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Die verlorene Welt

Arthur Conan Doyle: Die verlorene Welt - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDie verlorene Welt
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
printrun11. bis 13. Tausend
illustratorRichard Duschek
year1926
translatorKarl Soll
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150309
modified20161027
projectid1399f507
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Siebentes Kapitel

Morgen treten wir die Reise in das unbekannte Land an.

Ich will meine Leser, in deren Hände dieser Bericht vielleicht gelangt, nicht mit einer Schilderung unserer luxuriösen Überfahrt auf dem Dampfer der Booth-Linie langweilen. Auch von unserem einwöchigen Aufenthalt in Para will ich nicht erzählen, sondern nur der großen Liebenswürdigkeit der Pereira da Pinta-Company, die uns bei der Beschaffung unserer Ausrüstung behilflich war, Erwähnung tun. Auch unsere Stromfahrt auf dem weiten, langsam fließenden, schwarz wie Tinte gefärbten Gewässer mit einem Dampfer, der nicht viel kleiner war als der, mit dem wir über den Ozean gefahren waren, soll nur kurz berührt werden. Schließlich gelangten wir durch die engen Stromläufe von Obidos und erreichten die Stadt Manaos. Hier wurden wir von den mäßigen Reizen des dortigen Gasthofes durch Herrn Shortman, den Vertreter der Britisch-Brasilianischen Handelsgesellschaft, befreit. In seiner gastlichen Hacienda verbrachten wir die Zeit bis zu dem Tage, an dem wir ermächtigt waren, den Brief, der die uns von Professor Challenger gegebenen Anweisungen enthielt, zu öffnen.

Bevor ich zu den überraschenden Vorgängen dieses Tages komme, möchte ich meine Kameraden bei dieser Unternehmung und die sonstigen Teilnehmer, die wir bereits in Südamerika zusammengebracht hatten, etwas näher beschreiben. Ich spreche offen und überlasse das Material ganz Ihrer Diskretion, Herr McArdle, denn der Bericht geht ja doch durch Ihre Hände, bevor er der Öffentlichkeit unterbreitet wird.

Die wissenschaftlichen Kenntnisse von Professor Summerlee sind zu gut bekannt, als daß ich mich der Mühe zu unterziehen brauchte, davon zu reden. Er ist besser ausgerüstet für eine schwierige Expedition wie die unsrige, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Seine lange, hagere und sehnige Gestalt trotzt der Ermüdung, und sein trockenes, halb sarkastisches und oft durchaus unsympathisches Wesen wird nicht durch irgend einen Wechsel der äußeren Umstände beeinflußt. Obwohl er bereits in seinem 66. Lebensjahre steht, habe ich ihn niemals irgend welche Unzufriedenheit über die vorkommenden Beschwernisse äußern hören. Ich hatte seine Anwesenheit ursprünglich als eine Last für unsere Expedition angesehen. Aber ich muß gestehen, ich habe mich davon überzeugt, daß seine Widerstandskraft ebensogroß wie die meinige ist. Seine Gemütsart ist natürlich sauertöpfisch und skeptisch. Von Anfang an hat er niemals seine Meinung verhehlt, daß Professor Challenger ein absoluter Betrüger ist, daß wir uns für ein absolut unnützes Bemühen eingeschifft hätten und nichts als Enttäuschung und Gefahren in Südamerika und entsprechenden Hohn in England ernten würden. Das waren die Ansichten, mit denen er uns unter fortwährenden Gesichtsverzerrungen und dem Wackeln seines dünnen Ziegenbartes auf dem ganzen Wege von Southampton bis Manaos in den Ohren lag. Nach unserer Landung fand er einigen Trost in der Schönheit und dem Formenreichtum des Insekten- und Vogellebens um ihn her; denn der Wissenschaft ist er voll und mit ganzem Herzen ergeben. Tagelang flitzte er mit der Schrotflinte und dem Schmetterlingsnetz durch die Wälder, und die Abende verbrachte er mit dem Präparieren der neugewonnenen Arten. Zu seinen kleineren Eigenheiten gehört, daß er sich nicht um sein Äußeres kümmert, körperlich unsauber und außerordentlich geistesabwesend hinsichtlich seiner Kleidung ist und mit großer Hingabe eine kurze Rosenholzpfeife, die er selten aus dem Mund nimmt, raucht. Er hat verschiedene wissenschaftliche Expeditionen in seiner Jugend mitgemacht (er war mit Robertson in Neu-Guinea), und das Lager- und Bootsleben ist nichts Neues für ihn.

Lord John Roxton hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Professor Summerlee. In anderen Punkten bilden sie jedoch den äußersten Gegensatz zueinander. Er ist zwanzig Jahre jünger, aber er hat denselben dürren, mageren Körper. Sein Äußeres habe ich, wie ich mich erinnere, bereits in dem Abschnitt meiner Erzählung, den ich in London zurückgelassen habe, beschrieben. Er ist außerordentlich sauber und ordentlich, kleidet sich immer mit großer Sorgfalt in weiße Drellanzüge und hohe braune Moskitostiefel und rasiert sich mindestens einmal am Tage. Wie alle tätigen Menschen ist er wortkarg und versinkt leicht in Gedanken. Aber er gibt stets lebhaft Antwort und beteiligt sich mit seiner wunderlichen, launigen, halb humoristischen Art an jeder Konversation. Seine Weltkenntnis, und ganz besonders seine Kenntnis von Südamerika, ist überraschend, und er hegt einen ehrlichen Glauben an die Möglichkeiten unserer Reise, der sich durch das Hohnlächeln Professor Summerlees nicht erschüttern läßt. Er hat eine sanfte Stimme und ein ruhiges Wesen, aber hinter seinen leuchtenden Augen spürt man die Anlage zu großer Heftigkeit und eine unbeugsame Entschlossenheit, Eigenschaften, die um so gefährlicher sind, als sie durch einen festen Willen in Zügel gehalten werden. Von seinen eigenen Taten in Brasilien und Peru sprach er wenig. Aber es war eine Entdeckung für mich, als ich die Erregung bemerkte, die seine Anwesenheit unter den am Flußufer wohnenden Indianerstämmen hervorrief, die ihn als ihren Herrn und Beschützer ansahen. Die Heldentaten des roten Häuptlings, wie sie ihn nannten, gingen als Legenden unter ihnen um. Aber das rein Tatsächliche daran war, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, schon erstaunlich genug.

So z. B. war Lord John vor einigen Jahren in jenem Niemandsland an den unbestimmten Grenzen zwischen Peru, Brasilien und Columbien. In diesem gewaltigen Gebiet wächst der wilde Kautschukbaum, und dieser ist, wie im Kongo, zu einem Fluch der Eingeborenen geworden, den man nur mit ihrer Sklavenarbeit in den alten Silberminen von Darien unter der alten spanischen Herrschaft vergleichen kann. Eine Handvoll schurkischer Mischlinge beherrscht das Land, bewaffnet diejenigen Indianer, die ihnen Unterstützung gewähren, und verwandelt den Rest in Sklaven, die sie durch unmenschliche Qualen in Schrecken halten und zum Kautschuksammeln zwingen, der nach Para verfrachtet wird. Lord John Roxton erhob Vorstellungen zugunsten dieser Unglücklichen, erntete aber nur Drohungen und Beleidigungen für seine Mühe. Er erklärte darauf Pedro Lopez, dem Führer der Sklaventreiber, förmlich den Krieg, bildete aus weggelaufenen Sklaven eine kleine, seinem Befehl unterstehende Truppe, bewaffnete diese und führte einen Feldzug, der damit endete, daß er selbst den berüchtigten Mischling tötete und das von diesem vertretene System vernichtete.

Kein Wunder, daß der Mann mit dem dunklen rötlichen Haar, der sanften Stimme und dem freien, offenen Wesen an den Ufern des großen südamerikanischen Stromes heute dem größten Interesse begegnete, obgleich die Empfindungen, die er einflößte, natürlicherweise gemischt waren, da die Dankbarkeit der Eingeborenen aufgewogen wurde durch die Rachegefühle derjenigen, die den Wunsch hatten, sie auszunutzen. Eine nützliche Folge seiner früheren Erlebnisse war, daß er die Lingua Geral, die besondere, ein Drittel aus portugiesischen und zwei Drittel aus indianischen Ausdrücken bestehende Sprache, die überall in Brasilien gesprochen wird, beherrschte.

Ich habe an anderer Stelle schon gesagt, daß Lord John Roxton leidenschaftlich für Südamerika eingenommen war. Er konnte von diesem großen Lande nicht ohne Begeisterung sprechen, und diese Begeisterung war ansteckend, denn, unwissend, wie ich war, fesselte sie meine Aufmerksamkeit und erregte meine Neugierde. Wie sehr wünschte ich, den Zauber seiner Rede wiedergeben zu können, die besondere Mischung von genauester Kenntnis und urwüchsiger Phantasie, die ihr etwas so Faszinierendes gab, daß selbst des Professors zynisches und skeptisches Lächeln von seinem hageren Gesichte schwand, sobald er ihm zuhörte. Er konnte einem die ganze Geschichte dieses mächtigen Stroms erzählen, der so schnell erforscht wurde (denn einer der ersten Eroberer von Peru hat den ganzen Kontinent tatsächlich auf seinen Gewässern durchquert) und doch so unbekannt ist hinsichtlich des ganzen Landes, das hinter den ewig wechselnden Uferszenerien liegt.

»Was ist dort?« rief er wohl aus, mit dem Finger nach Norden zeigend, »Wald und Sumpf und undurchdringliche Dschungeln. Wer weiß, was sich darin verbirgt? Und dort im Süden? Eine Wildnis von sumpfigen Wäldern, wo niemals ein Weißer gewesen ist. Überall, wo wir hinblicken, stehen wir dem Unbekannten gegenüber. Was kennen wir außer den schmalen Flußläufen? Wer will sagen, was in einem solchen Lande möglich ist? Warum sollte der alte Challenger nicht recht haben?« Bei dieser direkten Herausforderung erschien auf Professor Summerlees Gesicht wiederum ein höhnisches Lächeln, und er saß, hämisch den Kopf schüttelnd, mit unangenehmem Schweigen hinter einer Wolke aus seiner Rosenholzpfeife da.

Soviel zunächst von meinen beiden weißen Reisegenossen, deren Charakter und Eigenheiten im weiteren Verlauf dieser Geschichte ebenso wie die meinigen ans Licht treten werden. Aber wir hatten bereits eine Reihe von Leuten angeworben, die bei den zukünftigen Ereignissen keine geringe Rolle spielen sollten. Der erste ist ein riesenhafter Neger mit Namen Zambo, ein schwarzer Herkules, willig wie ein Pferd und einigermaßen intelligent. Wir hatten ihn in Para auf Empfehlung der Dampfschiffsgesellschaft, auf deren Schiffen er ein gebrochenes Englisch gelernt hatte, angenommen.

Ebenfalls in Para hatten wir Gomez und Manuel, zwei Mischlinge aus dem oberen Stromgebiet, die gerade mit einer Ladung Rotholz heruntergekommen waren, engagiert. Es waren dunkelhäutige Burschen, rauhhaarig und wild, gewandt und sehnig wie Panther. Beide hatten ihr Leben verbracht in jenen Gebieten des oberen Amazonenstroms, die wir im Begriff waren zu erforschen, und gerade aus diesem Grunde hatte Lord John sich veranlaßt gesehen, sie in unseren Dienst zu nehmen. Einer von ihnen, Gomez, bot den weiteren Vorteil, daß er ausgezeichnet englisch sprechen konnte. Dieser Mann war für einen Lohn von 15 Dollar im Monat bereit als unser persönlicher Diener zu fungieren, zu kochen, zu rudern oder sich sonstwie nützlich zu machen. Außer diesen hatten wir noch drei Mojo-Indianer aus Bolivien, die die geschicktesten Fischer und Bootbauer unter allen Uferstämmen sind, angeworben. Den Häuptling von ihnen nannten wir Mojo, nach seinem Stamm, und die anderen trugen die Namen José und Fernando. Das Personal der kleinen Expedition, die auf ihre Anweisungen in Manaos wartete, bevor sie zu ihrem eigentlichen Zweck aufbrechen konnte, bestand also aus drei Weißen, zwei Mischlingen, einem Neger und drei Indianern.

Nach einer langweilig verbrachten Woche rückte Tag und Stunde unseres Aufbruchs heran. Stellen Sie sich ein schattiges Wohnzimmer in der Hazienda Santo Ignacio, zwei Meilen im Innern von der Stadt Manaos entfernt, vor. Draußen greller, messingfarbener Sonnenschein, unterbrochen von dem Schatten der Palmstämme, der sich schwarz und deutlich abzeichnete, wie diese selbst. Die Luft war ruhig und erfüllt von dem ewigen Gesumm der Insekten, dem tropischen Gesang in vielen Oktaven, vom tiefen Summen der Bienen bis zum hohen spitzen Pfeifen der Moskitos. Jenseits der Veranda lag ein kleiner, wohlgeordneter Garten, begrenzt von Kaktushecken und geschmückt mit Gruppen von blühendem Gesträuch, um die große blaue Schmetterlinge und zierliche Kolibris im sprühenden Licht flatterten und umherschossen. Drinnen saßen wir um den Bambustisch herum, auf dem der versiegelte Brief lag. Der Umschlag trug in der zackigen Handschrift Professor Challengers folgende Worte:

»Instruktionen für Lord John Roxton und seine Reisegenossen, zu öffnen in Manaos, am 15. Juli, Punkt 12 Uhr.«

Lord John hatte seine Uhr auf dem Tisch vor sich liegen.

»Wir haben noch sieben Minuten«, sagte er. »Der alte Knabe ist sehr genau.«

Professor Summerlee lächelte ironisch, indem er den Brief mit seiner mageren Hand aufhob.

»Was hat es denn schließlich zu bedeuten, ob wir den Brief jetzt oder nach sieben Minuten öffnen?« sagte er. »Das gehört wieder einmal zu dem ganzen Schwindelsystem, für das der Schreiber bekannt ist, wie ich leider sagen muß.«

»Nein, bitte, wir müssen die Spielregeln getreulich beachten«, sagte Lord John. »Das ist nun mal des alten Challengers Angelegenheit, und wir sind hier in seinem Auftrag, und es wäre schlecht von uns gehandelt, wenn wir seinen Anweisungen nicht wörtlich Folge leisteten.«

»Eine nette Geschichte, das!« rief der Professor in bitterem Ton. »Ich fand das schon in London abgeschmackt, aber ich muß sagen, daß es bei näherer Kenntnis der Sache noch abgeschmackter wird. Ich weiß nicht, was dieser Brief enthält. Wenn aber keine etwas genaueren Angaben darin sind, so fühle ich mich versucht, den nächsten flußabwärts gehenden Dampfer zu nehmen – um mich in Para auf der ›Bolivia‹ einzuschiffen. Schließlich habe ich noch etwas Wichtigeres auf der Welt zu tun, als hier herumzurennen, um die Behauptungen eines Wahnsinnigen nachzuprüfen. Nun, der Moment dürfte jetzt gekommen sein, Roxton.«

»Es ist so weit«, sagte Lord John. »Sie können ins Horn stoßen.« Er ergriff den Brief, öffnete ihn mit seinem Federmesser und zog ein gefaltetes Blatt Papier hervor. Er schlug es sorgfältig auf und glättete es auf der Tischplatte. Es war ein weißes Stück Papier. Er drehte es um. Auch die Rückseile war weiß. Wir blickten einander an in verwirrtem Schweigen, das durch den höhnischen Klang von Professor Summerlees verächtlichem Lachen unterbrochen wurde.

»Das ist ein offenes Zugeständnis«, rief er aus. »Was wollen Sie mehr? Dieser Bursche gesteht also selbst zu, daß er ein Schwindler ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als heimzukehren und diesen unverschämten Betrüger zu entlarven.«

»Unsichtbare Tinte«, deutete ich an.

»Ich glaube nicht«, sagte Lord Roxton, indem er das Papier gegen das Licht hielt. »Nein, mein Lieber, wir brauchen uns nicht zu täuschen, dafür möchte ich meine Hand ins Feuer legen, daß auf diesem Papier niemals etwas geschrieben worden ist.«

»Darf ich hereinkommen?« dröhnte eine Stimme von der Veranda her.

Der Schatten einer untersetzten Figur schob sich durch die hellen Sonnenflecke. Diese Stimme! Diese riesigen Schultern! Mit einem Ausruf des Erstaunens sprangen wir auf, als Challenger, einen runden, kindlichen Strohhut mit einem farbigen Bande auf dem Kopfe – mit den Händen in den Rocktaschen und seine Segeltuchschuhe im Gehen zierlich aufsetzend –, in dem offenen Raum vor uns erschien. Er warf den Kopf zurück und stand vor uns in der hellen Sonnenglut mit seinem üppigen, an die alten Assyrer erinnernden Bart, mit all seiner angeborenen Unverschämtheit, die sich in seinen halbgesenkten Augenlidern und seinen unduldsamen Augen aussprach.

»Ich fürchte,« sagte er, indem er seine Uhr zog, »daß ich einige Minuten zu spät gekommen bin. Als ich Ihnen diesen Brief übergab, hatte ich nicht die Absicht, wie ich Ihnen bekennen muß, Sie den Brief öffnen zu lassen, denn ich war fest entschlossen, vor der festgesetzten Stunde zu Ihnen zu stoßen. Die unglückliche Verzögerung verdanke ich teils einem unwissenden Lotsen und teils einer etwas zudringlichen Sandbank. Ich fürchte, daß sie meinem Kollegen, Professor Summerlee, zu einigen Flüchen Anlaß gegeben hat.«

»Ich muß gestehen, Herr Professor,« sagte Lord John mit einem gewissen Ernst in der Stimme, »daß Ihr Erscheinen uns beträchtlich erleichtert. Denn ich hatte den Eindruck, daß unser Vorhaben bereits zu einem vorzeitigen Ende gekommen war. Auch sogar jetzt noch fällt es mir schwer, Ihr außerordentlich merkwürdiges Vorgehen zu verstehen.«

Statt zu antworten, trat Professor Challenger näher, schüttelte mir und Lord John die Hand, verbeugte sich in betont verletzender Weise vor Professor Summerlee und ließ sich in einen Korbstuhl fallen, der unter seinem Gewicht krachte und schwankte.

»Ist alles fertig für die Abreise?« fragte er.

»Es kann morgen früh losgehen.«

»Gut. Also morgen. Sie brauchen jetzt keine Orientierungskarten mehr, da Sie den unschätzbaren Vorteil meiner eigenen Führung haben werden. Von Anfang an war ich entschlossen, die Leitung Ihrer Expedition zu übernehmen. Auch die beste Karte würde, wie Sie mir gern zugeben werden, nur einen kläglichen Ersatz für meine eigene Intelligenz und meine Ratschläge bilden. Was die kleine List angeht, die ich Ihnen gegenüber mit diesem Brief angewendet habe, so erklärt sie sich daraus, daß ich, wenn ich Ihnen all meine Absichten mitgeteilt hätte, gezwungen gewesen wäre, mich dem unangenehmen Druck, mit Ihnen auszureisen, zu widersetzen.«

»Nicht von mir aus, Herr Kollege,« bemerkte Professor Summerlee herzlich, »solange es noch irgendein anderes Schiff auf dem Ozean gab.«

Challenger tat ihn mit einer geringschätzigen Bewegung seiner haarigen Hand ab.

»Ihr gesunder Menschenverstand wird, woran ich nicht zweifle, meinen Einwurf begründet finden und anerkennen, daß es besser war, wenn ich allein die Überfahrt machte und lediglich zu dem genauen Zeitpunkt, der meine Anwesenheit nötig machte, hier erschien. Der Augenblick ist jetzt gekommen. Sie sind in sicherer Hand. Sie können nicht mehr fehlgehen auf dem Wege zu Ihrer Bestimmung. Von jetzt an übernehme ich den Befehl über die Expedition, und ich muß Sie ersuchen, Ihre Vorbereitungen noch heute abend zum Abschluß zu bringen, so daß wir morgen, in der Frühe, in der Lage sind, aufzubrechen. Meine Zeit ist kostbar, und das wird auch ohne Zweifel, wenn auch im geringeren Grade, mit der Ihrigen der Fall sein. Ich schlage daher vor, daß wir unsere Reise so schnell wie möglich fortsetzen, bis ich Ihnen vorgeführt haben werde, was Sie sehen wollen.«

Lord John Roxton hatte eine große Barkasse, die »Esmeralda«, die uns den Fluß hinaufbringen sollte, gechartert. Was das Klima betrifft, so war die Zeit, die wir für unsere Expedition wählten, unwesentlich, denn die Temperatur bleibt im Sommer wie im Winter auf der Höhe zwischen 25 bis 33 Grad Celsius. Mit der Feuchtigkeit allerdings liegt die Sache anders; vom Dezember bis zum Mai dauert die Regenperiode, und während dieser Zeit steigt der Fluß langsam an, bis er eine Höhe von fast 40 Fuß über seinem tiefsten Stand erreicht. Er überflutet die Ufer, bildet große Lagunen, die sich über ein riesiges Gebiet, Gapo genannt, ausbreiten, das größtenteils zu sumpfig für Fußreisen ist und zu flach, um die Benutzung von Booten zuzulassen. Im Juni fängt das Wasser an zu fallen, der Tiefstand desselben wird im Oktober bis November erreicht. Unsere Expedition fiel also in die Trockenzeit, wenn der große Strom und seine Nebenflüsse sich im mehr oder weniger normalen Zustande befinden.

Die Geschwindigkeit des Stroms ist nur gering, da das Gefälle nicht mehr als acht Zoll auf die Meile beträgt. Kein Strom konnte geeigneter für Schiffahrt sein, da der vorherrschende Wind aus Südosten kommt, so daß Segelboote in beständiger Fahrt bis zur Grenze Perus gelangen können, während sie abwärts mit der Strömung fahren. Die ausgezeichnete Maschine der »Esmeralda« machte uns jedoch unabhängig von dem trägen Lauf der Wassermassen, und wir kamen so rasch vorwärts, wie auf stillstehendem Gewässer. Drei Tage lang dampften wir nach Nordwesten auf einem Strom, der sogar noch hier, fast 2000 Kilometer von der Mündung, so außerordentlich breit war, daß man die Ufer von der Mitte aus nur als dünne Linien am Horizont erkennen konnte. Am vierten Tage nach unserer Abfahrt von Manaos fuhren wir in einen Nebenfluß ein, der an seiner Mündung wenig schmaler als der Hauptstrom war. Er verengte sich indessen schnell, und nach weiterer zweitägiger Fahrt erreichten wir ein Indianerdorf, bei dem der Professor darauf bestand, zu landen und die »Esmeralda« wieder nach Manaos zurückzusenden. Wir würden bald an Stromschnellen gelangen, erklärte er, die die weitere Benutzung der Barkasse unmöglich machten. Vertraulich fügte er hinzu, daß wir uns nunmehr dem Eingang in das unbekannte Land näherten und daß es um so besser sein würde, je weniger Personen wir in das Geheimnis einweihten. Er ließ sich daher von jedem von uns das Ehrenwort geben, daß wir weder etwas veröffentlichen, noch auch sonst etwas sagen würden, was einen sicheren Anhaltspunkt über das Wo und Wohin unserer Reise geben könnte. Und auch die Hilfsmannschaften wurden feierlichst in diesem Sinne vereidigt. Aus diesem Grunde bin ich gezwungen, mich über den Schauplatz meiner Erzählung etwas unbestimmt auszudrücken, und ich möchte meine Leser nicht darüber im Unklaren lassen, daß das Verhältnis der von mir in irgendeiner Karte oder Zeichnung angegebenen Örtlichkeiten zueinander wohl genau ist, daß ich aber die Gesamtrichtung unserer Reiseroute geändert habe, so daß meine Angaben in keiner Weise als genauer Führer zu jenem Lande dienen können. Professor Challengers Gründe für die Geheimhaltung mögen berechtigt sein oder nicht, wir hatten jedenfalls keine andere Möglichkeit, als sie zu akzeptieren, denn er wäre sicher eher bereit gewesen, die ganze Expedition zu verlassen, als die Bedingungen, auf Grund welcher er uns führte, zu ändern.

Mit dem Abschied von der »Esmeralda« am 2. August hatten wir die letzte Verbindung mit der Außenwelt verloren. In den vier Tagen, die seitdem verflossen sind, haben wir von den Indianern zwei große Kanus, die aus so leichtem Material (Häute über ein Bambusgerippe gespannt) gebaut sind, daß wir sie um die Hindernisse im Strom herumtragen können, gekauft. Wir haben sie mit allen unseren Ausrüstungsgegenständen beladen und noch zwei weitere Indianer, die uns bei der Fahrt auf dem Fluß unterstützen sollten, angeworben. Ich bemerke, daß es dieselben beiden – Ataca und Ipetu waren ihre Namen – waren, die Professor Challenger bereits auf seiner früheren Reise begleitet hatten. Sie schienen bei dem Gedanken, diese Reise zu wiederholen, von Schreck erfüllt zu sein, da aber der Häuptling in diesen Gegenden patriarchalische Gewalt über seine Stammesmitglieder hat, so blieb diesen, wenn für ihn ein gutes Geschäft in Aussicht stand, keine Wahl. Und so brachen wir am nächsten Morgen auf zu unserer Fahrt ins Unbekannte. Diesen Bericht schicke ich stromabwärts durch ein Kanu, und es ist vielleicht das letzte Wort für alle, die an unserem Schicksal Anteil nehmen. Ich habe ihn, unserer Vereinbarung entsprechend, an Sie, verehrter Herr McArdle, gerichtet und überlasse es ganz Ihnen, ihn zu vernichten, zu ändern oder irgendwie sonst darüber zu verfügen. Nach dem Auftreten Professor Challengers – und trotz des andauernden Skeptizismus des Professors Summerlee – habe ich keinen Zweifel, daß unser Führer den Beweis für seine Behauptungen führen wird und daß wir tatsächlich am Vorabende höchst bedeutsamer Ereignisse stehen.

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