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Die Vertreibung der triumphierenden Bestie

Giordano Bruno: Die Vertreibung der triumphierenden Bestie - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGiordano Bruno
titleDie Vertreibung der triumphierenden Bestie
publisherMagazin-Verlag Jacques Hegner
firstpub1583
year1904
translatorPaul Seliger
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180411
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Dritter Teil des ersten Dialogs.

Sofia. Als der vierte Tag herangenaht war, kamen sie gerade zur Mittagszeit von neuem zur allgemeinen Beratung zusammen, an der nicht allein die vorhererwähnten Hauptgottheiten, sondern außer diesen alle anderen teilnehmen durften, denen gleichsam durch das Naturgesetz der Aufenthalt im Himmel gestattet war. Als nun Senat und Volk der Götter Platz genommen und Jupiter nach gewohnter Weise den aus Saphiren und Gold verfertigten Thron bestiegen hatte, angetan mit jenem Diadem und Mantel, den er nur bei den feierlichsten Versammlungen zu tragen pflegt, als sich alles beruhigt hatte und in der erwartungsvoll gespannten Menge tiefes Stillschweigen herrschte, so daß die Anwesenden ebensovielen Statuen oder Gemälden glichen, da trat meine schöne Gottheit, Merkur, mit all seinen Abzeichen, Symbolen und Attributen geschmückt, mitten vor sie hin, zeigte sich den Blicken des großen Vaters und verkündete, erklärte und eröffnete mit kurzen Worten, was zwar niemandem in der ganzen Versammlung mehr unbekannt war, was er aber, um die herkömmliche Form der Statuten zu wahren, nochmals verkünden mußte, daß nämlich die Götter entschlossen und bereit seien, ohne Heuchelei und Hintergedanken aus freier, unbeeinflußter Willensmeinung, alles anzunehmen und zur Ausführung zu bringen, was von der gegenwärtigen Versammlung beschlossen, angeordnet und befohlen werden würde. Als er dies gesagt hatte, wandte er sich an die umstehenden Götter und forderte sie auf, durch Erheben der Hände jenen erhabenen Beschluß, den er ihnen in Gegenwart des Alldonnernden verkündet habe, anzuerkennen und zu bestätigen. Und so geschah es. Sodann öffnete der hehre Urvater seine Lippen und ließ sich folgendermaßen vernehmen: »Wenn, ihr Götter, unser Sieg über die Giganten, die sich für eine kurze Spanne Zeit gegen uns erhoben, die uns von außen und offen bekriegten, die uns nur vom Olymp aus bekämpften, die nichts anderes konnten oder versuchten, als uns vom Himmel herabzustürzen, ruhmreich gewesen ist, um wieviel ruhmreicher und würdiger wird der über uns selbst sein, die wir gegen diese siegreich gewesen sind. Um wieviel würdiger, sage ich, und ruhmreicher ist der Sieg über unsere Leidenschaften, die so lange Zeit über uns triumphiert haben, die unsere häuslichen und inneren Feinde sind, die uns in jeder Hinsicht tyrannisieren und uns hin- und herschleudern und uns uns selbst entfremden? Wenn nun jener Tag uns einer festlichen Feier würdig dünkt, der uns einen Sieg verschafft hat, dessen Früchte in einem Augenblick dahinschwanden, wieviel festlicher muß der begangen werden, dessen ruhmreiche Ergebnisse für alle künftigen Jahrhunderte in Ewigkeit fortdauern werden? Fahret daher fort, den Siegestag zu feiern, aber was man von dem Siege über die Giganten rühmte, soll von dem Siege über die Götter gerühmt werden, weil wir uns an diesem Tage selbst besiegt haben! Begehe man künftig diesen gegenwärtigen Tag als Festtag, an dem der Himmel gereinigt wird, und er sei uns festlicher, als je für die Ägypter die Auswanderung des aussätzigen Volkes und den Hebräern die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft sein konnte. Heut wird die Krankheit, die Pest, der Aussatz vom Himmel in die Wüsteneien verbannt, heut wird jene Kette von Verbrechen zertrümmert und der Grundstock unserer Sünden vernichtet, die uns zu ewiger Strafe verurteilten. Da ihr nun alle den guten Willen besitzt, diese Reform ins Werk zu setzen und, wie ich höre, alle die Art und Weise überlegt habt, in der sie durchgeführt werden muß und kann, damit diese Sitze nicht unbewohnt bleiben und den Auswanderern geeignete Plätze angewiesen werden, so will ich damit beginnen, euch meine Ansicht über die einzelnen der Reihe nach mitzuteilen. Und wenn euch das vorgebrachte billigenswert erscheint, so sagt es, wenn es euch unangemessen erscheint, so erklärt euch, wenn ihr glaubt, es könne auf bessere Weise gemacht werden, so sprecht euch aus, wenn ihr glaubt, daß etwas davon weggenommen werden müsse, so äußert eure Meinung, wenn ihr der Ansicht seid, es müsse etwas hinzugefügt werden, so laßt hören! Jeder von euch hat volle Freiheit, sein Urteil abzugeben, und wer schweigt, gilt als einverstanden.« Darauf erhoben sich fast sämtliche Götter und nahmen durch diese Kundgebung den Vorschlag an. »Um nun anzufangen und von vorn zu beginnen«, fuhr Jupiter fort, »so wollen wir zunächst die Dinge betrachten, die sich auf dem nördlichen Teile befinden, und sie ins Auge fassen, und dann nach und nach in der richtigen Reihenfolge bis zum Ende fortschreiten. Sagt daher‚ was meint ihr und was für ein Urteil fällt ihr über diese Bärin?« Die Götter, denen zuerst das Wort gebührte, überließen es Momus, und dieser sprach: »Großen Tadel verdient es, o Jupiter, und größeren, als du zu erkennen vermagst, daß du an den berühmtesten Ort des Himmels, dort, wohin Pythagoras, der annahm, das Weltall habe Arme, Beine, Brust und Kopf, den oberen Teil desselben verlegte, dem das andere Ende, das er den unteren Teil nannte, entgegengesetzt ist, demgemäß ein Dichter seiner Schule singt:

Hic vertex nobis semper sublimis‚ at illum
Sub pedibus Styx atra videt Manesque profundi‚ Dieser Pol ragt über uns stets; doch jenen erblicket
Unter dem Fuß die umnachtete Styx und die Geister der Tiefe.
Vergil, Georgica I. 242. 243 (nach der Übersetzung von Voß).

dorthin, wo sich die Schiffer über die unwegsamen und unbekannten Pfade des Meeres Rats erholen, dorthin, wohin alle in Not Befindlichen, die unter Stürmen zu leiden haben, die Hände erheben, dorthin, wohin die Giganten strebten, dorthin, wo das stolze Geschlecht des Belus den babylonischen Turm errichten wollte, dorthin, wo die Magier des kalibeischen Spiegels die Orakel Florons suchen wollten, dorthin, wo, wie die Kabbalisten behaupten, Samael seinen Tron errichten wollte, um sich dem hehren Hochdonnernden gleichzumachen – daß du dorthin dieses greuliche Vieh gesetzt hast, das nicht mit einem Auge, nicht mit einem aufgedrehten Schnurrbart, nicht mit irgend einem Abbilde der Hand, nicht mit einem Fuße, nicht mit einem anderen weniger unedlen Teile des Körpers, sondern mit einem Schwanze, den Juno, der Natur der Bärengattung zuwider, hinten so lang anbrachte, wie wenn er ein würdiger Wegweiser nach einem so bedeutsamen Orte wäre, und somit bewirkst, daß es allen Beobachtern auf Erden, auf dem Meere und im Himmel den herrlichen Pol und den Drehpunkt der Weltachse anzeigt. So übel du also daran getan hast, das Tier dort anzuketten, so gut wirst du daran tun, es von dort zu entfernen. Siehe nur zu, daß du uns verständigst, wohin du es schicken und was du an seine Stelle setzen willst.« »Es soll gehen«, versetzte Jupiter, »wohin es euch gefällt, entweder zu den Bären nach England oder zu den Orsini und Cesarini in Rom, wenn ihr wollt, daß es sich nach einer berühmten Stadt begebe.« »Ich möchte, daß man es im Zwinger von Bern einsperrte«, entgegnete Juno. »Keine so harte Strafe, liebes Weib!« erwiderte Jupiter; »es mag gehen, wohin es will, es soll frei sein, nur soll es seinen bisherigen Platz verlassen, an dem ich, da er der höchstgelegene am Himmel ist, die Wahrheit ihren Sitz nehmen lassen will. Denn soweit reichen die Klauen der Verkleinerung nicht, dort kann die Mißgunst des Neides sie nicht verschleiern und die Finsternis des Irrtums sie nicht verhüllen. Dort wird sie fest und unerschüttert stehen, dort wird sie nicht von Fluten und Stürmen hin- und hergeworfen werden, dort wird sie die sichere Führerin derer werden, die auf dem stürmischen Ozean des Irrtums herumirren, dort wird sie sich als klaren und reinen Spiegel der sinnenden Forschung bewähren.« – Darauf sagte der Vater Saturn: »Was machen wir mit der großen Bärin? Schlage du etwas vor, Momus!« »Sie soll«, entgegnete dieser, »weil sie alt ist‚ jener kleineren und jüngeren als Begleiterin dienen‚ achtet aber darauf, daß sie nicht zur Kupplerin wird. Wenn dies geschieht, soll sie dazu verurteilt werden, in den Dienst irgend eines Bettlers zu treten, der mit ihr herumziehen, sie zeigen und Kinder und andere auf ihr reiten lassen kann, um sie vom Wechselfieber und anderen Krankheiten zu heilen und dadurch für sich und sie den Lebensunterhalt zu gewinnen.« – »Was sollen wir mit unserem Drachen beginnen, Jupiter?« fragte nun Mars. – »Momus soll es entscheiden«, antwortete der Vater. Und dieser entgegnete: »Es ist dies eine unnütze Bestie, die besser tot als lebend wäre. Daher wollen wir sie, wenn es euch gut dünkt, nach Hibernien schicken oder nach einer der Orkaden‚ Orkneyinseln. wo sie das Gras abweiden kann. Aber paßt gut auf; denn es ist zu befürchten, daß sie bei ihrem Sturze ins Meer mit ihrem Schwanze noch Verwüstung unter den Sternen anrichtet.« »Habe keine Furcht, Momus«, erwiderte Apollo, »denn ich werde irgend einer Circe oder Medea befehlen, ihn mit jenen Versen, mit denen er früher, als er noch Hüter der goldenen Äpfel der Hesperiden war, eingeschläfert werden konnte, von neuem in Schlummer zu versetzen, und dann kann er ganz langsam und leise zur Erde herabgelassen werden. Auch möchte ich nicht für seinen Tod stimmen, sondern er soll sich überall zeigen, wo eine grausame Schönheit weilt; denn die goldenen Äpfel werden die Schönen, der Drache wird ihre Sprödigkeit und Jason den Liebhaber bedeuten. Das Lied aber, das den Drachen einschläfert, wird folgendermaßen lauten:

Es ist kein Herz so hart, daß es sich nicht
Erweichen ließe mit der Zeit durch Liebe,
Durch heiße Tränen und durch reiche Spenden,
Kein Wille ist so kalt, der warm nicht würde.

Was willst du aber an seine Stelle setzen, hoher Vater?« – »Die Klugheit«, erwiderte Jupiter; »sie muß die nächste Nachbarin der Wahrheit sein; denn diese läßt sich ohne jene nicht handhaben, verwenden und benutzen, und die eine kann ohne Begleitung der anderen niemals etwas ausrichten oder zu Ehren gelangen.« – »Ein trefflicher Vorschlag!« sagten die Götter. Darauf begann Mars: »Jener Cephus verstand, als er noch König war, seine Arme schlecht zu gebrauchen, um das Reich, das Fortuna ihm geschenkt hatte, zu vergrößern. Jetzt ist es daher nicht in der Ordnung, daß er in der Weise, wie er es tut, seine Arme ausbreitet, seine Beine spreizt und einen so großen Raum am Himmel einnimmt.« – »Nun gut, so gebe man ihm Wasser aus dem Letheflusse zu trinken, damit er sich nicht mehr an sein jetziges Dasein erinnere und seinen irdischen und himmlischen Besitz vergesse, und dann soll er als ein Wesen ohne Arme und Füße wiedergeboren werden.« – »So soll es geschehen«, entgegneten die anderen Götter; »aber an seine Stelle soll Sofia treten, denn das arme Ding muß auch ihren Teil von den Früchten und Glücksgaben der Wahrheit, ihrer unzertrennlichen Gefährtin, erhalten, mit der sie alle Nöte, Leiden, Kränkungen und Mühen geteilt hat; abgesehen davon weiß ich aber auch nicht, wie die Wahrheit ohne die Hilfe jener je zu Ehre und Ansehen gelangen kann.« – »Ich gestatte dies sehr gern und pflichte euch bei, Götter, denn alle Ordnung und Vernunft verlangt es, und vor allem würde ich glauben, jene ohne diese an ihrem Platz sehr schlecht untergebracht zu haben, und auch sie würde sich dort unmöglich zufrieden fühlen, wenn sie von ihrer so sehr geliebten Schwester und Gefährtin getrennt wäre.«

»Was meinst du, Momus, soll mit dem Bärenhüter geschehen, der so glänzend mit Sternen geschmückt, den Wagen lenkt?« fragte Diana. Dieser antwortete: »Weil er jener Arkas ist, die Frucht jenes frevelhaften Leibes, und jener edle Sprößling‚ der noch heut Zeugnis ablegt von den entsetzlichen Diebereien unseres großen Vaters, so soll er machen daß er fortkommt; besorgt ihm nur eine andere Wohnung!« – »Weil er der Sohn der Kallisto ist«, entgegnete Apollo, »so folge er seiner Mutter.« – »Auch weil er ein Bärenjäger war, soll er seiner Mutter folgen, freilich unter der Bedingung, daß er ihr nicht mit seinem Speere von hinten einen Stich versetze.« – Und Merkur sagte: »Weil ihr seht, daß er keinen anderen Weg finden kann, so soll er stets hinter seiner Mutter hergehen, und sie bewachen, die in die erymanthischen Wälder zurückkehren soll.« – »Dies dürfte das beste sein«, erklärte Jupiter; »und da die Unglückliche von mir gewaltsam entehrt worden ist, so will ich ihr zur Entschädigung dafür, wenn ich sie von ihrem jetzigen Platze wegschicke, ihre frühere schöne Gestalt wiedergeben, falls auch Juno damit einverstanden ist.« – »Ich bin damit zufrieden«, erwiderte Juno, »wenn ihr ihr zuvor die Jungfräulichkeit und damit die Gnade Dianas wiederverschafft.« – »Sprechen wir für jetzt nicht mehr davon«, entgegnete Jupiter, »sondern sehen wir zu, was wir an seine Stelle setzen wollen.« – Nach einer langwierigen Debatte entschied Jupiter: »Das Gesetz soll hier seine Stelle erhalten! Denn auch dieses muß notwendigerweise im Himmel sein, da es in derselben Weise die Tochter der irdischen und göttlichen Sofia ist, wie jenes andere die Tochter der irdischen. In ihm übt diese Göttin ihren Einfluß aus und strahlt den Glanz des eigenen Lichtes aus, während sie durch die Wüsten und Einöden der Erde wandelt.« – »Eine vortreffliche Anordnung, Jupiter«, erwiderte Pallas; »denn das ist kein wahrhaftes noch gutes Gesetz, das nicht die Weisheit zur Mutter und den vernünftigen Intellekt zum Vater hat; daher darf auch diese Tochter nicht fern von ihrer Mutter weilen, und damit die Menschen dort unten sehen können, wie die Dinge bei ihnen geordnet werden müssen, so wollen wir den Vorschlag Jupiters zur Ausführung bringen. – Nun folgt der Platz der aus Saphiren bestehenden und mit so vielen strahlenden Diamanten geschmückten nördlichen Krone, die mit ihren vier zu vier, das heißt acht glänzenden Karfunkelsteinen einen so wundervollen Anblick darbietet. Diese mag, da sie dort unten verfertigt ist, auch wieder nach unten gebracht werden und scheint mir würdig zu sein, irgend einen heroischen Fürsten, der ihrer nicht unwürdig ist, überreicht zu werden; drum mag unser hoher Vater zusehen, wer ihrer am wenigsten unwürdig ist.« – »Sie soll so lange im Himmel bleiben, bis die Zeit kommt, wo sie jenem künftigen, unbesiegten Helden als Belohnung zu teil wird, der mit Keule und Feuer dem armen unglücklichen Europa die so heiß ersehnte Ruhe wieder verschaffen wird, indem er die zahlreichen Köpfe dieses Ungetüms, das schlimmer ist als die lernäische Hydra und das mit seinen vielfachen Ketzereien das tödliche Gift ausspeit, das sich nur allzurasch überall durch die Adern verbreitet, abschlägt.« Momus fügte hinzu: »Es wird genügen, daß er jener prahlerischen schulmeisterlichen Sekte den Garaus bereite, die, ohne nach dem göttlichen und menschlichen Rechte gut zu handeln, sich doch für religiös und den Göttern genehm hält und dafür gehalten werden will und behauptet, daß das gute Handeln gut, das schlechte Handeln schlecht ist, daß man aber nicht durch das Gute, das man tue, oder das Schlechte, das man nicht tue, dazu gelange, der Götter würdig und ihnen wohlgefällig zu werden, sondern einzig durch Hoffen und Glauben nach ihrem Katechismus. Seht, ihr Götter, ob es jemals eine offenkundigere Schurkerei gegeben hat, die nur von denen nicht erkannt wird, die überhaupt keine Augen zum Sehen haben.« – »Gewiß«, sagte Merkur, »wer überhaupt keine Bübereien erkennt, wird auch diese nicht erkennen, die die Mutter aller übrigen ist. Wenn Jupiter selbst und wir anderen alle einen Bund mit den Menschen geschlossen hätten, so müßten wir verabscheuungswürdiger als der Tod sein, da wir dann zum großen Schaden der menschlichen Gemeinschaft für nichts anderes Sorge getragen hätten, als unsere Eitelkeit.« – »Das schlimmste ist«, fuhr Momus fort, »daß sie uns verleumden, indem sie sagen, es sei dies in der Tat eine Einrichtung der Himmlischen und obenein die Wirkungen und Ergebnisse tadeln und sogar mit dem Namen von Fehlern und Lastern belegen. Während niemand etwas für sie tut, tun auch sie für niemanden etwas, weil sie nichts anderes tun, als die guten Werke zu lästern, und dabei leben sie doch von den guten Werken derer, die für andere gearbeitet haben als für sie, die für andere Tempel, Kapellen, Herbergen, Hospitäler, Kollegien und Universitäten gestiftet haben. Daher sind sie offenkundige Räuber und Usurpatoren der Erbgüter anderer, die, wenn sie auch nicht vollkommen oder so gut sind, wie sie sein sollten, doch nicht so verderbt und gemeingefährlich wie sie, sondern vielmehr dem Staate notwendig, in den spekulativen Wissenschaften erfahren sind, nach der Sittlichkeit streben und bemüht sind, den Eifer und die Sorge des einen für das Wohl des anderen anzufachen, die Gesellschaft zu stützen, zu deren bestem alle Gesetze gegeben sind, indem sie den Guten gewisse Belohnungen in Aussicht stellen und den Übeltätern gewisse Strafen androhen. Während jene ferner behaupten, ihre ganze Sorge richte sich auf unsichtbare Dinge, die weder sie noch andere jemals begriffen haben, behaupten sie zugleich, daß zur Erlangung dieser, das unabänderliche Walten des Schicksals genüge, vermittelst gewisser Einbildungen und Phantastereien, von denen die Götter sich hauptsächlich nährten.« – »Sie sollten sich daher nicht darüber ärgern oder gar in Zorn geraten, daß manche glauben, die Werke seien notwendig, denn das Schicksal dieser ist ebensogut vorherbestimmt wie dasjenige derer, die das Gegenteil glauben, und ändert sich nicht, wenn sich auch ihr Glauben oder Nichtglauben änderte und nach der einen oder der anderen Seite neigte. Und aus demselben Grunde sollten sie auch diejenigen nicht anfeinden, die nicht ihres Glaubens sind und sie für die verworfensten Menschen halten; denn diese werden ja dadurch, daß sie sich zu ihrem Glauben bekehren und sie für gute Menschen halten, ihr Schicksal nicht ändern; außerdem gibt es ja auch nach ihrer Lehre keine Wahlfreiheit, ob man sich zu ihrem Glauben bekehren will. Wohl aber können die anderen, die dem entgegengesetzten Glauben huldigen, mit vollem Fug und Recht und nach ihrem besten Gewissen sie nicht nur anfeinden, sondern es sogar für eine den Göttern dargebrachte Huldigung und eine der Welt erwiesene Wohltat halten, sie zu verfolgen, hinzuschlachten und von der Erde zu vertilgen; denn sie sind schlimmer als die Raupen, die gefräßigen Heuschrecken und jene Harpyen, die nicht nur nicht Gutes stifteten, sondern nur diejenigen Güter, die sie nicht verzehren konnten, verdarben und mit den Füßen in den Schmutz traten, und denen Hindernisse in den Weg legten, die sich bestrebten, Gutes zu tun.«

»Alle, die natürliche Urteilskraft besitzen«, sagte Apollo, »halten die Gesetze für gut, weil sie sich auf die Praxis des Lebens beziehen; und diejenigen sind verhältnismäßig besser, die bessere Gelegenheit zu einer besseren Handlungsweise bieten. Denn alle Gesetze sind teils von uns gegeben, teils von den Menschen erdacht, und zwar hauptsächlich zum besten des menschlichen Lebens, und wenn auch manche die Frucht ihrer Verdienste in diesem Leben nicht mehr sehen, so ist ihnen doch in dem anderen Leben Wohl oder Wehe, Lohn oder Strafe je nach ihren Werken verheißen und in Aussicht gestellt. Von allen also, die verschiedenes glauben und lehren«, fuhr Apollo fort, »haben es die Genannten allein verdient, im Himmel und auf der Erde verfolgt und ausgerottet zu werden als die Pest der Welt, und sie sind des Mitleids nicht würdiger als die Wölfe, Bären und Schlangen, deren Vertilgung ein verdienstliches und lobenswertes Werk ist; ja ein um so unvergleichlich höheres Verdienst wird sich der erwerben, der sie ausrotten wird, als diese eine größere Pestilenz und Verwüstung in die Länder tragen als jene. Darum hat Momus recht, wenn er sagt, daß die südliche Krone vor allem dem gebühre, dem es vom Schicksal beschieden sei, diesen übelriechenden Unrat aus der Welt zu schaffen.« –

»Gut«, erwiderte Jupiter, »so will ich, so beschließe ich, daß über diese Krone so verfügt werde, wie Merkur, Momus und Apollo höchst vernünftigerweise vorgeschlagen haben, während ihr anderen damit einverstanden seid. Auch wird diese Pestbande, weil sie so gewalttätigen Charakters ist und sich gegen jedes Gesetz und die Natur auflehnt, gewiß nicht lange bestehen, wie ihr schon daraus entnehmen könnt, daß sie ein so hartes Los oder Schicksal trifft; ihre Zahl würde sich nie vermehren, wenn nicht zu dem Zwecke, daß ihr endlicher Sturz zahlreiche Opfer mit ins Verderben ziehe.« – »Eine wahrhaft würdige Belohnung«, sagte Saturn, »wird die Krone für den sein, der diese Sekte ausrotten wird; aber für diese Schufte ist es eine viel zu milde und zu geringe Strafe, wenn sie nur aus dem Verkehr mit Menschen ausgestoßen werden. Mir erscheint es daher viel gerechter, daß sie, wenn sie ihren jetzigen Körper verlassen haben, viele Lustra und viele Jahrhunderte durch die verschiedensten Wechselfälle und Schicksale hindurch von einem Körper zum anderen wandern und sich schließlich in Schweine verwandeln müßten, die die unflätigsten Tiere der ganzen Welt sind, oder auch in Seemuscheln, die an den Felsen kleben.«

»Die Gerechtigkeit erfordert das Gegenteil«, versetzte Merkur. »Mir scheint es gerecht, daß als Strafe für den Müßiggang harte Arbeit über sie verhängt wird. Daher wäre es besser, sie gingen in Esel über, wo sie ihre Unwissenheit beibehalten und von dem Müßiggange kuriert werden könnten, wobei sie zur Belohnung für ihre beständige Arbeit wenig Heu und Stroh zur Nahrung und viele Prügel von ihrem Treiber bekommen würden.« Sodann entschied Jupiter, daß die ewige Krone dem gehöre solle, der ihnen den letzten Gnadenstoß versetze und daß sie selbst dreitausend Jahre hindurch ihre Seelenwanderung stets von Eseln in Esel antreten sollten. Außerdem entschied er noch, daß an Stelle dieser konkreten Krone die ideale und infolgedessen ins unendlicheerteilbare gesetzt würde; aus dieser könnten dann unendlich viele Kronen geschaffen werden, wie sich an einer brennenden Lampe, ohne daß ihre Leuchtkraft verringert wird und ohne daß sie auch nur das geringste von ihrer Helligkeit und Wirksamkeit einbüßt, sich unendlich viele andere entzünden lassen. Mit dieser Krone beschloß er das ideale Schwert zu vereinigen, das ebenfalls ein viel wahreres Dasein führen sollte, als ein beliebiges konkretes, das innerhalb der Grenzen der irdischen Verrichtungen existiert. Unter diesem Schwert und dieser Krone verstand Jupiter die allgemeine Herrschaft, durch die jedermann auf der Welt belohnt und bestraft werden solle je nach dem Maße seiner Verdienste oder Vergehen. Dieser Entscheidung stimmten alle Götter begeistert zu; denn es sei durchaus angemessen, daß die Rechtspflege neben dem Gesetz seinen Sitz habe, weil jene durch dieses herrschen und dieses durch jene in Kraft gesetzt werden müsse. Die erstere müsse ausführen, das letztere bestimmen; auf das Gesetz habe sich die ganze Theorie zu stützen‚ auf die Rechtspflege die ganze Praxis.

Nach vielen Reden und Abschweifungen über die Besetzung dieses Platzes verwies Momus Jupiter auf Herkules und sagte: »Nun, was sollen wir mit diesem deinem Bastard beginnen?« – »Ihr habt den Grund vernommen, Götter«, erwiderte Jupiter, »aus dem mein geliebter Herkules mit den anderen von hier fortgehen soll. Ich will aber nicht, daß sein Weggang dem aller anderen gleich sein soll; denn die Ursache, die Art und Weise und der Grund seiner Aufnahme sind bei ihm ganz andere gewesen, weil er sich einzig und allein durch seine Tugenden und die Verdienste seiner Heldentaten den Himmel verdient und sich würdig erwiesen hat, als rechtmäßiger Sohn Jupiters zu gelten, trotzdem er nur ein uneheliches Kind ist. Ihr seht klar, daß lediglich der Umstand, daß er ein zugelassener und nicht ein Gott von Geburt her ist, es bewirkt, daß ihm der Himmel verboten wird; und das ist doch meine, nicht seine Schuld, da ich, wie gesagt, durch ihn bloßgestellt werde. Ich hoffe daher, daß euch das Gewissen schlägt und euch daran erinnert, daß, wenn irgend jemand von dieser allgemeinen Regel und Bestimmung ausgenommen werden soll, dieser eine Herkules sein müsse. Wenn wir ihn daher von hier vertreiben und zur Erde herabsenden müssen, so laßt es uns wenigstens so einrichten, daß er im Besitze derselben Ehren und Würden bleibe, die er hier im Himmel genossen hat.« Viele, ja sogar die meisten Götter pflichteten dem bei und sagten: »Er soll noch größere Ehren haben, wenn größere möglich sind.« – »Ich bestimme daher«, fuhr Jupiter fort, »daß bei dieser Gelegenheit ihm als einem tatenfrohen und tapferen Manne ein derartiger Auftrag erteilt wird, durch dessen Ausführung er sich zu einem irdischen Gott, und zwar zu einem so großen zu machen vermag, daß er bei allen in höherer Achtung steht, als wenn er für einen himmlischen Halbgott erklärt worden wäre.« – »So sei es!« antworteten dieselben Götter. Und da einige von ihnen sich bis dahin weder erhoben, noch ein Wort gesprochen hatten, so wandte sich Jupiter an diese und forderte sie auf, auch ihre Meinung zu äußern. Daher sagten die einen: »Probamus«, die anderen: »Admittimus«; Juno sagte: »Non refragamur.« Wir billigen es; wir gestatten es; wir haben nichts dagegen.

Darauf schritt Jupiter zur Verkündigung des Beschlusses in folgender Form: »Da sich an manchen Orten der Erde jetzt wieder Ungeheuer zeigen, wenn auch nicht gerade solche wie zu Zeiten ihrer früheren Bewohner, so doch vielleicht schlimmere, so verordne ich, Jupiter, der Vater und Regent des Weltalls, daß Herkules, wenn auch nicht mit gleicher oder gar noch gewaltigerer Körpergröße begabt, so doch mit größerer Wachsamkeit, Unermüdlichkeit, Geistesstärke und Verstandesschärfe ausgerüstet, als mein Stellvertreter und Diener meines mächtigen Armes zur Erde hinabsteige, und wie er das erstemal, als er auf ihr geboren wurde und das Licht erblickte, sich durch die Überwindung und Besiegung so vieler wilder Ungeheuer als groß erwiesen hat und zum zweitenmal, als er siegreich aus der Unterwelt zurückkehrte, als unverhoffter Tröster der Freunde und unerwarteter Rächer gegen blutige Tyrannen erschienen ist: so soll er jetzt zum drittenmale als neuer, ebenso unentbehrlicher wie ersehnter Helfer vor das Angesicht der Mutter treten und ihre Besitzungen durchwandern! Er soll zusehen, ob von neuem ein nemeischer Löwe die arkadischen Städte verwüstend umherstreift, ob sich der kleonäische Löwe von neuem in Thessalien zeigt; er soll achtgeben, ob jene Hydra, das giftspeiende Ungetüm von Leone wiedererstanden ist, um sich wieder ihrer stets nachwachsenden Köpfe zu erfreuen! Er soll aufpassen, ob nicht in Thracien wiederum jener Diomedes aufgetreten ist, der im Hebrus die Rosse mit dem Blute der Fremdlinge tränkt! Er soll seine Augen nach Libyen wenden, ob dort nicht jener Antäus, der sonst sein Leben wieder erhielt, wiederum in körperlicher Gestalt erschienen ist! Er gebe acht, ob nicht im iberischen Reiche wieder ein Geryones mit drei Leibern haust! Er erhebe sein Haupt und sehe zu, ob nicht jetzt wieder durch die Luft jene gefährlichen Stymphaliden, ich meine jene Harpyien, fliegen, die damals die Luft verdunkelten und den Anblick auf die leuchtenden Gestirne unmöglich machten! Er soll aufmerken, ob wiederum ein borstiges Wildschwein in den erymanthischen Wüsteneien Unfug treibt! Wenn er einem Stiere begegnet, der dem nicht unähnlich ist, der einst so vielen Völkern schreckliche Furcht einjagte, wenn es nötig werden sollte, irgend einen dreigestaltigen Cerberus an das Licht des Tages heraufzuholen, dessen Bellen ein tödliches Gift verbreitet, wenn an blutigen Altären wiederum ein Schlächter Busiris opfert, wenn irgend eine Hirschkuh, das Haupt geziert mit goldenem Geweih, in den öden Wäldern erscheint, gleich jener, die mit ehernen Füßen rasch dahinlief wie der Wind, wenn irgend eine neue Amazonenkönigin ihre aufrührerischen Scharen sammelt, wenn irgend ein ungetreuer und wetterwendischer Achelous mit unbeständigen, vielfachen und veränderlichen Launen ein Land tyrannisiert, wenn es Hesperiden gibt, die ihre goldenen Äpfel der Obhut eines Drachen anvertraut haben, wenn von neuem die gattenlose, verwegene Königin des Thermodontenvolkes sich erhebt, wenn in Italien wiederum irgend ein lacinischer Räuber herumstreift, oder ein Wegelagerer Cacus haust, der seine Diebstähle mit Rauch und Flammen verteidigt, wenn ihm diese oder ähnliche oder andere neue, unerhörte Ungeheuer begegnen und vorkommen sollten, während er über den weit ausgedehnten Rücken der Erde dahinwandert, dann stürze, bessere, verjage, verfolge, fessele, bändige, beraube, zerstreue, zerbreche, zermalme, zertrümmere, erdrücke, ersäufe, verbrenne, erwürge, töte, vernichte er sie! Für diese Taten, zum Dank für solche glorreiche Arbeiten befehle ich, daß an den Orten, an denen er seine heroischen Unternehmungen ins Werk setzen wird, ihm Trophäen, Statuen, Kolosse, ferner Heiligtümer und Tempel errichtet werden, wenn sich das Fatum meinen Anordnungen nicht widersetzt.«

»Wahrhaftig, o Jupiter«, entgegnete Momus, »jetzt scheinst du mir in der Tat ein Gott des guten zu sein; denn ich sehe, daß deine väterliche Zuneigung dich nicht verleidet, in der Belohnung der Verdienste deines Alciden die gebührenden Grenzen zu überschreiten; denn wenn dieser auch nicht so hohen Ruhmes würdig ist, so verdient er doch vielleicht in anderer Beziehung etwas Lob sogar nach dem Urteile Junos, die, wie ich sehe, meinen Worten lächelnd Beifall nickt.« –

Aber sieh, dort kommt mein lieber Merkur, den ich bereits lange sehnlichst erwartet habe, Saulino; wir müssen daher die Fortsetzung unserer Unterredung auf ein anderes Mal verschieben. Entferne dich daher, ich bitte dich, und laß uns ohne Zeugen miteinander sprechen!

Saulino. Gut denn! Auf Wiedersehen morgen!

Sofia. Da ist er, an den ich gestern meine Gebete gerichtet habe! Endlich erscheint er mir, nachdem er etwas gar zu lange gezögert hat. Gestern abend müssen meine Gebete zu ihm gedrungen, diese Nacht erhört und heut morgen von ihm erfüllt worden sein. Wenn er nicht sogleich auf mein Rufen hin erschienen ist, so muß ihn etwas wichtiges zurückgehalten haben, denn ich glaube von ihm nicht weniger geliebt zu werden, als ich selbst ihn liebe. Dort sehe ich ihn aus jener schimmernden Wolke hervortreten, die, vom Hauche des Südwindes getrieben, sich der Mitte unseres Horizontes nähert und, den flammenden Sonnenstrahlen weichend, sich kreisförmig öffnet, als bekränze sie meinen erhabenen Planeten. O heiliger Vater, hohe Majestät, ich danke dir, denn ich sehe meine geflügelte Gottheit aus jener Mitte hervortreten, mit den Flügeln schlagend zerteilt er die Luft, fröhlich den Heroldstab in der Hand schwingend, schwebt er vom Himmel zu mir herab, schneller als der Vogel Jupiters, prächtiger als der geflügelte Begleiter Junos, eigenartiger als der arabische Phönix. Rasch hat er sich mir genähert, begrüßt mich freundlich und zeigt sich so liebenswürdig, wie nur er sein kann.

Merkur. Da bin ich, meine liebe Sofia; ich habe deine Gebete gern erhört, die du an mich mit lauter Stimme gerichtet hast, deine Bitte ist zu mir gedrungen, nicht wie ein aromatischer Hauch nach ihrer gewöhnlichen Art, sondern gleich jenem durchdringenden und schnellbeschwingten Pfeil des glänzenden Lichtstrahls.

Sofia. Doch du, meine Gottheit, sprich, was soll das bedeuten, daß du mir nicht so rasch wie sonst erschienen bist?

Merkur. Ich will dir die Wahrheit gestehen, Sofia. Dein Gebet erreichte mich zu einer Zeit, als ich soeben aus der Unterwelt zurückkam, wo ich den Händen des Minos, Äacus und Rhadamanthys zweihundertsechsundvierzigtausendfünfhundertundzweiundzwanzig Seelen überantwortet habe, die infolge verschiedener Schlachten, Hinrichtungen und Unglücksfälle ihren Lebenslauf beendet hatten. In meiner Begleitung befand sich die himmlische Sofia, gewöhnlich Minerva und Pallas genannt, die an der Kleidung und am Gange sofort erkannte, daß die ankommende Gesandtschaft die deinige war.

Sofia. Es konnte ihr auch nicht schwer fallen, sie zu erkennen, denn sie pflegt nicht minder oft bei ihr zu erscheinen als bei dir.

Merkur. Sie sagte zu mir: »Richte deine Blicke dorthin, o Merkur; denn dort kommt die Abgesandte unserer irdischen Schwester und Tochter. Sie, die von meinem Geiste lebt und allzufern vom Lichte meines Vaters entfernt nahe der Finsternis weilt, möchte ich dir warm empfohlen haben.« – »Es ist überflüssig, aus Jupiters Gehirn Entsprossene«, erwiderte ich ihr, »mir unsere so innig geliebte gemeinsame Schwester und Tochter noch zu empfehlen.« Ich näherte mich also deiner Botin, umarmte und küßte sie, faßte ihren Inhalt kurz zusammen, öffnete die Knöpfe meines Rockes und steckte sie mir unter das Hemd auf die bloße Haut, dort wo der Schlag und Gegenschlag des Herzens hörbar ist. Jupiter, der ebenfalls zugegen war und ein wenig abseits mit Äolus und Oceanus sprach, die gestiefelt dastanden, um sich rasch wieder zu ihren Verrichtungen auf Erden zu begeben, bemerkte, was ich tat, unterbrach die Unterhaltung, in der er sich befand, und fragte mich plötzlich neugierig, was das für eine Denkschrift sei, die ich in meinen Busen gesteckt hätte. Als ich ihm erklärte, sie sei von dir, rief er aus: »Ach, meine arme Sofia! wie geht es ihr? wie befindet sie sich? Ach, das arme Ding! Schon an dem Umschlag, der nicht allzu zierlich gefaltet ist, erkannte ich, daß es gar nicht anders sein konnte, als wie du sagst. Es ist schon lange her, daß wir nichts neues von ihr gehört haben. Nun, was wünscht sie? was fehlt ihr? worum bittet sie dich?« »Nur um das eine«, erwiderte ich, »daß ich sie auf eine Stunde besuchen möchte.« »Es ist gut«, antwortete er und wandte sich wieder zu den beiden Göttern, um seine Unterhaltung mit ihnen zu beenden. Dann rief er mich in Eile zu sich heran und sagte: »Rasch, rasch, bringen wir unsere Angelegenheiten in Ordnung, bevor du fortgehst, um zu erfahren, was jene Unglückliche von dir will, und ich, um mich zu meinem zänkischen Weibe zu begeben, die mir wahrhaftig mehr Verdruß bereitet als die ganze Last der Regierung des Weltalls.« Und dann befahl er mir – denn so ist es neuerdings im Himmel angeordnet worden – alles eigenhändig aufzuschreiben, was heute in der Welt besorgt werden muß.

Sofia. Laß mich, wenn es dir gefällig ist, etwas von diesen Geschäften hören; denn du hast meine Neugierde wachgerufen.

Merkur. Ich will es dir verraten. Er hat befohlen, daß heut Mittag zwei Melonen in dem Melonengarten Franzinos Die im folgenden erwähnten Personen haben wirklich gelebt; es sind Bewohner des Heimatdorfes Brunos. Gioan Bruno ist der Vater des Philosophen. vollständig reif werden, daß sie aber nicht eher als drei Tage später, wann sie schon nicht mehr als so wohlschmeckend gelten, gepflückt werden. Er will, daß zu derselben Zeit in dem Gemüsegarten, der sich am Fuße des Berges Cicala auf dem Besitztum Gioan Brunos befindet, dreißig Gamanderpflanzen zur vollen Entwickelung kommen, siebzehn welk zur Erde sinken und fünfzehn von den Würmern angefressen werden sollen; daß Nasta, die Frau Albenzios, beim Kräuseln der Haare an den Schläfen sich, weil das Eisen zu heiß ist, siebenundfünfzig Haare versenge, ohne sich jedoch den Kopf zu verbrennen, und daß sie diesmal, wenn sie den sengerigen Geruch merkt, nicht fluche, sondern mit Geduld sich darin füge; daß aus dem Miste von Albenzios Rindern zweihundertundfünfzig Mistkäfer hervorkriechen, von denen vierzehn von Albenzios Füßen zermalmt und totgetreten, sechsundzwanzig durch Übergießen getötet werden, zweiundzwanzig sich in ein Loch retten, achtzig sich auf die Wanderschaft durch das Gehöft begeben, zweiundvierzig sich, um weiterzuleben, unter den an der Türe liegenden Baumstamm flüchten, sechzehn ihre Mistkugeln hinwälzen, wohin es ihnen am meisten behagt, der Rest auf gut Glück auseinanderrenne. Der Laurenza sollen beim Kämmen siebzehn Haare ausfallen, dreizehn sollen abbrechen; von jenen sollen zehn im Laufe von drei Tagen wiederwachsen, und die sieben übrigen nicht mehr wiederkommen. Die Hündin Antonio Navolinos soll mit fünf Hündchen trächtig werden, von denen drei zu ihrer Zeit am Leben bleiben und zwei beseitigt werden; von den drei soll das erste seiner Mutter ähnlich, das zweite von unbestimmter Ähnlichkeit, das dritte teils seinem Vater, teils Polidoros Hunde ähnlich sein. Zu derselben Zeit soll man den Kuckuck vom Zimmer aus rufen hören, er soll aber nicht mehr und nicht weniger als zwölfmal rufen, dann davonfliegen und sich für elf Minuten nach den Ruinen der Burg Cicala und von dort nach Scaravita begeben; was dann weiter mit ihm geschehen soll, werden wir später bestimmen. Der Unterrock, den Meister Danese auf seiner Bank näht, soll verpfuscht werden; aus dem Bettgestell Costantinos sollen zwölf Wanzen hervorkommen, sieben von den größten, vier von den kleinsten und eine von mittlerer Größe sollen auf das Kopfkissen kriechen; über ihr weiteres Schicksal wollen wir heut abend bei Kerzenlicht nachdenken. In den ersten fünfzehn Minuten derselben Stunde soll infolge einer Bewegung der Zunge, die sich das viertemal im Munde hin und her gewälzt hat, der Alten des Fiurulo der dritte Backzahn im rechten Unterkiefer ausfallen, aber ohne Blutung und Schmerz; denn dieser Backzahn ist am Ende seiner Laufbahn als Kauwerkzeug angelangt, die genau siebzehn jährliche Mondumläufe gedauert hat. Dem Sohne Martinellos sollen die Haare der Mannbarkeit in den Achselhöhlen zu wachsen beginnen, und zugleich soll seine Stimme beginnen zu wechseln. Dem Paolino soll, während er sich bückt, um eine verrostete Nadel vom Boden aufzuheben, infolge der Anstrengung, die er dabei machen wird, der rote Beinkleidergurt platzen; wenn er darüber fluchen wird, so will ich, daß er später dadurch bestraft werde, daß ihm heut abend seine Suppe versalzen werde und angebrannt schmecke; auch soll er fallen und dabei eine volle Weinflasche zerschlagen; flucht er auch darüber, so werden wir weiter sehen. Von den sieben Maulwürfen, die sich seit vier Tagen auf verschiedenen Wegen aus der Tiefe der Erde an das Sonnenlicht emporarbeiten, sollen zwei in derselben Stunde an die Oberfläche der Erde gelangen, der eine genau um Mittag, der andere fünfzehn Minuten neunzehn Sekunden später, der eine vom anderen drei Schritt einen Fuß zwei Zoll entfernt, und zwar im Garten Anton Fajuanos; über Zeit und Ort der anderen werden wir später Bestimmung treffen.

Sofia. Du hast viel zu tun, Merkur, wenn du mir alle diese Akte der Vorsehung, die Vater Jupiter vollzieht, aufzählen solltest, und indem du mir alle diese einzelnen Beschlüsse einen nach den anderen mitteilen willst, kommst du mir wie jemand vor, der die Anzahl der Sandkörner auf Erden berechnen will. Du hast schon so lange Zeit gebraucht, um ein paar Kleinigkeiten aus der unendlichen Zahl der sämtlichen Begebenheiten zu nennen, die zu derselben Zeit in einem kleinen Landstrich vorgefallen sind, in dem vier bis fünf nicht allzu prächtige Häuser stehen; was würde geschehen, wenn du alles aufzählen solltest, was in dieser Stunde für dieses Dorf, das am Fuße des Berges Cicala liegt, verfügt ist? Gewiß würdest du in einem Jahre nicht fertig werden, wenn du alles so genau berichten wolltest, wie du angefangen hast. Was meinst du, wenn du dann noch über alle Begebenheiten berichten solltest, die sich in der Stadt Nola, im Königreich Neapel, in Italien, in Europa, auf dem ganzen Erdenrund, auf jedem anderen Weltkörper im unendlichen Raume ereignen, da unendlich viele Welten der Vorsehung Jupiters unterstellt sind?. In der Tat müßtest du, um nur das zu berichten, was im Umkreise eines einzigen dieser Weltkörper in einem Augenblicke geschehen ist und geschehen soll, nicht über hundert Zungen und hundert eherne Stimmen verfügen, wie es die Dichter tun, sondern über Milliarden von Millionen Zungen im Laufe eines Jahres, ohne daß du auch nur mit dem tausendsten Teile fertig würdest. Und um die Wahrheit zu gestehen, Merkur, ich weiß nicht, was dieser Bericht bedeuten soll, demzufolge einige meiner Verehrer, sogenannte Philosophen, mit Recht meinen könnten, dieser arme große Vater Jupiter sei recht geplagt, beschäftigt und überbürdet, und der Ansicht sind, daß ihm ein Los beschieden sei, wegen dessen auch der geringste Sterbliche keine Veranlassung habe, ihn zu beneiden. Ich lasse dabei noch ganz dahingestellt, daß ihm in derselben Zeit, die er darauf verwendet, über diese Begebenheiten nachzudenken und Bestimmung zu treffen, notwendigerweise unendlichmal unendlich viele Möglichkeiten vorschweben müssen, wie er für andere sorgen soll und gesorgt hat, und daß du, während du mir dies erzählst, wenn du deine Pflicht erfüllen wolltest, unendlichmal unendlich vieles andere hättest tun müssen und tun solltest.

Merkur. Du weißt, Sofia, wenn du deinem Namen Ehre machst und in der Tat Weisheit bist, daß Jupiter alles ohne Anstrengung, Mühe und Last bewirkt, denn er ist in zahllosen Arten und unendlich vielen Individuen verkörpert und lenkt das Weltall durch Erteilung von Befehlen in Gegenwart und Vergangenheit nicht in einer bestimmten zeitlichen Ordnung, sondern durchaus mit einemmale und gleichzeitig; er bewirkt die Ereignisse nicht nach Art der einzelnen Ursachen eins nach dem anderen durch viele Einzelhandlungen und gelangt durch unendlich viele dieser Einzelhandlungen zu unendlich vielen Ergebnissen, sondern er bewirkt die ganze Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch einen einfachen und einzigen Akt.

Sofia. Ich kann es verstehen, Merkur, daß ihr all diese Dinge gleichzeitig erwägt und zur Ausführung bringt und daß sie sich nicht in einem einfachen und einzigen Subjekte verkörpern; daher muß das sie bewirkende Subjekt im richtigen Verhältnis zu ihnen stehen oder wenigstens mit seiner Tätigkeit in ein richtiges Verhältnis zu ihnen treten.

Merkur. Du hast darin recht, und es muß so sein und kann nicht anders sein bei dem besonderen, nächsten und natürlichen Subjekt; denn hier entspricht dem Maße und dem Grunde der besonderen bewirkenden Kraft auch das Maß und der Grund der besonderen Wirkung bei dem besonderen Subjekte. Bei dem universal wirkenden Subjekte verhält es sich dagegen anders; denn dieses steht im Verhältnis, wenn man so sagen darf, zu der gesamten unendlichen Wirkung, die von ihm abhängt nach dem Grunde aller Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Modalität und Subjektivität und sich nicht in bestimmter Weise auf einzelne Räume, Zeiten und Modi bezieht.

Sofia. Ich verstehe, lieber Merkur, daß die universale Vernunft von der Einzelvernunft so verschieden ist wie das unendliche vom endlichen.

Merkur. Sage besser, wie die Einheit von der unendlichen Zahl; du mußt ferner wissen, Sofia, daß die Einheit in der unendlichen Zahl liegt und die unendliche Zahl in der Einheit, sowie daß die Einheit eine unentwickelte Unendlichkeit und die Unendlichkeit eine entwickelte Einheit ist; daß daher, wo keine Einheit ist, es entweder eine endliche noch unendliche Zahl gibt, und wo es eine endliche oder unendliche Zahl gibt, daß dort auch notwendigerweise eine Einheit vorhanden sein muß. Diese letztere ist also die Substanz der ersteren. Wer demnach die Einheit nicht nur accidentiell, wie manche einzelnen Geister, sondern essentiell wie die universale Vernunft erkennt, der erkennt das eine und die Zahl, der erkennt das endliche und das unendliche, der erkennt das Ende und die Grenzen jeder Fassungskraft und das, was alles übersteigt; der kann alles wirken, nicht nur im universalen, sondern auch partikularen; denn wie es nichts partikulares gibt, was nicht im universalen inbegriffen ist, so gibt es keine Zahl, in der die Einheit nicht mit einem höheren Maße von Wirklichkeit enthalten wäre als die Zahl selbst. So lenkt also Jupiter ohne jede Schwierigkeit und Mühe alle Dinge an allen Orten und zu allen Zeiten, wie sich notwendigerweise das Sein und die Einheit in allen Zahlen, an allen Orten, zu allen Zeiten und in allen Atomen von Zeiten, Orten und Zahlen findet, und er ist das einzige Prinzip des Seins in unendlich vielen Individuen, die existiert haben, existieren und existieren werden! Aber diese Unterredung ist doch nicht der Zweck, wegen dessen ich gekommen bin und von dir angerufen zu sein glaube.

Sofia. Allerdings weiß ich sehr wohl, daß diese Dinge wert sind, von meinen Philosophen entschieden und völlig begriffen zu werden, nicht von mir, die ich sie nicht anders fassen kann als mühsam in Vergleichen und Bildern, sondern von der himmlischen Weisheit und von dir. Aber durch deine Erzählung bin ich zu dieser Frage veranlaßt worden, bevor ich dazu kam, über meine eigenen Interessen und Absichten zu sprechen. Und es erschien mir gewiß, daß du, meine kluge Gottheit, dich ohne jede bestimmte Absicht zu diesem Gespräch über so unbedeutende und kleinliche Dinge herbeigelassen hast.

Merkur. Ich habe es nicht zum Scherze getan, sondern in wichtiger Absicht, Sofia, da ich es für nötig erachtete, dich darauf hinzuweisen; denn ich sehe wohl, daß du infolge deiner vielen Leiden in solchem Grade verstört bist, daß dich die Leidenschaft leicht dazu hinreißt, nicht allzufromm von dem Walten der Götter zu denken, das doch am letzten Ende gerecht und heilig ist, mögen dir auch die Dinge jetzt höchst verworren vorkommen. Ich habe dich daher, bevor ich über etwas anderes sprach, zu dieser Betrachtung anregen wollen, um dir den Zweifel zu benehmen, den du hegen könntest und vielleicht schon oft geäußert hast. Denn da du irdisch und im diskursiven Denken befangen bist, so kannst du die Wichtigkeit der Vorsehung Jupiters und der Fürsorge von uns anderen Göttern, seinen Gehilfen, nicht voll erkennen.

Sofia. Was soll es denn aber heißen, Merkur, daß dich dieser Eifer jetzt mehr als früher beseelt?

Merkur. Ich will dir sagen, daß ich es bis heute verschoben habe, dir diese Erklärung zu geben, weil dein Flehen, dein Gebet, deine Abgesandte, obgleich sie in den Himmel gelangt ist und rasch und pünktlich bei uns eintraf‚ doch mitten im Sommer vor Kälte erstarrt, unschlüssig, zitternd dastand, als sei sie mehr den Launen des Glückes anheimgegeben als zu der Vorsehung emporgesandt und anvertraut, als sei sie im Zweifel, ob sie den Erfolg haben würde, zu unseren Ohren zu dringen, und ob wir nicht vielleicht mit Dingen beschäftigt, die uns wichtiger dünkten. Aber du täuschst dich, Sofia, wenn du glaubst‚ daß wir uns nicht ebenso um die geringfügigsten Dinge wie um die bedeutendsten kümmern, da die wichtigsten und bedeutendsten Dinge nicht ohne die geringfügigsten und verächtlichsten bestehen können. Alles daher, auch das geringste, steht unter dem Schirm der unendlichen Vorsehung; alles, so bedeutungslos es auch sein mag, ist doch in der Ordnung des ganzen Universums von der größten Wichtigkeit. Denn die großen Dinge bestehen aus den kleinen, die kleinen aus den kleinsten und diese wiederum aus den unteilbaren und allerkleinsten. So verhält es sich sowohl mit den großen Substanzen wie mit den großen Wirkungsarten und den großen Wirkungen.

Sofia. Das ist richtig; denn es gibt kein noch so großes, noch so herrliches, noch so prächtiges Gebäude, das nicht aus Dingen bestände, die als klein, geringfügig und unschön erscheinen und gelten.

Merkur. Die Tätigkeit der göttlichen Erkenntnis ist die Substanz des Seins aller Dinge, und wie daher alle Dinge entweder ein endliches oder unendliches Sein haben, so werden sie auch alle von der Vorsehung erkannt, befohlen und angeordnet. Die göttliche Erkenntnis ist verschieden von der unsrigen, die den Dingen nachfolgt; sie geht den Dingen voraus und findet sich in allen Dingen derart, daß, wenn sie sich in ihnen nicht fände, es keine nächsten und sekundären Ursachen gäbe.

Sofia. Und daher willst du, Merkur, daß ich nicht erschrecke vor irgend einem Ereignis, das mir zustößt‚ nicht allein vor einem prinzipalen und direkten, sondern auch vor einem accessorischen und indirekten, und daß Jupiter in allem ist, alles wirkt, alles wahrnimmt?

Merkur. So ist es; darum denke in Zukunft daran, deine Gesandtin besser anzufeuern und sie nicht so nachlässig, schlecht gekleidet und kalt zu zu Jupiter zu senden; er sowohl wie deine Pallas haben es mir aufgetragen, dir, sobald ich wieder mit dir sprechen würde, dies mit einiger Schonung mitzuteilen.

Sofia. Ich sage euch allen meinen Dank.

Merkur. Nun erkläre mir auch, weshalb du mich gebeten hast, zu dir zu kommen.

Sofia. Wegen des Umschwunges und Wechsels in Jupiters Gesinnung, wegen dessen, was ich aus den früheren Unterredungen mit dir erfahren habe. Jetzt habe ich meine Zuversichtlichkeit wiedergewonnen, zu ihm zu beten und mich mit meinem Anliegen an ihn zu wenden, was ich früher nicht wagte, da ich fürchtete, irgend eine Venus, ein Cupido oder Ganymed könne meine Abgesandtin abfangen und zurückweisen, wenn sie sich der Tür von Jupiters Zimmer näherte. Nun aber, da alles reformiert ist und andere Pförtner, Kammerdiener und Lakaien angestellt sind und er sich selbst gegen die Gerechtigkeit sehr gnädig erweist, möchte ich ihm durch deine Vermittelung ein Gesuch von mir unterbreiten, das sich auf das große Unrecht bezieht, das mir von verschiedenen Klassen von Menschen auf Erden zugefügt wird, um ihn zu bitten, er möge mir so huldvoll und geneigt sein, wie es ihm sein Gewissen befiehlt.

Merkur. Weil dieses dein Gesuch lang und von nicht geringer Wichtigkeit ist und weil neulich eine Verordnung im Himmel erlassen worden ist, daß alle Eingänge, betreffen sie nun Zivil- oder Kriminalklagen, nebst allen ihren Veranlassungen, Beweismitteln und Umständen in der Kanzlei registriert werden sollen, ist es erforderlich, daß du es mir schriftlich übergibst und es so zur Kenntnis Jupiters und des himmlischen Senates bringst.

Sofia. Wozu ist diese neue Anordnung erlassen?

Merkur. Damit jeder einzelne unter den Göttern auf diese Weise zur Gerechtigkeit genötigt wird, weil sie infolge der schriftlichen Niederlegung, die das Gedächtnis aller Handlungen verewigt, ewige Schande zu befürchten haben und in Gefahr schweben, immerwährendem Tadel ausgesetzt zu sein und eine Verurteilung über sich ergehen lassen zu müssen, die von der absoluten Gerechtigkeit, die über die Regenten herrscht und über allen Göttern waltet, unfehlbar über sie verhängt werden würde.

Sofia. Ich werde deinen Rat befolgen. Aber es erfordert Zeit, darüber nachzudenken und es niederzuschreiben; darum bitte ich dich, morgen oder übermorgen wiederzukommen.

Merkur. Ich werde nicht verfehlen. Überlege nur alles reiflich, was du tun willst.

 

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