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Die Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629

Achim von Arnim: Die Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629 - Kapitel 2
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authorAchim von Arnim
titleDie Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeDritter Band
editorReinhold Steig
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erste Handlung

I

Reinharts Wirtszimmer.

Peter Mülder. Susanna. Reinhart

Susanna: Nun, Mülder, du siehst so scharf in meine Hand, als könntest du drin lesen.

Peter: Ich sehe, ob du's ehrlich mit mir meinst. Der Lozan kommt zu oft, ich bin zu selten hier, sein Kleid ist reich mit goldnen Ketten überhangen; ich sehe aus wie eine Schwalbe, die am Neste baut. Gib her die Bürste!

Susanna: (Sie bürstet an seinem Kleide): Ei, sprich nicht so, du weißt es doch, daß du mir lieber bist als alle. Aber sag, warum du so einhergehst in dem schmutz'gen, abgeschabten Rock?

Peter: Ich schanze an dem eingestürzten Bollwerk, die schwerste Arbeit ist getan. Viel Dank, Susanna, der Rock ist rein genug für diese Zeit.

Susanna: Tu schanzest wie ein armer Tagelöhner, und bist ein reicher Mann! Die Leute reden über dich, es tut mir weh.

Peter: Laß Narren reden, es ist doch ihre einz'ge Freude, du aber glaube mir, es geht mir wie so vielen heutzutage, ich bin nicht arm, und doch hab ich kein Geld. Zerrissen ist der Handlung Band, das in dem Austausch aller Gaben Gottes die verschiednen Völker in einem Wohlsein fest verknüpfte. Die Spanier kränken uns dies heil'ge Recht zu allem, was die Erde trägt; den Niederlanden möchten sie der Handlung Segen gerne rauben, um leichter sie zu unterdrücken: da dürfen wir kein Holz zu ihnen flößen, so milde uns der Rhein den Rücken bietet. Das Holz, worin mein ganzer Reichtum steckt, verfault hier auf dem Lager und nährt die Würmer. Verstehst du, liebes Kind? Es ist kein rascher Tod, woran wir sterben; nur immer schmaler wird die Kost, und diese müssen wir mit Spaniern teilen, so zehren wir allmählich auf.

Susanna: Der Vater sagt tagtäglich, wir müßten stille schweigen, dulden, geben, damit es nur nicht ärger würde.

Peter: Er ist ein Schenkwirt, der stirbt zuletzt, bei ihm verjubeln sie das Geld, die Spanier und Kroaten, was sie durch unsre eigne Obrigkeit von uns erpressen.

Reinhart (der bisher Gläser geschwenkt hat, wischt sich die Hände): Jetzt nur kein Wort von dem Profit, es trägt ihn jede Maus auf ihrem Schwanz davon. Der Lozan und die mit ihm sind, die zahlen ehrlich, die andern, wenn sie nichts bezahlen wollen, fangen Händel miteinander an, zerschlagen Gläser, Bänke, Fenster obenein, und komm ich mit der Wache, da sind die Vögel ausgeflogen, und ich werd ausgelacht. Denk, Peter, wie es sonst an einem Sonntagmorgen so voll hier war von reichen Bauern, die ließen etwas aufgehn zu der Andacht, und die geputzten, drallen Bauerweiber taten wohl, als ob sie's gar nicht leiden wollten, und tranken um so besser; da ward dann nachmittags ein Kegeln und ein Tanzen, daß alle Scheiben zitterten, da ward auch mancher Krug zerschlagen, doch keiner blieb mir einen Kreuzer schuldig.

Peter: Jetzt bleiben sie zu Hause, können keinen Wein mehr kaufen, brauen sich ihr Bier. Warum? Der Spanier läßt ja kein Getreide mehr nach Holland, und Holland wird darum noch nicht verhungern, es schickt ein Dutzend Schiffe mehr in See zu andern Ländern. Nun, mir ist's einerlei, ich geh im Frühjahr wieder hin nach Holland, wenn's nicht ganz anders wird in Wesel.

Susanna: Was treibst du da in Holland?

Peter: Ich schanze da, ich schanze hier, doch werd ich besser da bezahlt und rede frei und brauch kein spanisch Wort zu hören.

Susanna: Und hörest auch kein Wort von mir.

Peter: Nein, leider Gottes, das macht mir schweres Heimweh in der Fremde.

Susanna: Du sollst nicht mehr nach Holland gehn, ich nehme dich in Dienst. Der Vater hat den Hans und Jakob fortgejagt, weil sie von den verruchten Spaniern den Betrug erlernten, nun muß er alles selber tun und kann es nicht bestreiten. Bleib hier bei mir, lern unsre Wirtschaft, die meiste Müh will ich dir selbst abnehmen, du hast's bei mir doch besser als beim Schanzen, wie leicht wird mir um deinetwillen jede Arbeit sein! Hört, Vater, bittet ihn darum!

Reinhart: Ich glaub's ihm nur noch nicht, daß er so arm, er stellt sich so, um wen'ger zu bezahlen an der Steuer, er geht nach Holland, um zu schmuggeln. Nun, mir ist's einerlei, doch wenn Ihr mit dem Dienst zufrieden seid, ich nehm Euch gern ins Haus, Ihr seid so treu wie Gold, und Euer Vater war mein einz'ger Freund, als ich in Not; ich will Euch auch nicht stecken lassen.

Peter: Habt Dank, Ihr meint es ehrlich, ich will mich noch bedenken, denn seht, ich bin nicht recht geschickt, die Spanier zu bedienen; möcht' lieber, daß sie mir den Teller reichten.

Susanna: Das hat wohl lange Zeit, denn mit uns Deutschen ist es aus, der Kaiser überläßt uns ganz dem Spanier.

Reinhart: Still, Kinder! Horcht einmal. Nicht wahr, es läutet.

Susanna: Ja, Vater, es sind die Glocken von Sankt Willebrandt. Die Spanier kreuz'gen auf der Gasse ihre Stirn, sie ziehn zur Messe.

Reinhart: Uns haben sie aus allen Kirchen nun vertrieben, des reinen Evangeliums Lehre darf nicht öffentlich gepredigt werden.

Peter: Sei er nur froh, daß sie uns nicht zur Messe treiben, es wird noch kommen. Erst nahmen sie nur eine Kirche, dann die andre. Sie sahen's in den Niederlanden, daß rascher Zwang den Widerstand erweckt; jetzt frachten sie uns immer mehr auf unsern Nacken, ganz allmählich, wie jener, der das Kalb erst nur zu tragen hatte, das ging, da wuchs es alle Tage größer, es ward ein Stier, und da erlag der Tor, erdrückt von seiner Last. Das glaub er mir, im nächsten Jahr muß jeder Bürger, der ein Haus besitzt, hier in die Messe gehn.

Reinhart: Das leiden unsre Bürger nicht.

Peter: Bist du kein Bürger? frag dich, würdest du es leiden?

Reinhart: Nein! – Nein! – Und doch! was weiß ich, was ich leiden kann, ich hab schon viel erlitten. – Jetzt schweige Er davon. Er sieht die Welt so schwarz, es ist ein heller Sonntag heut, die Sonne glänzt so gnädig an den Häusern, auf dem Pflaster, die Kinder spielen froh im Müßiggang, es wird mir gar zu wunderlich, wenn ich der guten alten Zeit gedenke, wo ich auf jeden Sonntag mich gefreut. He, Suschen, jetzt schließ die Fensterladen, bring Licht, du brauchst jetzt keinen Spanier einzulassen, der Gubernator Exzellenz hat's, eigenhändig unterschrieben, an die Türe nageln lassen, daß während ihrer Messe niemand einen Trunk verlangen kann.

Susanna: Ich will's wohl tun.

Peter: Ich helfe dir. (Sie schließen die Laden und zünden Licht an.)

Susanna: Was wird es helfen, wenn uns ein Haudegen aus Ungeduld die Fenster eingeschlagen; die andern wagen es doch nicht, ihn zu bestrafen.

Reinhart: Das will ich sehn, wer mir die Fenster einzuschlagen wagt, ich halt auf Ordnung und auf Ehre, mit meinem Hausspieß schlüg ich drein.

Peter: Er hat ihn ja die vor'ge Woche auf das Rathaus tragen müssen, die Spanier halten alle Bürgerwaffen dort bewacht.

Reinhart: So hab ich doch noch gute Fäuste. Nun setzt euch, wollen in der Bibel lesen, wie sie der fromme Martin Luther uns verdeutschte, die hab ich mühsam in dem Kasten noch bewahrt, denn wo die Spanier seinen Namen sehn, und wenn sie auch kein Wort vom Buch verstehn, das werfen sie sogleich ins Feuer und rühmen sich einander solcher Tat.

Peter: Was wird doch aus dem Menschen in der Sklaverei der falschen Ehre und der falschen Lehre? Das ärgste Vieh! Es war doch sonst ein edles Volk, die Spanier.

Reinhart: (schlägt die Bibel auf: Nun, wie der Herr es gibt. (Er liest): »So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!« – Dem Kaiser, unserm deutschen Kaiser gäb' ich gern, doch diesen Spaniern – davon steht in der Bibel nichts.

Peter: Es ist ein wunderlicher Spruch, weil jeder sich bei denkt, was ihm beliebt; man hört es gleich, daß unser Heiland in Versuchung sollt' geführet werden. He, Reinhart, es klopft.

Reinhart: Schweigt still und macht nicht auf.

Susanna: Der Lärm wird ärger an der Tür. Geht, Vater, tragt die Bibel fort.

Reinhart: Sei Gott mir gnädig, die fluchen alle Teufel aus der Hölle. (Fort mit der Bibel.)

Lozan: (draußen): Steckt hier die Helleparte drein, so weicht die Tür.

Susanna: Es ist der Lozan, ist der verrückt? He, Lozan, was treibt Euer Gnaden zu solcher Ungeduld! – ich will die Türe öffnen.

II

Die Vorigen. Lozan.

Lozan: (tritt ein mit gezogenem Degen): Sie ist schon auf, mein Engel. Was hast du für Geheimnis, machst die Laden zu, hörst nicht, wenn ich dich rufe?

Susanna: Herr, seht da Eure eigne Unterschrift, hier in der Messe keinen Spanier einzulassen.

Lozan: Wer steht denn da im Winkel?

Peter: Ich heiße Peter Mülder! Ein Freund vom Hause.

Lozan: Ein saubrer Freund, pfui Teufel. Mädchen, welche Liebschaft hast du! Wie bist du gegen mich so spröde, mit solchem Lump verschließt du dich. Lauf, Kerl, wohin dich deine Füße tragen. Marsch!

Peter: Ich bleibe hier, ich bin verwandt mit Herrn Reinhart, es ist so mein Vergnügen, Sonntags meine Base zu besuchen.

Lozan: Der Kerl will reden!

Susanna: Ich bitt Euch, Lozan, tut dem Vetter nichts.

Lozan: Verflucht! Sie nimmt sich seiner an. Geh, Schuft, sonst werf ich dich hinaus.

Peter: Das kann nicht Euer Wille sein, Ihr seid der Gubernator, der auf Ordnung sehen soll.

Lozan: In Ärger muß ich sticken. Du deutscher Hund, willst mir noch Lehren geben? (Er packt ihn) Sei froh, daß ich dich nicht erdroßle. (Er wirft ihn gegen die Tür.)

Peter (lacht): Wenn es so gemeint, so bleibt nur hier allein, Herr Gubernator: da steht noch ein Glas Wein, das ich bezahlte, das trinkt für Euren Ärger.

Lozan (wirft das Weinglas ihm nach): Sauf selbst dein luthrisch Nachtmahl, verfluchter Ketzer!

Peter: Die liebe Gottesgabe. Leb wohl, Susanna, grüß den Vater. (ab.)

Susanna: Schweig doch und geh. (Vor sich.) Vor Scham möcht' ich vergehn, daß er das alles leidet, ich bin kein Mann, und hätt' ihm gern aufs Maul geschlagen.

Lozan: O niederträcht'ges Volk, voll Lust zum Widerstand und ohne Kraft und Mut, mich ärgert, daß ich meine Hand an solchem Kerl beschmutzt. Ein schöner Freund, Susanna! – wenn der dich will heiraten, den prügle ich am Altar weg von deiner Seite und lege mich an seine Stelle.

Susanna: Das Schimpfen laßt, er ist uns nah verwandt, kennt wenig von der Welt, ein stiller, braver Mann; erzählt mir lieber, wie es Euch ergangen, ob Ihr der Einladung nach Dornen seid gefolgt.

Lozan: Als ich den wunderlichen Brief gelesen, ich schwör es dir, ich war dir treu, doch konnt' ich meiner Neugier keine Schranken setzen, wer in der Gegend mir so zierlich, so echt spanisch könnte schreiben; es ließ mir keine Ruh', ich ritt nach Dornen, ging ins Haus, und niemand war zu sehen, doch stand ein Tisch mit span'schem Backwerk im Zimmer, und eine Stimme grüßte aus den Lüften, deren Körper ich doch nirgend fand, und sprach so zärtlich wunderbar wie eine Fee. ( Diego kommt herein.)

III

Lozan: Ich hab dich nicht gerufen, Alter.

Diego: Das braucht's auch nicht, ich komm von selbst, wenn es der Dienst erheischt. Ihr wißt wohl, wie ich Euch das Einmaleins gelehrt, Ihr dürft Euch meiner Aufsicht nicht entziehen, denn alles geht verkehrt.

Lozan: Was ist denn wieder für ein Unglück? – ist einer ohne Urlaub über Land gegangen, hat einer die Montur zerrissen?

Diego: Nein, Herr, Ihr macht Euch Feinde ohne Ursach, das kränket mich, es sieht uns so kein Mensch mehr hier wie Menschen an.

Lozan: Ei, ohne Tat ist mir der Haß ein Spaß, zur Liebe sind wir ihnen doch zu teure Gäste. Der Deutsche darbt und zahlt.

Diego: Es sind zwar keine Spanier, aber Menschen sind es doch. Der Peter Mülder sagt mir eben, daß Ihr ihn schlecht behandelt, aus der Stub' geworfen, er wolle nun am Bollwerk nicht mehr schanzen, er gehe in die Fremde, und der war bei dem Geiz des Galleron der einzige, der für so wenig Geld an dem gestürzten Bollwerk schanzen mochte. Verständ' ich was von der Befestigung, ich machte selbst mich an die Arbeit, die Stadt ist da ganz offen.

Lozan: Hab keine Angst, die Staatischen sind fern und denken nicht an solche kühne Unternehmung, es ist ja kleine Arbeit, will morgen alle Bürger mit dem Schanzzeug hinbestellen, so ist's in einer Stunde fertig. Nun, bist du fertig?

Diego: In einem halben Jahr werd ich nicht fertig, wenn ich den schändlichen Betrug des Galleron erzählen sollte, wie er stets doppelt so viel Mannschaft angegeben bei den Bürgern zum Quartier, als wir hier haben, um so viel Geld von ihnen zu erpressen für die alle, die er ihnen abgenommen. So treibt er's auch mit Lieferungen, er stiehlt und läßt es sich bezahlen. Des Königs Dienst wird schlecht versehn, und alle Bürger klagen. Bei unsrer heil'gen Jungfrau, mein spanisch Herz wird wild, wenn ich von solchem Schuft, dem ich den Dienst gelehrt, den span'schen Namen sehe in der Welt beschimpft; denn sind wir glücklich, trauern hier die Leute, geschieht uns Unglück, lachen sie.

Lozan: Susanna, gib Diego einen frischen Trunk vom spanischen Wein, damit sein Herz den Ärger drin ertränke. Er will die Welt viel besser, als sie Gott geschaffen, das ist schon Ketzerei.

Susanna (bringt ein Glas): Auf Euer Wohlsein! Ihr seid ein Ehrenmann.

Diego (trinkt): Es kann nichts helfen, der Lozan sitzt bei allen Mädchen, der Galleron benutzt die Zeit, ihn zu betrügen, der Bürger leidet, die Soldaten achten nicht des Dienstes, ich sag, es nimmt kein gutes Ende. Ich wollt', Ihr wärt so häßlich wie eine Meerkatz, Jungfer, so säß der Lozan nicht so viel bei Euch. (ab.)

IV

Lozan: Er hat mich auferzogen, da muß ich ihm verzeihen, wenn er wird ungezogen.

Susanna: Vielleicht hat er doch recht.

Lozan: Kann sein, ich aber kann nicht anders tun. Nie suchte ich so hohe Stelle, sie ward mir aufgedrängt durch Weibergunst. Die Frau des Kriegsministers hatte sich in mich vernarrt beim Tanz, ich liebte ihre Kammerjungfer. Wir wurden in der Nacht belauscht, als ich die Dame warten ließ und bei der Dirne weilte, das Mädchen schickte sie aufs Land und mich nach Deutschland in den Krieg. Dich liebe ich, weil du dem Mädchen ähnlich siehst, darum muß ich dich nennen Rosenmund, so hieß das liebe Kind.

Susanna: So werdet Ihr wohl auch die Rosenmund Susanna nennen, wenn sie den Wein Euch einschenkt nach der Heimkehr.

Lozan: Nein, dich verlaß ich nun nicht mehr, sei sicher, dir bleib ich treu mit meinem ganzen Herzen, ein kleiner Leichtsinn nebenher, das rechne meinem Blute zu, und weil du gegen mich so streng wie eine Nonne bist. Wie lange soll denn meine Probezeit noch dauern? – so lange hat mir keine widerstanden.

Susanna: Ich lauf davon, wenn Ihr so schwatzt.

Lozan: Es läßt dir gut, wenn du so böse wirst; das Mäulchen zieht sich angenehm zusammen, die Backen werden wie Rubin, und deine blauen Himmelsaugen muß ich küssen. (Er will sie küssen.)

Susanna (schreit): Vater! Vater!

V

Reinhart (furchtsam): Was gibt's? Euer Exzellenz, was tut Ihr meiner armen Tochter?

Lozan: Ich küßte sie, das tat ihr gar zu gut, darum hat sie geschrien.

Reinhart: Du dummes Ding erschrickst mich, daß ich eine Flasche lasse fallen; um solche Kleinigkeit!

Susanna: Ei, Vater, ein Kuß ist recht was Großes.

Reinhart: Für den Liebhaber! – Nun sei doch artig, Sannchen, hast du dem Grafen Exzellenz den schön gestickten Kragen schon gezeigt, den er bei dir bestellte? – Ein Wunderkind, Herr Graf, was ihre Augen sehn, das kann sie machen.

Lozan: Und das verschweigst du mir so lange, liebliche Susanna? und ich bin wild und roh und locke dir die Tränen in die Augen; ich tat dir weh, verzeih's dem heißen spanischen Blute.

Reinhart: Schenk ihm ein Gläschen ein, er ist so gütig gegen dich.

Susanna: Ich kann das Glas nicht deutlich sehn, ich gieße wohl daneben. (Sie schenkt ein, dann bringt sie ihm den neuen Spitzenkragen und trocknet sich die Tränen ab.)

Lozan (singt und tanzt vor dem Spiegel, dann setzt er sich traurig):

Daß ich dich weinen sah,
Du schöner Rosenmund,
Das geht mir gar zu nah
In dieses Kragens Rund.
Wie manchen zarten Stich
Hast abends dran gemacht,
Und dachtest dann an mich
Die liebe, lange Nacht.

Ich sitze bei dem Glase
Und spreche gar kein Wort,
Den muntern Schaum wegblase
Und grüß im Spiegel dort
Die himmelblauen Augen,
Worin ein Tränchen steht,
Ich möchte es wegsaugen,
Mein Aug' mir übergeht.

Der Hals wird mir so enge,
Das Auge mir so feucht:
Ach wilde Schmerzensklänge,
Aus meiner Seele weicht!

(Er wirft dem Reinhart einen Geldbeutel zu.)

Reinhart: Der gnäd'ge, der güt'ge Herr! Sannchen, wie kannst du solch ein steinernes Herz haben und ihn noch nicht ansehen wollen, ich ginge für ihn durchs Feuer. Nein, Sannchen wenn ich ein Mädchen wär', ich müßte einen Spanier haben.

Susanna: Ich hab's ihm lang verziehen, doch wenn er in das Singen kommt, da hört er nichts.

Lozan (singt und tanzt mit dem Glase):

Schenk ein, schenk ein, ich träumte,
Es war ja nur zum Spaß,
Daß ich den Wein versäumte
Und hier ganz traurig saß.
Muß mich mit Rosen kränzen
Zu meinem Spitzenkragen,
Da werd ich herrlich glänzen
Von meinem Roß getragen.

Du bist ein Wunderkind, Susanna, noch niemals hat ein Kragen mir so wohl gefallen; was wird die unbekannte Schöne sagen, die mich mit ihren Briefen quält? Sei nur nicht eifersüchtig, mein Herz bleibt treu. –

Susanna: Ich glaub noch immer, daß eine Frau Euch dort zum besten hat; was bliebe sie versteckt und wollte Euch nur sehn und hören? versucht es doch einmal, sie auch zu sehen.

Lozan: Da hast du meine Hand, ich bringe dir Bericht, ob sie dir gleicht – ob sie – noch hübscher ist als du – nein, länger laß ich mich nicht halten. Verzeih mir alles, lebe wohl! – Nun, Reinhart, sorg für gutes Abendbrot, Susanna weiß, was ich gern esse. Heut abend bleibe ich mit Sannchen ganz allein, der Galleron soll uns nicht wieder stören mit der Prahlerei von seinen Heldentaten.

Nun ade, auf Neuigkeiten
Jag ich in die neue Welt,
Lieben, Streiten
Mir gefällt.
Ich will reiten,
Wo mich Liebe hat bestellt,
Mit der Liebe mich zu streiten,
Um zu zeigen, daß ich treu
Meinem lieben Sannchen sei.

(ab.)

VI

Reinhart: Ein guter Herr, ein schöner Herr, nun sieh nur, wie er jetzt auf seinem Pferde zierlich sitzt, und wie er zu dir winkt und übers Pflaster sprengt, daß alle Mütter ihre Kinder von der Straße rufen.

Susanna: Ich wollt', er bräch' den Hals. Nur Euch zulieb stell ich mich freundlich gegen ihn, es ist ein eitler Narr, der jedes Mädchen meint in sich verliebt, und bildet's mancher ein: mir nicht!

Reinhart: Ich sag's dir aber kurz und gut, du sollst ihn lieben, das heißt, so weit's in Ehren kann geschehn. Der eine bringt mir's Geld, was mir die anderen verzehren. Wer wird dich jetzt heiraten? Der Peter, hast es ja gehört, das ist ein armer Teufel jetzt, sonst hätt' ich nichts dagegen, der wird sich's doch noch für eine Ehre schätzen, und hätten dich die Leute noch so schwarz gemacht.

Susanna: Wenn er so denken könnte, nein, da könnt' ich ihn nicht lieben.

Reinhart: Hat sich was! Tut's die ganze Welt, tu du es auch, sagt das Sprichwort, aber freilich alles in Ehren. Wenn du dich nur recht artig könntest stellen, der Lozan ist vernarrt in dich, er nähme dich zur Frau. Ich glaub, vor Freuden rührte mich der Schlag, wenn ich dich Gräfin nennen hörte. (ab.)

Susanna (sie geht ans Fenster): Die Kinder singen, die Bäume blühen und rauschen. Ach, wie schön könnte es hier werden! Aber mein Vater will mich los sein, der Peter hat kein Herz, der Lozan ist ein widriger Narr; ich wollte, daß die Stadt in Feuer ginge auf, so braucht' ich doch nicht mehr den Spaniern zu schenken, zu kochen, Kragen und Hemden zu nähen. Gott steh mir bei, wie ist mir das Herz so schwer!

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