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Die Versammlung der Nägel

Christian Morgenstern: Die Versammlung der Nägel - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorChristian Morgenstern
titleDie Versammlung der Nägel
booktitleDas große deutsche Erzählbuch
isbn3-7610-8047-6
pages331-333
senderhille@abc.de
created20010613
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Christian Morgenstern

Die Versammlung der Nägel

»Wir müssen auf jeden Fall eine neue Versammlung einberufen«, sagte der lange Drahtstift zu dem kleinen Blaustift.

»Das wäre allerdings höchst notwendig!« erwiderte dieser. »Aber wie eine Proklamation verfassen, da keiner von uns schreiben kann?«

»Als ob wir nicht eine Feder bitten könnten, du Hasenhirn!«

»Die du mit deinem krummen Rückgrat dich trefflich eignen würdest, aufzusuchen. Einem einzigen Bückling, wie du einer bist, dürfte ihr Herz nicht widerstehen können.«

Der Drahtstift suchte sich mit einem Fluche aufzurichten, aber umsonst, er war wirklich Invalide.

»Streitet euch doch nicht!« rief da plötzlich eine feine Stimme dazwischen. »Ich will euch ja gern helfen. Ich bin zwar nur eine Zeichenfeder, aber ich werde mir schon Mühe geben!« Dabei sah sie den kleinen Blaustift sehr munter an.

Der war gleich Feuer und Flamme, und nachdem der Lange durch ein paar zärtliche Blicke wieder besänftigt war, begann man, sich eifrig dem gedachten Plane hinzugeben, und kam schließlich überein, die Proklamation auf ein kleines Zigarettenmundstück, das nebenbei in einer Aschenschale lag, zu schreiben und sie der Zimmerspinne zur Beförderung anzuvertrauen.

Nach vielem Hin und Her gewann das Schriftstück endlich folgende Fassung:

»Die Unterzeichneten beehren sich, auf die erste Stunde nach Lampen-Untergang zwischen dem nächsten Sonn-Tag und Mond-Tag die achtbaren und hochlöblichen Herren Nägel aus sämtlichen Reichen und Unterreichen von Zimmerland zu einer neuen Versammlung einzuberufen, deren Zweck die in voriger Versammlung leider mißglückte Wahl eines neuen Oberhauptes ist. Zum Ort der Versammlung ist die große türkische Wiese der Unterprovinz Teppich gewählt.

Mit landsmännischen Grüßen in geziemender Ehrerbietung

Lang, Drahtstift a. D., Kurz, Blaustift z. D.

Pultstadt, Herberge zur Offenen Schachtel.«

Während Tusche, die Zeichenfeder, diesen Aufruf säuberlich und mit vielen Schnörkeln auf das Zigaretten-Mundstück übertrug, begaben sich Lang und Kurz auf die Fliegenjagd, um der Zimmerspinne einen, der Wichtigkeit des Auftrags entsprechenden, Botenlohn anbieten zu können. Nachdem sie wohl ein halbes Dutzend Fliegen gespießt, kehrten sie zur Herberge zurück und überließen es dem frischen Blutgeruch, das feinnasige Weiblein herbeizuziehen.

Und ihre Erwartung betrog sie nicht.

Geschäftig kam die Zimmerspinne herzu und ließ sich gern auf die Sache ein, zumal sie sich eine interessante Reise und viel Ehre davon versprach. Geschickt kroch sie in das Röllchen hinein, so daß sie es nun wie ein Panzerhemd um den Leib hatte, und begab sich so, von den Segenswünschen der drei begleitet, die Fliegen hinter sich herschleifend, auf ihre verantwortliche Wanderschaft ...

Der Sonntag war seinem Ende nahe und Kurz, Lang und Tusche in begreiflicher Aufregung ...

Endlich ward es finster in Zimmerland.

Das Reichsungetüm, von dem niemand wußte, was es war, das sich aber beständig in Zimmerland hin und her bewegte und wegen seiner stets unvorhergesehenen beispiellosen Gewalttaten wie ein schrecklicher Gott oder Teufel gefürchtet ward, tappte noch einmal unheimlich auf und ab, warf sich dann zu Boden und schlief unter fürchterlichem Schnaufen und Schnarchen ein.

»Jetzt wird es Zeit!« sagte Kurz leise und machte sich mit Lang und Tusche nach der Unterprovinz Teppich auf den Weg.

Da war schon viel Volks versammelt.

Eine Menge Offiziere mit messingenen Helmen eilten die türkische Wiese eifrig auf und nieder; die hatten Ordnung zu halten und die ganze Feierlichkeit einzuleiten.

In einer Ecke hatten sich die Dachpappenleute um einen schwarzen Schmied zusammengeschart und ließen aus ihrer drohenden Haltung erkennen, daß sie sich jeder Neuwahl eines aristokratischen Königs aufs hartnäckigste widersetzen würden.

Mit einem Male kam Bewegung in die Massen.

Die Großen, von Kopf bis zu Fuß in schwarzer Eisenrüstung, betraten unter Vormarsch des Riesenstift-Regiments und des Corps der Blaustift-Pagen den durch Hakenspieße gesperrten Teil des Versammlungsfeldes.

Alle, außer den Dachpappenleuten, nahmen einen Augenblick die Hüte ab, so groß war der Eindruck dieser mächtigen Herren.

Nun begann der Herold, ein baumlanger Offizier mit prächtigem Goldhelm, seine Schriftstücke zu verlesen.

Zuletzt aber, als nun die Wahl selbst vor sich gehen sollte, erhob sich ein solcher Lärm und Zank, ein solches Stampfen und Säbelklirren, daß Lang sich fast weinend zu Kurz umwandte und – - – Aber was mußte er sehen?

Kurz und Tusche lagen sich in den Armen und kümmerten sich nicht um das was um sie vorging.

Es war ein vollkommenes Tohuwabohu.

Da plötzlich ward eine Totenstille, und alles stand starr und stramm wie ein Haufen preußischer Soldaten.

Das Reichsungetüm hatte sich gewälzt und sah mit gläsernen Augen auf die Unterprovinz Teppich und das übrige Zimmerland.

»Wo sind denn die Bilder?« sagte das Ungetüm zu sich – »und der Spiegel und die Wandbretter und die Gardinen? Was ist denn das – die Wände sind ja ganz kahl, als ob alles heruntergenommen und in die Ecken gestellt wäre!?«

Überdem schliefen seine Augen wieder ein, und es wälzte sich wieder auf die andere Seite. Die türkische Wiese war im Nu geleert. Wortlos eilte jeder nach Hause. –

»Was man doch für verrücktes Zeug zusammenträumt!« sagte am nächsten Morgen der junge Arzt lachend zu seiner Wirtin, die ihm den Kaffee brachte. »Denken Sie sich ...«








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