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Die Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629

Achim von Arnim: Die Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629 - Kapitel 4
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authorAchim von Arnim
titleDie Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeDritter Band
editorReinhold Steig
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091107
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Dritte Handlung

I

Gegend an der Ostseite von Wesel. Auf der einen Seite das neue, unvollendete Bollwerk, durch ein starkes Gitter geschützt, auf der andern Weidenbüsche. Unter einer hohlen, ausgebrannten Weide liegen Dierecke Mülder und Jan Rotleer versteckt.

Dierecke: Der Peter bleibt doch länger aus, als er versprach, das ist nicht seine Art.

Jan: Er hat wohl viel zu überdenken.

Dierecke: Hat er dir was vertraut?

Jan: Ich meine nur, weil wir noch gar nichts von der Sache wissen, so muß er ganz allein die Kohlen schüren und den Blasebalg regieren, muß halten und auch hammern, ich meine, er muß alles überdenken ganz allein.

Dierecke: Hör, Jan, ich glaub, das ist beim Denken anders als beim Schmieden, zwei denken immer schwerer was zusammen, als einer für sich selbst allein. Da seh ich einen kommen, ich glaub, er ist's. (Peter kommt geschlichen.)

Peter: Ich muß mir doch noch einige Weidenruten schneiden, die Reben aufzubinden.

Dierecke: Brauchst uns nichts aufzubinden. Gott grüß dich, lieber Bruder, ich hatte Angst um dich.

Jan: Gelt, du hattest keine Angst?

Peter: Doch ja, ich glaubte uns verraten. Das Deichtor war gesperrt, ich mußte auch zum Fischertore heraus, das hat mich aufgehalten, auch meinte ich, der Anschlag sei nun unnütz. Zum Glück fand ich Diego, der sagte, daß der Galleron früh ausgeritten, reiche Beute in die Stadt zu führen, und daß der Lozan fort zu einem Mädchen, da sei an keine Wachsamkeit zu denken, er müsse ganz allein jetzt patroullieren. Da trank ich ihm so zu, daß er für heut das Patrouillieren ließ.

Dierecke: Wer hat verraten?

Jan: Was ist denn zu verraten?

Peter: Ja so, ihr wißt noch nicht, der Meister Schlacke hat im tollen Übermut von einem Überfall der Staatischen gesprochen und ist dabei erstochen, ich hatte ihm so streng Verschwiegenheit geboten.

Jan: Der gute Meister, hab's ihm oft gesagt, wenn er zuweilen laut. Nun kann ich Meister werden in der Stadt.

Dierecke: Ich hab den Kerl nie leiden können. Memento mori. Ich wollte nur, es wäre wahr, was sich der Kerl beim Bierkrug vorgelogen, ich wollt', die Staatischen kämen, uns von dem Spanier zu befreien.

Peter: Sieh, Bruder, da kommen sie schon angeschlichen durch die Erlen.

Jan: Soll ich mich wehren, Peter?

Peter: Bewahr' der Himmel, wir führen sie heut in die Stadt, es sind die liebsten Freunde, sie kannten auch die span'sche Sklaverei und wollen uns befreien.

Dierecke: Hör, Bruder, das ist ein Meisterstück von dir, ach wär' ich doch Sallustius, es deutlich zu beschreiben.

II

Freiherr von Didem, der staatische General, die Hauptleute Jan Huygens, Drost von Beefort, Markette, Diest und Lauwyk mit ihren Soldaten.

Huygens: Wer da?

Peter: Alles in der Stille.

Huygens: Gut gesprochen. Wer sind, die mit Euch stehn am Weidenbaum?

Peter: Mein Bruder Dierecke und ein treuer Freund Jan Rotleer.

Didem: Wie steht es in der Stadt?

Peter: Der Lozan ist zur Marketenderin heraus, die ihm hat Liebesbriefe schreiben müssen.

Didem: Ein listig Weib, sie setzte einem Teufel Hörner auf. Wo ist der Galleron?

Peter: Er holt mit seinen Reitern Beute in die Stadt, der Fang wird um so reicher.

Huygens: Ist großer Reichtum bei den Spaniern?

Peter: Das ganze Kaufhaus stehet voll, gar viel Bagage von dem Bergschen Herzog, der dem Teufel und dem Spanier dient. Diego, der einzige, der Argwohn hat, liegt trunken in dem nassen Keller.

Didem: Wie war die Wacht am Tor?

Peter: Gar grimmige Kroaten. Die Spanier sagen, sie hätten zwei Augäpfel, ihr Blick könn' töten. Mich sah der eine an, als wollt' er mich verschlingen, weil eben Torschluß war und er die Türe schon in ihrer Angel knarrend hob. Da trat ich trotzig in die Pfütze neben ihm, daß ihm der Kot ins Antlitz spritzte, der Kerl sah mich verwundert an und ließ mich gehn.

Didem: Wir reden hier zu lange.

Peter: Wir haben noch zwei Stunden Zeit bis Mitternacht.

Didem: Wir wollen gleich anrennen.

Peter: Sind denn die Reiter schon dem Braunschen Tore nahe?

Didem: Alles ist bereit. Ihr Herren Hauptleut', wer von euch will hier voran? Dort ist das Bollwerk, ihr seht die eingestürzte Seite.

Huygens: Wie sollen wir durchs Wasser kommen?

Peter: Es geht euch bis zum Knie, nicht weiter, ich hab's an dieser Stelle bei dem Bauen heimlich ausgefüllt.

Lauwyk: Und das Staket scheint gut verwahrt, es wird's kein Kolbenstoß einrennen.

Didem: Wo sind die Äxte und die Hämmer?

Huygens: Ich wollte es schon sagen, Herr, sie sind vergessen oder weggeworfen von den Leuten, ich mag's nicht untersuchen, sie haben keine rechte Lust zum Sturm.

Peter: Hier hab ich alles, was ihr braucht; bei meinem Leben schwöre ich, mit diesem Hammer brech ich alle die Staketen auf und schlage alle Köpfe ein, die es verwahren.

Didem: Vertraut dem Mann, er gab sein ganz Vermögen mir zum Pfand, daß er mich nicht belüge, er hat sich jahrelang mit Botschaftbringen abgelaufen, eh ich dem Plane meinen Beifall gab. Wer zieht voran? – Ihr schweigt? – Gut dann, hier sind die Würfel, setzt die Trommel her und würfelt drum beim Mondenschein.

Huygens: Ich wette eine Flasche Wein, daß mich das Los wird treffen, mich traf noch nie ein gutes Los. Ich werfe achtzehn. Hab ich's nicht gesagt?

Lauwyk: Zwei.

Markette: Drei.

Beefort: Zwölf.

Diest: Zehne.

Didem: Nun, guter Peter Mülder, Ihr wißt nun, wie sie folgen, saget ihnen, wo ein jeder geht.

Peter: Ich führ euch auf das Bollwerk, breche alle Planken stille ab, schlag alles in der Stille tot, was uns verraten kann, so führ ich euch zum kleinen Markt, da teilen wir uns ab die Tat. Mit Euch, Herr Huygens, und mit Euren Leuten nehmen wir die Hauptwach ein, da regnet's blaue Bohnen. Dann ziehen wir zum Braunschen Tor, das schlag ich ein und laß die Brücke nieder, so kommen eure Reiter in die Stadt. Mein Bruder Dierecke führet Euch, Herr Beefort, und Euch, Herr Diest, die lange Gaß herunter, dort nehmt Ihr an dem Kreuzweg Euren Posten und lasset keinen Spanier zum Paradeplatz. Verstehst du, Bruder?

Dierecke: Recht so, wir schlagen alle tot.

Peter: Du, Jan, gehst mit dem Herrn Markette und mit dem Herrn Lauwyk an dem Klosterweg zu dem verbrannten Kloster. Da stellt euch hinter, da seid ihr verschanzt, ihr habt den schwersten Stand, da liegen wohl die meisten in Quartier, laßt keinen zum Paradeplatz, hängt ihnen Bleigewichte an die Beine. Das wär' nun alles, was wir Menschen können. Hast du's verstanden, Jan?

Jan: Der Hammer, den ich dir gemacht, hat mir mehr Denkens heut gekostet. Wenn da ein Spanier durchkommt, so komm ich nie zu deiner Schwester, der Weg ist da so schmal, daß sich die Wagenachsen an dem Eckstein schleifen.

Peter: Nun gut, zu Gott laßt uns jetzt beten, der aller Menschen Klugheit, aller Menschenkraft allein kann Segen geben. (Sie knien alle nieder.)

Peter: Du, gnäd'ger Gott, läßt frei die Sterne allen Menschen scheinen und gibst dein Wort, den heil'gen Welterlöser für uns alle, schenk uns der Erde und des Himmels Freiheit wieder, die uns vom Spanier ist geraubt, daß deine reine Lehre wieder zu uns komme, daß wir die Gaben deiner Gnade froh genießen; doch hat dein ew'ger Wille anders über uns beschlossen, laß uns nicht lebend in des Feindes Hände fallen, daß unsre Schmach nicht unserm guten Willen höhne. Gott segne uns, Gott steh uns bei, in Tod und Leben sind wir treu! – (Sie stehn auf.) Heut ist die Losung: Alles im stillen.

Viele: Alles im stillen. (Sie nahen sich dem Bollwerk.)

Peter: Sacht, sacht, haltet die Musketen hoch, daß keine naß wird.

(Er steigt still voran, zeigt den Soldaten den Weg durch den Wassergraben aufs Bollwerk, er ist der erste auf der Höhe, dann Dierecke und Jan.)

Spanische Schildwache: Wer da? (Schießt.)

Peter: (schlägt sie mit dem Hammer nieder): Alles im Stillen.

Jan: Bist du verwundet, Peter?

Peter: Weiß nicht, der linke Arm will nicht recht fort.

Jan: Die Schildwach ist tot, das heißt den Nagel auf den Kopf treffen.

Peter: Mir nach! (Alle oben.)

Didem: Die Planken weichen seinen Hammerschlägen, die Haufen dringen ein, ein Zufall kann jetzt alles geben, nehmen, ich eile zu den Reitern.

III

Susannas Zimmer. Lozan sitzt am Tische bei vielen Schüsseln und Flaschen, Susanna schenkt ein.

Lozan: Ich bitte dich, mein süßes, liebes Sannchen, heut trinke auch ein Glas vom süßen spanischen Wein!

Susanna Die Augen gehen mir schon unter, jetzt keinen Tropfen mehr; was wird der Vater sagen, daß Ihr so lange bei mir bleibt? Ich hör ihn kommen.

IV

Reinhart (sieht durch die Tür): He, Suschen, was bist du denn so spät noch auf? ich sinke um vor Schlaf; ach, gnäd'ge Exzellenz, seid Ihr noch hier?

Lozan: Marsch fort! wer mich hier stört, den stech ich nieder.

Reinhart Ich habe nichts dagegen, nur kann ich den Diego nicht abweisen, er will durchaus zur Exzellenz und ist dabei betrunken, daß ich ihm nicht ein Wort verstehe.

Lozan: Bei allen Heil'gen, laß den Kerl nicht herein, sag nur, ich sei schon lange fort, und laß ihn gehn.

Reinhart Er kann allein nicht gehen und hauet in der Luft nach Staatischen.

Lozan: Sieh, Reinhart, da hast du Geld, führ ihn nach Hause, pflege ihn, er ist ein treuer Diener, das Trinken ist sein einz'ger Fehler.

Susanna Ach, Vater, laßt mich nicht allein im Hause.

Reinhart Was wird's denn geben! In einer halben Stunde bin ich wieder hier. (ab.)

V

Lozan: Du siehst, Susanna, dein Vater ist so strenge nicht wie du, heut trinken wir uns froh zusammen.

Susanna Erzählt mir lieber, wie es Euch in Dornen ist ergangen.

Lozan: Das war ein schlechter Spaß, ein wunderlicher Eigensinn der Liebe, es war ein altes Weib, die sich in mich verliebt. Wie ich es dir versprochen, so ruhte ich nicht eher, bis ich die Kammer fand, wo meine unsichtbare Schöne war versteckt, und finde – ein altes Weib. Begeistert, wie ich war, so meine ich, sie würde sich nach Feenart in eine junge, wunderschöne Königin verwandeln, wenn ich sie kaum berührt. Doch weh mir armen Ritter, sie blieb so häßlich, wie sie war, ich lachte, und sie lachte auch, sie wollte mich mit Lustigkeit zurückehalten, mir aber kam die Sehnsucht in die Seele nach deiner frischen Jugend, ich ritt mit meinen Leuten wie ein Rasender zurück, jetzt denk ich nichts als dich, in jedem Glase trink ich dich.

Susanna Ihr trinkt zu viel.

Lozan: Es ist nicht meine Art, doch (singt)

Amor will gern gesellig sein,
Wenn sich die Büsche entlauben,
Da steiget er zu dem Bachus hinein
Und hilft ihm keltern die Trauben
Und tauchet auch seine Händchen ein
Und kostet vom süßen, frischen Wein,
Und was er immer vergebens erhofft,
Das spiegelt sich ihm im Tranke oft,
Er sieht die schöne, süße Braut,
Wie sie ihm über die Achsel schaut,
Und ehe sie's merkt, und ehe sie schreit,
Küßt er sie rasend in Seligkeit,

(Er küßt Susanna, sie wehrt sich, er zwingt sie, daß sie sich auf seinen Schoß setzt.)

Susanna Laßt los, Ihr tut mir weh, ich schrei nach Hilfe.

Lozan: Bleib ruhig sitzen, Kind, und schenk mir ein, ich tu dir nichts: nur keinen Widerstand, der macht mich grimmig.

Susanna Ich weiß es nicht, wie Ihr heut seid, gewiß, Ihr habt zu viel getrunken, jetzt keinen Tropfen mehr, ich werf kein Feuer in den Pulverturm.

Lozan: Recht gut gesprochen, der Wein begeistert dich. Ich schwöre dir, daß ich ganz herrlich bin, wenn ich ein Glas zu viel genossen habe, die Weiber haben mich vergöttert, wenn ich von mir nichts wußte, (singt)

Wie ich mich liebe, wenn mir im Trinken
Niedere Triebe löschend versinken,
Ernst wird die Stirne, herrlich mein Wille,
Brütend im Hirne göttliche Stille.

Stille im Meere, stürmend die Ferne,
Glänzend im Heere zahllose Sterne,
Sieh, wie die holden Sterne entschlafen,
Blitze vergolden nahende Strafen.

Nahende Stürme zeiget die Wolke,
Feindliche Stürme nahen dem Volke,
Sinket der Nachen, bricht schon das Steuer,
Wo wir erwachen, atmen wir freier.

Mir ist, als ob mich Feinde von dir reißen wollten, – aber fester zieh ich dich zu mir. Eh ich dich einem andern überlasse – lieber töt ich dich – und – mich. Zieht vorüber, Warnungsstimmen! vorüber! – vorüber! (Lozan versinkt in Schlaf.)

Susanna Jetzt kann ich aufstehn, er schläft.

Lozan: (schlaftrunken): Bleib sitzen, oder...

Susanna So wild, so frech hab ich ihn nie gesehn, der Wein verdirbt doch jedes eitle Herz. Nie hab ich mich vor ihm gefürchtet so wie heut; wenn er nur nicht erwacht, ich höre Lärmen auf der Gasse! – Zwei Schüsse! – Soll ich ihn wecken? Gewiß ist wieder Streit um Beute, die sie eingebracht. – Es wird jetzt stiller – schon wieder Schüsse, welch Geschrei! – ach, wär' der Vater nur zu Hause – jetzt wird es still. – Ein Glück, daß Mülder erst so spät kann kommen, bis Mitternacht ist doch noch lange hin, ich würde mich sonst um ihn ängstigen, er liebt den Frieden, und in aller Welt ist Krieg, die arme Seele. – Ob ich es wage aufzustehn? die Hand ist ihm herabgesunken. – Was ist's? die Tür wird unten aufgeschlossen, es nahen rasche Tritte, das ist der Vater nicht. – Weh mir, wenn's Mülder wäre, er ist verloren, wenn der Lozan aufwacht. – He, Mülder, um Gottes willen stille!

VI

Peter Mülder tritt ein.

Peter: Was winkst du, Sannchen? Bin ich zu früh gekommen, so dank es Gott und meiner Liebe.

Susanna Tritt leiser auf, sieh doch, hier schläft das trunkne Ungeheuer, auf seinen Schoß mußt' ich mich setzen.

Peter: Kein guter Sitz für dich, laß mich dahin.

Susanna Bist du von Sinnen? er bringt dich um, wenn er erwacht.

Peter: (zieht Susanna fort und setzt sich an ihre Stelle auf Lozan): Ich hab ein Hämmerchen bei mir, damit will ich ihm die Schlafstund' an seine Stirne schlagen, wenn er erwachen will.

Susanna Ich kann dich nicht begreifen, Peter; heute morgen, wo du Recht zu streiten hattest, da flohst du ihn, und jetzt willst du ihn recht mit Willen reizen.

Peter: Sei ruhig, liebes Mädchen, hab ich doch nie so sel'ge Stund' erlebt, daß ich auf meinem Feinde ruhend dich geküßt; es ist kein Zufall, ist der Lohn von mühevollen Jahren, verkümmre nicht mit leerer Furcht den freudevollen Kuß. (Er küßt sie.)

Susanna Was ist's, von deinem linken Arme rinnet Blut!

Peter: Es hat nichts auf sich, ein Angedenken dieser Nacht, sei ruhig, will's dir oft genug erzählen, wie es zugegangen. Was kümmern mich die Spanier jetzt! mit Gottes Hilfe sind sie alle schon gefangen oder tot, dies ist der einzige, bei dem ich sitze, der nichts von allem weiß, gönn ihm den kurzen, unbesorgten Schlaf und küsse mich.

Susanna Erzähl mir doch, was ist's, wie kam's, und welch Geschrei schwärmt jubelnd um das Haus?

Peter: Gib Lozans Becher mir, er hat ihn frisch gefüllt und nicht geleert. (Er trinkt.) Der alte Gott lebt noch. Ich werde müde, möchte bei dir ruhen.

Susanna Du denkst zu weit, ich habe dich dazu nicht herbestellt.

Peter: Ich mein es ehrlich. Was ich von meiner Armut dir geklagt, verzeih es mir, es ist nicht wahr, in Wesel ist kein reicherer als ich, bist du damit zufrieden?

Susanna Du sagst mir Wunder, und doch muß ich dir glauben wie der Bibel.

Peter: Das ist auch recht, im Glauben ist die Liebe und in der Liebe Glauben. Ich sag dir, morgen führet uns der evangelische Herr Prediger, der vertriebene Herr Hartmann, zum Altar von St. Willebrandt und segnet uns zur heil'gen Ehe ein. Nicht wahr, der Polterabend war doch lustig? O küsse mich!

Reinhart (ruft herein): Ist Peter Mülder hier? es schreiet alle Welt nach Peter Mülder, und keiner findet ihn.

Peter: Laß sie nur kommen, ich bin hier.

Lozan (schlaftrunken): Was sprichst du, Mädchen? Küsse mich! Wart nur, bald hab ich ausgeschlafen.

Peter: Mit dir hat's keine Eile, bleib ruhig du mein Ehrensitz, du bist schön weich gepolstert.

VII

Judith Mülder in einem Männermantel tritt herein, auf dem Kopfe eine Schmiedekappe.

Judith: Sie suchen dich, du bist zum Bürgermeister ausgerufen, du sollst die Hälfte von der Beute haben.

Lozan: (erwacht): Was gibt's? Wer wagt es, sich auf mich zu setzen! Verrat! Weh, mein Kopf!

Peter: (steht auf von Lozan): Schweig still, sonst schlag ich dir den Kopf ein. Läßt du die Hand nicht ruhn, so muß ich sie dir binden.

Lozan: Die Welt dreht sich mit mir. Ich bin verloren! (Er wird gebunden.)

VIII

Jan Rotleer und Dierecke treten ein.

Dierecke: Die Nacht vergeß ich nie, ich dank dir herzlich, Bruder, erst jetzt verstehe ich die Alten, ich habe mehr gelernt als sonst in Jahren.

Jan: Nicht wahr, wir haben uns doch gut gehalten. Die Kerls wehrten sich verzweifelt. Nun ist die Schwester mein.

Peter: Nein, Jan, sieh hier, da ist ein andrer Schmiedgesell, der half das Braunsche Tor aufsprengen, ich hätt' es wahrlich nicht allein vermocht, der hat viel mehr getan als du, mit dem mußt du dich erst abfinden.

Jan: Komm her, du magst getan, gesprenget haben, was du willst, nimmst du mir nicht das Leben, so ist die Judith mein.

Judith: Ja, komm nur her, hast du den Mut, wir wollen sehn, wer stärker ist.

Jan: Gut, gleich. (er packt Judith.) Bin ich ein Narr? du Kerl siehst aus wie Judith!

Judith: Du mußt doch mit mir ringen, denn anders geb ich mich dir nicht.

Jan: Sieh da, du bist bezwungen, und ich hab den ersten Kuß und auch den zweiten.

Judith: Es ist genug, sei Er nicht grob.

Peter: Laß gut sein, Schwester, heut ist deine Hochzeit und auch meine. Susanna, küß mich! Sieh, Dierecke, das wird meine Frau; nimmst du dir keine? jetzt ist wieder Freiens Zeit, da Wesel frei und unsre Kinder keine span'sche Sklaven werden.

Dierecke: Glück zu, ihr Leute! – Ja, Bruder, such mir eine Frau, und überdenk's so gut wie diesen Überfall der Spanier, ich hab jetzt keine Zeit, muß erst mein Buch beenden.

IX

Reinhart (kommt verwundert): Gott segne Euch, mein lieber Peter, ich hör die ganze Zeit dem Volke zu und kann es nicht begreifen, wie Ihr zu solchen Heldentaten kommt. Wer hat denn Euch das angegeben? Wo habt Ihr das gelernt?

Peter: Die stillen Wasser sind oft tief.

Reinhart Ihr werdet Burgemeister, der fremde General schenkt Euch die Hälfte von der Beute, ganze Fässer voll Realen.

Peter: Ich hab's nicht nötig, bin schon reich genug, gebt mir die Tochter, mehr begehr ich nicht.

Reinhart Von Herzen gern. Gott segne Euch! Hört, hört, es kommt ein Freudenzug.

Reinhart Ans Fenster tretet, lieber Peter, das Volk will Euch besehn, hier setz die Lichter, Suschen.

Peter: (am Fenster): Ach Gott, ihr lieben Bürger, – Gott, Gott! Ich kann kein Wort vorbringen.

Volk (draußen): Es lebe Peter Mülder hoch, abermals hoch, immerdar hoch! (Trompeten und Pauken.)

X

Der Freiherr von Didem, mit einem Lorbeerkranze in der Hand, hinter ihm die Ratsherren und Hauptleute treten in das Zimmer.

Didem: Euch, tapfrer Mülder, gebührt der Kranz, den mir der Rat hat übergeben, nehmt ihn zum Angedenken dieser Stunde!

Peter: Ich dank Euch, gnäd'ger Herr, ich nehm den Kranz aus Eurer Hand, ihn Sannchen auf den lieben, runden Kopf zu drücken, sie allem Volk zu zeigen, denn sie verdient ihn ganz allein. (Er tritt mit ihr ans Fenster und ruft hinaus): Seht da, ihr Herren, mein Sannchen tat das Schwerste bei der Arbeit, sie fing den Gubernator, den wilden Lozan, in seiner Trunkenheit, hier liegt er festgebunden, ja wäre der noch wach gewesen, ich hätte schlimmern Stand gehabt.

Volk (draußen): Es lebe Sannchen Mülder hoch, abermals hoch, immerdar hoch! (Trompeten und Pauken.)

Lozan: Erst jetzt kann ich mich fassen, Verrat! – aus Gnade rennet einen Degen mir durchs Herz – mein Leichtsinn hat dem Könige die Stadt verloren.

Didem: Herr Graf, Ihr sollet wohlgehalten werden, doch mach ich's Euch zur Pflicht, daß Ihr dem braven Mülder, den Ihr am Morgen habt gekränkt, die Hälfte alles dessen bietet, was Euch und Euren Leuten abgenommen ist.

Lozan: Nehmt alles, Peter Mülder, nehmt Liebchen, Ehre, Geld und gebt nur eines mir – den Tod!

Peter: Wollt Ihr den Tod, so fleht zu Gott darum, ich bin nicht Euer Richter; die Schmach, die Ihr mir angetan, ist ausgelöscht, Susanna ist durch ihre Liebe mein. Nach Geld verlang ich nicht, das sei bestimmt, die evangel'schen Prediger zu belohnen, die heimlich unbesoldet bei uns blieben, das Abendmahl uns reichten, mit ihrem Wort zu dieser Tat mich stärkten. Die Ehre teile ich mit Dierecke, Jan und Judith. (Tritt ans Fenster.) Seht, lieben Bürger, meinen Bruder Dierecke, Jan Rotleer und die Schwester Judith, die taten all so viel wie ich.

Volk (draußen): Hoch, abermals hoch, immerdar hoch! (Trompeten, Pauken.)

Ratsherr: Gott hat die Kett' gesprengt, woran die Spanier das freie Wesel legten, doch Ihr wart Gottes Hammer. Mensch, hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Die Freiheit, die Ihr uns erobert, sollt Ihr auch beschützen, zum Bürgermeister hat des Volkes Mund Euch heut erwählt, es ist ein kleiner Lohn, doch seht auf unsre Freudentränen.

Peter: Des Volkes Mund ist Gottes Mund, ich wag ihm nicht zu widerstreben, so wenig ich zu hohen Würden tauge.

Ratsherr: Der neue Burgemeister lebe hoch!

Volk (draußen): Hoch, immerdar hoch! (Trompeten und Pauken.)

Peter: (zum Volke): Gebt Gott allein die Ehre Und bleibt bei reiner Lehre.

Volk (draußen und alle im Zimmer stimmen ein):

Eine feste Burg ist unser Gott,
Eine gute Wehr und Waffen,
Er führt uns frei aus aller Not,
Er hat uns frei geschaffen.
Er wacht am hohen Himmelstor
Mit seines Wortes Waffen,
Wir schauen wieder frei empor,
Wie er uns hat geschaffen.
Sein frei Sternenheer
Rundet um uns her,
Lobsingt, lobsinget ihm,
Lobsingt mit heller Stimm',
Ehre sei Gott in der Höhe!

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