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Die Vertreibung der Mormonen aus Missouri

Friedrich Gerstäcker: Die Vertreibung der Mormonen aus Missouri - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Silbermine
authorFriedrich Gerstäcker
yearca. 1890
publisherNeufeld & Henius Verlag
addressBerlin
titleDie Vertreibung der Mormonen aus Missouri
pages121-158
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Die Vertreibung der Mormonen aus Missouri

Vor der Thür eines kleinen Blockhauses, dessen Inneres zu einem Waarenlager und Laden eingerichtet war, hatte sich ein halbes Dutzend Männer, Jäger und Landleute, versammelt, und schien in einem sehr hitzigen Streit über Kirche und Politik, den besonders Zwei von ihnen mit besonderem Eifer fortführten, begriffen. Keiner von diesen wollte nachgeben, und drohende Worte waren schon Beiden entflohen, als ein alter grauhaariger Mann zwischen sie trat und den jüngeren, während er ihm freundlich die Hand auf die Achsel legte, mit sich hinwegzuführen versuchte. – »Kommt, Greenford,« sprach er leise, »laßt den Zank sein, Ihr erntet keine Ehre dabei ein, und überdies hat ja Jeder seine besonderen Meinungen.«

»Ich bin nicht streitsüchtig,« entgegnete der junge Mann leicht besänftigt – »möchte auch Keinem wehe thun – es ist aber verdammt hart, daß man es ruhig mit anhören soll, wie diese Mormonen Alles auf der Welt, selbst unsern Präsidenten und die Vereinigten Staaten, herunterreißen, um nur ihre eigene Religion und Staatseinrichtung in die Wolken zu heben. – Sie sollten doch wenigstens bedenken, daß sie hier auf unserem Grund und Boden wohnen und leben und den Schutz unserer Gesetze für sich und ihre Familien genießen.«

»Auf Eurem Grund und Boden?« fiel der Mormone spöttisch ein – »den Schutz Eurer Gesetze? Wem gehört denn dies Land, als den wahren Gläubigen, den Heiligen, den Höchsten? Hat uns nicht Gott schon in alten Zeiten die Erde als Eigenthum versprochen, und sollen wir jetzt irgend einem Staate für die erbärmliche Scholle, die wir bewohnen, Dank schulden?«

»Hol' Euch der Henker mit Euren Prahlereien!« entgegnete ihm trotzig der junge Missourier – »Schlangen und Eidechsen! Ihr möchtet Euch wohl gern zu Herren der Erde und uns andere Ungläubige zu Euren gehorsamen Sclaven machen? Pest! Aber Ihr kennt die Missourimänner noch nicht, und wenn Ihr Eure Hände noch so fest in den Boden, den Ihr bewohnt, eingeklammert hättet, so giebt's dennoch Mittel, Euch Recht und Sitte zu lehren, sobald Ihr die Gesetze nicht anerkennt, die der Staat Euch und uns vorgeschrieben hat.«

»Der Staat!« lachte wieder höhnisch der Mormone – »was ist der Staat? Seht Ihr die dünnen weißen Wolken da oben? Der Ewige haucht sie an und sie vergehen – blau und rein ist der Himmel – so ist es mit Eurem Staat. Bauet und pflügt nur Eure Ländereien, plagt Euch nur im Schweiße Eures Angesichts – das ist gut so – die Heiligen werden die Ernte halten und bald im Besitz der Güter sein, die ihnen von Gott und Rechts wegen zukommen.«

»Der Bube droht!« rief Greenford und riß sich von des Alten Hand los – »verdammt will ich sein, wenn ich nicht glaube, daß diese heuchlerischen Schurken irgend einen tückischen Plan im Hinterhalt haben und wir die Schlangen hier am Busen nähren!«

»Schurken nennst Du unsere heilige Gemeinde?« rief aber auch jetzt im höchsten Zorn der gereizte Mormone. »Schurken? Fluch Dir und Deinem Stamm, auf den ich dieses Schimpfwort zurückschleudere! Aber Geduld, nur noch kurze Zeit Geduld, denn die letzten Tage sind vor der Thür und die Heiligen werden vom Himmel herabkommen, Euch zu vertilgen! – Ausgerottet sollt Ihr werden – Alle, die Ihr hier in Sünde und Schmach den wahren Gott verlästert, und ein fürchterliches Blutbad wird die Ungläubigen Missouris von der Erde fegen, daß ihre Namen nicht einmal mehr in späteren Zeiten gehört werden sollen!«

Er wäre noch lange in seiner Zorn und Bußpredigt fortgefahren, aber Greenford, seiner selbst nicht mehr Meister, schleuderte Alle, die sich ihm in den Weg stellten, zurück, riß seinen Rock herunter und sprang mit wildem Satz auf den zürnenden Redner zu, um ihn für die Lästerung seines Gottes und Volkes zu züchtigen.

Der Mormone, keineswegs ein Schwächling und wie der junge Missourier im Walde auferzogen, bebte nicht vor dem Anstürmenden zurück, sondern empfing ihn, seine begeisterte Stellung schnell mit der eines kampfgeübten Boxers vertauschend, festen Fußes, die wüthend nach seinen Schläfen und Augen geführten Stöße eben so schnell und gewandt parirend und kräftig und geschickt wieder zurückgebend. Der Missourier hatte aber schon zu lange den mühsam verhaltenen Groll gegen die Feinde seines Glaubens und seines Staates genährt und mit unersättlichem Haß erneuerte er, zehnmal zurückgeschlagen, eben so oft seinen Angriff, bis die Kräfte des Feindes endlich ermatteten, dieser einen wohlgezielten Stoß seines fast zur grenzenlosesten Wuth getriebenen Gegners nicht mehr kräftig genug pariren konnte und, von dessen Faust getroffen, besinnungslos zu Boden stürzte.

»Halt!« rief aber jetzt der Alte, als sich der junge Mann in blinder Rache auf den gefallenen Feind stürzen wollte – »halt, Greenford! – Ihr wollt Euch doch nicht an Einem vergreifen, der machtlos zu Euren Füßen liegt? – Ihr mögt das in Kentucky gesehen haben,« fuhr er milder, aber immer noch verweisend fort, da der junge Mann beschämt von seinem besiegten Feinde zurücktrat, um den sich jetzt die Nachbarn versammelten und ihn in's Leben zurückzurufen versuchten – »es ist aber hier in Missouri nicht Sitte und schickt sich auch, sollt' ich denken, für einen ordentlichen Mann nicht!«

»Nun, laßt's nur gut sein, Stevenson,« bat der junge Farmer, indem er dem Alten die Hand hinüberstreckte – »es war nur so ein flüchtiges Gefühl, das mich trieb, an dem Schurken mein Sohlleder zu versuchen – 's ist aber wahr, ich dachte nicht gleich daran, daß er da lag. Doch hol' ihn der Henker – steht er wieder auf und läßt die verdammten gotteslästerlichen Reden nicht, so beginne ich auf's Neue mit ihm – dann halt' ich ihn aber aufrecht, bis ich ganz mit ihm fertig bin.«

»Ich wollte, Ihr hättet den Streit nicht gehabt,« unterbrach ihn Stevenson jetzt halb ärgerlich, halb besorgt – »die Mormonen sitzen uns hier dicht auf dem Halse, sind dabei so feindselig wie möglich gegen uns gesinnt und halten zusammen wie die Kletten. Da sollt's mich denn gar nicht wundern, wenn dieser Kampf noch recht böse, häßliche Folgen mit sich führte; denn daß Der da, dem Ihr das ganze Gesicht zerschlagen habt, die Sache nicht ungerächt ruhen läßt, davon könnt Ihr überzeugt sein.«

»Mag er zum Teufel gehen – ich fürchte ihn nicht!« rief Greenford – »er hat Das gelästert, was uns Allen das Heiligste ist, überdies böse, unheimliche Drohungen ausgestoßen; da müßte man ja oben am Nordpol geboren sein, wenn man bei solchen Reden kaltes Blut behalten könnte.«

Der Mormone hatte sich indessen wieder von seiner Betäubung erholt, schien aber für heute den Streit nicht weiter fortsetzen zu wollen, sondern ging zu seinem Pferd, das angebunden an einem nahen Baume stand, warf sich hinauf und sprengte, ohne den Blick zurückzuwenden, mit verhängtem Zügel landeinwärts.

Mehrere Minuten schon waren Roß und Reiter in dem Waldesdunkel verschwunden, und noch immer standen die Männer unbeweglich auf ihren Plätzen und starrten ihm in tiefen Gedanken versunken nach, bis endlich Greenford das Schweigen brach und, seinen Rock anziehend und die Kugeltasche, die er vor dem Kampf abgeworfen hatte, wieder umhängend, ausrief:

»Da reitet der Schurke, der hier an einem der Bäume für seine gotteslästerlichen Reden zu hängen verdiente – verdammt will ich sein, wenn es nicht eine wahre Schande ist, auf Onkel Sam's eigenem Grund und Boden von einem Volk verachtet und verspottet zu werden, das schon aus den östlichen Staaten fliehen mußte, weil die Bürger dort Ihre Betrügereien und Schlechtigkeiten nicht länger dulden wollten.«

»Es ist nicht so arg,« beruhigte Stevenson den Erzürnten, »und meiner Meinung nach mehr eine heilige Schwärmerei als böse Absicht, die sie zu diesen oft leichtsinnigen, ja schlecht scheinenden Handlungen verleitet. Blind glauben sie Alles, was ihnen ihr Prophet und Gott, dieser Joe Smith, sagt und als unmittelbar empfangene Offenbarung ausgiebt und halten sich als die Auserwählten des Herrn zu mehr berechtigt, als wir armen Verblendeten hier im Sinn haben ihnen zuzugestehen.«

»Was können wir aber machen?« wandte Greenford ein, »wenn sie sich mit Gewalt ein Recht verschaffen, das sie zu besitzen fest überzeugt sind? – Vergebens haben wir uns schon mehrere Mal an die Regierung gewandt und diese auf die Gefahr aufmerksam gemacht, der wir bei feindseligen Absichten dieser Schwärmer ausgesetzt wären. Sie glaubt sie jetzt, da sie erst kürzlich von ihren alten Wohnorten vertrieben wurden, eingeschüchtert und verträglich gesinnt – Ihr werdet nächstens das Gegenteil erleben, wenn Blutvergießen und Gewalttaten eine friedliche Scheidung unmöglich gemacht haben.«

»Ja, ja, ich stimme ganz mit diesen Ansichten überein!« bekräftigte ein alter sonngebräunter Jäger, der bis jetzt, auf seine Büchse gelehnt, ruhig und scheinbar theilnahmlos sowohl dem Kampfe zugeschaut, als den späteren Verhandlungen gehorcht hatte. – »Ich war in »Independence«, wie wir sie von dort vertrieben, und weiß, was sie alles unter dem Deckmantel ihres Glaubens und ihrer Religion gewagt haben. – Nichts war ihnen heilig, als die Ausführung jener Pläne, die sie ihrem Ziele näher brachten, und theils durch Gewalt, theils durch List hatten sie sich so fest in unserer Mitte eingenistet, daß es der ganzen Kraft des County bedurfte, ihrem nachtheiligen Wirken Einhalt zu thun.«

»Pest und Gift! Und da schicktet Ihr sie uns hierher, nicht wahr – um sie nur dort los zu werden? – wahrhaftig, echt christlich!« fiel Greenford bitter lachend ein.

»Und was sollten wir anders mit ihnen machen? sie vertilgen? – Hättet Ihr Eure Hände dazu hergegeben, Greenford, das Blut von Leuten zu vergießen, die einen andern Glauben haben als Ihr?«

Greenford stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Nun, nein doch,« rief er endlich ärgerlich aus; »aber wolltet Ihr sie nicht länger in Independence dulden, so seh' ich nicht ein, warum wir uns hier in Caldwell ihren Abgeschmacktheiten und Anmaßungen unterwerfen sollen. Fort mit ihnen – ich hab' es satt, alle Tage hören zu müssen, daß jetzt bald der jüngste Tag nahen würde, an welchem die »Heiligen des Herrn« in ihre alten Rechte eingesetzt und die ungläubigen Kinder der Sünde und Verdorbenheit in Verbannung und Schmach geschleudert werden sollen. Ich hab' es satt, von unseren Gräbern reden zu hören, aus denen jener »geistige, die Erde ausfüllende Tempel« ersteigen soll. – Wer, zum Henker, steht uns denn dafür, daß es nicht in diesen Tagen dem alten Smith einmal einfällt, einen Kreuzzug gegen seine ungläubigen Nachbarn zu predigen, und was hilft es uns später, wenn wir mit abgeschnittenen Kehlen unter dem Rasen liegen, daß unsere Landsleute den Tod ihrer gefallenen Brüder rächen und die gestohlenen Weiber aus Gefangenschaft und Schande befreien! Fort mit ihnen, sag' ich, fort! Schickt sie westlich zu den Indianern, mit denen mögen sie sich herumschlagen und die Rothhäute bekehren, oder doch wenigstens so beschäftigen, daß sie uns für's Erste an den Grenzen mit ihren Einfällen verschonen.«

»Der Staat wird sich,« wandte Stevenson ein, »ohne ernstliche Ursache nie dazu verstehen, eine solche, wenn auch nur scheinbare Ungerechtigkeit an ihnen zu begehen; denn ohne daß wir gegründete Ursachen –«

»Gegründete Ursachen?« unterbrach ihn ärgerlich der junge Mann. – »Hol's der Henker, Stevenson, was versteht Ihr denn eigentlich unter gegründeten Ursachen? Sollen sie uns erst am hellen Tage überfallen und unsere Weiber fortschleppen? sollen sie uns die Häuser niederbrennen und die Felder zerstören? Gift und Schlangen! stehlen sie nicht schon von unseren Feldfrüchten, was sie heimlich bekommen können? schlachten sie nicht jedes Stück Vieh der »Ungläubigen«, das sich unglücklicher Weise auf ihre Besitzungen verläuft, und schwören die zu dem schändlichen Stamm der Daniten Gehörenden, den sie erst kürzlich gebildet haben, nicht – von ihrem Propheten selbst dazu aufgemuntert – die gräßlichsten Meineide, ehe sie Einen von ihrer Schaar verrathen? Nein, Ihr, Stevenson, und Harvard und Ihr anderen Alle, die Ihr Euch Männer Missouris nennt – Schimpf und Schande ist's, daß wir es so lange geduldet haben, und Zeit wär' es, das schmähliche Joch abzuschütteln, ehe es uns unter seiner Last erdrückt. – Die östlichen Staaten lachen uns aus, wenn sie in ihren Zeitungen die fast unglaublichen, aber wahren Berichte über die Anmaßungen des Sectengeistes lesen, und spotten nicht mit Unrecht, daß es aussähe, als ob die alten kräftigen Pionniere Missouris Büchse und Messer mit dem Gebetbuch vertauscht hätten und statt dem Panther an der Salzlecke aufzulauern, die Erscheinung der lieben Engelein vom Himmel erwarteten. Pfui – pfui! – wir müssen uns bald vor den Kindern schämen.«

»Nun, ich denke, Ihr werdet nicht lange über Mangel an Ursachen zu klagen haben,« meinte kopfschüttelnd der andere Jäger, Harvard; »nach Allem, was ich je von den Mormonen gesehen habe, so sind sie gerade nicht feige, und der Bursche, der da mit wundgeschlagenem Gesichte und vor Zorn und Wuth glühenden Augen fortsprengte, könnte uns leicht in einigen Tagen mehr von ihnen auf den Hals ziehen, als sich gerade mit unserer Sicherheit und Behaglichkeit vertragen möchte.«

»Laßt sie kommen, die Hunde!« rief Greenford, den Kolben seiner langen Büchse auf die Erde stoßend; »laßt sie kommen, wenn sie uns auch an Zahl überlegen sind. – Höll' und Teufel, ich sehne mich ordentlich danach, mir an einem von ihren verhaßten Körpern den Platz auszusuchen, wo das Herz sitzen muß, um das Tageslicht hindurchscheinen zu lassen!«

»Greenford,« rief Stevenson verweisend, »Ihr macht es schlimmer als Die, die Ihr tadelt! Nein, Gott verhüte, daß es zum Blutvergießen kommen sollte; aber aufrichtig gestehen muß ich's, mit dabei wär' ich auch, wenn wir die Großprahler und Frömmler verjagen dürften. Doch kommt, Kinder – es wird spät und wir haben noch vier Meilen bis nach Hause; also gute Nacht – und Ihr, Harvard, wenn Ihr Lust habt, so machen wir morgen früh die verabredete Bärenjagd. Die Fährte bekommen wir frisch in dem kleinen Bache, der etwa eine Viertelmeile von meinem Hause vorbeiströmt. Seit den letzten acht Tagen ist der alte Bursche dort jede Nacht durchgekommen; aber mit Tageslicht geht's fort!«

»Und wo treffen wir uns?« fragte Harvard dagegen.

»An der Platane, von der wir neulich die beiden wilden Katzen herunterschossen,« rief Stevenson zurück, warf den Zügel seines Pferdes diesem über den Nacken, sprang in den Sattel, und nach einem herzlichen Gutenachtgruß ritten die Männer ihren verschiedenen Wohnungen zu, den eben noch so belebten Platz seiner tiefen, stillen Einsamkeit überlassend.

Erst nach Sonnenuntergang erreichten die beiden Reiter, Stevenson und Greenford, das Haus des Ersteren, aus dem ihnen schon in weiter Ferne, da sie einen kleinen Hügel hinabritten und die kleine Lichtung, welche die Hütte des alten Mannes umgab, übersehen konnten, der Glanz des hellen Feuers entgegenschimmerte. Freudiges Hundegebell begrüßte sie, als sie sich endlich dicht am Hause von den Pferden schwangen, welche des Alten Söhne, ein paar kräftige Burschen von sechzehn und achtzehn Jahren, sogleich in Empfang nahmen.

»Laßt sie nur nicht wieder in den Wald,« rief der Alte, »und gebt ihnen ein gutes Futter; bringt auch einen halben Bushel Mais mit in's Haus, wenn Ihr wieder zurückkommt, den Ihr nachher schälen und einsacken müßt; – wir wollen morgen früh unser Glück mit dem Bären versuchen.«

»Hallo!« rief Jim, der Aelteste, »da geh' ich mit.«

»Meinetwegen,« lachte der Alte, – »Einer von Euch mag mitgehen, der Andere muß aber das Haus hüten. Wir dürfen in diesen Zeiten die Frauen nicht ganz ohne Schutz lassen.«

Mit den Worten trat er in die Thür, und ängstlich eilte ihm sein Weib entgegen.

»Was ist geschehen, Stevenson – warum dürft Ihr die Frauen nicht ohne Schutz lassen? Seid Ihr doch schon so oft Alle auf die Jagd geritten und Ihr habt nie daran gedacht –«

»Aengstige Dich nicht,« erwiderte gutmüthig lächelnd Stevenson – »Greenford hier hat einen Streit mit einem Mormonen gehabt, der später gerade nicht in der freundlichsten Stimmung schied. Es hat aber nichts zu sagen, es war ein ehrlicher Kampf – Mann gegen Mann – und der Besiegte darf sich nicht beklagen.«

»Aber, Greenford!« flüsterte Anna, des Alten Tochter, ein liebliches, blühendes Mädchen von neunzehn Jahren und die Braut des jungen Pionniers, indem sie an diesen herantrat und ihm schmeichelnd die dunkeln Locken aus der Stirn schob – »Du hast schon wieder Streit gesucht und mir doch so fest versprochen, Dich zu mäßigen und das wilde, trotzige Wesen abzulegen – Du wirst uns noch Alle einmal recht unglücklich machen!«

»Laß es gut sein, Anna!« bat der Jäger, »ich konnt' es wahrhaftig nicht ändern – der schlechte Bursche verhöhnte fast Alles, was uns heilig ist, und – Du weißt, ich habe nicht das ruhigste Blut – mir lief die Galle über – doch will ich mich bessern. – Ich will jedesmal, sollte ich wieder in Händel gerathen, an Dich denken und – wenn's nur irgend möglich ist, recht ruhig und ehrbar werden!«

»Rührt Euch, Ihr Frauen – rührt Euch!« rief jetzt der Alte dazwischen, »setzt Eure Töpfe und Kessel zum Feuer, denn wir sind gewaltig hungrig; nachher könnt Ihr schwatzen, soviel's Euch beliebt, und Du, Anna, magst uns gleich etwas mehr Teig für Brode auf morgen früh anmengen und später backen, denn wenn wir einmal auf der Fährte des alten Burschen sind, den wir mit Sonnenaufgang zu jagen und unsere Schweine von dem gefährlichen Feinde zu befreien gedenken, so kann es wohl vorfallen, daß wir, so wir ihn morgen nicht finden, Abends im Walde bleiben. Vergiß auch nicht, ein tüchtiges Stück Speck dazu zu stecken, denn Harvard wird ebenfalls dabei sein und – häng' ihn – der verläßt sich stets auf seine Büchse und nimmt nie einen Bissen zu essen mit. 's ist uns schon oft so gegangen, daß wir draußen lagen und nicht ein Maul voll zu beißen und zu brechen hatten.«

»Wann habt denn Ihr und Harvard die beiden wilden Katzen geschossen?« frug jetzt Greenford; »ich hörte doch, wie ihr ihm dadurch den Baum bezeichnetet.«

»Ja, das ist eine sonderbare Geschichte,« lachte der Alte; »doch, Tom, Du hast sie schon wenigstens dreimal gehört,« wandte er sich jetzt, kurz abbrechend, zu dem jüngsten Sohne – »Du kannst indessen immer ein wenig Holz zum Feuer tragen – es sitzt sich behaglicher, wenn es recht hell im Zimmer ist. – Also Harvard und ich gingen vor etwa acht Tagen am Wolfscreek hinauf, und die Hunde waren schon lange einem Gang Truthühner, der dort herum den ganzen Wald zerscharrt und zerkratzt hatte, auf der Fährte gewesen, als wir sie plötzlich, nicht so gar weit entfernt, laut werden hörten und nun die Rüden hetzten, die auch bellend und jauchzend den wohlbekannten Tönen zuflogen. Wir folgten, so schnell uns unsere Knochen trugen, und vernahmen bald das Aufflattern der schweren Thiere in die Baumwipfel des Thallandes, wie das freudige Gekläff der sie verfolgenden und bewachenden Hunde. Nichts Anderes erwartend, als sie in den höchsten Bäumen hinter den Stämmen versteckt und an die dicken Aeste angeschmiegt zu finden, wie es so gewöhnlich ihre Art ist, kamen wir mit gehobenen Büchsen heran; Ihr mögt aber über unser Erstaunen urtheilen, als wir, gerade da, wo der Bach bei den zwei umgestürzten Bäumen den Weg durchschneidet, unsern alten Hector, der sonst kaum noch mit den anderen Hunden fortkommen kann, emsig beschäftigt fanden, einen kolossalen Truthahn, den neidisch knurrend drei der jüngeren Hunde umstanden, auf den Weg zu schleppen, damit wir ihn ja nicht verfehlen sollten. Uns Beiden war die Sache unerklärlich, denn äußerst selten fällt es, wie Ihr wohl selber wißt, vor, daß ein Hund selbst ein im Neste sitzendes Huhn überrascht. Wir konnten uns daher auf keine Weise erklären, wie dieses alte steife Thier den großen schönen Hahn, der wohl an zwanzig Pfund wiegen mochte, überlistet oder eingeholt haben konnte, denn daß er ihn eben erst gefangen, war ganz klar, da er sogar noch, als wir zu ihm kamen, mit den Flügeln zuckte.

»Nun, sagte Harvard, und nahm ihn am Nacken in die Höhe, wir wollen uns hierüber nicht lange den Kopf zerbrechen; der Truthahn ist da und der Alte hat ihn erwischt – auf welche Art ist gleichgültig; ich will ihn aber indessen hier oder irgendwo aufhängen, daß wir ihn wiederfinden, wenn wir erst aus dem andern Gang noch einen oder zwei herausgeschossen haben. Unser Fleisch zu Hause geht auf die Neige und ich möchte gern ein paar der fetten Burschen mit heim nehmen. – Damit schauten wir Beide aufwärts, um irgendwo nahe bei der Hand zwei dicht nebeneinander stehende kleine Zweige zu finden, um den Kopf des Truthahns dazwischen einzuhängen, als wir, kaum zwanzig Fuß vom Boden, auf einer alten verdorrten Platane, die dicht neben uns am Rand des Baches stand, eine wilde Katze erblickten, die ruhig und lauernd, an einen der verdorrten, ziemlich schwachen Aeste angeschmiegt, mit ihren großen, funkelnden Augen wild und zornig auf uns herabsah. Er war jetzt außer allem Zweifel, daß die Katze und nicht der Hund den Truthahn gefangen haben mußte, und schnell hob ich die Büchse, um die tückische Bestie herunterzuholen. Harvard aber hielt mich zurück, und einen Stein aufhebend, sagte er: Laßt mich machen, wenn ich den morschen Ast treffe, auf dem sie sitzt, so muß sie fallen, und unsere Hunde können sich einen Spaß mit ihr machen.

»Da ich wußte, daß er ein ausgezeichneter Steinwerfer war, und die Hunde, durch mein rasches Zielen aufmerksam gemacht, heulend den Baum umsprangen, der ihnen ihren grimmigsten Feind vorenthielt, nahm ich meine Büchse wieder herunter und in demselben Augenblick traf auch, von Harvard's sicherer Hand geschleudert, der Stein den Ast, der, überhaupt schon morsch und faul, ganz wie mein Kamerad vorhergesehen hatte, von dem plötzlichen Wurf und dem Zusammenzucken des Thieres herunterbrach. Aber die Katze kam nicht mit, sondern umklammerte noch im Stürzen, und kaum mehr zwei Fuß von den Hunden entfernt, die sie alle schon mit offenem Rachen und atemlosem Schweigen in fieberhafter Aufregung erwarteten, den Stamm, an welchem sie mit Blitzesschnelle in die Höhe lief. Wer beschreibt da unser Erstaunen, als wir, ihr mit den Augen folgend, noch eine zweite gewahrten, die oben, fast in der äußersten Spitze der Platane, kauerte.

»Harvard machte nun zwar den Vorschlag, eine Axt von hier zu holen, denn es ist gar nicht weit; ich traute aber den Bestien nicht recht. In Kentucky haben wir einmal eine wilde Katze, die wir ebenfalls durch das Fällen einer Eiche zu erwischen gedachten, über sechs Stunden mit den Hunden gehetzt, ehe wir sie wieder aufbäumen konnten, und mußten sie nachher immer noch schießen. Ich rief ihm also kurz zu, die rechte zu nehmen, während ich die linke besorgte, und bei unseren Schüssen, die so zu gleicher Zeit fielen, daß sie hier im Hause nur einen einzigen Knall gehört haben, stürzten die Bestien zwischen die Hunde hinein, die sich nun eine Güte thaten und nicht eher ruhten, bis sie die beiden Thiere in Gott weiß wie viele Stücke zerrissen hatten.«

Noch über Vieles plauderten die Männer zusammen und erzählten sich Jagdabenteuer und Anekdoten, bis die einfache Mahlzeit bereitet und der Tisch gedeckt war, wo dann die alte Mrs. Stevenson sie bat: »ihre Stühle herumzurücken und zu essen, was da wäre.«

Sie ließen sich auch nicht lange nöthigen; das warme, in kleinen Kuchen gebackene Maisbrod, der saftige gebratene Speck und die dünnen Schnitten Hirschfleisch, mit einem Becher guter Buttermilch hinuntergespült, mundeten vortrefflich, und das allmähliche Verschwinden sämmtlicher Lebensmittel war der beste Lobspruch für der Frauen Kochkunst.

Nach dem Essen wurde eine andere Schüssel voll Brod, die unterdessen gebacken war, nebst mehreren Stücken Speck und Hirschfleisch, in einen Sack gesteckt; der junge Stevenson schälte den Mais für ihr Pferdefutter auf den nächsten Tag aus, und der Alte und Greenford sahen nach ihren Büchsen, daß diese auch in guter Ordnung wären und ihnen nicht im entscheidenden Moment einen Streich spielten.

»Wir werden wohl ein paar Kugeln gießen müssen,« meinte Greenford endlich, »ich habe nur noch fünf im Ganzen!«

»Das sind zwei mehr, als mir, nachdem ich geladen, übrig bleiben,« erwiderte der Alte, »ist aber auch Blei genug zum Umherschleppen. Wenn wir nach neun Schüssen nicht so viel Fleisch haben, als unsere Pferde tragen können, dann dürfen wir immer die Arbeit an den Nagel hängen.«

»In meiner Tasche ist auch noch ein halbes Dutzend,« sagte der junge Stevenson, »und ich will zufrieden sein, wenn ich zwei davon verschießen kann.«

»Jetzt ist's aber Zeit zum Zubettegehen, Kinder,« rief der Alte, »wir müssen morgen früh heraus – habt Ihr denn eine Matratze oder so etwas für Greenford?«

»Gebt Euch um mich keine Mühe,« entgegnete dieser, »ich liege hier weich genug, und meine Vorbereitungen sollen bald getroffen sein.« Damit hüllte er sich in seine Decke, schob den Sattel, den er als Kopfkissen benutzen wollte, an's Kamin und bewies bald durch sein ruhiges, regelmäßiges Athemholen, daß er allerdings keines weichen Lagers bedurfte, um sanft und schnell einzuschlummern. Seinem Beispiel folgten die Uebrigen, die sich in ihre Betten – alle in demselben Zimmer – niederlegten, nachdem der jüngere Stevenson die Kohlen im Kamin noch mit Asche bedeckt hatte, um am nächsten Morgen schnell und leicht Feuer machen zu können.

Beim ersten Hahnenschrei waren Alle munter, die Pferde wurden gefüttert, eine kleine Mahlzeit schnell eingenommen, und ehe die Sonne die Gipfel der höchsten Bäume vergolden konnte, erreichten die drei Männer, von ihren fröhlich nebenherspringenden Hunden begleitet, den bezeichneten Platz, von welchem ihnen schon die grüßende Stimme Harvards's entgegenschallte.

»Brav, Alter! Ihr habt mich nicht lange warten lassen – bin kaum gekommen. – Und den Jungen auch mitgebracht? das ist schön – nun, wir werden überdies nicht lange zu suchen brauchen, bis wir die Bestie einholen, ich habe sie eben am Bache gespürt. Sie ist richtig wieder hinüber, es war Alles, was ich thun konnte, meine Hunde vom Folgen abzuhalten – sie schienen so hitzig wie rother Pfeffer.«

Damit ritt er an die Freunde heran und schüttelte ihnen die Hand, während seine Hunde sich knurrend und mit hochgehobenen Schwänzen (um ihre gänzliche Gleichgültigkeit über die Mehrzahl der anderen auszudrücken), aber doch ein wenig mit ihnen wedelnd, da sie die alten Jagdgenossen, in deren Gesellschaft sie schon mancher Fährte gefolgt waren, erkannten, zwischen dieselben hineindrängten.

»Ruhig, ihr Hunde – ruhig, Leihk – schäm' dich, altes Vieh – Frieden da zwischen euch!« rief Stevenson und lenkte sein Pferd unter sie – es bedurfte aber schon weiter keiner Beruhigung; dem Stolz und Selbstgefühl der ersten Begegnung war genügt, und spielend und kläffend sprangen sie in wenigen Minuten mit einander herum.

Ueber den Plan der Jagd hatten sich die Männer bald verständigt, und zu der Stelle zurücktretend, wo Harvard die Fährte an diesem Morgen gefunden, witterten die Hunde kaum die erst vor wenigen Stunden hinterlassene Spur, als sie kläffend und bellend derselben folgten und, bald den Lauf des Baches verlassend, mit den Jägern dicht auf den Fersen, ihren Weg gegen eine Reihe von steilen Hügeln einschlugen, die sich von Norden nach Süden hinabzogen.

»Hört nur, Harvard! rief der alte Stevenson, als sie, eine kleine Prairie benutzend, um weniger durch das dichte Unterholz der Waldung aufgehalten zu werden, neben einander hinsprengten, »hört nur, wie Eure beiden Hounds immer vornweg suchen – es sind mir die liebsten Hunde auf einer Hetze!«

»Ja, so lange die Hetze dauert,« entgegnete Harvard, sein Thier etwas mehr an des Alten Seite lenkend, »beginnt aber erst einmal der Kampf, dann lob' ich wir Euren Leihk. – Hol's der Henker, der Hund hat ordentlichen Menschenverstand – er packt die Bestie hinten an den Keulen, und wenn sie sich umdreht und mit der Tatze ausholt, ist er schon drei oder vier Schritt fort, wo er sich hält, bis der Schwarze wieder Fersengeld giebt!«

»Nun, Eure Hounds sind doch auch nicht gerade zu bissig, wenn's an den Mann geht!« lachte Stevens.

»Zu bissig? Verdamm' die Canaillen! Bei der letzten Hetze rührten sie den Bär, wie er sich stellte, gar nicht an und bekümmerten sich nicht mehr um ihn, als ob er ein abgebranntes Baumende gewesen wäre, ich will mit meiner nächsten Kugel vorbeischießen, wenn sie nicht, wählend sich meine beide jungen Hunde mit ihm auf Tod und Leben mit ihm herumschlugen, eine frische Hirschfährte annahmen und zwei Minuten später Gott weiß wo waren. Aber, hallo! sie müssen die Fährte verloren haben,« rief er, »es ist ja Alles ruhig.«

Die Prairie verlassend und etwas weiter links den Wald wieder betretend, aus dem sie noch vor wenigen Secunden die Stimme der verfolgenden Hunde gehört hatten, erreichten die Männer bald den Platz, wo die Meute, suchend und leise winselnd, in toller Verwirrung hin- und herlief; fast in derselben Minute sprengten auch der junge Stevenson und Greenford auf den Platz.

Unstreitig hatte sich hier der Bär eine lange Zeit herumgetrieben und seine Fährten mehrere Male gekreuzt, denn selbst die älteren Hunde waren irre geworden, und Leihk setzte sich endlich, zur Verzweiflung getrieben, nieder und heulte, den Kopf in die Höhe haltend, auf eine jämmerliche Weise.

»Schäm' dich, Vieh! schäm' dich!« rief der alte Stevenson ärgerlich, »ist das eine Manier für einen verständigen Hund, die Nase in die Luft zu halten, wenn er sie auf der Erde haben sollte? – Aber, Harvard – was hat das Thier? – seht nur, wie es den Kopf hebt und umherdreht, meiner Seel', Harvard – es windet! Pätz ist doch nicht hier in der Nähe zu Bett gegangen? und dennoch! seht den Hund an! ich wette ein Pfund von Dupont's Schießpulver, daß er den Bär wittert.«

»Das wäre ein Hauptspaß, grinste der alte Jäger, sich hoch im Sattel aufrichtend; »bekommen wir einen jumping startWenn der Bär in seinem Lager von Hunden überrascht und dicht verfolgt wird, was immer eine schnellere Jagd hoffen läßt, als das lange Verfolgen der kalten Fährte., so haben wir die Bestie in einer Stunde, das ist sicher, und – bei Allem, was da lebt – Leihk wittert etwas; der Hund ist zu klug, die Luft nach gar nichts einzuschnüffeln, überdies hat er den besten Wind.«

Leihk schien aber jetzt auch mit sich selber einig zu sein, denn langsam und mit hochgehobenen Pfoten verließ er die übrigen Hunde, und folgte vorsichtig und behutsam einer kleinen Lichtung im Holze, bald links, bald rechts hinüber windend. Die anderen Rüden, schon daran gewöhnt, seiner Leitung zu folgen, umsprangen ihn bald, mit den Nasen auf dem Boden, und Harvard's Hounds fanden hier plötzlich die verlorene, so lange vergebens gesuchte Fährte wieder, die sie mit fröhlichem Winseln und Kläffen beibehielten und dem ruhigeren Schweißhund vorauseilten, der jetzt, da er seine Anzeichen bestätigt fand, eben so schnell hinterher stürmte.

Dicht auf ihren Fersen hielten sich im raschen Galopp die vier Jäger; aber kaum mochten sie noch eine halbe Meile von da, wo Leihk zuerst den Bären spürte, zurückgelegt haben, als die ersten der Meute ein wildes Geheul ausstießen; gleich darauf sahen die schnell herbeisprengenden Männer die dunkle Gestalt des in seinem Bett überraschten und jetzt flüchtig davoneilenden Feindes in den Büschen verschwinden. Wenn er aber auch in rasender Schnelle durch das Dickicht brach, und zwar mit der Nase auf dem Boden, damit die vielen ihm im Weg liegenden Schlingpflanzen über ihn hinwegglitten; wenn er sich auch mehrere steile Abhänge mit gänzlicher Nichtachtung seiner eigenen Knochen und Gliedmaßen hinabstürzte: zu dicht waren die schnellen Hunde hinter ihm, und kaum zwei Meilen konnte er, nach seinem ersten Aufspringen, durchrast haben, als ihn die nachhetzenden Rüden in einer kleinen Schlucht, überall von steilen Felsen umgeben, stellten.

Die vier Jäger waren bis jetzt dicht zusammen geblieben, und der junge Stevenson wollte auch diesmal – als Harvard, dem Getobe der Hunde zu, eine gerade Richtung einschlug – dem erfahrenen Jäger folgen, sein Vater verrannte ihm aber den Weg und brach, ihm ein Zeichen gebend, zu folgen, etwas links ab. Greenford schloß sich den Beiden an.

Der alte Stevenson kannte jede Schlucht, jede Bergkuppe im ganzen Walde und zog daher den einige hundert Schritt weiteren, aber zugänglicheren Weg dem näheren vor, um mit den Pferden dicht an die in die Enge getriebene Bestie heranzukommen, da in der geraden Richtung, welche Harvard verfolgte, der Boden zu rauh und steinig war.

Dieser fand auch bald, daß er mit dem Pferde unmöglich weiter vorwärts konnte; als er daher auf der Kuppe eines Hügels angekommen war, in dessen Nähe der Kampf zu toben schien – denn dicht unter sich hörte er das Bellen und Anschlagen der Hunde –, sprang er aus dem Sattel und lief in vollem Rennen, mit der Büchse in hochgehobener Hand, dem Wahlplatz zu; kaum aber mochte er hundert Schritt zurückgelegt haben, als er sich an einer steilen, mit kleinen lockeren Steinen bedeckten, abschüssigen Bergseite fand, an deren Fuße der Bär mit mächtigen Schlägen die Hunde zurückzutreiben versuchte. Die Gefahr, in der er schwebte, bemerkend, wollte er sich nun im Laufen stemmen, doch die bröcklige Steinmasse gab unter seinen Füßen nach, ein paar dürre Büsche, die er ergriff, brachen von seinem Gewicht, die Büchse entfiel seiner Hand und entlud sich im Stürzen, und mitten in den Knäuel der Kämpfenden hinein rannte oder fiel vielmehr der zum Tode erschreckte Jäger, unter diesen Verhältnissen sein Verderben vor Augen sehend.

Was aber sein Unglück zu befördern schien, war seine Rettung, denn das von den Hunden arg bedrängte Thier, welches den Schuß hörte und den scheinbar in grimmiger Wuth und Kampfgier auf sich losstürmenden Feind gewahrte, machte, dieser neuen Gefahr zu entgehen, einen letzten, verzweifelten Versuch zur Flucht und sprang, sich für einen Augenblick den Hunden entreißend, wenige Schritte an der gegenüberliegenden, eben so steilen Felswand hinauf. In demselben Moment fielen zwei Schüsse, der zum Tode Verwundete, dem die eine Kugel das Rückgrat zerschmettert hatte, während die andere sein Herz durchbohrte, hielt wenige Secunden zusammenzuckend in seinem Lauf ein und stürzte dann zwischen die wild aufjubelnde Meute zurück, unter der sich eben mit vieler Mühe, aber außerordentlicher Geschwindigkeit, Harvard hervorgearbeitet hatte.

Wenige Minuten darauf war der Bär verendet und keuchend, mit heraushängenden Zungen, lagerten sich die erschöpften Hunde um ihn her, während Leihk die Kugelwunden leckte und sich dann, als ob er wisse, wer das beste Recht auf ihn habe, neben ihn setzte.

Jetzt traten auch die beiden Stevensons und Greenford heran und begrüßten lachend den armen Harvard, der mit ernst-komischem Gesicht sich die Glieder rieb und an dem Hügel hinauf zurücksah, von dem herab er mit so ganz unfreiwilliger Schnelle und Kühnheit zum Kampf geeilt war.

Der junge Stevenson schlug nun zwar vor, das Fleisch aufzuhängen und zu versuchen, ob sie nicht einen zweiten auftreiben könnten. Keiner der Uebrigen stimmte ihm aber bei, denn erstlich behauptete der Alte, daß es ihnen sehr schwer werden würde, eine andere warme Fährte im Umkreise von fünf Meilen aufzufinden und dann trieb auch Greenford nach Hause, denn, wie er versicherte, war's ihm in der letzten halben Stunde gar nicht mehr heimlich im Walde gewesen. Also wurde der Bär geviertheilt und bald darauf trabten die Männer, sich nicht einmal Zeit nehmend, eine Mahlzeit zu kochen, der nicht über fünf Meilen entfernten Wohnung des alten Stevenson wieder zu.

Harvard hatte sich schnell über seinen Unfall getröstet und lachte jetzt selbst recht herzlich über die sonderbare Figur, die er gespielt haben mußte, als er so ganz unfreiwillig bergab tobte, was der Alte, der gerade zur rechten Zeit am Eingang der Schlucht angelangt war, um das Ganze übersehen zu können, nicht komisch genug beschreiben konnte. Greenford jedoch war einsilbig und ritt schweigend nebenher.

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