergießen unterdrückt hat. Die Rechtspflege soll nicht zugeben, daß Bildsäulen errichtet werden für Nichtstuer, für Feinde der republikanischen Staatsverfassung und derer, die zum Nachteil der guten Sitten und der menschlichen Gesellschaft leere Worte und Phantastereien unter uns verbreiten, sondern denen, die den Göttern Tempel errichten, den Gottesdienst und den Eifer für ein Gesetz und eine Religion fördern, durch die die Seelengröße und die Liebe zu jenem Ruhme angefacht werden, der aus den Verdiensten um das Vaterland und die Wohlfahrt des menschlichen Geschlechts entspringt. Offenbar sind deshalb Universitäten zur Pflege der Sittlichkeit, der Wissenschaften und der Waffenkunst gegründet worden. Auch hüte sich die Rechtspflege, Liebe, Ehre, den Lohn des ewigen Lebens und die Unsterblichkeit denen zu verheißen, die das Auftreten der Pedanten und Fanatiker billigen, sondern stelle sie denen in Aussicht, die sich durch eifrige Bemühungen um die Vervollkommnung des eigenen Verstandes und des ihrer Mitmenschen, durch Verdienste um den Staat, durch Betätigung von Hochherzigkeit, Gerechtigkeit, Mitleid den Göttern wohlgefällig gemacht haben. Aus diesem Grunde haben die Götter auch das römische Volk über alle anderen erhöht, weil dieses durch seine gewaltigen Taten mehr als die übrigen Nationen verstand, sich den Göttern gleichzustellen und ähnlich zu machen, indem es den Unterworfenen gegenüber Milde walten ließ, die Übermütigen unterjochte, die Beleidigungen verzieh, die Wohltaten nicht vergaß, die Hilfsbedürftigen unterstützte, sich der Gekränkten annahm, die Unterdrückten aufrichtete, die Gewalttätigen zügelte, die Verdienstvollen erhob, die Übeltäter demütigte und diese letzteren mit Ruten und Beilen schreckte und am Ende ausrottete, während es den ersteren zu Ehren Bildsäulen und Kolosse errichtete. Folgerechtermaßen hat denn auch dieses Volk mehr Selbstbeherrschung geübt und sich in höherem Maße der Laster der Unkultur und Barbarei enthalten, sowie sich besser zu edlen Unternehmungen befähigt erwiesen als irgend ein anderes, von dem man je gehört hat. Und weil seine Gesetze und seine Religion so vortrefflich waren, waren auch seine Sitten und Handlungen so vortrefflich und seine Ehre und sein Glück so hoch.

Saulino. Ich wünschte, Jupiter hätte der Rechtspflege auch noch einen ausdrücklichen Auftrag erteilt, gegen die Frechheit jener Wortklauber einzuschreiten, die sich in unseren Zeiten in ganz Europa umhertreiben.

Sofia. Auf das bestimmteste, lieber Saulino, hat Jupiter der Rechtspflege befohlen und aufgetragen, zuzusehen, ob es wahr ist, daß diese Leute die Völker zur Verachtung oder wenigstens Geringschätzung der Gesetzgeber und Gesetze verleiten, indem sie ihnen zu verstehen geben, diese forderten unmögliches und träfen ihre Anordnungen nur gleichsam zum Spaße, das heißt, um den Menschen einzureden, die Götter gefielen sich darin, Dinge zu befehlen, die die Menschen nicht leisten könnten. Die Rechtspflege soll zusehen, ob sie nicht, während sie behaupten, die deformierten Gesetze und Religionen reformieren zu wollen, gerade all das verderben, was daran gut ist, und alles unterstützen und bis zu den Sternen erheben, was sich daran verkehrtes und nichtiges finden und ausdenken läßt. Sie soll zusehen, ob sie andere Frucht bringen, als daß sie den Frieden unmöglich machen, die Eintracht stören, die Vereinigungen auflösen, die Söhne gegen die Väter, die Knechte gegen die Herren, die Untertanen gegen die Obrigkeiten aufzuhetzen, Zwietracht zwischen Völkern, Geschlechtern, Freunden, Brüdern zu säen und Familien, Städte, Republiken und Königreiche zu entzweien. Und während sie den Friedensgruß im Munde führen, tragen sie das Messer der Feindseligkeit und die Brandfackel des Hasses überall hin, wo sie ihren Fuß über die Schwelle setzen, entfremden sie den Sohn dem Vater, den Nachbar dem Nachbar, den Bürger dem Vaterlande und bewirken noch andere grauenvolle Spaltungen, die jeder Natur und jedem Gesetze Hohn sprechen. Sie soll zusehen, ob sie nicht, während sie behaupten, Diener dessen zu sein, der die Toten auferweckt und die Kranken heilt, gerade diejenigen sind, die schlimmeres begehen als alle anderen, die die Erde nährt, die Gesunden martern und die Lebenden töten, nicht sowohl mit Feuer und Schwert als mit ihrer giftigen Zunge. Sie soll zusehen, was für eine Art von Frieden und Eintracht es ist, die sie den armen betörten Völkern predigen, ob sie nicht wünschen und darauf ausgehen, daß die ganze Welt sich zu ihrer boshaften und anmaßenden Dummheit bekehre und ihre argen Taten billige, während sie selbst in keinem Gesetze, in keinem Moralsatze, in keiner Lehre untereinander übereinstimmen und in der ganzen übrigen Welt und in allen früheren Jahrhunderten keine solche Uneinigkeit und Zersplitterung zutage getreten ist, wie sie unter ihnen herrscht. Denn unter zehntausend dieser Pedanten findet sich nicht einer, der sich nicht schon seinen eigenen Katechismus gebildet und, wenn auch nicht veröffentlicht, sich doch mit der Absicht getragen hätte, dies zu tun, keiner, der eine andere Meinung billigte als seine eigene und alle anderen nur zu verdammen, zu tadeln, zu bezweifeln versteht, und dazu sind die meisten von ihnen mit sich selbst uneinig, so daß sie heut verwerfen, was sie gestern geschrieben haben. Die Rechtspflege möge zusehen, welche Folge das Auftreten dieser Leute hat und zu welcher Handlungsweise in bezug auf Werke der Gerechtigkeit und Mildtätigkeit, der Erhaltung und Steigerung der Volkswohlfahrt sie andere verleiten, ob unter ihrer Lehre und Herrschaft Akademien, Universitäten, Tempel, Krankenhäuser, Kollegien, Schulen und Pflanzstätten der Künste und Wissenschaften gegründet worden oder auch nur dort, wo diese Anstalten vorhanden waren, unverändert geblieben sind und mit demselben Eifer weiter unterhalten werden wie vor ihrer Ankunft und ihrem Auftreten unter den Völkern, ob ferner diese Anstalten erweitert oder aber infolge ihrer Nachlässigkeit in Verfall geraten, aufgelöst worden und verschwunden sind, sodann, ob sie sich fremden Eigentums bemächtigt haben oder sich auf eigene Kosten freigebig zeigen, und schließlich, ob ihre Anhänger auf die Förderung und Erhaltung des öffentlichen Wohls ebenso bedacht sind wie ihre Vorgänger von der Gegenpartei, oder ob auch diese genau so wie sie selbst alles verschleudern, zerstören, verschlingen und durch ihre Herabsetzung der guten Werke jeden Eifer auslöschen, neue zu stiften und die alten zu erhalten. Wenn dem so ist und sie als solche Übeltäter erkannt und überführt werden, sie sich auch trotz aller Warnungen unverbesserlich zeigen und in ihrem versteckten Sinne beharren, so befiehlt Jupiter der Rechtspflege bei Strafe seiner Ungnade und unter Androhung des Verlusts ihrer gegenwärtigen hohen Stellung im Himmel, diese Leute zu zerstreuen, zu vernichten und von der Erde zu vertilgen und sie mit Aufbietung aller Gewalt, aller Macht und allen Fleißes zu verfolgen, daß auch nicht mehr die Erinnerung an den Namen eines so gefährlichen Pestkeims übrigbleibe. Außerdem soll sie allen Geschlechtern der Erde den Befehl verkünden, daß sie sich bei Strafe des eigenen Unterganges behufs Vollstreckung dieses Urteils zu bewaffnen hätten, bis der Ratschluß Jupiters gegen diesen Schandfleck der Welt vollständig durchgeführt sei.

Saulino. Ich glaube, Sofia, Jupiter wird am Ende nicht so strenge Beschlüsse gegen diese elende Sorte von Menschen fassen und nicht eher beginnen, sie so hart zu treffen, ohne vor ihrer endgültigen Vernichtung den Versuch zu machen, ob er sie nicht noch bessern‚ ihnen über ihre Lästerungen und Irrtümer die Augen öffnen und sie zur Reue bewegen könne.

Sofia. Ganz gewiß. Jupiter hat der Rechtspflege befohlen, in folgender Weise, die ich dir jetzt angeben will, vorzugehen. Er will, daß ihnen alle Besitztümer wieder weggenommen werden, die die Anhänger und Verehrer der Lehre von den guten Werken zusammengebracht haben, die von denen hinterlassen und gestiftet worden sind, die gute Werke verrichteten und ihr Vertrauen auf diese setzten, und die von Leuten herstammen, die geglaubt haben, mit diesen guten Werken, Wohltaten und letztwilligen Verfügungen sich die Gunst der Götter zu erwerben. Auf diese Weise sollen sie lernen, auch die Früchte jener Bäume, die aus einer ihnen so verhaßten Wurzel hervorwachsen, zu verabscheuen. Ebenso sollen sie lernen, einzig jene Früchte, Einkünfte und Mittel zur Fristung ihres Lebens, zu ihrem Unterhalte, ihrer Verteidigung und ihrer Ernährung zu verwenden, die sie sich selbst und diejenigen erwerben und erworben haben, die ihren Glauben teilen, billigen und verteidigen. Es sei ihnen fernerhin nicht mehr gestattet, sich mittels räuberischer und gewalttätiger Besitzergreifung dessen zu bemächtigen, was andere mit freigebiger und dankbarer Gesinnung in anderer Absicht und zu anderen Zwecken zum gemeinen Besten gestiftet und gegründet haben. Sie sollen jene profanierten Gebäude verlassen und nicht mehr von dem exkommunizierten Brote essen, sondern in jenen reinen und unentweihten Räumen wohnen und sich an den Speisen sättigen, die nach den Grundsätzen ihrer reformierten Lehre ihnen von jenen frommen Persönlichkeiten überwiesen und von neuem errichtet worden sind, die den Gnadenschatz der guten Werke so gering schätzen und sich in ihrer anmaßenden, lächerlichen und törichten Einbildung für Könige des Himmels und Kinder der Götter halten und sich lieber einer leeren, nur für Ochsen und Esel passenden Gläubigkeit als einem nützlichen, tatkräftigen und hochherzigen Wirken hingehen.

Saulino. Dann wird es sich bald zeigen, Sofia, inwieweit die Leute, die so freigebig und bereitwillig sind, Königreiche im Himmel zu verschenken, imstande sind, eine Handbreit Erde zu gewinnen, und man wird sehen, wie freigebig jene Kaiser des empyreischen Himmels ihre Merkure aus ihrem eigenen Vermögen unterstützen; vielleicht werden sie dann infolge des geringen Vertrauens, das sie zu den Liebeswerken besitzen, diese ihre Gesandten Gottes in die Notwendigkeit versetzen, den Acker zu bauen oder ein anderes Gewerbe zu treiben, während diese jetzt, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, ihren Anhängern versichern, daß ich weiß nicht was für eine Gerechtigkeit eines anderen ihre eigene Gerechtigkeit sei, eine Reinheit und Gerechtigkeit, von der sie schon deshalb ausgeschlossen sind, weil sie die Mordtaten, Räubereien und Gewalttaten aller Art, die sie begangen haben, nicht bereuen und zu Almosen, Werken der Freigebigkeit, Mildtätigkeit, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit kein Vertrauen haben, nichts von ihnen erwarten und hoffen.

Sofia. Wie ist es möglich, Saulino, daß derartig verhärtete Gewissen jemals wahre Liebe zu guten Werken, wahre Reue und Furcht vor irgendwelcher Schurkerei empfinden können, wenn sich diese Menschen über ihre begangenen Sünden so leicht hinwegtrösten und zu solchem Mißtrauen gegen die Werke der Gerechtigkeit angeleitet worden sind?

Saulino. Du siehst die Folgen davon, Sofia. Denn es ist unzweifelhaft wahr, wie es diese sind, daß, wenn sich jemand von irgendwelchem Glauben und Bekenntnis zu diesem bekehrt, er aus einem Freigebigen ein Geizhals, aus einem Freundlichen ein Unverschämter, aus einem Bescheidenen ein Hochmütiger, aus einem fröhlichen Geber ein Räuber und Besitzergreifer fremden Gutes, aus einem Offenherzigen ein Heuchler, aus einem Guten ein Boshafter, aus einem Einfältigen ein Hinterlistiger, aus einem Dankbaren ein Anmaßender, aus einem zu jeder Güte und Bildung Fähigen ein zu jeder Art von Torheit und Schufterei Geneigter und zum Schluß aus einem Menschen, der schlecht werden konnte, ein allerschlechtester, wie er gar nicht schlechter sein kann, wird.

 

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