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Die Vertreibung der triumphierenden Bestie

Giordano Bruno: Die Vertreibung der triumphierenden Bestie - Kapitel 2
Quellenangabe
authorGiordano Bruno
titleDie Vertreibung der triumphierenden Bestie
publisherMagazin-Verlag Jacques Hegner
firstpub1583
year1904
translatorPaul Seliger
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180411
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Einleitung.

Giordano Bruno ist sowohl in seinen Schicksalen wie in seinen Schriften ein getreues Spiegelbild der unruhigen gärenden Zeit, in die sein Leben fiel: der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts. Er ist einer der Hauptvertreter des Kampfes um die Freiheit der Forschung gegen die absoluten Herrschaftsansprüche der Kirche; durch die Standhaftigkeit, mit der er für seine Überzeugung den Feuertod erlitt, hat er ebensoviel wie durch seine wissenschaftlichen Leistungen zur endgiltigen Überwindung der allen Fortschritt hemmenden hierarchischen Tendenzen beigetragen. Von dem Studium der Pythagoreer, der Eleaten, Platons und der Neuplatoniker ausgehend, gelangte er der im Scholastizismus erstarrten aristotelischen Philosophie gegenüber zu selbstständigen Anschauungen, die sich zunächst in seiner Weiterbildung der kopernikanischen Lehre äußerten. Kopernikus hatte nur umwälzend in betreff der Verhältnisse unseres Sonnensystems gewirkt, aber an der Vorstellung des krystallenen Fixsterngewölbes festgehalten. Hier setzte Bruno ein, indem er lehrte (in seinem Lehrgedicht De immenso et innumerabilibus), daß das Weltall unendlich sei und man sich überall in seinem Mittelpunkte befinde; die Fixsterne seien Sonnen, ebenfalls von Planeten umgeben, die aber ihrer Kleinheit und Lichtschwäche wegen nicht sichtbar seien. So schuf Bruno die kopernikanische Lehre vom Sonnensystem zu der vom allgemeinen Weltsystem um, so daß unsere heutige Anschauung von dem Weltall auf ihn zurückgeht.

Philosophisch bildete Bruno seine Lehre weiter dahin aus, daß er in pantheistischem Sinne das Vorhandensein einer einzigen Substanz annahm, die er mit Gott identifizierte und die nach ihm wohl verschiedene Erscheinungsformen annimmt, aber an sich keiner Veränderung unterworfen ist; die Entwickelung vollzieht sich nur in den Einzeldingen; alle Gegensätze lösen sich auf in der Harmonie des Ganzen. So führt die Entwickelung auf Gott als ihren Endzweck zurück, wie sie von ihm als ihrer ersten Ursache ausgeht. – Mit diesen seinen Anschauungen hat Bruno mächtig auf die Nachwelt eingewirkt: Descartes, Spinoza, Leibniz, Berkeley, Hegel, Schelling erinnern in einzelnen Teilen ihrer Lehrgebäude deutlich an Gedanken Giordano Brunos, namentlich aber knüpft der naturwissenschaftliche »Monismus« unserer Tage, dessen Hauptvertreter Haeckel ist, an Brunos Lehre von der einen Substanz an.

Geboren im Jahre 1548 zu Nola, trat Bruno nach einer an Entbehrungen reichen Kindheit 1563 bei den Dominikanern ein, die damals ebenso wie ihre Nebenbuhler, die Franziskaner, gern junge Leute von Begabung zum Eintritt in ihren Orden veranlaßten. Aber bald sollte er Anstoß bei den frommen Patres erregen; er fing an, die kirchlichen Dogmen zu bezweifeln und anzugreifen. Bruno selbst sagt später über diese Zeit seines Lebens: »Nachdem ich mich lange mit der Literatur, der Poesie beschäftigt hatte, wandte ich mich der Philosophie, der freien Forschung zu, und zwar unter der Leitung meiner Obern und Richter selbst. Unter dem beherrschenden Einflusse ihrer Eifersucht, ihrer Unwissenheit, ihrer Bosheit wollten sie mich unter das Joch einer elenden, stumpfsinnigen Heuchelei beugen.«

Die Lehre der Dominikaner stützte sich auf zwei Männer, Aristoteles und Thomas von Aquino. Besonders das Ansehen des letzteren hatte sich in den Kreisen gehoben, die, streng am Katholizismus festhaltend, doch von der Notwendigkeit einer inneren Umkehr und Erneuerung ihrer Kirche durchdrungen waren und die mit seiner Hilfe die Ketzerei am ehesten überwinden zu können hofften. Aber der Zweifel ließ sich nicht mehr bannen, ja er wurde vielleicht durch die Diskussionen verstärkt, da das, was durch Gründe verteidigt werden muß, auch durch Gegengründe widerlegt werden kann. Dazu kam, daß der deutsche protestantische Geist sich auch in Italien verbreitet hatte: italienische Studenten besuchten deutsche Hochschulen, deutsche Landsknechte überschwemmten Italien. Auch hatte sich das Königtum Neapel schon früh der Ketzerei geöffnet; waldensische Familien hatten Aufnahme gefunden, und einheimische Gelehrte waren über den Protestantismus hinausgegangen, indem sie auf den Arianismus zurückgriffen und den Sozinianismus begünstigten, so daß sogar die Wittenberger ganz entsetzt darüber waren und Melanchthon dem Platonismus die Schuld an diesen Verirrungen beimaß.

Bruno stand also unter dem Einfluß einer allgemeinen Geistesströmung, als er seine Angriffe gegen die kirchlichen Lehren unternahm, die ihm mehrfache harte Klosterstrafen zuzogen, bis er endlich im Jahre 1576 die Fesseln seines Standes von sich warf und aus Italien floh. In einem Sonett spricht er von den Ketten und dem Kerker, catene e prigioni, denen er nun glücklich entronnen sei; es ist möglich, daß er darunter nicht nur die Unfreiheit des Mönchslebens, sondern ein wirkliches Gefängnis versteht. Trotzdem wurde ihm der Entschluß schwer.

»Ich gehe,« sagte er selbst, »mit Trauer und Schmerz von hier; aber ich hoffe, daß die Zeit den Haß und Zorn meiner Gegner, dem ich nicht zu trotzen wage, mildern wird. Wie der verlorene Sohn werde ich zurückkommen, ich werde unter das väterliche Dach zurückkehren; ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.«

Zunächst begab er sich nach Genf, das damals die Zuflucht aller Verfolgten war. – Beza nennt die Stadt »Hort und Schutz aller armen Kinder Gottes, die in Frankreich, Italien, Spanien, England oder anderwärts Ungemach erlitten haben,« während sie von katholischer Seite »die Kloake der Gottlosigkeit und Irreligiosität, der Sammelpunkt aller Flüchtlinge und Bösewichte der Christenheit« genannt wurde.

Unter den Genfer Calvinisten herrschte damals dieselbe fanatische Unduldsamkeit wie in der katholischen Kirche, waren doch unter Calvins Regiment allein in den Jahren 1542–1546 58 Personen – 30 Männer, 28 Frauen – wegen »Irrglaubens« hingerichtet, und noch 1553 wurde der berühmte Arzt Michael Servet wegen seiner Angriffe auf die Lehre von der Dreieinigkeit verbrannt – ein Verfahren, das sogar die Billigung des »milden« Melanchthon erhielt – und so fand sich auch Bruno bald vor die Wahl gestellt, entweder zum Calvinismus überzutreten oder die Stadt zu verlassen. Er wählte das letztere, da er, der soeben ein Joch abgeworfen, dieses nicht sofort mit einem anderen ebenso drückenden vertauschen wollte. Er begab sich über Lyon und Toulouse nach Paris. Lyon war der alte Sitz der Waldenser gewesen; die letzten waren 1566 von den Jesuiten vertrieben worden; aber es befand sich hier eine kleine Gesellschaft von Freigeistern, »eine sehr gefährliche Sekte,« sagte Castelnau in seinen Memoiren, »deren Glaube und Lehre nicht gebilligt werden konnten.« In ihr verkehrte wahrscheinlich Bruno, sah sich aber bald genötigt, auch diese Stadt zu verlassen. Er begab sich von hier nach Toulouse, dessen Ruhm damals auf seiner Juristenschule beruhte. Daneben war es der Hauptort der Inquisition in Frankreich und Sitz der erbarmungslosesten Unduldsamkeit. Hier war daher Brunos Bleiben auch nicht, wenn er nicht das Schicksal erleiden wollte, das seinen Gesinnungsgenossen Vanini 37 Jahre später ereilte, daß ihm »die Zunge ausgeschnitten, der Leib in das Feuer und die Seele in die Hölle gestürzt wurde.« Von Toulouse ging er nach Paris. Als er sich der Stadt näherte, bemerkte er mit Schauder die Wirkungen des »gallico furore«‚ der sich im Verlaufe der Religionskriege über das blühende Land verbreitet hatte. Aber auch abgesehen von dem religiösen Zwiespalt waren die wissenschaftlichen Kreise von Paris in sich durch die erbitterten Streitigkeiten gespalten, die hier ebenso wie in Italien die Gemüter in Aufregung versetzten; auch hier lag der Geist des Mittelalters im leidenschaftlichsten Kampfe gegen die neuere Richtung, die das Prinzip der Renaissance, die Befreiung des einzelnen von den Fesseln der Überlieferung, auf ihre Fahne geschrieben hatte. Bald nach seiner Ankunft suchte Bruno um die Erlaubnis nach, an der Universität Vorlesungen über Philosophie halten zu dürfen; sie wurde ihm erteilt, und er wäre sogar unter die ordentlichen Professoren aufgenommen worden, wenn er sich hätte entschließen können, die Messe zu hören. Nichtsdestoweniger wagte man nicht ihn wiederum zu vertreiben, einmal weil die studierende Jugend leidenschaftlich für ihn Partei ergriff und weil er sich andererseits der besonderen Gunst des Königs Heinrich III. zu erfreuen hatte. Doch der Wiederausbruch der religiösen Unruhen trieb Bruno 1583 fort über den Kanal nach London. Der Aufenthalt in England war für Bruno höchst angenehm, da die Königin Elisabeth die Italiener begünstigte, wo sie nur konnte. Auch hier blieb er jedoch nur zwei Jahre, dann ging er wieder nach Frankreich zurück und nach einjährigem Aufenthalt nach Deutschland, und zwar zunächst nach Marburg. Als ihm das Halten von Vorlesungen verboten wurde, begab er sich nach Wittenberg, wo er von 1586–1588 lehrte. Hier herrschte damals noch der milde, duldsame Geist Melanchthons, der auch Bruno eine segensreiche Tätigkeit möglich machte.

»Ihr habt mich nicht nach meinem Glauben gefragt, als ihr mich aufnahmt«, redet er die Professoren der Universität einmal an; »ihr habt mir gestattet, einfach als Freund der Weisheit, als Liebhaber der Musen zu leben; ihr habt mir nicht verwehrt, offen Ansichten auszusprechen, die den euren zuwiderlaufen... Obgleich bei euch die Philosophie weder Zweck noch Mittel ist, obgleich eure strenge, reine, einfache Frömmigkeit euch an der alten Physik und Mathematik festhalten läßt, habe ich doch ein neues System lehren dürfen. Weit entfernt, die Denkfreiheit zu beschränken und euren Ruf der Gastlichkeit zu schmälern, habt ihr den Reisenden, den Fremdling, den Geächteten als Freund, als Mitbürger aufgenommen.«

Bei seinem Abschiede hielt er eine glänzende Lobrede auf Luther, den er mit Herkules vergleicht, da er allein dem Papsttum, »dieser reißenden Bestie«, entgegenzutreten den Mut gehabt habe.

Während der folgenden Jahre treffen wir den ruhelosen Mann in Prag, Helmstedt, Frankfurt a. M., Zürich, überall lehrend‚ nach kurzer Rast aber seinen Wanderstab weitersetzend. 1592 wurde er durch einen reichen und hochgestellten Venezianer, Mocenigo, der sich von ihm in der Magie unterweisen lassen wollte, nach Venedig berufen. Bald entstanden jedoch zwischen Lehrer und Schüler Mißhelligkeiten‚ die in offene Feindseligkeit ausarteten, und das Ende war, daß Mocenigo ihn bei der Inquisition anzeigte. Bruno wurde verhaftet und 1593 nach Rom ausgeliefert, wo er sieben Jahre lang in den unterirdischen Kerkern der Inquisition schmachtete. Am 9. Februar 1600 wurde er wegen Abfalls und hartnäckiger Ketzerei verurteilt, feierlich exkommuniziert, der Priesterwürde entkleidet und sodann der weltlichen Macht übergeben, die »ihn so gelinde wie möglich und ohne Blutvergießen« bestrafen sollte.

Er sprach nur das eine Wort, während er sich stolz aufrichtete: »Ihr sprecht mir vielleicht mit größerer Furcht das Urteil, als ich es empfange (majori cum timore sententiam in me fertis, quam ego accipiam).«

Acht Tage wurden ihm noch bewilligt zur Beichte seiner Sünden. Aber er hatte nichts zu beichten. Am 17. Februar wurde er auf dem Campo dei Fiori verbrannt und seine Asche in alle Winde zerstreut, »damit nichts von ihm auf der Erde zurückbleibe als das Gedächtnis seiner Hinrichtung«. – Am 9. Juli 1889 wurde unter allgemeiner Beteiligung der wissenschaftlichen Kreise Italiens, namentlich der studierenden Jugend, und unter lauten Demonstrationen gegen den Vatikan auf demselben Platze, auf dem er verbrannt worden war, sein Denkmal enthüllt.

 

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Die »Vertreibung der triumphierenden Bestie« (Spaccio de la bestia trionfante) ist eine in lukianischem Stil Am nächsten schließt sich das Werk an Lukianos' kleine Schrift Θεῶν ὲχχλησία an, in der Momos eine ähnliche Säuberung des Himmels von unwürdigen Elementen fordert, wie sie bei Bruno von Zeus–Jupiter durchgeführt wird. An Lukianos erinnert auch der Umstand, daß, wie sich dieser in einigen seiner Gespräche mit leichter Namensänderung als Lukios einführt, Bruno selbst in seinen Dialogen als Saulino (nach Savolino, dem Familiennamen seiner Mutter) auftritt. gehaltene Darstellung der Grundsätze, nach denen sich eine sittliche Erneuerung der Menschheit vollziehen muß. An die Stelle der rohen Naturgewalten und ungezügelten Triebe, als deren Vertreter die alten Sternbilder erscheinen, sollen die sittlichen, altruistischen, auf das Wohl des gesamten Menschengeschlechts hinzielenden Kräfte treten. Man hat die Meinung ausgesprochen, unter der »triumphierenden Bestie« sei das Papsttum zu verstehen; aber diese Auffassung ist offenbar viel zu eng. Bei der Stellung, die Bruno gegenüber der Beeinträchtigung der freien Forschung durch Papst und Kirche einnahm, ist es nur selbstverständlich, daß er auch im »Spaccio« den Kampf gegen diese Macht mit aller Schärfe, mit allen Mitteln des Hohnes und Spottes führte – bezeichnet er doch in seiner obenerwähnten Lobrede auf Luther den Papst geradezu als »reißende Bestie« –, aber dies geschieht nur, weil er überhaupt alle Tendenzen bekämpft, die sich dem intellektuellen und sittlichen Fortschritt der Menschheit hemmend in den Weg stellen, darunter auch solche, die mit der katholischen Hierarchie nicht das mindeste zu tun haben, zum Teil sogar in direktem Gegensatz zu ihr stehen, wie die maßlos heftigen Angriffe gegen das protestantische Prinzip von der Erlangung der Seligkeit allein durch den Glauben und die calvinistische Lehre von der Prädestimation beweisen. Das Werk beschäftigt sich mit den sittlichen Gebrechen und Verirrungen der Menschen durchaus im allgemeinsten Sinne, nicht nur in Beziehung auf den geistlichen Stand, dessen tiefe Sittenlosigkeit allerdings in jeder Richtung Gelegenheit genug zu den heftigsten Angriffen bot. Die Wahl des Ausdrucks »bestia trionfante« scheint einer ähnlichen Auffassung entsprungen zu sein, wie sie darwinistisch gesinnte Kreise jetzt hegen, wie sie die Laster und Verbrechen als »Atavismus«, als Abweichung von den »sozialen Instinkten« des Menschen und Rückfall in den tierischen Zustand, betrachtet wissen wollen.

 

Leipzig–Gautzsch,
1904.

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