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Die Vertreibung der triumphierenden Bestie

Giordano Bruno: Die Vertreibung der triumphierenden Bestie - Kapitel 11
Quellenangabe
authorGiordano Bruno
titleDie Vertreibung der triumphierenden Bestie
publisherMagazin-Verlag Jacques Hegner
firstpub1583
year1904
translatorPaul Seliger
correctorreuters@abc.de
senderHerbert Niephaus
created20180411
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Zweiter Teil des dritten Dialogs.

Nunmehr stellte Saturn an Jupiter die Bitte, die Verteilung der übrigen Sitze etwas rascher zu erledigen, da der Abend herannahe; man möge sich auf die Hauptaufgabe beschränken, zu entfernen und neu einzuführen; was aber die Reihenfolge betreffe, nach der die Tugenden der Göttinnen und anderer sich zu richten hätten, so möge dies am nächsten großen Feste entschieden werden, an dem es sich träfe, daß sich die Götter wiederum versammelten, nämlich am Vorabend des Pantheonfestes. Diesem Vorschlage stimmten alle Götter durch Neigen des Hauptes zu, mit Ausnahme der Eile, der Zwietracht, der unpassenden Zeit und anderer. »So scheint es auch mir richtig«, sagte der Hochdonnernde. »Wohlan denn«, versetzte Ceres, »wohin wollen wir meinen Triptolemos schicken, jenen Fuhrmann, den ihr dort seht, ihn, dem zuliebe ich den Menschen das Getreide gegeben habe? Wollt ihr, daß ich ihn nach den Ländern des Königreichs beider Sizilien schicke, damit er sich dort niederlasse, wo ja auch drei meiner Tempel stehen, die er mir durch seinen Eifer und seine Tätigkeit geweiht hat, der eine in Apulien, der zweite in Calabrien, der dritte auf Trinacria selbst?« »Mach mit deinem Ackersmann und Diener, was du willst, liebe Tochter«, erwiderte Jupiter. »Seinen Platz aber nehme ein, wenn ihr damit einverstanden seid, ihr Götter, die Humanität, die in unserer Sprache Philanthropia heißt, deren Urbild ja dieser Wagenlenker hauptsächlich gewesen zu sein scheint. Außerdem war sie es ja auch, die dich, Ceres, veranlaßte, ihn herabzusenden, und die ihn später dazu trieb, deine Wohltaten dem Menschengeschlechte mitzuteilen.« – »Das ist gewiß«, sagte Momus, »denn sie ist es, deretwegen Bacchus den Menschen so gutes Blut und Ceres ihnen so zartes Fleisch verschafft hat, wie es zur Zeit der Kastanien, Bohnen und Eicheln nicht möglich war. Vor ihr entweiche der Menschenhaß samt der Dürftigkeit und da Triptolemus milden und verständigen Sinnes ist, so bilde der gute Rat das linke und die Hilfe das rechte Rad seines Wagens, und von den beiden ganz zahmen Drachen, die die Deichsel ziehen, sei der linke die Milde, der rechte die Gefälligkeit.«

Nun fragte Momus den Merkur, was er mit dem Schlangenträger machen wolle; ihm scheine es als das beste und geeignetste, ihn als marsischen Gaukler auszusenden, da er ja die erforderliche Fertigkeit besitze, eine so gefährliche und große Schlange ohne jede Furcht und Gefahr zu handhaben. Auch richtete er an den strahlenden Apollo die Frage, ob er sich der Schlange nicht zur Unterstützung seiner Magier und Giftmischer, wie zum Beispiel seiner Circen und Medeen, bedienen wolle, damit sie ihre Giftmorde leichter ausführen könnten, oder ob er sie seinen Ärzten, wie zum Beispiel dem Äskulap, zur Bereitung des Theriaks, überlassen wolle. Auch die Minerva fragte er, ob sie sich ihrer nicht bedienen wolle, um an einem wiedererstandenen Laokoon Rache zu nehmen. »Nehme sie, wer da will«, entschied der große Patriarch, »und mache er, was er will, sowohl mit der Schlange wie mit dem Schlangenträger, nur sollen sie sich von hier entfernen, und an ihre Stelle trete der Scharfsinn, den wir bei der Schlange beobachten und bewundern können.« »Es trete also der Scharfsinn ihre Stelle«, sagten alle Götter, »denn er ist eines Sitzes im Himmel nicht weniger würdig als seine Schwester, die Klugheit; denn wenn jener es versteht zu befehlen und anzuordnen, was zu tun oder zu lassen ist, um zu irgend einem Ziele zu gelangen, soll diese kraft ihrer guten Einsicht es vorher und nachher zu beurteilen verstehen. Sie vertreibe die Plumpheit, die Unüberlegtheit und den Stumpfsinn von den Sitzen, wenn die Dinge zweifelhaft werden und guter Rat teuer ist. Aus den Schalen der Weisheit schöpfte sie das Wissen und empfange und gebäre dann Taten der Klugheit.«

»Hinsichtlich des Pfeiles«, sagte Momus, »bin ich stets neugierig gewesen und habe wissen wollen, wem er denn eigentlich gehört, das heißt, ob er der ist, mit dem Apollo den großen Python tötete, oder der, mit dem der Schlingel von Amor auf Geheiß der Frau Venus den wilden Mars verwundete, der ihr dann zur Strafe dafür seinen Dolch bis zum Hefte in den Leib stieß, oder ob er einer der berühmten Pfeile ist, mit dem der Alcide die Königin der Stymphaliden erlegte, oder der, mit dem er dem kalydonischen Eber den Garaus machte, oder ob er endlich eine Reliquie oder Trophäe der keuschen Diana ist. Doch mag dem sein, wie ihm wolle, sein Eigentümer mag ihn zurücknehmen und hinschießen, wohin er will.« – »Gut«, entgegnete Jupiter, »er soll sich von hier entfernen samt der Hinterlist, der Verleumdung, der Verkleinerung, dem Neide und der Schmähsucht. An seine Stelle trete die Aufmerksamkeit, die Beobachtung, die Auswahl und die Zielbewußtheit gesunden Strebens.«

Und er fuhr fort: »Was den Adler, den göttlichen, heroischen Vogel und das Symbol des Kaisertums, betrifft, so bestimme und will ich, daß er sich nach dem trunksüchtigen Deutschland begeben soll, um sich dort in Fleisch und Blut einzufinden, wo er mehr als in einem anderen Lande in Formen und Figuren, in Bildern und Symbolen, durch so viele Gemälde, Statuen, Schilde verherrlicht werden wird, wie die Augen der sinnenden Deutschen Sterne am Himmel erblicken können. Den Ehrgeiz, die Anmaßung, die Verwegenheit, die Unterdrückung, die Tyrannei und die Gefährtinnen und Dienerinnen dieser Göttinnen braucht er nicht dorthin mitzunehmen, wo sie doch alle müßig dastehen müßten, denn dieses Land ist nicht groß genug für sie, sondern sie sollen ihren Flug weit weg von diesem lieben sanften Lande nehmen, wo als Schilde Suppennäpfe, als Sturmhauben Töpfe und Waschbecken, als Schwerter in Pökelfleisch steckende Knochen, als Trompeten Becher, Krüge und Pokale, als Trommeln Fässer und Bottiche dienen: das Schlachtfeld bildet der Zech- und Eßtisch. Die Festungen, Bollwerke, Kastelle, Bastionen sind die Kneipen, die Schenken, die Wirtshäuser, die dort in größerer Anzahl vorhanden sind als die Wohnungen.« Hier entgegnete Momus: »Ich bitte um Verzeihung, erhabener Vater, wenn ich deine Rede unterbreche; ich bin der Ansicht, daß diese begleitenden und dienenden Göttinnen sich dort befinden, auch ohne daß du sie hinschickst, denn der Ehrgeiz, allen in der Kunst, sich zu einem Schwein zu machen, überlegen zu sein, die Anmaßung des Bauches, der nicht weniger von oben aufzunehmen beansprucht, als die Kehle von oben nach unten senden kann, die Verwegenheit, mit der der Magen vergebens zu verdauen sucht, was er doch sofort wieder ausspeien muß, die Unterdrückung der Gefühle und der natürlichen Wärme, die Tyrannisierung des organischen, empfindenden und denkenden Lebens herrschen hier in höherem Maße als in allen anderen Teilen dieser Erdkugel.« – »Das ist wahr, Momus«, versetzte Merkur, »aber solche Tyrannei, Verwegenheit, Anmaßung und ähnliche böse Göttinnen samt ihren bösen, dienenden Geistern sind keineswegs adlerhaft, sondern den Blutegeln, Vielfraßen, Staren und Schweinen angemessen. Um nun auf die Verordnung Jupiters näher einzugehen, so glaube ich, daß sie der Lebensweise und Natur dieses königlichen Vogels keineswegs gerecht wird. Er, der wenig trinkt, dagegen viel frißt und verschlingt, scharfe und klare Augen hat, schnell fliegt und mit leichten Schwingen zum Himmel emporschwebt, an trockenen, felsigen, hohen, festen Plätzen nistet, kann nichts mit einem bäuerischen Geschlechte gemein haben, das die in den Beinkleidern steckende Doppellast schwer zum tiefliegenden und dunklen Erdmittelpunkt niederzieht, das so langsam und schwerfällig ist, daß es sich im Kriege mehr zum Standhalten als zum Verfolgen und Fliehen eignet, das zum großen Teil an schlimmen Augen leidet und unvergleichlich mehr trinkt als ißt.« – »Was gesagt ist, bleibt gesagt«, antwortete Jupiter. »Ich habe gesagt, er solle sich dort in Fleisch und Blut zeigen, um sich seine Bildnisse anzusehen, aber nicht, daß er hier weilen solle wie im Gefängnisse, oder daß es ihm verwehrt sein solle, sich dort einzufinden, wo er im Geist und in der Wahrheit aus anderen würdigeren Gründen bei den anderen schon genannten Gottheiten weilt, und diesen ruhmvollen Sitz möge er allen jenen Tugenden überlassen, deren Vertreter er gewesen sein kann, wie zum Beispiel der Göttin Hochherzigkeit, Erhabenheit, Großmut und anderen ihrer Schwestern und Dienerinnen.«

»Was sollen wir mit diesem Delphine beginnen?« fragte Neptun. »Seid ihr damit einverstanden, daß ich ihn ins Meer von Marseille setze, damit er die Rhone heraufschwimme und so nach und nach in das Dauphine gelange und sie besuche?« »Tue dies sobald wie möglich«, versetzte Momus, »denn um die Wahrheit zu sagen, kommt es mir nicht weniger lächerlich vor, wenn jemand

    Delphinum caelis appinxit, fluctibus aprum,

als wenn er

    Delphinum silvis appinxit, fluctibus aprum.«

»Er gehe, wohin es Neptun beliebt«, sagte Jupiter, »und an seine Stelle trete die personifizierte Liebe, Freundlichkeit, Gefälligkeit samt deren Begleitern und Dienern.«

Sodann bat Minerva, das Roß Pegasus möchte sich, wenn es seine zwanzig strahlenden Sterne verlasse, zur Hippokrene begeben dürfen, die schon seit langer Zeit von Ochsen, Schweinen und Eseln getrübt, verschüttet und verunreinigt werde, und zusehen, ob es mit seinen Hufen und Zähnen es fertig bringen könne, diesen Ort von seinen rohen Besuchern zu befreien, damit die Musen, wenn sie sähen, daß das Wasser der Quelle wieder rein und klar sei, es nicht mehr verschmähten, sich hier einzufinden und ihre Vorlesungen und Beförderungsfeiern abzuhalten. Und an jene Stelle im Himmel sollen die göttliche Begeisterung, die Erhebung über das alltägliche, der Enthusiasmus, das Sehertum, das Studium, das Genie samt ihren Verwandten und Dienern treten, und damit von hier aus in alle Ewigkeit das göttliche Wasser auf die Sterblichen hinabtröpfele, um ihre Seelen zu reinigen und ihre Leidenschaften zu läutern.

»Man nehme«, sagte Neptun, »diese Andromeda von hier fort, wenn es euch Göttern genehm ist, die von der Hand der Unwissenheit mittels der Kette verkehrter Gründe und falscher Meinungen an den Felsen des Starrsinns gefesselt worden ist, um von dem Ungetüme des Verderbens und schließlichen Unterganges, das durch das flutende, ungestüme Meer angeschwommen kommt, zerrissen zu werden, und übergebe sie den fürsorglichen, liebevollen Händen des tatenfrohen, unermüdlichen, klugen Perseus, der, wenn er sie von dort befreit und fortgeholt hat, sie von der unwürdigen Gefangenschaft zur würdigen Freiheit erheben möge; darüber, wer an ihrer statt unter die Sterne erhoben werden soll, stelle ich Jupiter die Entscheidung anheim.« »Hier«, antwortete der Vater der Götter, »will ich, daß die Hoffnung ihren Sitz nehme, sie, für die es kein noch so schwieriges und gewagtes Unternehmen gibt, zu dem sie nicht die Herzen aller, die irgendwie Verständnis für das Streben nach einem Ziele haben, mit der Aussicht auf einen ihrer Mühe und Anstrengung entsprechenden Erfolg entflammte.« »So möge denn«, erwiderte Pallas, »dieser heiligste Schild der Menschenbrust, dieses göttliche Fundament aller Bauwerke des guten, dieser sicherste Hort der Wahrheit seinen Platz einnehmen, sie, die bei keinem noch so unerwarteten Schicksalsschlage verzweifelt, weil sie in sich selber die Keime der Selbstgenügsamkeit trägt, die von keiner Gewalttätigkeit des Schicksals erstickt werden können, sie, kraft deren Stilpo, wie es heißt, den Sieg über all seine Feinde davongetragen hat. Jenen Stilpo meine ich, der, als er mit knapper Not den Flammen entgangen war, die seine Vaterstadt, sein Haus, sein Weib, seine Kinder, sein Hab und Gut verzehrt hatten, dem Demetrius antwortete, er trage all das seinige mit sich, denn er trug mit sich jene Unerschrockenheit, jene Gerechtigkeit, jene Klugheit, vermöge deren er auf einen besseren Trost, auf die Rettung und Erhaltung seines Lebens hoffen, und leicht auf die Annehmlichkeiten dieses letzteren verzichten konnte.«

»Lassen wir jetzt diese lebhafte Schilderung«, versetzte Momus, »und sehen wir rasch zu, was mit diesem Triangel oder Dreieck anzufangen ist.« – Die lanzentragende Pallas antwortete: »Mir scheint es würdig, in die Hand des Kardinals von Cusa gelegt zu werden, damit dieser sehe, ob er mit seiner Hilfe nicht die sich abmarternden Geometer von den fruchtlosen Untersuchungen über die Quadratur des Kreises befreien kann, indem er den Kreis und das Dreieck mittelst jenes göttlichen Prinzips der Kommensurabilität und der Koinzidenz der kleinsten und der kleinsten Figur bestimmt, das heißt, der einen; die die kleinste, und der anderen, die die größte Anzahl von Winkeln aufzuweisen hat. Man versehe also dieses Dreieck mit einem Kreise, der es umschließt, und mit Einem anderen, der von ihm umschlossen wird, und man wird mittelst des Verhältnisses zweier Linien, von denen die eine vom Zentrum zu dem Punkte geht, in dem sich der innere Kreis mit dem äußeren Dreieck berührt, und die andere dasselbe Zentrum mit einem der Winkelpunkte des Dreiecks verbindet, die so lange und so vergeblich gesuchte Quadratur finden.« Nun erhob sich Minerva und sprach: »Um mich den Musen nicht weniger freundlich zu erweisen, will ich den Geometern ein unvergleichlich größeres und wertvolleres Geschenk machen, als dieses und jedes andere, das ihnen bis zu dieser Stunde gemacht worden ist, wegen dessen der Nolaner, dem sich das Geheimnis zuerst enthüllte, und durch dessen Hand es der Menge mitgeteilt wurde, mir nicht nur eine, sondern hundert Hekatomben schuldet, denn ich eröffne ihm mittelst der Betrachtung der Gleichheit, die sich zwischen dem größten und dem kleinsten, zwischen dem inneren und dem äußeren, zwischen dem Anfang und dem Ende vorfindet, einen fruchtbareren, erfolgreicheren, gangbareren und sichereren Weg, auf dem er zeigen kann, wie man nicht nur das Quadrat, sondern auch sofort jedes Dreieck, jedes Fünfeck, jedes Sechseck und überhaupt jedes beliebige und beliebig große Vieleck dem Kreise gleich machen kann, und auf dem nicht minder die Linie der Linie, die Fläche der Fläche, die Ebene der Ebene, der Körper dem Körper gleich gemacht werden kann.«

Saulino. Das wäre in der Tat eine ganz vortreffliche Sache und ein unermeßlicher Schatz für die Erforscher des Weltalls.

Sofia. So vortrefflich und wertvoll, daß es mir gewiß erscheint, daß es alle noch übrigbleibenden Entdeckungen in der Geometrie aufwiegt. Ja, es ergibt sich daraus eine andere, viel vollständigere, viel umfassendere, viel reichere, viel leichtere, viel feinere, viel kürzere und dabei nicht wenig sichere Geometrie, der es gelingt, jede beliebige vieleckige Figur durch die Peripherie und den Flächeninhalt des Kreises und den Kreis durch den Umfang und den Flächeninhalt jedes beliebigen Vielecks zu messen.

Saulino. Ich möchte die Methode in aller Kürze kennen lernen.

Sofia. Dies sagte auch Merkur der Minerva, und diese antwortete ihm: »Ich beschreibe zunächst in derselben Weise, wie du es vorhin getan hast, im Inneren dieses Dreiecks den größtmöglichen Kreis, sodann zeichne ich außerhalb dieses Dreiecks den kleinstmöglichen, der die drei Winkelpunkte berührt. Von da will ich nun nicht zu deiner verdrießlichen Quadratur übergehen, sondern zu einer leichten Dreieckskonstruktion, indem ich ein Dreieck suche, dessen Umfang gleich ist der Peripherie eines gegebenen Kreises, und ein anderes, dessen Flächeninhalt gleich dem Flächeninhalt eines gegebenen Kreises ist. Dieses wird jenes, in der Mitte liegende Dreieck sein, das in gleicher Entfernung von dem liegt, das den Kreis umschließt, und von dem, das von dem Kreise umschlossen wird. Dieses zu finden, überlasse ich jedermanns eigenem Verstande, da es mir genügt, den geometrischen Ort nachgewiesen zu haben. Um auf diese Weise den Flächeninhalt des Kreises zu bestimmen, ist es nicht notwendig, ein Dreieck zu nehmen, sondern das Viereck, das zwischen dem größten dem Kreise eingeschriebenen und dem kleinsten dem Kreise umschriebenen liegt. Um den Kreis in ein Fünfeck zu verwandeln, nehme man die Mitte zwischen dem größten vom Kreise umschlossenen und dem kleinsten den Kreis einschließenden. In ähnlicher Weise verfahre man stets, um jede beliebige andere Figur dem Kreise an Flächeninhalt und Umfang gleich zu machen. So wird man auch, wenn man den Kreis des Quadrates gefunden hat, das dem Kreise des Dreiecks gleich ist, wird man auch das Quadrat dieses Kreises finden, das dem Dreieck jenes anderen Kreises von demselben Flächeninhalt wie jener gleich ist.

Saulino. Auf diese Weise, o Sofia, lassen sich unter zu Hilfenahme des Kreises, den ihr zum Maße der Maße macht, alle anderen Figuren beliebigen Figuren gleich machen. Das heißt, wenn ich ein Dreieck dem Viereck gleich machen will, so nehme ich jenes mittlere zwischen den beiden dem Kreise anliegenden samt dem mittleren zwischen den beiden demselbe Kreise oder einem anderen ihm gleichen anliegenden Vierecken. Wenn ich ein Quadrat nehmen will, das einem Sechseck gleich ist, so beschreibe ich innerhalb und außerhalb des Kreises sowohl das eine wie das andere und nehme das mittlere zwischen den beiden Paaren.

Sofia. Du hast dies richtig aufgefaßt. So erlangt man auf diesem Wege nicht nur die Gleichsetzung aller Figuren mit dem Kreise, sondern auch die jeder Figur mit allen anderen durch Zuhilfenahme des Kreises, indem man stets die Gleichheit nach Umfang und nach Flächeninhalt festhält. So kann man auch mit geringem Nachdenken oder Aufmerken jede Gleichheit und Proportion einer beliebigen Sehne zu einem beliebigen Bogen bestimmen, sei es nun, daß sie ganz oder geteilt ist oder in bestimmtem Verhältnis vermehrt ein Polygon bildet, das in der angegebenen Weise von einem derartigen Kreise umschlossen ist oder ihn umschließt.« »Nun beschließe man schnell«, sagte Jupiter, »wen wir hierher versetzen wollen.« »Ich glaube«, versetzte Minerva, »daß hier die Treue und Aufrichtigkeit ihren geeigneten Platz finden, ohne die jeder Vertrag nichtig und zweifelhaft ist, jeder Verkehr sich auflöst, jedes Zusammenleben unmöglich wird. Ihr seht ja, wohin die Welt geraten ist, da es ihr zur Gewohnheit und zum Sprichwort geworden ist, daß man, wenn man herrschen will, keine Treue halten dürfe, daß man Ketzern und Ungläubigen keine Treue zu halten brauche und daß man dem die Treue brechen dürfe, der sie seinerseits verletzt. Was soll daraus werden, wenn dies von allen in die Tat umgesetzt wird? Wohin würde die Welt geraten, wenn alle Republiken, Königreiche, Herrschaften, Familien und einzelnen sagen würden, daß man mit dem Heiligen heilig, mit dem Schlechten schlecht sein soll, und daß sie sich für ihr verbrecherisches Verhalten darauf berufen können, daß sie einen Verbrecher zum Nachbarn oder Gefährten haben, wenn sie glauben würden, daß wir durch unser göttliches Wesen nicht verpflichtet wären, absolut gut zu sein, sondern unter Umständen, und wenn es uns paßt, auch verderbenbringend und giftig wie Schlangen, Wölfe und Bären sein könnten?« »So will ich denn«, entgegnete der Vater, »daß die Treue unter den Tugenden die gefeiertste sei, und daß, wenn nicht ausdrücklich die gegenseitige Treue zur Bedingung gemacht worden ist, es nicht gestattet sei, sie zu brechen, weil der andere Teil sie gebrochen habe. Denn dies ist das bestialische und barbarische Gesetz eines Juden und Sarazenen, aber nicht das staatsbürgerliche und heldenhafte eines Griechen und Römers, daß es bisweilen und gewissen Arten von Leuten gegenüber lediglich zum eigenen Vorteil und zur Ermöglichung des Betruges erlaubt sei, Treue zu versprechen, um sie dann zur Dienerin der Tyrannei und des Verrates zu machen.«

Saulino. O, Sofia, es gibt auch keine schmählichere, verbrecherische und unverzeihlichere Kränkung als die jemand durch einen anderen zugefügte, wenn der eine dem anderen vertraut hat und nun von diesem letzteren gekränkt wird, weil er ihm Glauben geschenkt und ihn für einen ehrlichen Mann gehalten hat.

Sofia. »Ich will also«, sagte der Hochdonnernde, »daß diese Tugend im Himmel gefeiert werde, damit sie in Zukunft auf der Erde größere Achtung genieße. Sie soll an der Stelle erscheinen, wo jetzt das Dreieck seinen Platz hat, durch das die Treue in passender Weise dargestellt und versinnbildlicht wird. Denn ein dreieckiger Körper ist, da er die geringste Anzahl von Ecken aufweist und sich am meisten von der Kugelform entfernt, schwerer beweglich als ein beliebig anders geformter.« So wurde die nördliche Hemisphäre, wo gewöhnlich dreihundertsechzig Sterne, drei größte, achtzehn große, einundachtzig mittlere, hundertundsiebenundsechzig kleine, achtundfünfzig kleinere, dreizehn kleinste nebst einem Nebelfleck und neun dunklen Stellen verzeichnet sind, gesäubert.

Saulino. Nun beeile dich und berichte kurz, was mit dem Reste geschehen ist.

Sofia. »Beschließe, o Vater«, begann Momus, »was wir mit diesem Urahnen der Lämmlein machen sollen, jenem nämlich, der zuerst die abgestorbenen Pflanzen wieder aus der Erde hervorgehen läßt, der das Jahr eröffnet, die Erde mit einem neuen Blüten- und Blättermantel deckt und alles mit Entzücken erfüllt.« »Da ich Bedenken trage«, erwiderte Jupiter, »ihn zu den Lämmern Kalabriens, Apuliens oder des glücklichen Kampaniens zu senden, wo sie oft von der Winterkälte getötet werden, und es mir auch nicht angemessen erscheint, ihn zu den anderen in den Bergen und Ebenen Afrikas zu schicken, wo sie von übermäßiger Hitze zu leiden haben, so halte ich es für das beste, daß er sich nach dem Ufer der Themse begebe, wo ich soviel schöne, vortreffliche, fette, weiße und muntere erblicke; sie sind nicht so plump wie die am Niger, nicht schwarz wie die vom Silere und Ofito, nicht fleckig wie die am Sebeto und Sarno, nicht boshaft wie die vom Tiber und Arno, nicht häßlich anzusehen wie die vom Tajo. Denn jene Gegend stimmt zu der Jahreszeit, deren Beherrscher er ist, weil hier das Klima gemäßigter ist als sonst in einem Landstriche jenseits und diesseits der Tag- und Nachtgleiche und von dem Lande sowohl die übermäßige Kälte der Schneemassen, wie die übergroße Sonnenhitze fernhält, so daß es wie die beständig grünen und blühenden Gefilde bezeugen, wie von einem ewigen und immerwährenden Lenze beglückt erscheint. Dazu kommt noch, daß er hier, umgeben von den schützenden Armen des Ozeans, vor Wölfen, Löwen und Bären und anderen reißenden Tieren und feindlichen Mächten des Festlandes sicher sein wird. Und weil dieses Tier die Stellung eines Fürsten, Herzogs, Heerführers innehat, ebenso die eines Hirten, Feldherrn und Führers, wie ihr am Himmel seht, wo alle Zeichen jenes Gürtels am Firmament ihm folgen, und wie ihr auf Erden wahrnehmen könnt, daß, wenn es hüpft oder davonstürmt, wenn es sich wendet oder geradeaus läuft, sich wendet oder bergan steigt, die ganze Herde bereitwilligst sein Tun nachahmt, ihm zustimmt und folgt, so will ich, daß an seine Stelle die tugendhafte Nachahmung, das gute Beispiel und die sittliche Zustimmung samt den übrigen verwandten und dienenden Tugenden, deren Gegensätze das Ärgernis und das böse Beispiel sind, die zu Dienerinnen die Übertretung, die Abweichung vom rechten Wege, die Verirrung zur Führerin, die Bosheit oder die Unwissenheit, oder beide zusammen, zur Nachfolgerin die dumme Leichtgläubigkeit, die, wie ihr seht, blind ist und sich mit dem Stabe der finsteren Inquisition und der albernen Überredung weitertastet, zu beständigen Gefährtinnen die Gemeinheit und Niederträchtigkeit haben; diese alle sollen insgesamt diese Sitze hier verlassen und auf die Erde verbannt werden.« »Eine vortreffliche Anordnung«, antworteten alle Götter, und Juno fragte, was er mit ihrem Stiere, ihrem Rinde, jenem Genossen der heiligen Krippe, machen wolle. Jupiter entgegnete ihr: »Wenn er sich nicht in die Nähe der Alpen, an die Ufer des Po, ich meine nach der Hauptstadt von Piemont begeben will, wo die schöne Stadt Turin liegt, die nach ihm benannt ist wie Bucephalia nach dem Bucephalus, wie die westlich von Parthenope liegende Insel nach den Ziegen, Corveto in der Basilicata nach den Raben, Myrmidonien nach den Ameisen, das Dauphine nach dem Delphin, die Abruzzen nach den Wildschweinen, Ofanto nach den Schlangen und Oxford, ich weiß nicht nach welcher anderen Tiergattung benannt ist, so soll er dem Widder als Begleiter dicht auf den Fersen dorthin folgen, wo er, wie das Rindfleisch beweist, das zufolge der frischen Kräuter und der zarten Weiden nirgends sonst in der Welt in solcher Güte anzutreffen ist, die besten Genossen haben wird, die sich in dem übrigen Raume des Weltalls finden lassen.« Saturn erkundigte sich nunmehr nach seinem Nachfolger. Ihm erwiderte Jupiter: »Weil er ein Tier ist, das Strapazen erträgt und geduldig arbeitet, so will ich, daß, wie er bisher das Sinnbild der Geduld, des ruhigen Ertragens, der Ausdauer und der Langmut gewesen ist, das heißt von Tugenden, die in der Tat der Welt äußerst notwendig sind, sich mit ihm zugleich entfernen (obgleich es mir gleichgültig ist, ob sie mit ihm gehen oder nicht) der Zorn, der Unwille, die Wut, die dieses mitunter jähzornige Tier zu begleiten pflegen. Hier seht ihr, wie sich der Zorn, der Sohn des Gefühls erlittener Ungerechtigkeit und Unbill auf den Weg macht und voller Schmerz und Rachsucht fortgeht, weil es ihm unerträglich erscheint, daß die Mißachtung ihn von oben bis unten mustert und ins Gesicht schlägt. Wie richtet er seine funkelnden Augen auf Jupiter, auf Mars, auf Momus, auf alle! Wie nähert sich die Hoffnung auf Rache seinem Ohre und tröstet und zügelt ihn, indem sie ihn auf die Gunst der Möglichkeit hinweist, seine Drohungen gegen die Mißachtung, den Schimpf und Spott, die ihn herausfordern, wahrzunehmen, dort geht der Ungestüm, sein Bruder, der ihm Kraft, Nerv und Feuer verleiht, dort die Wut, seine Schwester, die ihn mit ihren drei Töchtern, der Hitze, der Grausamkeit und der Raserei‚ begleitet. O, wie schwierig und mühsam ist es, ihn zu besänftigen und zu mäßigen, o, wie schwer läßt er sich von den anderen Göttern außer von dir, Saturn, vertragen und verdauen‚ er, der Nüstern bläht, auf dessen Stirn der Ungestüm lagert, dessen Kopf hart, dessen Zähne scharf, dessen Lippen verderbenbringend, dessen Zunge schneidend, dessen Hände kratzend, dessen Brust vergiftet, dessen Stimme scharf und dessen Gesichtsfarbe blutrot ist!« Hier verwandte sich Mars für den Zorn, indem er ausführte, daß er bisweilen, ja sogar meistens eine höchst notwendige Tugend sei, da er es sei, der dem Gesetz beistehe, der Wahrheit und der Rechtspflege Kraft verleihe, den Geist schärfe, und vielen vortrefflichen Tugenden, die ruhige Gemüter gar nicht fassen könnten, den Weg ebene. Da antwortete Jupiter, er möge, wann und inwiefern eine Tugend sei, sich zu denen gesellen, die er begünstige, doch solle er sich dem Himmel nie nähern dürfen, ohne daß ihm der ihm innewohnende Eifer mit der Leuchte der Vernunft vorausschreite. »Und was fangen wir mit den sieben Töchtern des Atlas an, o Vater?« fragte Momus. Jupiter antwortete: »Sie mögen mit ihren sieben Lampen gehen und bei jenem mitternächtigen heiligen Vermählungsfest zu leuchten, und wohl achtgeben, daß sie anlangen, bevor die Pforte verschlossen wird und von oben herab Kälte, Eis und der weiße Schnee hereindringen, denn sonst werden sie vergeblich ihre Stimme erheben und anklopfen‚ und der Pförtner, der den Schlüssel hat, wird ihnen dann antworten: Ich kenne euch nicht. Macht sie darauf aufmerksam, daß sie Törinnen sein würden, wenn sie weniger Öl auf ihre Lampen gössen, denn nur wenn diese stets gefüllt und niemals trocken sind, wird es geschehen, daß sie nicht mitunter des Glanzes, des würdigen Lobes und Ruhmes verlustig gehen. Und an dem Orte, den sie verlassen, sollen die Unterredung, die Gesellschaft, die Ehe, die Brüderschaft, die Kirche, das Zusammenleben, die Eintracht, die Vereinigung, die Verbindung ihre Wohnung aufschlagen und hier zusammen mit der Freundschaft weilen, denn, wo jene nicht sind, herrschen an ihrer Stelle die Befleckung, die Verwirrung und die Unordnung. Und wenn jene ersteren nicht sittlich sind, so sind sie überhaupt nicht, denn nie finden sie sich in Wahrheit, wenn auch oft dem Namen nach, bei verbrecherischen Menschen, sondern hier tragen sie nur das Wesen des Monopols, der heimlichen Zusammenkunft der Sekte, Verschwörung, Zusammenrottung‚ des Komplotts. Sie finden sich nicht unter Unvernünftigen und solchen, die keine Pläne mit gutem Zwecke verfolgen, nicht dort, wo die mäßige Einerleiheit des Glaubens und Denkens besteht, sondern nur dort, wo man sich zu gemeinschaftlicher Tätigkeit und zur Förderung gleichmäßig anerkannter Ziele vereinigt. Sie sind ausdauernd bei den Guten, kurz und unbeständig bei den Schlechten und bei denjenigen, von denen wir bei Gelegenheit des Gesetzes und der Rechtspflege sprachen, bei denen sich keine wahrhafte Eintracht findet, wie bei denen, deren Streben nicht auf tugendhafte Ziele gerichtet ist.«

Saulino. Diese sind nicht einträchtig, um auf gleiche Weise zu begreifen, sondern um auf gleiche Weise unwissend und boshaft zu sein und aus verschiedenen Ursachen nicht zu begreifen. Sie stimmen nicht in gleichmäßigem Handeln zu gutem Zwecke überein, sondern in der gleichmäßigen Geringschätzung der guten Werke und in der Verachtung aller heroischen Taten. Aber kehren wir zu unserem Gegenstande zurück. Was geschah mit den beiden Zwillingen?

Sofia. Cupido verlangte sie für den Großtürken, Phoebus wollte, daß sie Pagen bei irgend einem italienischen Fürsten würden, Merkur wollte sie zu Kammerdienern der großen Kammer machen. Saturn schien es angemessen, daß sie irgend einem alten hohen Prälaten oder ihm selbst, dem armen, hinfälligen Greise, als Bettwärmer dienten. Darauf entgegnete Venus: »Wer‚ du weißbärtiger Alter, schützt sie aber davor, daß die Götter des Beißens sie nicht auffressen, daß du sie nicht verzehrst, da deine Zähne ja nicht einmal deiner eigenen Kinder geschont haben, weshalb du als Verwandtenmörder und Menschenfresser verschrien bist?« »Noch schlimmer ist es«, sagte Merkur, »daß Grund zu der Besorgnis vorliegt, er möchte ihnen infolge eines Wutanfalls die Spitze seiner Sichel ans Leben setzen. Ich spreche nicht davon, daß, wenn es diesen einmal freistehen soll, am Hofe der Götter zu bleiben, es keinen triftigeren Grund gibt, weshalb sie Euch, mein guter Vater, gehören sollten als vielen anderen nicht minder ehrbaren Leuten, die ihre Augen vor Euch nicht niederzuschlagen brauchen.« Da erklärte Jupiter, er werde es in Zukunft nicht gestatten, daß am Hofe der Götter Pagen oder andere Diener gehalten würden, die nicht viel Verstand, Bescheidenheit und einen langen Bart hätten; die Zwillinge aber sollten ausgelöst werden, wodurch entschieden werden sollte, welchem der Götter es freistehen sollte, sie einem seiner Freunde auf Erden zu überlassen. Und als ihn einige baten, er möchte selber die Entscheidung treffen, erklärte er, er wolle in dieser Sache, die Anlaß zur Eifersucht geben könnte, den Verdacht der Parteilichkeit nicht in ihren Gemütern erregen, als ob er der einen streitenden Partei geneigter sei als der anderen.

Saulino. Ein vortrefflicher Ausweg, um die Zwistigkeiten zu verhindern, die dadurch hätten entstehen können!

Sofia. Venus verlangte nun, daß an ihre Stelle die Freundschaft, die Liebe, der Friede samt ihren Zeugen, der Kameradschaft, dem Kuß, der Umarmung, den Liebkosungen, den Schmeicheleien und den Dienern, Begleitern, Gehilfen und Genossen des doppelten Cupido treten sollten. »Diese Forderung ist gerecht«, sagten alle Götter, und Jupiter sprach: »So geschehe es!« Als nunmehr über den Krebs entschieden werden sollte, der, von der Glut des Feuers versengt und von der Sonnenhitze getötet, sich im Himmel nicht wohler befindet, als wenn er zur Höllenpein verdammt worden wäre, nahm ihn Juno als ihr Eigentum in Anspruch, und der Senat stimmte zu. Darauf sagte sie, wenn Neptun, der Gott des Meeres ihn mit sich nähme, würde er wohl selbst wünschen, in die Wogen des Adriatischen Meeres versenkt zu werden, wo er mehr Gefährten antreffen würde, als es Sterne am Himmel gebe. Außerdem würde er sich dann in der Nähe der hochberühmten Republik Venedig befinden, die selber einem Krebse gleiche, da sie sich nach und nach von dem Orient nach dem Occident zurückziehe. Der Gott, der den großen Dreizack führt, gab seine Zustimmung dazu. Und Jupiter erklärte, an die Stelle des Krebses würde am besten das Sinnbild der Bekehrung, Besserung, des Tadels und des Widerrufs treten, Tugenden, die dem Fortschreiten auf der Bahn des schlechten, der Verstocktheit und Halsstarrigkeit entgegengesetzt sind. Darauf fügte er sofort die Entscheidung über den Löwen hinzu. »Aber dieses stolze Tier hüte sich, dem Krebs zu folgen und ihn nach Venedig zu begleiten, denn wenn er dorthin käme, würde er einen anderen finden, der vielleicht stärker wäre als er, weil er nicht allein versteht, auf dem Lande zu kämpfen, sondern auch zum Kriege auf der See und noch besser in der Luft geschickt ist; da er Flügel hat, heilig gesprochen und eine Person von gelehrter Bildung ist; daher dürfte es für diesen hier am passendsten sein, wenn er sich von den libyschen Wüsten zurückzieht, wo er Weiber und Gefährten finden wird. Und mir will es scheinen, als solle man auf seinen Platz jene Großmut, jene heroische Hochherzigkeit verpflanzen, die es versteht, den Unterworfenen Gnade angedeihen zu lassen, mit den Schwachen Mitleid zu haben, die Frechheit zu bändigen, den Übermut niederzuwerfen, die Anmaßung zurückzuweisen und den Hochmut zu überwinden.« »Sehr gut«, versetzten Juno und die Mehrzahl des Senates. Ich will nun nicht im einzelnen berichten, in welch würdigem, prächtigem und schönem Aufzuge und mit welch großem Gefolge diese Tugend den ihr angewiesenen Platz einnahm, denn jetzt möchte ich, daß du dich wegen der Kürze der Zeit damit begnügst, die Hauptsache über die Reform und die Verteilung der Sitze zu erfahren, da ich dich noch von dem ganzen Rest in Kenntnis zu setzen habe, indem ich dir den göttlichen Hofstaat vorführe, wie er Sitz für Sitz ins Auge faßt und prüft.

Saulino. Gut, liebe Sofia! Dein überaus liebenswürdiges Versprechen verpflichtet mich zu vielem Dank; daher bin ich es zufrieden, daß du mir in der größten Kürze, ganz wie es dir passend erscheint, eine Übersicht über den Verlauf der Austreibung bezüglich der übrigen Sitze und der dabei vorgekommenen Änderungen gibst.

Sofia. »Was soll nun jetzt mit der Jungfrau geschehen?« fragte die keusche Lucina, die Jägerin Diana. »Erkundigt euch bei ihr«, erwiderte Jupiter, »ob sie nicht Lust hat, Priorin oder Äbtissin der Schwestern oder Nonnen zu werden, die in den Konventen und Klöstern Europas leben, das heißt, in den Ländern, wo der Verfall und die Auflösung der Sitten sie noch nicht ergriffen hat, oder lieber die jungen Damen an den Höfen zu erziehen, damit diese nicht der Appetit ankommt, die Früchte vor oder außer der Zeit der Reife zu genießen oder sich zu Genossinnen ihrer Herrinnen zu machen.« »O«, entgegnete Dictymna, »das wird ihr unmöglich sein, und sie wird erklären, unter keinen Umständen an einen Ort zurückzukehren, von dem man sie einmal verjagt hat, und von wo sie so oft hat fliehen müssen!« »So bleibe sie denn im Schutz des Himmels«, fügte der Urvater hinzu, »und sehe zu, daß sie sich hier nicht beflecken lasse.« »Ich glaube«, versetzte Momus, »daß sie sich rein und unbefleckt erhalten kann, wenn sie sich beharrlich von den vernunftbegabten Geschöpfen, den Heroen und Göttern, fernhält und unter den Tieren weilt, wie sie es bis jetzt getan hat, indem sie westlich von sich den grimmen Löwen und östlich den giftigen Skorpion hat. Aber ich weiß nicht, wie sie sich jetzt verhalten wird, wo ihr die Hochherzigkeit, die Liebenswürdigkeit, der Edelmut und die Männlichkeit so nahe ist. Es ist leicht möglich, daß diese Tugenden sich ihr nähern und daß sie infolge des vertrauten Verkehrs mit ihnen etwas hochherziges, liebenswürdiges, edles, männliches annimmt und daß sie sie aus einem Weibe zu einem Manne, aus einer Wald- und Berggöttin und einer Gottheit der Satyrn, Silvane und Faune zu einer menschenfreundlichen, zugänglichen und gastlichen Gottheit machen.« »Mag sie werden, was sie soll«, erwiderte Jupiter, »doch sollen auf demselben Platze mit ihr vereinigt sein die Keuschheit, Schamhaftigkeit, Enthaltsamkeit, Reinheit, Bescheidenheit, Schüchternheit, Ehrbarkeit, die Gegensätze zu der sich preisgebenden Lüsternheit, der ausschweifenden Unmäßigkeit, Schamlosigkeit, Unkeuschheit, denen gegenüber ich die Jungfräulichkeit für eine Tugend halte, obgleich sie an sich keinen Wert besitzt, denn an sich ist sie weder Tugend noch Laster und schließt weder etwas gutes und würdiges noch etwas verdienstvolles ein, und wenn sie der allgebietenden Natur ihre Dienste verweigert, wird sie sogar zum Vergehen, zur offenbaren Untauglichkeit, Torheit und Dummheit. Nur wenn sie einem dringenden Grunde nachgibt, kann sie Enthaltsamkeit heißen und besitzt das Wesen der Tugend, denn vermöge deren hat sie teil an der Tapferkeit und der Verachtung der Begierden. Dies ist aber nicht leer und bedeutungslos, sondern trägt zur Aufrechterhaltung der menschlichen Gesellschaft und der ehrenhaften Rücksichtnahme auf unseren Nächsten bei.« – »Und was sollen wir mit der Wage beginnen?« fragte Merkur. »Sie mag überallhin gehen«, erwiderte der erhabene Vorsitzende, »sie mag in die Familien gehen, damit mit ihrer Hilfe die Väter zu erkennen vermögen, wozu ihre Söhne am meisten Befähigung haben, ob zu den Wissenschaften, zur Waffenübung, zum Landbau, zum geistlichen Stande, zum Cölibat, zur Liebe, denn es ist nicht gut, den Esel zum Fliegen und die Schweine zum Ackern abrichten zu wollen. Sie soll die Akademien und Universitäten besuchen, wo man mit ihrer Hilfe prüfen kann, ob die, die hier lehren, das volle Gewicht besitzen, ob sie zu leicht oder zu schwer sind und ob diejenigen, die sich anmaßen, auf dem Katheder oder durch ihre Schriften zu lehren, nicht nötig hätten, zu hören und zu studieren. Man lege den Geist auf die Wage und sehe zu, ob er beflügelt oder schwer wie Blei sei, ob er etwas vom Vieh oder vom Hirten an sich habe und ob es nicht für ein solchen gut sei, er hüte Schweine und Esel und nicht vernunftbegabte Geschöpfe. In die Häuser der Vestalinnen mag sie sich begeben, um diese und jene darüber aufzuklären, von welchem Gewicht die Gegengründe gegen eine Verletzung des Naturgesetzes um eines anderen über-‚ außer- oder widernatürlichen Gesetzes gemäß oder über jede Vernunft und Pflicht hinaus sind. An den Höfen soll sie verkehren, damit die Ämter, die Ehren, die Stellen, die Gunstbezeigungen und Vorrechte nach dem Gewicht des Verdienstes und der Würdigkeit eines jeden verteilt werden, denn solche verdienen es nicht, einer Behörde vorzustehen, die ihr Amt nicht nach der gesetzlichen Ordnung verwalten können; und nur infolge der großen Ungerechtigkeit des Glückes haben sie eine derartige Stellung inne. In den Republiken soll sie verkehren, damit die Last der Verwaltungskosten dem Vermögen und der Zahlungsfähigkeit der Untertanen entspreche und damit die Ämter nicht mit Rücksicht auf die Grade der Blutsverwandtschaft, den Adel, die Titel, den Reichtum verteilt werden, sondern mit Rücksicht auf die Tugenden, die die Früchte der Unternehmungen zur Reife bringen. Demgemäß sollen die Gerechten regieren, die Wohlhabenden Steuern zahlen, die Gelehrten unterrichten, die Klugen leiten, die Tapferen kämpfen, die Urteilsfähigen Rat erteilen, die Angesehenen befehlen. In alle Staaten soll sie sich begeben, damit die Friedensverträge, die Bündnisse und die Gesetze nicht dem gerechten, ehrenvollen und dem Nutzen der Gesamtheit widersprechen und davon abweichen, indem man auf das Maß und Gewicht der eigenen Treue, sowie der Treue derer achtet, mit denen man den Vertrag schließt; bei den Kriegsunternehmungen und -angelegenheiten soll man beachten, in welchem Verhältnis die eigenen Kräfte zu denen des Feindes stehen, wie sich das gegenwärtige und notwendige zu dem verhält, was in Zukunft vielleicht möglich ist, man soll die Leichtigkeit des Plänemachens gegen die Schwierigkeit der Ausführung abwägen, die Mühelosigkeit, mit der man sich auf ein Unternehmen einläßt, gegen die Mißlichkeit, davon loszukommen, die Unbeständigkeit der Freunde gegen die Beständigkeit der Feinde, die Lust, anzugreifen, gegen die Sorge um die Verteidigung, den Vorteil, die Angelegenheiten des Gegners in Verwirrung zu bringen, gegen den Nachteil, das seine behaupten zu müssen, die sichere Aufopferung und den Verlust des eigenen Besitzes gegen den unsicheren Erwerb und Gewinn fremden Gutes. Sie soll sich zu jedem einzelnen begeben, damit jedermann das, was er will, gegen das abwäge, was er versteht, das, was er will und versteht, gegen das, was er kann, das, was er will, versteht und kann, gegen das, was er soll, das, was er will, versteht, kann und soll, gegen das, was er ist, was er tut, besitzt und erwartet.« »Was sollen wir aber an den leergewordenen Platz setzen, wer soll die Stelle der Wage einnehmen?« fragte Pallas. Viele antworteten: »Die Billigkeit, die Gerechtigkeit, die Vergeltung, die vernunftgemäße Verteilung, die Gnade, die Dankbarkeit, das gute Gewissen, die Selbsterkenntnis, die Achtung, die man Höherstehenden schuldig ist, das Gefühl der Gleichheit, das man gegen Gleichstehende empfinden soll, die Güte, die gegen Niedrigere am Platze ist, die Gerechtigkeit ohne Härte in anbetracht aller; diese sollen die Undankbarkeit, den Frevelmut, die Frechheit, die Tollkühnheit, die Anmaßung, die Geringschätzung, die Unbilligkeit, das Unrecht und andere mit diesen verwandte Laster vertreiben.« »Gut, gut«, erwiderten alle Mitglieder der Ratsversammlung. Nach diesem Zuruf erhob sich der schöngelockte Apollo und sagte: »Jetzt ist die Stunde gekommen, jenen höllischen Wurm, wie er es verdient, auszuweisen, der die Hauptursache für den schrecklichen Sturz und den grausamen Tod meines geliebten Phaethon gewesen ist, denn als jener Ärmste zweifelhaft und furchtsam den Wagen meines ewigen Feuers mit den ihm wenig vertrauten Rossen lenkte, unterfing sich dieses verderbenbringende und schädliche Untier, ihm die Spitze seines todbringenden Schwanzes so drohend entgegenzustrecken, daß es ihn durch den furchtbaren Schrecken außer Fassung brachte und schuld daran war, daß ihm die Zügel aus den zarten Händen auf den Rücken der Rosse sanken, woher jener so viel besprochene Ruin des Himmels, der jetzt noch in der sogenannten Milchstraße verbrannt erscheint, und jener berüchtigte Schaden für die Erde entstand, die an vielen, vielen Stellen eingeäschert wurde, worauf sich denn eine schmachvolle Entrüstung gegen meine Gottheit erhob. Es ist wirklich eine Schande, daß ein so schmutziges Tier seit so langer Zeit im Himmel den Raum zweier Zeichen einnimmt.« »Sieh daher zu, Diana«, sagte Jupiter, »was du mit diesem deinem Tiere anfangen willst, das lebend schädlich und tot zu nichts nütze ist.« »Erlaubt mir, wenn es euch so recht ist«, erwiderte die jungfräuliche Göttin, »daß es nach Chios auf das chelippische Gebirge zurückkehren darf, wo es auf mein Geheiß zum Verderben des anmaßenden Orion entstand, und daß es sich hier in die Stoffe, aus denen es erzeugt wurde, wieder auflöse. Mit ihm sollen sich entfernen der Betrug, die Täuschung, die Übervorteilung, die verderbliche Erdichtung, die List, die Heuchelei, die Lüge, der Meineid, der Verrat; dafür sollen die entgegengesetzten Tugenden ihren Einzug halten: die Aufrichtigkeit, die Einlösung der Versprechen, das Worthalten und deren Schwestern, Begleiterinnen und Dienerinnen.« »Tu damit, was dir gefällt«, versetzte Momus, »denn über das Schicksal dieses Tieres wird sich niemand mit dir streiten, wie es dem alten Saturn mit den beiden Knaben erging. Und jetzt wollen wir rasch zusehen, was mit dem Sohne der Euschemia anzufangen ist, der nun schon so viele tausend Jahre aus Furcht, seinen Pfeil abzuschießen, ohne einen zweiten zu haben, jenen einzigen Pfeil auf dem Bogen liegen hat und auf die Stelle zielt, wo der Schwanz des Skorpions sich an die Rückenwirbel ansetzt. Und wahrlich, da ich ihn für sehr geschickt im Zielen und aufs Korn Nehmen, wie man es nennt, was die eine Hälfte der Bogenschützenkunst ausmacht, halte, so kann ich ihn auch nicht für unwissend in jenem anderen Teile halten, der sich auf das Abschnellen des Pfeiles und das Treffen des Zieles bezieht, worin die andere Hälfte der Übung besteht; ich rate daher, ihn nach der britischen Insel zu schicken, damit er sich hier einen gewissen Ruf erwerbe, wo die Edelleute teils in der Joppe, teils im faltigen Mantel das Fest des Königs Artus und des Herzogs von Sciardichi feiern; aber ich fürchte, da ihm das Hauptmittel in bezug auf das Treffen des Zieles fehlt, so wird er seinem Berufe Schande machen. So seht denn ihr anderen zu, was ihr mit ihm anfangen wollt, denn um die Wahrheit zu sagen, wie ich es verstehe, so scheint er mir zu nichts anderem tauglich zu sein, als ihn zur Bewachung von Bohnen oder Melonen sozusagen als Vogelscheuche aufzustellen.« »Er soll hingehen, wohin er will«, erwiderte der hohe Patriarch, »und einer von euch gebe ihm den besten Posten, der sich für ihn eignet, und an seine Stelle trete das Sinnbild der Spekulation, der Betrachtung, des Studiums, der Aufmerksamkeit, des Ehrgeizes, des Strebens nach den höchsten Zielen samt ihren Nebenumständen und Begleiterinnen.« Hier fiel Momus ein und sprach: »Was willst du, Vater, das mit jenem heiligen, unbefleckten und verehrungswürdigen Steinbock geschehen soll, mit diesem deinem göttlichen und gottähnlichen Milchbruder, mit jenem unserem wackeren und mehr als heldenhaften Mitkämpfer gegen den gefährlichen Angriff der vermessenen Giganten, mit diesem klugen Ratgeber im Kriege, der ein Mittel ausfindig machte, jenen Feind niederzuwerfen, der aus den Schluchten des Taurusgebirges als furchtbarer Gegner der Götter in Ägypten einbrach, mit jenem, der uns, weil wir niemals gewagt hätten, diesen offen anzugreifen, den Rat gab, uns in Tiere zu verwandeln, damit die Kunst und Schlauheit dem Mangel unserer Natur und unserer Kräfte abhilfe, so daß wir einen glorreichen Sieg über die feindlichen Gewalten erfochten. Aber leider ist jenes Verdienst nicht ohne Verschuldung geblieben, weil diese Wohltat auch ihre üblen Folgen gehabt hat, vielleicht weil es vom Schicksal so vorgeschrieben und verordnet ist, daß es keine Süßigkeit gebe, die frei von Bitterkeit und Verdruß wäre, oder aus einem anderen mir unbekannten Grunde.« »Nun, was hat er uns denn für ein Unheil bereiten können«, fragte Jupiter, »von dem man sagen kann, daß er es dieser seiner großen Wohltat hinzugefügt hat, welche Unwürdigkeit, die er mit einem so großen Triumphe verbunden hätte?« »Er hat dies dadurch getan, daß die Ägypter auf seine Veranlassung hin dahin gelangt sind, lebende Tierbilder zu verehren und uns in deren Form anzubeten, wodurch wir zur Zielscheibe des Spottes geworden sind, wie ich dir sagen kann.« »Auch das, O Momus«, erwiderte Jupiter, »würde ich nicht als ein Unglück betrachten, denn du weißt, daß Tiere und Pflanzen lebende Wirkungen der Natur sind, die, wie du wissen mußt, nichts anderes ist als Gott in den Dingen«

Saulino. Daher stammt also der Satz: Natura est deus in rebus.

Sofia. »Deshalb«, fuhr Jupiter fort, »stellen verschiedene lebende Wesen verschiedene Gottheiten und verschiedene Mächte dar, denn außer dem absoluten Sein, das sie besitzen, haben sie auch noch das Sein, das allen Dingen gemäß deren Eigenschaften und Maß zukommt. Daher ist die gesamte Gottheit, wenn auch nicht völlig, sondern in den einen mehr, in den anderen weniger ausgesprochen, in allen Dingen. Daher befindet sich Mars in der natürlichen Spur und der Art seines Wesens nicht nur in einer Viper und einem Skorpion, sondern auch in einer Zwiebel und einem Lauche viel wirklicher als in irgend einer Art unbeseelter Malerei oder Skulptur. Ferner mußt du beim Krokus, der Narzisse, dem Heliotrop, beim Hahne, beim Löwen an den Sonnengott denken und ebenso an jeden einzelnen Gott bei jeder Art unter den verschiedenen Gattungen des Seins, denn wie die Gottheit gewissermaßen herabsteigt, insofern sie sich mit der Natur verbindet, ebenso steigt sie wieder zur Göttlichkeit empor, so erhebt sie sich durch das in den natürlichen Dingen widerstrahlende Leben zu dem Leben, das über jenen thront.« »Es ist wahr, was du sagst«, entgegnete Momus, »denn in der Tat sehe ich nun ein, wie jene Weisen mit diesen Mitteln imstande waren, sich die Götter geneigt, freundlich und vertraut zu machen, die ihnen durch Stimmen, die sie aus Statuen entsandten, Ratschläge, Lehren, Weissagungen und übermenschliche Enthüllungen zuteil werden ließen, so daß sie mittels magischer und göttlicher Gebräuche auf derselben Stufenleiter der Natur zu den Höhen der Gottheit emporklommen, auf der die Gottheit durch Selbstmitteilung bis zu den niedrigsten Dingen herabsteigt. Was mir aber beklagenswert vorkommt, ist der Umstand, daß ich sehe, wie einige unsinnige und alberne Götzendiener nicht besser, als der Schatten sich der Vortrefflichkeit des Körpers nähert, die Vorzüge des ägyptischen Kultus nachahmen und daß sie die Gottheit, von der sie nicht die geringste Ahnung haben, in den Resten toter und seelenloser Dinge suchen, daß sie mit alledem sich nicht nur über jene göttlichen und sehenden Verehrer, sondern auch über uns selbst lustig machen, als seien wir von solcher Art, daß wir für Tiere zu gelten hätten; und was noch schlimmer ist, sie haben damit Erfolg und sehen ihre törichten Bräuche in hohem Ansehen stehen, während die der anderen tatsächlich verschwunden und der Vergessenheit anheimgefallen sind.« »Ärgere dich darüber nicht, Momus«, entgegnete Isis, »denn das Fatum hat den Wechsel von Finsternis und Licht angeordnet.« »Aber das Unglück besteht darin«, versetzte Momus, »daß diese bestimmt glauben, im Lichte zu wandeln.« Und Isis fuhr fort: »Die Finsternis würde ja keine Finsternis sein, wenn sie von ihnen erkannt würde. Jene also gingen, um gewisse Wohltaten und Gaben von den Göttern zu erlangen, auf Grund einer tiefen Magie mit Hilfe gewisser natürlicher Dinge vor, in denen die Gottheit auf die genannte Weise verborgen ist und durch die sie sich zum Zweck der genannten Wirkungen offenbaren wollte. Daher waren jene Zeremonien nicht leere Phantasien, sondern lebende Stimmen, die zu den Ohren der Götter selbst drangen; denn wie diese von den Menschen verstanden werden wollen, nicht mit Hilfe eines besonderen Sprachidioms, das sie ihnen beilegen, sondern mittels der Sprache der natürlichen Wirkungen, so auch durch gottesdienstliche Handlungen, in betreff deren sie sich bemühen, von uns verstanden zu werden, denn sonst würden wir taub gegen ihre Bitten sein wie ein Tatar gegenüber der griechischen Sprache, die er niemals gehört hat. Jene Weisen erkannten, daß Gott in den Dingen ist und daß die Gottheit in der Natur verborgen liegt, indem sie in den verschiedenen Gegenständen auf verschiedene Weise wirkt und hervorstrahlt, und daß sie in verschiedenen physischen Formen nach bestimmten Grundsätzen ihnen sich selbst, das heißt das Wesen, das Leben, den Intellekt mitteilt, und daher bereiteten sie sich ebenfalls unter Beobachtung bestimmter Regeln für den Empfang so vieler und so herrlicher Gaben, wie und wieviel sie ersehnten, vor. Daher opferten sie, um den Sieg zu erlangen, dem hochherzigen Jupiter unter dem Bilde des Adlers, in dem die Gottheit dem entsprechenden Attribut nach verborgen ist. Hinsichtlich der Klugheit in ihren Unternehmungen opferten sie dem scharfsinnigen Jupiter in Gestalt einer Schlange, zum Schutze gegen Verrat opferten sie dem drohenden Jupiter in Gestalt eines Krokodils, und so opferten sie ihm für zahllose andere Zwecke unter zahllosen anderen Gestalten, und all dies geschah nicht ohne eine magische und höchst wirksame Begründung.«

Saulino. Wie kannst du nur so sprechen, Sofia, da es zur Zeit des ägyptischen Kultes noch gar keinen Jupiter genannten Gott gab, sondern sich dieser Name erst viel später bei den Römern Im Original steht »Greci«. findet?

Sofia. Habe kein Bedenken wegen des römischen Namens, Saulino, denn ich spreche in dem allgemeinsten Sinne, denn auch bei den Römern sind die Namen der Gottheit künstlich zurechtgelegt. Denn man weiß allgemein, daß Jupiter ein König von Kreta, ein sterblicher Mensch war, dessen Leib ebenso wie der aller anderen Menschen verwest oder verbrannt worden ist. Ebenso ist es bekannt, daß Venus eine sterbliche Frau war und eine höchst anmutige und überaus schöne, liebreizende und freidenkende Königin von Cypern. In ähnlicher Weise kannst du von allen anderen Göttern überzeugt sein, daß sie einst Menschen gewesen sind.

Saulino. Wie kommt es dann, daß wir sie verehren und anbeten?

Sofia. Ich will es dir sagen. Wir beten nicht Jupiter an, als sei er die Gottheit, sondern wir beten die Gottheit an, als sei sie in Jupiter, denn wenn sie einen Menschen von vollendeter Majestät, Gerechtigkeitsliebe, Hochherzigkeit sahen, so erkannten sie, daß in ihm ein hochherziger, gerechter, gütiger Gott waltete, und befahlen und machten es zur Gewohnheit, daß ein solcher Gott oder vielmehr die Gottheit, sofern sie sich in solcher Weise offenbarte, Jupiter genannt wurde, ebenso wie unter dem Namen Merkurs, des weisesten Ägypters, die göttliche Weisheit, Auslegung und Offenbarung verstanden wurde. Solchergestalt wurde von dem und jenem Menschen nichts anderes gefeiert als der Name und die Offenbarung der Gottheit, die bei deren Geburt zu den Menschen herniedergestiegen sei und sich verkörpert habe und bei dem Tode nach Vollendung ihres Werkes wieder zum Himmel aufgestiegen sei. So haben die ewigen Götter, ohne daß wir damit etwas unziemliches gegen das aussprächen, was in Wahrheit die göttliche Substanz ist, zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Nationen zeitlich verschiedene Namen, wie du schon aus der wahren Geschichte entnehmen kannst, daß Paulus von Tarsus Merkur und der Galiläer Barrabas Jupiter genannt wurde‚ nicht als ob man angenommen hätte, sie seien diese Götter selbst, sondern weil man glaubte, daß jene göttliche Tugend, die sich früher in Merkur und Jupiter offenbarte, sich jetzt in diesen beiden Männern vorfinde, und zwar wegen der Beredsamkeit und Überzeugungsgabe, die in dem einen wohnte, und der segensreichen Wirkungen, die von dem anderen ausgingen. Daher wurden auch niemals Krokodile, Hähne, Zwiebeln und Rüben angebetet, sondern die Götter und die Gottheit, die sich in den Krokodilen, Hähnen usw. offenbarte und die sich zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten nacheinander und nebeneinander in verschiedenen, wenn auch noch so vergänglichen Geschöpfen gefunden hat, sich findet und finden wird. Man faßte dabei die Gottheit ins Auge, insofern sie sich gegen uns als gütig und gnädig erweist, nicht insofern sie hoch erhaben, in sich selbst absolut und ohne Verbindung mit der Schöpfung ist. Du siehst also, wie eine einfache Gottheit, die sich in allen Dingen findet, eine fruchtbare Natur, die erhaltende Mutter des Universums, je nachdem sie sich auf verschiedene Weise verkörpert, sich in verschiedenen Gegenständen offenbart und verschiedene Namen annimmt, du siehst, daß es nötig ist, zu dieser einen, um ihrer verschiedenen Gaben teilhaftig zu werden, auf verschiedenen Wegen emporzusteigen, denn sonst sucht man vergebens das Wasser mit Netzen zu schöpfen und die Fische mit der hohlen Hand zu fangen. Daher verstanden sie auch unter den beiden Weltkörpern, die in der Nähe der Erde und unserer mütterlichen Gottheit die wichtigsten sind, nämlich unter der Sonne und dem Monde den Inbegriff des Lebens, das die irdischen Dinge nach den beiden Hauptgesichtspunkten regelt. Ferner faßten sie dieses Leben noch nach sieben anderen Gesichtspunkten auf und verteilten es unter die sieben sogenannten Wandelsterne, auf die als Uranfang und schöpferische Ursache sie die Verschiedenheiten der Arten in jedweder Gattung zurückführten, indem sie von den Pflanzen, den Tieren, den Steinen, den Einflüssen und allen anderen Dingen die einen dem Saturn, die anderen dem Jupiter, die dritten dem Mars, noch andere dem einen oder anderen Gotte zuschrieben. In derselben Weise verteilten sie auch die Körperteile, die Gliedmaßen, die Farben, die Kennzeichen, die Charaktere, die Sinnbilder unter sieben Kategorien. Aber es fehlte ihnen dabei nicht an der Erkenntnis, daß es ein und dieselbe Gottheit sei, die sich in allen Dingen wiederfinde, die, wie sie sich in zahllosen Erscheinungsformen auflöse und verkörpere, auch zahllose Namen habe und auf zahllosen Wegen, auf besonderer und jedem Einzelfalle angepaßter Weise gesucht werden müsse, während sie unter zahllosen verschiedenen Gebräuchen verehrt und angebetet werde, da wir ja auch zahllose Arten von Gnadenerweisungen von ihr zu erlangen suchen. Doch dazu bedarf man jener Weisheit und Urteilskraft, jener Kunst, Fertigkeit und Geisteserleuchtung, die von der intelligibelen Sonne zu gewissen Zeiten mehr, zu anderen weniger, bald in vollstem, bald in geringstem Maße der Welt geoffenbart wird. Dieses Verfahren nennt man Magie, und diese ist, insofern sie sich mit übernatürlichen Prinzipien beschäftigt, göttlich, und wenn sie sich mit der Betrachtung der Natur und der Erforschung ihrer Geheimnisse beschäftigt, natürlich; mittlere oder mathematische Magie heißt sie, insofern sie sich mit den Prinzipien und Tätigkeiten der Seele abgibt, die sich auf der Grenze des körperlichen und geistigen, des geistigen und intellektuellen befindet. Kommen wir jedoch auf den Punkt zurück, von dem wir ausgegangen sind. Isis sagte also zu Momus, daß die dummen und unsinnigen Götzendiener kein Recht hätten, über den magischen und göttlichen Kultus der Ägypter zu spotten, die in allen Dingen, in allen Wirkungen je nach der besonderen Beschaffenheit einer jeden die Gottheit fanden und es verstanden, mit Hilfe der im Schoße der Natur vorhandenen Arten der Naturdinge jene Wohltaten zu erlangen, die sie von der Gottheit wünschten, denn wie diese im Meere und in den Flüssen die Fische, in den Wüsten die wilden Tiere, in den Bergwerken die Metalle, auf den Bäumen die Äpfel hervorbringt, so gehen auch von gewissen Teilen, gewissen Geschöpfen‚ gewissen Tieren, gewissen Pflanzen, gewisse Schicksale, Kräfte, Einflüsse und Wirkungen aus. Daher wurde die Gottheit im Meere Neptun genannt, in der Sonne Apollo, in der Erde Ceres, in den Wüsten Diana und in jedem der anderen Teile verschieden; soviele verschiedene Urbilder der Dinge es gab, so viel verschiedene Gottheiten gab es auch in der Natur, die jedoch sämtlich auf eine einzige Gottheit der Gottheiten und den Quell der überirdischen Ideen zurückgeführt wurden.

Saulino. Aus dieser Quelle scheint auch jene Kabbala der Hebräer geflossen zu sein, deren Weisheit, welcher Art sie auch sein möge, auf jeden Fall von den Ägyptern herstammt, bei denen Moses unterrichtet wurde. Diese teilt zunächst dem obersten Prinzip einen unaussprechbaren Namen zu; von diesem Prinzip gehen sekundär vier andere aus, die sich dann in zwölf auflösen, die wiederum auf geradem Wege in zweiundsiebzig, auf geradem und ungeradem Wege in hundertundvierundvierzig und so fort in Gruppen von je vier und je zwölf entwickelt, in unendlich viele Prinzipien, je nachdem es unendlich viele Spezies gibt, auseinandergehen. Und so bezeichnen sie jedes dieser Prinzipien mit einem besonderen Namen, je nachdem es ihrer Sprache bequem erscheint, als Gott, Engel, Intelligenz, Macht, die jeder einzelnen Spezies zugrunde liegt, und schließlich ergibt sich daraus, daß die gesamte Gottheit sich auf eine und dieselbe Quelle zurückführen läßt, gleichwie das ganze Licht, das ursprünglich und an sich leuchtet, und die Abbilder, die sich in verschiedenen zahlreichen Spiegeln wie in ebensovielen einzelnen Gegenständen brechen, auf ein formales und ideales Prinzip, die Quelle jener Abbilder, zurückzuführen ist.

Sofia. So ist es. So hat also jener Gott als absolutes Wesen nichts mit uns zu schaffen, sondern nur, insofern er sich in den Naturwirkungen verkörpert und inniger mit diesen verschmilzt als die Natur selbst, dergestalt, daß er, wenn nicht die Natur selbst, sicher die Natur der Natur ist und die Seele der Weltseele, wo nicht die Weltseele selbst. Daher muß man sich ihm je nach den besonderen Gründen, aus denen man sich entschließen will, seine Hilfe anzurufen, auf dem Wege der nach ihrer natürlichen Reihenfolge angeordneten Spezies zu nähern suchen, wie derjenige, der Brot will, zum Bäcker, derjenige, der Wein wünscht, zum Küfer, wer Obst haben will, zum Gärtner, wer Unterricht wünscht, zum Lehrer geht, und so geht es weiter in allen übrigen Dingen. So spendet denn eine Güte, ein Glück, ein absolutes Prinzip aller Reichtümer und Gaben, nach verschiedenen Gesichtspunkten handelnd, seine Gaben je nach den Bedürfnissen der einzelnen. Daraus kannst du entnehmen, warum die Weisheit der Ägypter, die leider verloren gegangen ist, die Krokodile, die Eidechsen, die Schlangen, die Zwiebeln, nicht nur die Erde, den Mond, die Sonne und die übrigen Himmelsgestirne anbetete. Das Verschwinden dieses magischen und göttlichen Ritus, vermittelst dessen die Gottheit sich auf so leichte und bequeme Weise den Menschen offenbarte, wird vom Trismegistus beklagt, wo er in der Unterredung mit Asklepios sagt: »Siehst du, Asklepios, diese beseelten Statuen voller Geist und Leben, die so große und bewundernswerte Wirkungen hervorbringen? Diese Statuen meine ich, die die Zukunft verkünden, die Krankheit und Heilung, Freuden und Leiden je nach Verdienst über Gemüt und Körper der Menschen verhängen? Weißt du nicht, Asklepios, daß Ägypten die Behausung des Himmels oder, um mich besser auszudrücken, die Kolonie sämtlicher Dinge ist, die im Himmel regiert und geordnet werden? Und, die Wahrheit zu sagen, unser Land ist der Tempel der Welt. Aber, wehe! die Zeit wird kommen, wo es den Anschein haben wird, als sei der Ägypter vergebens ein religiöser Verehrer der Gottheit gewesen, denn die Gottheit wird in den Himmel zurückkehren und Ägypten verödet liegen lassen, und dieser Sitz der Gottheit wird in Zukunft jeder Religion entbehren, weil er von der Anwesenheit der Götter verlassen ist, weil ein fremdes, barbarisches Volk ohne jede Religion, jede Frömmigkeit, jedes Gesetz, jeden Kultus hier eindringen wird. O Ägypten, Ägypten, von deinen Religionen werden nur die Mythen übrigbleiben, die den künftigen Generationen ebenfalls unglaublich vorkommen werden, diesen wird nichts anderes von deinen frommen Handlungen berichten, als die in die Felsen gehauenen Buchstaben, die aber nicht Göttern und Menschen – denn diese werden gestorben und jene nach dem Himmel ausgewandert sein –, sondern Scythen und Indern oder anderen Völkern von gleich wilder Art erzählen werden. Die Finsternis wird über das Licht siegen, der Tod wird für zuträglicher gehalten werden als das Leben, niemand wird die Augen zum Himmel erheben, der Fromme wird für wahnsinnig gelten, der Törichte wird für klug erachtet werden, der Wütende für tapfer, der Verworfene für gut. Und glaubt mir, es wird noch die Todesstrafe über die Anhänger der Religion des Geistes ausgesprochen werden, denn es werden neue Anschauungen von Gerechtigkeit, neue Gesetze aufkommen; es wird sich nichts heiliges, nichts religiöses erhalten, kein würdiges Wort wird mehr über den Himmel oder die Himmlischen laut werden. Nur die bösen Engel werden zurückbleiben, sie werden sich mit den Menschen vermischen und die Elenden zu jeder Verwegenheit und jeder Untat, als sei sie Gerechtigkeit, zwingen; sie werden Veranlassung zu Kriegen, Räubereien, Betrügereien und allen anderen Handlungen geben, die der Seele und der natürlichen Gerechtigkeit zuwiderlaufen; und darin wird das Greisenalter, die Unordnung und Irreligiosität der Welt bestehen. Aber fürchte nichts, Asklepios, denn nachdem all dies geschehen ist, wird zur rechten Stunde der Herr und Vater, Gott, der Herrscher der Welt, der allmächtige Lenker, durch Wasserfluten oder durch Feuer, durch Seuche und Pestilenz oder andere Diener seiner barmherzigen Gerechtigkeit ohne Zweifel diesen Schandfleck austilgen und der Welt ihr früheres Antlitz wiedergeben.«

Saulino. Komm jetzt auf das zurück, was Isis dem Momus sagte.

Sofia. Nun, sie rezitierte ihm mit bezug auf die Verleumder des ägyptischen Kultus den Vers des Dichters:

    Loripedem rectus derideat Aethiopem albus. Nur ein gerader Weisser verlach' den hinkenden Neger. Juvenalis, Sat. 2, 23.

»Nur unvernünftige Tiere und wahrhafte Dummköpfe verlachen uns Götter, daß wir in Tieren, Pflanzen und Steinen verehrt worden seien, sowie meine Ägypter, die uns auf diese Weise anbeteten. Sie beachten nicht, daß sich die Gottheit in allen Dingen kundgibt, wenn auch zu universalem und hauptsächlichstem Zwecke in großen Dingen und allgemeinen Prinzipien, sowie zu den nächstliegenden nützlichen und für die verschiedenen Handlungen des menschlichen Lebens notwendigen Zwecken, so wird sie doch auch in den Dingen offenbar, die man für die allerniedrigsten erklärt, obgleich jedes Ding nach dem gesagten die Gottheit in sich verborgen trägt, denn diese breitet sich aus und verkörpert sich bis in das kleinste und zwar je nach dessen Fassungskraft. Ohne ihre Gegenwart würde nichts das Sein haben, weil sie das Wesen des Seins vom ersten bis zum letzten ist.« Zu dem gesagten füge ich noch folgendes hinzu und frage: »Mit welchem Rechte tadeln sie die Ägypter wegen einer Sache, deren sie sich selber schuldig machen? Und um auf die zu sprechen zu kommen, die entweder von uns entflohen oder als Aussätzige von uns in die Wüste getrieben wurden, sind sie nicht selbst in ihrer Bedrängnis zum ägyptischen Kultus zurückgekehrt, als sie mich unter dem Bilde eines goldenen Kalbes um Hilfe anflehten und bei einer anderen dringenden Gelegenheit sich vor Theuth in der Gestalt der ehernen Schlange zur Erde neigten, sich auf die Kniee warfen und die Hände emporhoben, obgleich sie zufolge der ihnen angeborenen Undankbarkeit, sobald sie die erbetene Gunst von den beiden Gottheiten erlangt hatten, beide Bilder zertrümmerten? Und auch wenn sie später jemand einen wollten, indem sie ihn für heilig, göttlich und selig erklärten, in welcher Weise haben sie dies zu tun vermocht, wenn nicht dadurch, daß sie ihn mit dem Namen eines Tieres belegten? Dies geht z. B. aus der Stelle hervor, wo der Stammvater der zwölf Stämme, als er in seinem Testamente seine Söhne segnete, sie mit dem Namen von zwölf Tieren beehrte. Wie oft nennen sie ihren alten Gott einen erwachenden Löwen, einen fliegenden Adler, ein verzehrendes Feuer, einen brausenden Orkan, einen heftigen Sturmwind und den neuerdings von anderen, ihren Nachfolgern verehrten einen blutenden Pelikan, einen einsamen Sperling, ein geschlachtetes Lamm, und so nennen sie ihn, so malen sie ihn, so stellen sie sich ihn vor, wie ich ihn in einer Statue und auf einem Gemälde mit einem mir unbekannten Buche in der Hand erblicke, das kein anderer außer ihm öffnen und lesen kann. Werden ferner nicht alle, die von ihm geheiligt zu sein glauben, von ihm selber nicht seine Schäflein, seine weidende Herde, seine Lämmlein genannt, und nennen sie sich nicht voller Stolz selbst so? Ich will nicht besonders davon sprechen, daß ich ebendieselben als Esel bezeichnet finde, das jüdische Volk als Muttereselin und die anderen Geschlechter‚ die sich ihm und seinem Glauben angeschlossen haben, als Füllen? Ihr seht also, daß dieses göttliche, auserwählte Volk nach so armseligen und niedrigstehenden Tieren bezeichnet wurde, und dann spotten sie über uns, die wir unter dem Bilde viel stärkerer, würdigerer und mächtigerer dargestellt werden?«

Ich lege kein besonderes Gewicht darauf, daß du bei allen berühmten und edlen Geschlechtern, wenn sie sich durch ihre Wappen und Embleme kenntlich machen und bezeichnen wollen, Adler, Falken, Habichte, Kuckucke, Käuze, Eulen, Uhus, Bären, Wölfe, Schlangen, Pferde, Stiere, Böcke siehst, und bisweilen zeigen sie dir, da sie sich eines ganzen Tieres nicht für würdig erachten, ein Stück eines solchen, entweder ein Bein oder einen Kopf oder ein Paar Hörner oder einen Schwanz oder einen Ziemer. Und glaube nicht, daß, wenn sie sich in das Wesen solcher Tiere verwandeln könnten, sie dies nicht mit Freuden tun würden, denn zu welchem Zwecke glaubst du sonst, daß sie die Tiere auf ihren Wappenschild malen, und ihnen ihr eigenes Bildnis, ihre eigene Statue hinzufügen? Glaubst du etwa, sie wollten damit etwas anderes sagen als: »Derjenige, dessen Bildnis du hier erblickst, lieber Beschauer, ist ein solches Tier, wie es in voller Gestalt neben ihm steht«, oder: »Wenn ihr wissen wollt, was dies für ein Tier ist, so wisset, der ist es, dessen Bildnis und dessen darunter geschriebenen Namen ihr hier seht?« Wie viele gibt es ferner, die, um den Tieren besser zu gleichen, sich in Pelze von Wölfen, Füchsen, Dachsen, Ziegen und Böcken hüllen, so daß ihnen nur der Schwanz zu fehlen scheint, damit sie wirklich eines der genannten Tiere wäre? Wie viele gibt es, die, um zu zeigen, wieviel sie vom Vogel, von der Natur des Geflügelten an sich haben, und um zu beweisen, mit welcher Leichtigkeit sie sich zu den Wolken emporschwingen könnten, ihre Hüte und Barette mit Federn schmücken?

Saulino. Was wirst du da erst von den vornehmen Damen sagen, sowohl von den vornehmen wie von denen, die vornehm sein wollen; machen sie nicht mehr Aufhebens von den Tieren als von ihren eigenen Kindern? Ich höre sie beinahe sprechen: »O, mein Sohn, geschaffen nach meinem Bilde, wenn du nur, anstatt die Züge eines Menschen zu tragen, einem Kaninchen, Hündchen, Marder, Kätzchen oder Hermelin glichest, so würde ich sicher, anstatt dich wie jetzt den Armen der Magd, der Dienerin, der ungebildeten Amme, dieses schmutzigen, gemeinen, trunksüchtigen Weibes, zu überlassen, das dich leicht mit einer ekelhaften Krankheit anstecken und dir den Tod bringen kann, denn es trifft sich, daß du sogar mit ihm zusammen schläfst, dich selber auf meinem Arme tragen, würde dich pflegen, dich säugen, dich kämmen, dich in den Schlaf singen, mit dir scherzen, dich küssen, wie ich es mit diesem anderen niedlichen Tierchen tue, von dem ich nicht will, daß es sich an jemand anders gewöhne als an mich, das zu berühren ich keinem anderen gestatte und das in keinem anderen Zimmer bleiben, in keinem anderen Bette schlafen darf als in dem meinen. Und wenn es geschehen sollte, daß die grausame Atropos es mir nähme, so würde ich nicht zugeben, daß es wie du begraben würde, sondern ich würde es einbalsamieren und sein Fell parfümieren lassen, und wie einer göttlichen Reliquie würde ich ihm dort, wo die Knochen des zerbrechlichen Köpfchens und die Füße fehlen, die Gestalt in emailliertem Golde nachbilden und mit Diamanten, Perlen und Rubinen besetzen lassen. Und wo es notwendig ist, in vollem Prunke zu erscheinen, werde ich es bei mir tragen, es mir bald um den Hals hängen, bald an die Wange, an den Mund, an die Nase drücken, bald auf den Arm nehmen, bald den Arm senkrecht herunterhängen, und es an den Falten des Kleides herabfallen lassen, damit es keinen Teil von ihm gäbe, der nicht gesehen werden könnte.« Daraus kann man deutlich ersehen, wieviel ängstlicher diese vornehmen Damen um ein Tier besorgt sind als um ihren eigenen Sohn, um dadurch zu zeigen, wie hoch der Adel der Tiere über dem ihrer Söhne steht, um wieviel geehrter jene als diese sind.

Sofia. Um nun zu ernsteren Dingen zurückzukehren, so setzen diejenigen, die größere Fürsten sind oder sich dafür halten, um ihre Macht und ihren göttlichen Vorrang vor den anderen nachdrücklich zu betonen, eine Krone auf den Kopf, die nichts anderes ist als die Darstellung von so und so vielen Hörnern, die ihnen rund herum den Kopf bekrönen, das heißt behörnen. Und je höher und schöner diese sind, desto erhabenere Majestät deuten sie an und sind ein Zeichen von umso größerer Macht. Daher ist ein Herzog eifersüchtig, wenn ein Graf oder Markgraf eine ebenso große Krone trägt wie er selbst; eine größere kommt dem König zu, die größte dem Kaiser, die dreifache gehört dem Papste, als jenem höchsten Patriarchen, der sie für sich und seine Genossen haben muß. Auch haben die Pontifices jederzeit eine in zwei Hörner auslaufende Mitra getragen, der Doge von Venedig erscheint mit einem Horne auf dem Kopfe, der Großtürke läßt ein solches von kegelförmiger Gestalt hoch und gerade aus seinem Turban hervorragen. Dies alles geschieht von seiten der Fürsten, damit sie ein Zeichen ihrer Erhabenheit geben, indem sie mit der größten Kunst jenen schönen Körperteil am Kopfe anbringen, den die Natur den Tieren von selbst verliehen hat, mit anderen Worten, indem sie zeigen, daß etwas vom Tiere in ihnen steckt. Dies hat niemand vorher oder nachher besser auszudrücken vermocht als der Anführer und Gesetzgeber des jüdischen Volkes, jener Moses, der, nachdem er in allen Wissenschaften der Ägypter unterrichtet worden war, den Hof Pharaos verließ, und der durch die Menge seiner Wunderzeichen alle der Magie Kundigen übertraf: in welcher Weise bewies dieser seine Würdigkeit, als göttlicher Gesandter für dieses Volk und Vertreter der Autorität des Gottes der Hebräer aufzutreten? Glaubst du, daß er, als er vom Berge Sinai mit den großen Tafeln herabschritt, nur die Gestalt eines bloßen Menschen an sich gehabt hätte, wo er doch ehrfurchtgebietend mit einem Paar Hörner auftrat, die ihm aus der Stirn gewachsen waren? Vor diesem majestätischen Anblick entsank jenem umherschweifenden Volke, das er ansah, der Mut, und er mußte sich fortan das Gesicht mit einem Schleier verhüllen, was er nur deshalb tat, um seine Würde zu wahren und um jenen göttlichen, übermenschlichen Anblick seinem Volke nicht allzu vertraut zu machen.

Saulino. So habe ich auch gehört, daß der Großtürke, wenn er nicht gerade eine vertrauliche Audienz erteilt, sein Antlitz mit einem Schleier verhüllt. So habe ich auch gesehen, wie die Mönche von Castello in Genua eine kurze Zeit lang einen verhüllten Schwanz vorzeigten und küssen ließen, wobei sie schrieen: »Faßt ihn um Gotteswillen nicht an, küßt ihn nur! Dieses ist die heilige Reliquie jener gesegneten Eselin, die der Gnade gewürdigt wurde, unseren Herrn und Heiland vom Ölberge nach Jerusalem zu tragen. Betet sie an, küßt sie‚ spendet Almosen! Centuplum accipietis, et vitam aeternam possidebitis!«

Sofia. Lassen wir dies jetzt, und kommen wir lieber auf unseren Gegenstand zurück. Nach den gesetzlichen Bestimmungen jenes auserwählten Volkes wird niemand König, wenn man ihm nicht aus einem Horne Öl auf den Kopf gießt, und man hat die Anordnung, diese königliche Flüssigkeit solle aus einem geweihten Horne strömen, deshalb getroffen, damit klar werde, wie groß die Würde der Hörner sei, die die königliche Majestät bewahren, ausgießen und erzeugen. Wenn nun schon ein Stück, ein Überrest eines toten Tieres ein solches Ansehen genießt, was muß man da erst von einem lebenden und vollständigen Tiere halten, das seine Hörner nicht von anderen geborgt hat, sondern dem sie als ewiges Naturgeschenk verliehen worden sind? Ich beweise meine Behauptung durch die Autorität des Moses, die sich in dem Gesetz und in der Schrift niemals anderer Drohungen bedient, als folgender und ähnlicher: »Höre, mein Volk, was unser Gott spricht. Ich werde euer Horn zerbrechen, ihr Übertreter meiner Gebote! Ihr Frevler gegen mein Gesetz, ich werde eure Hörner zertrümmern und zerschlagen! Ihr Bösewichte und Verbrecher, ich werde euch die Hörner wegnehmen.« Und ebenso gebraucht er in der Regel keine anderen Verheißungen als folgende und ähnliche: »Ich werde dir gewißlich Hörner schenken, bei meinem Worte, bei mir selbst schwöre ich es dir zu, daß ich dir Hörner aufsetzen werde, du, mein auserwähltes Volk! Mein treues Volk, sei überzeugt, daß es deinen Hörnern nicht schlecht ergehen wird, kein einziges von ihnen wird abfallen. Heiliges Geschlecht, gesegnete Söhne, ich werde eure Hörner erhöhen, schmücken und prächtig machen, denn die Hörner der Gerechten sollen erhöht werden.« Hieraus geht klar hervor, daß auf dem Besitz der Hörner die Herrlichkeit, die Vortrefflichkeit und die Macht beruht, denn sie sind das Eigentum von Helden, Tieren und Göttern.

Saulino. Woher kommt es denn aber, daß man jemanden »Hornvieh« zu nennen pflegt, um ihn als dummen Menschen zu bezeichnen oder als einen, der keine Spur von Verstand besitzt?

Sofia. Woher kommt es denn, daß einige unwissende Schmutzseelen dich zuweilen einen Philosophen nennen, welcher Titel doch, wenn er dir in Wahrheit gebührt, der ehrenvollste ist, den ein Mensch führen kann, und dich so nennen, um dir eine Beleidigung zu sagen oder dich zu tadeln?

Saulino. Aus einer Art Neid.

Sofia. Woher kommt es denn, daß mancher dumme und einfältige Kerl von dir Philosoph genannt wird?

Saulino. Aus einer Art Ironie.

Sofia. So kannst du auch verstehen, daß es entweder aus einer Art Neid oder aus einer Art Ironie vorkommt, daß diejenigen, die geehrt und angesehen oder es auch nicht sind, mit dem Namen Hornvieh belegt werden. – So folgerte denn Isis zu gunsten des Steinbocks, daß, weil er Hörner habe und ein Tier sei und außerdem die Götter veranlaßt habe, Hörner anzunehmen und Tiere zu werden (was eine wichtige Lehre und ein tiefes Urteil über natürliche und magische Dinge hinsichtlich der verschiedenen Beziehungen, in denen die göttliche Form oder Substanz alle Gegenstände, mit allen Gegenständen, durch alle Gegenstände sich entweder versenkt oder entwickelt oder mitteilt), er nicht nur ein himmlischer Gott, sondern sogar eines höheren und besseren Platzes würdig sei, als den er jetzt einnehme. Und auf das, was die niedrigsten Götzendiener, sogar die allerniedrigsten aus Griechenland und den anderen Teilen der Welt den Ägyptern vorwerfen, antwortete sie mit den schon erwähnten Ausführungen, daß, wenn eine Unwürdigkeit in einem Kultus vorkommt, der in gewisser Hinsicht notwendig ist, und wenn diejenigen sündigen, die vieler Vorteile und Bedürfnisse wegen in der Form lebender Tiere, lebender Pflanzen, lebender Gestirne, beseelter Statuen aus Stein und Metall (von denen wir nicht umhin können, zu sagen, daß der in ihnen vorhanden ist, der inniger mit allen Dingen verschmolzen ist als die eigene Form ihres Daseins), die eine, einfache, in sich absolute Gottheit, die in allen Dingen viele und alle Formen annimmt, vereinen: wie unvergleichlich schlechter muß ein Kultus sein, und wieviel schlimmer sündigen die, die ohne jeden Vorteil und ohne jeden Zwang, ja gegen alle Vernunft und Würde unter religiösen Gebräuchen, Namen und Sinnbildern Tiere und selbst solche Wesen, die schlimmer als Tiere sind, anbeten?

Die Ägypter stiegen, wie die Weisen wissen, von diesen natürlichen äußeren Formen der lebenden Tiere und Pflanzen empor und drangen, wie ihre Erfolge beweisen, bis zur Gottheit selbst vor; jene aber stiegen von der prächtigen Außenseite ihrer Götterbilder, in dem sie den einen das Haupt mit den goldenen Strahlen Apollos umgeben, anderen die Anmut der Ceres oder die Keuschheit der Diana zuschrieben, noch anderen den Adler oder das Scepter und den Blitz Jupiters beigaben, allmählich dazu herab, in Wahrheit als Götter solche Dinge anzubeten, die kaum soviel Geist in sich haben wie unsere Tiere; und schließlich gelangten sie dazu, sterblichen, unbedeutenden, ehrlosen, dummen, lasterhaften, fanatischen, ruchlosen, unseligen, von bösen Geistern besessenen Menschen ohne Geist, ohne Beredsamkeit und ohne jede Tugend göttliche Verehrung zu zollen, die bei Lebzeiten für sich selbst keinen Wert besaßen und nach ihrem Tode unmöglich sich oder einem anderen etwas nützen können. Und wenn auch die Würde des menschlichen Geschlechts durch sie so beschmutzt und besudelt worden ist, daß es jetzt anstatt mit den Wissenschaften mit mehr als bestialischer Unwissenheit durchtränkt ist, so daß es ohne wahrhafte bürgerliche Gerechtigkeit regiert wird, so ist dieses alles nicht infolge der Klugheit dieser Leute eingetreten, sondern weil das Fatum der Finsternis zeitweilig die Herrschaft zugestanden hat.« Und, an Jupiter gewandt, fügte sie noch folgende Worte hinzu: »Auch tut es mir um die vielen Tiere leid, o Vater, weil es mir vorkommt, als hieltest du sie, nur weil sie Tiere sind, des Himmels nicht für würdig, während sie doch, wie ich nachgewiesen habe, so große Würde besitzen.« Ihr entgegnete der Hochdonnernde: »Du irrst dich, liebe Tochter, wenn du glaubst, es geschehe deswegen, weil sie Tiere sind. Wenn die Götter es für unziemlich gehalten hätten, Tiere zu werden, so würden nicht so viele und so auffallende Metamorphosen vorgekommen sein. Da sie jedoch hier ihrem wirklichen Wesen nach weder bleiben können noch dürfen, so will ich, daß sie im Abbilde hier bleiben, das die Bedeutung, das Zeichen und die Gestalt der Tugenden enthalten soll, die die leer gewordenen Plätze einnehmen, und obgleich einige die ausdrückliche Bedeutung eines Lasters haben, weil es Tiere sind, die zur Strafe für das Menschengeschlecht geschaffen worden sind, so sind sie doch nicht ohne göttliche Tugend und in einem anderen Sinne für sich selbst und andere höchst nützlich, weil nichts absolut, sondern nur in gewisser Hinsicht böse ist, wie der Bär, der Skorpion und andere. Dies soll unserer Aufgabe jedoch nicht im Wege stehen, sondern es verträgt sich mit ihr sehr gut, wie du gesehen hast und noch sehen wirst. Daher macht es mir auch nichts aus, daß die Wahrheit unter dem Bilde und dem Namen des Bären, die Großmut unter dem des Adlers, die Menschenfreundlichkeit unter dem des Delphins usw. dargestellt wird. Und um zur Angelegenheit deines Steinbocks zu kommen, so weißt du, was ich gleich anfangs bei der Aufzählung derer, die den Himmel verlassen müßten, gesagt habe, und ich glaube, du wirst dich erinnern, daß er sich unter denen befand, die bleiben können. Er soll daher seinen Platz behalten, sowohl aus den von dir angeführten Gründen wie aus anderen nicht minder gewichtigen, die sich noch anführen ließen. Und mit ihm weile dort aus schuldiger Rücksicht die Geistesfreiheit‚ der bisweilen das Mönchstum, allerdings nicht das der geistlosen Gesellen, die Einsamkeit und die Abgeschiedenheit huldigen, die jenes göttliche Merkmal der tiefen Beschaulichkeit hervorzubringen pflegen.« Sodann fragte Thetis, was mit dem Wassermann geschehen solle. »Er soll gehen«, entgegnete Jupiter, »und die Menschen aufsuchen, um ihnen jenes Rätsel der Sintflut zu lösen und zu erklären, wie diese hat allgemein sein können, da sich alle Schleusen des Himmels geöffnet haben sollen, er soll sie dahin bringen, daß man hinfort nicht mehr glaubt, sie habe sich nur auf einen Teil der Erde erstreckt, weil es unmöglich sei, daß das Wasser des Meeres und der Flüsse beide Hemisphären habe bedecken können, selbst wenn dieseits und jenseits der Tropen oder der Tag- und Nachtgleichen je eine Sintflut stattgefunden hätte. Dann soll er ihnen verständlich machen, daß jene Wiederherstellung des von den Wogen verschlungenen Menschengeschlechts von unserem griechischen Olymp aus stattfand und nicht von den Gebirgen Armeniens oder vom Mongibellus in Sizilien oder von irgend einem anderen Punkte aus – daß sich ferner die Menschenrassen nicht in derselben Weise über die einzelnen Kontinente verbreitet haben wie die zahllosen anderen Tierarten, die aus dem Schoße der Natur hervorgegangen sind, sondern mit Hilfe der Überschreitung von Meeresarmen zu Schiffe, weil sie zum Beispiel auf Schiffen herübergefahren sind, die existiert haben, bevor das erste erfunden wurde, weil (ich übergehe andere vermaledeite Gründe, soweit sie sich auf die Griechen, die Druiden und die Tafeln des Merkurs beziehen, mehr als zwanzigtausend Jahre herausrechnen, wobei ich nicht von Mondjahren spreche, wie einige törichte Erklärer annehmen, sondern von jenen vollständig in sich geschlossenen, die sich von einem Winter zum anderen, von einem Frühling zum anderen, von einem Herbst zum anderen, kurz von einer Jahreszeit bis zur Wiederkehr derselben erstrecken) kürzlich ein neuer Erdteil entdeckt worden ist, den man die Neue Welt nennt, wo es Inschriften von einem Alter von zehntausend und mehr Jahren gibt, die, wie ich euch sage, völlig in sich abgeschlossen sind (weil ihre vier Monate den vier Jahreszeiten entsprechen und weil, wenn das Jahr in weniger Monate geteilt wird, diese entsprechend größer ausfallen müssen). Um nun diese Schwierigkeiten, die ihr euch selbst näher ausmalen könnt, zu beheben, möge er gehen, um diesen Glauben in geschickter Weise zu verteidigen, indem er irgend ein hübsches Mittelchen findet, diese verschiedenen Zeitrechnungen miteinander auszugleichen, und das, was er nicht erklären und beseitigen kann, mag er dreist leugnen, indem er sagt, daß man den Göttern, von denen er Briefe und Urkunden mit sich nehmen kann, mehr glauben müsse als den Menschen, die sämtlich Schwindler seien.« Da fiel Momus ein und sagte: »Es scheint mir angemessener, die Schwierigkeiten auf die Weise zu beseitigen, daß man zum Beispiel sagt, die Bewohner der Neuen Welt seien gar kein Teil des Menschengeschlechtes, weil sie keine Menschen seien, obgleich sie ihnen an Gliedern, Gestalt und Gehirn außerordentlich ähnlich sind und sich in vielen Beziehungen weiser und in der Behandlung ihrer Götter weniger unwissend zeigen.« »Mit dieser Tatsache läßt es sich schwer abfinden«, erwiderte Merkur. »In betreff der Zeitrechnung scheint es mir, als könnte man sich dadurch am besten helfen, daß man diese Jahre länger oder jene kürzer macht; aber ich glaube, es wäre gut, wenn wir uns irgend einen artigen Grund ausdächten, irgend einen Sturmwind oder einen Transport durch Walfische, die Einwohner des einen Landes verschluckt und lebend in anderen Erdteilen und Kontinenten wieder ausgespieen haben. Anderenfalls würden wir griechischen Götter in Verlegenheit geraten, denn man würde sagen, daß du, Jupiter, durch Deukalion nicht das ganze Menschengeschlecht wieder hergestellt hast, sondern nur einen Teil.« »Davon und von dem besten Mittel, dem abzuhelfen, wollen wir zu gelegenerer Zeit sprechen«, versetzte Jupiter. Er fügte dem Auftrage an den Wassermann noch hinzu, er solle die Streitfrage entscheiden, ob er bis dahin im Himmel für einen Vater der Griechen, der Hebräer, der Ägypter oder eines anderen Volkes gegolten habe, und ob er den Namen Deukalion, Noemus, Otrius oder Osiris führe. Endlich möge er entscheiden, ob jener Patriarch Noah es gewesen ist, der, überwältigt von der Liebe zum Wein, seinen Söhnen das organische Prinzip ihrer Erzeugung zeigte und ihnen dadurch zugleich zu verstehen gab, worin das Prinzip der Wiederherstellung des von den Fluten der großen Überschwemmung verschlungenen Geschlechts bestand, worauf zwei von den jungen Männern, rückwärts schreitend, die Kleider über den entblößten Schoß ihres Vaters warfen, oder ob es jener Thessalier Deukalion gewesen ist, dem samt seinem Weibe Pyrrha in den Steinen das Prinzip der Wiedererschaffung des Menschengeschlechts enthüllt wurde, indem zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, rückwärtsschreitend sie in den entblößten Schoß der Mutter Erde warfen? Und er soll entscheiden, welche von diesen beiden Überlieferungen, da sie doch nicht beide zugleich Geschichte sein können, Sage und welche Geschichte ist, und wenn beide Sagen sind, welche die ursprüngliche und welche die abgeleitete ist, und er soll zusehen, ob er sie auf die poetische Darstellung einer Wahrheit zurückführen kann, deren Geheimhaltung sich lohnte. Aber er möge nicht etwa auf den Gedanken kommen, daß die Leistungsfähigkeit der chaldäischen Magie von der jüdischen Kabbala herrühre, denn die Hebräer sind, wie nachgewiesen, nur ein Auswurf Ägyptens, und es gibt niemand, der auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit die Behauptung hätte aufstellen können, daß die Ägypter irgend ein Prinzip, sei es ein wertvolles oder wertloses, von ihnen übernommen hätten. Daher erkennen wir Griechen als die Stammmutter unserer Sagen, Gleichnisse und Lehren die große Monarchie der Wissenschaften, das edle Ägypten, an und nicht jenes Volk, das nie einen Fußbreit Erde besessen hat, der ihnen von Natur aus oder nach dem bürgerlichen Rechte gehört hätte, woraus sich zur Genüge schließen läßt, daß sie weder von Natur aus, noch durch eine langdauernde Vergewaltigung des Schicksals zu einem Bestandteile der Menschheit geworden sind.

Saulino. Dies mag wohl von Jupiter nur aus Gehässigkeit gesprochen worden sein, denn von ihnen sind manche mit vollem Recht als Heilige erklärt worden und nennen sich selbst so, weil sie mehr göttlicher und himmlischer als menschlicher und irdischer Art sind. Und wenn sie keinen rechtmäßigen Anteil an dieser Welt haben, so werden sie doch von den Engeln als Erben jener anderen anerkannt, die um so erstrebenswerter ist, als kein Mensch, er sei groß oder klein, weise oder töricht, es nicht durch die Fügung der Gnadenwahl oder des Schicksals erringen und auf jeden Fall als sein Eigentum behalten könnte.

Sofia. Bleiben wir bei unserem, Thema, Saulino!

Saulino. Nun sage mir, was Jupiter an die Stelle des Wassermanns setzen wollte.

Sofia. Die Mäßigkeit, die Höflichkeit, die gute Lebensart, während er die Unmäßigkeit, die Ausschweifung, die Rohheit, das ungesittete Benehmen, die Barbarei von dannen wies.

Saulino. Warum erhielt denn die Mäßigkeit denselben Sitz wie die Höflichkeit?

Sofia. Da die Mutter mit der Tochter zusammenwohnen kann, denn durch Unmäßigkeit in den sinnlichen und intellektuellen Trieben werden die Familien, die Staaten, die bürgerliche Gesellschaft und die Welt aufgelöst, in Unordnung gebracht, ins Verderben gestürzt und verseucht; die Mäßigkeit dagegen ist es, die alles reformiert, wie du erkennen wirst, wenn wir einmal jene Räume durchwandern werden.

Saulino. Es ist gut.

Sofia. Nun kommen wir zu den Fischen. Hier erhob sich die schöne Mutter des Cupido und sprach: »Ich empfehle euch von ganzem Herzen bei dem Wohlwollen, das ihr mir erzeigt, und der Liebe, die ihr gegen mich hegt, diese meine Paten, die jenes große Ei an das Ufer des Euphrat wälzten, das, von der Taube bebrütet, meine Barmherzigkeit umschloß.« »So mögen sie wieder dorthin zurückkehren, wo sie geweilt haben«, sagte Jupiter, »und es muß ihnen vollauf genügen, daß sie sich so lange Zeit hier oben aufgehalten haben und daß ihnen das Privilegium bestätigt wird, daß die Syrer sie nicht essen dürfen, ohne exkommuniziert zu werden; sie mögen sich jedoch in acht nehmen, daß nicht von neuem irgend ein Götterbote Merkur ihnen den Rogen ausnehme und irgend ein Gleichnis einer neuen Barmherzigkeit daraus herstelle, um das Augenleiden eines Blinden zu heilen. Denn ich wünsche nicht, daß Cupido die Augen öffne, da er bei seiner Blindheit schon so gut schießt und trifft, wen er will – was glaubt ihr, würde dann erst geschehen, wenn er sehende Augen hätte? Sie sollen daher gehen und sich meine Anordnungen gut einprägen. Ihr seht, wie sich von selbst das Schweigen, die Verschwiegenheit, in der Gestalt, wie in Ägypten und Griechenland das Bild der Pyxis dargestellt wird, mit dem Zeigefinger am Munde, nähert, um den leer gewordenen Platz einzunehmen. Laßt sie ruhig vorüber, redet sie nicht an, fragt sie nach nichts. Ihr seht, wie sich dort auf der anderen Seite das leere Gerede, die Schwatzhaftigkeit, die Gesprächigkeit mit ihren sämtlichen Dienern, Mägden und Gehilfen entfernen.« »Auch jenes sogenannte ›Haar der Berenice‹ mag sich zum Kuckuck scheren«, fiel Momus ein, »und von einem Thessalier fortgeschleppt werden, der es auf Erden an irgend eine kahlköpfige Prinzessin verkaufen kann.« »Gut«, erwiderte Jupiter. »Nun seht ihr den Raum des Tierkreises gesäubert, in dem dreihundertundsechsundvierzig bemerkenswerte Sterne enthalten sind: fünf ganz große, neun große, vierundsechzig mittlere, hundertunddreiunddreißig kleine, hundertundfünf kleinere, siebenundzwanzig ganz kleine, drei Nebelflecke.«

 

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