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Die Verstümmelten

Herrmann Ungar: Die Verstümmelten - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Ungar
titleDie Verstümmelten
publisherHohenheim Verlag GmbH
addressKöln-Lövenich
year1981
isbn3-8147-0013-9
firstpub1923
copyrightErnst Rowohlt Verlag, Berlin W 35, 1923
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060516
projectid1657b060
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14

Täglich gegen den Abend kam Dora. Sie blieb allein bei Karl Fanta. Poker saß bei Klara Porges in der Küche.

Man hörte oft Doras Weinen aus dem Zimmer. Dann trat sie heraus mit geröteten Augenlidern und gesenktem Blick. Manchmal schrie Karl Fanta nach dem Pfleger, nach Polzer oder nach Klara Porges. Aber Dora hielt die Tür von innen zu und flehte, man möge nicht kommen.

»Er will sie nackt zeigen.« Klara Porges lächelte.

»Er quält Dora sehr,« sagte Polzer.

»Was hat sie? Er ist wie ein Kind. Warum schämt sie sich vor ihm? Ich schäme mich nicht vor ihm.«

»Sie, Frau Porges?«

»Ja, ja, ich,« sagte sie.

Nachts hörte man Karl stöhnen. Sein Zimmer war von außen versperrt. Niemand schlief bei ihm. Des Pflegers Bett stand in dem Zimmer, das Polzer früher bewohnt hatte. Der Pfleger wachte. Er ging mit gleichmäßigen Schritten auf und ab. Seine Schritte waren leise. Aber Polzer hörte sie. Auch Frau Porges war unruhig. Polzer sah, daß sie aufrecht im Bett saß und lauschte.

»Hörst du ihn nachts ?« fragte Karl Fanta ihn leise.

Polzer nickte.

»Er sagt, er habe Gesichte, die ihn nicht schlafen lassen. Er ringe mit dem Bösen. Was will er, was will er, Polzer? Er hat den Koffer mit dem Messer zu sich genommen.«

Polzer schlief wenig. Die Luft des Zimmers war erfüllt von einem leisen säuerlichen Geruch, der von Frau Porges' Bett ausging. Oft glaubte er ersticken zu müssen. Die Witwe duldete nicht, daß er das Fenster öffne. Sie fürchtete Zugluft sehr. Morgens und abends wusch sie sich. Er sah das schwere Fleisch der Witwe nackt, dunkel schimmern. Über den Hüften bildete es dicke Falten. Sie kam auf ihn zu und lachte leise: »Fürchtest du dich,« flüsterte sie. »Sieh mich an, hörst du!« Ihr Atem drang warm an sein Ohr.

Ihre Hände peinigten ihn. Sie hielt ihm den Mund zu, daß er nicht schreie und daß der Pfleger ihn nicht höre, und stieß ihn zu sich ins Bett.

Nachts sah er die weiße Kopfhaut schimmern zwischen dem schwarzen Haar links und rechts. Sie schlief. Er wollte aufstehen, diesen Scheitel zerstören. Dann würde alles gut sein, das wußte er. Er fürchtete sich. Aber einmal würde er nicht mehr zittern, und dann würde es geschehen. Einmal würde er aufstehen müssen, es zu tun, und er bebte bei diesem Gedanken. Er würde sich erheben und ruhig auf das Bett zutreten, in dem sie schwer und laut atmend lag. Und ohne Erregung, ohne einen Gedanken zu denken, sachlich die Finger in ihr Haar wühlen und den Scheitel zerstören. Vielleicht ihn abschlagen, mit Sonntags scharfem Metzgermesser den Scheitel abschlagen vielleicht.

Morgens, ehe er das Haus verließ, trat Franz Polzer bei Karl Fanta ein. Karls Stuhl war an das geöffnete Fenster geschoben. Sonntag brachte das Zimmer in Ordnung. Er trug das Geschirr hinaus, brachte Wasser zum Waschen und holte das Frühstück. Karls Blicke verfolgten ihn aufmerksam und ungeduldig. Er wartete, bis der Pfleger das Zimmer verlassen hatte. »Nun,« fragte Karl flüsternd, »was ist? Was ist mit der Dicken? Polzer! Ich höre sie schon hantieren in der Küche. Was war in der Nacht mit der Witwe?«

Polzer gab keine Antwort.

»Nun, nun, du bist eben diskret, mein Junge. Ich kann es verstehen. Ein Mann von Welt, ein Gentleman! Haha, nur kein süßes Geheimnis aus dem Schlafzimmer verraten! Das bleibt zwischen Decke und Leintuch bei einem Kavalier.«

Sonntag trat ein. Karl schwieg, bis Sonntag das Zimmer wieder verlassen hatte.

»Hast du sie gehabt, Polzer?« Er war sehr erregt. »Du mußt sie haben, hörst du! Ich will sie auch haben, ja!«

»Du?« fragte Polzer.

»Ich! Ich habe schon manches gesehen, ja, und ich bin nicht enttäuscht. Im Gegenteil, Polzer, im Gegenteil. Oh, sie ist klug, deine Klara, sehr klug, haha. Sie sorgt für sich und für dich. Auch für dich! Wer hätte das gedacht! Aber es ist gut so. Keine Unklarheit! Jede Ware hat ihren Preis, und das ist gute Ware, wie, Polzer, wie? Meinst du, daß das nicht schön ist, meinst du, daß Dorachen besser ist? Zart, edle Linie, meinst du? Mag das fromme Wildschwein daran seine Freude haben! Weißt du, daß er nun Konventikel abhält, Polzer? Was hältst du davon? Ich fürchte, sie gehen alle in die Wüste – mit ihm, versteht sich.«

Karl machte eine Pause.

»Nein, nein,« fuhr er fort, »die Knöspchen machen es nicht, Polzer. In der Schönheit, Polzer, kann es nicht sein. Es ist anderswo. Es gibt Gourmets und es gibt Fresser, Polzer, verstehst du das? Die Schönheit wird einem über. Man kann sie immer nur ansehen. Schau mich nicht an wie ein Kalb, ich bitte dich! Es gibt Fresser, die eine Sau fressen wollen und keine Pastetchen. Oder gar nur Blumen betrachten. Eine Sau soll es sein, Polzer! Sie hat einen häßlichen Bauch, wie ? Fett, faltig ? Du siehst ihn doch, wenn sie sich wäscht. Sag mir, wenn du es kannst, was ist denn schön an einem glatten Mädchenbauch, nun, nun, weißt du es nicht? Eine abgeweichte Frau ist sie, sagst du, die Brust, der Fettbauch, schwipp schwapp, labbert wie Kesselfleisch. Gerade das, Polzer, schwipp schwapp, das Mutterschwein! Ich bin kein Mann mehr, du mußt mich nicht so ansehen, ich weiß es, aber mein Späßchen will ich noch haben, hahaha!«

Sein Gesicht hatte sich zu einer Grimasse verzogen.

»Geh, geh,« sagte er, »geh, Knabe Franz, und glaube an die Schönheit! Such dir ein Mädelchen, wie Dora war, und leg dich in ein Bettchen mit ihr, aber daß es fein sauber überzogen ist. Iß kein weiches Brot vorher, daß du nicht durch Knall und Geruch den lieblichen Zauber bannst!«

Was ist das alles, dachte Polzer auf dem Wege in die Bank. Sie sorgt für sich und für dich, hatte Karl gesagt. Was sollte das heißen? Verlangte er nun das von ihr, womit er auch Dora quälte, und wollte sie Geld von ihm dafür? Wozu brauchte sie Geld? Nein, nein, sie lebte doch bescheiden, und zudem hatte sich ihr Einkommen doch jetzt erst durch Karls Zuzug vergrößert. Sie würde sich nicht schämen, hatte sie gesagt, und würde tun, was er verlange. Wollte sie nun wirklich Geld von ihm ? Wenn Karl sie ganz zu sich nehmen würde, ganz in sein Zimmer, dachte Polzer! Aber Klara Porges würde es nicht tun. Und dann würde auch er, Polzer, wieder ganz allein sein. Neben dem Pfleger, dessen Schritt ihn nachts ängstigte. Was für einen Verdacht hatte nun Karl wegen des Pflegers Konventikel? Polzer hatte davon schon gehört. Die Frauen hatten sich zuerst in Klara Porges' Wohnung versammelt, nun aber trafen sie einander bei Kamilla. Auch Dora ging hin. Sonntag wollte die Frauen bekehren. Er las ihnen vor und erzählte Legenden aus dem Leben der Heiligen. So hatte man es Polzer gesagt. Dora ging nicht gerne hin, die ändern Frauen schienen sie überredet zu haben. Polzer zweifelte nicht, daß Sonntag ihr noch immer widerwärtig sei und daß Karl sie grundlos verdächtige. Vielleicht wußte Karl selbst, wie haltlos sein Verdacht sei, und tat bloß so, sie zu beleidigen. Denn er haßte sie aus einem verborgenen Grund.

Einen Augenblick lang dachte Polzer daran, daß vielleicht, während er in der Bank sei, Klara Porges ihr Fleisch vor dem Verstümmelten entkleide. Der Gedanke daran war ihm peinlich. Was war nun mit Dora, die ihm aus dem Wege ging? Und was mit Franz, den er jetzt selten sah? Wo war der Doktor? Warum kam er nicht? Was war mit dem Geld, das Frau Porges von Karl verlangte? Wieso war in den Frauen die Neigung für fromme Dinge erwacht? »Es ist keine Ordnung mehr in den Dingen,« dachte Polzer. »Ich hätte ausziehen sollen, solange es Zeit war.« Er dachte an die leisen Schritte des Pflegers nachts aus dem Nebenzimmer, das getrocknete Kälberblut und das Messer. Das Heiligenbild hing nicht mehr an der Wand. Nun war es zu spät zu allem.

Der kleine Wodak saß nicht an seinem Platz, als Franz Polzer eintrat. Polzer begann seine Arbeit. Wodaks Hut und dünnes Stöckchen hingen am Kleiderrechen. Wo war er? Sollte etwas vorgefallen sein? Am Ende ... Polzer horchte. Sprach man im Nebenzimmer? Er hörte nur das gleichmäßige Geräusch der Maschinen. Aber nun näherten sich Schritte auf dem Korridor, Stimmen. Polzer erhob sich. Nun waren sie an der Tür. Polzer griff nach der Stuhllehne hinter sich.

Die Tür wurde aufgerissen. Fogl, Wodak, begleitet von Herren und Damen, stürzten herein. Fogl trat, rot im Gesicht, nahe an Polzer heran. Polzer lehnte sich zurück. Er begriff alles. Er wollte die Augen schließen, aber er durfte es nicht. Einen Augenblick lang schien ihm, als sehe er Wodaks lachendes Gesicht. Fogl stand vor ihm. Nun mußte er ihm unverwandt auf den Mund sehen.

»Da sind Sie in dem geerbten Anzug,« sagte Fogl. »Und Sie lassen mich eine Rede halten? Wissen Sie, was Sie sind? Ein Betrüger sind Sie,« rief er. »Bekommt einen Anzug geschenkt – der Schneider lacht sich tot, wie er es Wodak erzählt – und läßt mich eine Rede halten, der reiche Herr Erbe! Wissen Sie, daß Sie mich beleidigt haben? Wissen Sie, wie man so einen nennt, Herr? Einen Hochstapler! Jawohl! Und Sie wagen noch, uns unter die Augen ... Herr ...«

Er trat noch näher. Polzer bewegte sich nicht. Er sah Fogl starr auf den Mund. Er wußte, nun würden sie auf ihn eindringen, nun würde Fogl die Hand erheben, ihm den Anzug vom Leibe reißen. Nun war geschehen, was er gefürchtet hatte. Franz Polzer atmete ruhig. Nun würden sie ihn strafen.

Aber sie straften ihn nicht. Fogl wich langsam wieder zurück. Sie sahen ihn an, als warteten sie. Da begriff Polzer, daß er gehen müsse, leise davonschleichen. Er ließ den Stuhl los und ging langsam mit gesenktem Kopf. Er ging zwischen ihnen durch zur Tür. An der Tür fühlte er das Verlangen, sich umzudrehen und seinen Tisch noch einmal anzusehen. Auch, daß er den obersten Bogen auf seinem Tisch bereits durchgesehen, wenn auch noch nicht mit seinem Namenszug gezeichnet habe, wollte er sagen. Aber nun stand er schon auf dem dunklen Gang.

Frau Porges empfing ihn erstaunt.

»Ich werde nun nicht mehr in die Bank gehen,« sagte er.

Sie sah ihn fragend an, aber es war ihm schwer, darüber zu sprechen.

»Es ist etwas geschehen,« sagte er.

Er suchte es vor Karl zu verheimlichen. So verließ er morgens das Haus, als ginge er noch in die Bank. Er wagte es nicht, in das Innere der Stadt zu gehen, wo er Leuten begegnen konnte, die ihn kannten. Er ging das Ufer des Flusses entlang, gegen die Vorstadt. Am Sonntag suchte er nun ein kleines Cafe auf, in dem er unbekannt war. Er hätte gern den Doktor gesehen und ihn gebeten, den neuen Anzug zurückzunehmen. Aber der Doktor war wohl verreist. Polzer erschrak, wenn ein Vorübergehender, dem der braune rundgeschnittene Rock auffiel, sich nach ihm umsah. Er wußte, daß sein Betrug noch nicht zu Ende sei. Er hatte den Rock noch nicht abgelegt. Er trug ihn, als sei er ein Mann aus guten Bürgerskreisen wie Karls Vater. Er ging knapp an den Mauern der Häuser, denn: immer konnte der Mann kommen, der ihn erkannte.

Karl blieb es nicht lange verborgen, daß Polzer nicht mehr in die Bank gehe.

»Was ist denn,« fragte er. »Du gehst nicht mehr in die Bank?« Polzer errötete und gab keine Antwort.

Karl lachte:

»Ich verstehe. Ihr schwimmt in Geld, wie? Wozu denn auch noch?«

»Karl,« sagte Polzer. »Was ist mit dem Geld?«

»Was mit dem Geld ist? Wie du fragen kannst, du liebe Unschuld, du! Laß dir von deiner Klara erzählen! Vielleicht flüstert sie es dir nachts ins Ohr.«

Es war kein Damm mehr gegen die hereinbrechende Verwirrung. Von allen Seiten drang sie nun ein.

Karl Fantas goldene Uhr, die immer neben dem Kranken auf dem Tisch gelegen hatte, war plötzlich verschwunden. Sonntag und Klara Porges suchten sie in allen Räumen der Wohnung. Sie fanden sie in einem schwarzen Holzkoffer, in dem Polzer seine Wäsche aufbewahrte.

Der Pfleger legte sie auf den Tisch. Er sah Franz Polzer an. »Wir haben die Uhr in Herrn Polzers Koffer gefunden,« sagte er.

Polzer begriff erst, als er Karls Blick auf sich fühlte. Er stand auf und wollte etwas sagen. Aber der Pfleger kam ihm zuvor.

»Herr Fanta,« sagte der Pfleger, »ich bitte Sie um Christi willen, antworten Sie uns auf diese eine Frage: Können Sie sich entsinnen, daß Sie Herrn Polzer Ihre Uhr zur Aufbewahrung übergeben haben? Sie haben es vielleicht vergessen!«

»Nein,« sagte Karl, »ich habe sie ihm nie gegeben. Aber was soll das?«

»Das soll, daß Herrn Polzer nur das befreien könnte. Wenn Sie sich nicht erinnern, dann ist kein Zweifel, daß er nicht widerstanden hat. Herr Polzer hat also die Uhr gestohlen.«

»Ein so kostbares Stück,« sagte Frau Porges.

»Nein, nein,« sagte Franz Polzer hilflos und hob abwehrend die Hände. Der Pfleger sah ihn ernst an.

»Wir sind nicht berufen zu richten,« fuhr der Pfleger fort, »wir sind allzumal Sünder und ein jeder hat Seines am Wege. Die Lockung des Goldes ist groß für einen Armen, der zudem sein trockenes Brot verloren hat. Wir wissen nicht, welche Leiden Ihnen auferlegt sind, Herr Polzer.«

»Nein, nein,« rief Polzer. Er wußte nichts anderes zu sagen. Er machte einen Schritt auf Karl zu.

»Nun, nun, nur keine Fassungslosigkeit,« sagte Karl. »Die Sache geht dich nichts an. Der böse Geist war stärker als dein Schutzheiliger. Du hast keine Schuld. Laß deinen Schutzheiligen unter Herrn Sonntags Aufsicht gymnastische Übungen machen! Vielleicht kommt er zu Kraft, Polzer. Herr Sonntag, die Uhr soll Ihnen gehören, wenn ich sterbe, – wenn ich eines natürlichen Todes sterbe, Herr Sonntag.«

Sonntag verneigte sich.

»Schon gut,« sagte Karl. »Ich weiß, daß Sie nicht am Gelde hängen. Eben darum gebe ich es Ihnen, Herr Sonntag. Frau Porges, Sie müssen es Polzer verzeihen. Er hat es gewiß nur für Sie getan.«

Frau Porges schüttelte den Kopf. Sie wog die Uhr in der Hand. »Ein kostbares Stück,« sagte sie.

»Und nun,« sagte Karl, »was ist mit dem Abendbrot? Ich habe Hunger.«

Klara Porges und der Pfleger verließen das Zimmer. Polzer sah ihnen nach. Er wollte sich umwenden und auf Karl zutreten. Was war das gewesen ? Er hatte es nicht begriffen. Karl schüttelte den Kopf, daß Polzer schweige.

»Schließ die Tür,« flüsterte er. »Sind sie in der Küche? ... Du brauchst mir nichts zu sagen. Du hast die Uhr nicht genommen. Du hast den Mut nicht dazu. Ich weiß gar nichts. Aber ich fürchte mich. Es gehen Dinge vor. Man kann mir den Mund zuhalten, daß ich nicht schreie, und ich muß mich schlachten lassen wie ein Kalb. Man will Geld, von allen Seiten Geld. Alles für Geld! Sage mir, Polzer, was tut die Witwe mit dem Geld? Höre, Polzer, du sollst nicht schlafen gehen, bevor er nachts nicht in seinem Zimmer ist. Bevor er dieses Zimmer nicht versperrt hat, hörst du? Er ist nun abends immer lange bei mir. Er steht da mit geneigtem Kopf und spricht zu mir. Es geht so eintönig. Es schläfert mich ein. Bloß die Angst hält mich wach. Ich sehe ihn an, ob er sich bewegt. Er setzt mir zu mit seinem Glauben. Alle sind im Bunde. Dora weint nun nicht mehr. Sie gehorcht, ohne zu weinen. Sie hat einen Hinterhalt, verstehst du? Sonntag sagt, daß der Glaube sie gestärkt hat. Auch sie will Geld. Aber ich gebe ihr keines. ›Bald wirst du alles haben, Dorachen,‹ sage ich. Ich glaube, sie wird nicht lange warten wollen und ein wenig nachhelfen lassen, verstehst du, der Glaube hat sie gestärkt.«

»Ich darf ihn nicht entlassen,« setzte er nach einer Pause hinzu. »Das würde allem einen Stoß geben.«

Polzer saß in seinem Zimmer. Er wartete, bis er den Pfleger Karls Zimmer versperren höre. Frau Porges legte sich zu Bett.

»Es ist ein kostbares Stück,« sagte sie. »Wenn man es verkauft ... Porges hat auch eine goldene Uhr gehabt. Aber lange nicht so schwer. Kaum halb so schwer. Ich habe zweihundert dafür bekommen.«

Polzer lauschte ins Nebenzimmer, ob er Sonntags Schritt noch nicht höre. Er hörte nichts als Frau Porges' gedämpftes Sprechen. Er sollte ihr sagen, daß er die Uhr nicht gestohlen habe. Er sollte aufstehen und sie ansehen und es laut sagen. Aber er lauschte ins Nebenzimmer.

Frau Porges erhob sich halb im Bett.

»Polzer,« sagte sie flüsternd, »du kannst Geld haben.«

Er sah sie an. Ihr Hemd war von den Schultern geglitten. Ihre Augen blickten erregt. Zwei Finger über ihnen begann das Weiße des Scheitels.

»Sage Dora Fanta, daß du alles weißt, Polzer, mehr mußt du nicht sagen! Sie muß dir Geld geben, sage ihr!«

Geld, Geld, von überall Geld. Von Dora Fanta Geld? Wieso Geld von Dora Fanta ?

»Frau Porges,« sagte er, »um Gottes willen, was ist nun mit dem Geld?«

»Am Ende braucht man es nicht? Jetzt braucht man immer Geld in diesen Zeiten. Früher ... Du verdienst wohl genug, Polzer, was? Sage es ihr, morgen, wenn sie herkommt, warte auf der Treppe und sag es ihr; bloß daß du es weißt. Sie wird es dir gleich geben, Polzer.«

Polzer hatte sich erhoben. Er wollte fragen, was das alles sei. Sie sollte es ihm sagen. Was Karl von ihr verlange und wofür sie sich Geld von ihm geben lasse. Was er von Dora wissen solle. Wozu das Geld sei, immerfort das Geld, von allen Seiten das Geld. Wie die Uhr in seinen Koffer gekommen sei, wollte er fragen. Karl hatte recht: es gingen Dinge vor. Alles hing zusammen. Die Tür war geöffnet, die Ordnung war zerrissen. Man sollte fliehen. Vielleicht konnte man es noch. In der Küche hinter dem Laden mußte solch ein Bild noch hängen. Er erinnerte sich daran, man mußte es holen, heimlich, wenn die Tante schlief, über den Gang schleichen, und wenn die Dielen krachten und sie die Tür öffnete, auf sie los, zu Boden werfen, betäuben, nur betäuben mit einem Schlag auf den Scheitel, und es trotz allem holen. Nun mußte er es wissen. Sie sah ihm gespannt ins Gesicht. Sie wartete. Worauf wartete sie? Lauschte sie? Es war ganz still nebenan.

Er öffnete den Mund, aber er sprach das erste Wort nicht. Ein Schrei gellte in seine Ohren. Polzers Mund blieb offen. Es war ein Schrei vor dem Tod. Hatte sie darauf gewartet? Was war nun? Oh Gott, was geschah nun, wieder in der Stille? Polzer fuhr zusammen. Es pochte an die Tür.

»Um Christi willen, kommen Sie!« Es war Sonntags Stimme. Frau Porges sprang auf. Sie lief im Hemd hinter Polzer und Sonntag her.

Karl lag im Bett. Er lächelte leise.

»Eine Schwäche hat mich befallen,« sagte er. »Nun ist alles gut. Herr Sonntag erzählte mir von den Wunden der Märtyrer. Er erzählt so lebendig, mit so plastischen Bewegungen, man glaubt es selbst zu erleiden. Ein guter Erzähler. Es hat mich aufgeregt. Verzeihen Sie mir! – Nun bin ich müde. Gehen Sie, ich danke Ihnen. Sperre die Tür zu, Polzer! – Gute Nacht!«

Er nickte und lächelte. Aber sein Gesicht schien Polzer von Todesangst verzerrt. Ihm war, als suchten Karls Augen in grenzenloser Furcht bei ihm Hilfe.

Er trat mit Frau Porges in das gemeinsame Zimmer. Alles war in Verwirrung. Sie schritt auf ihr Bett zu.

»Das Geld, das Geld,« rief er. Seine Stimme klang heiser. »Wozu das Geld?«

Sie stand einen Schritt weit von ihm. Sie sah ihn einen Augenblick lang an. Dann ließ sie das Hemd fallen. Sie war nackt.

»Da, da, darum das Geld!« Frau Porges klatschte mit beiden Händen gegen ihren Leib. Sie sah ihn herausfordernd an. Er wandte sich ab.

»Dafür das Geld,« rief sie erregt. »Dafür! Wer wird dafür sorgen, ha ? Wende dich nicht ab, du! Da,« sie ergriff seine Hand, »da, siehst du es nicht: ich bin schwanger von dir!«

Er sah sie verständnislos an.

Sie wies auf ihren vorquellenden Leib.

»Ja, sieh mich an, sieh mich an! Dafür das Geld. Ich bin schwanger, dafür das Geld!«

Sie stieg ins Bett und wandte sich der Wand zu.

Im Nebenzimmer ging leise und gleichmäßig der Pfleger auf und ab.

»Man muß über alles nachdenken,« dachte Polzer bestürzt. Er horchte.

Die Schritte verstummten erst gegen Morgen.

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