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Die verlorene Welt

Arthur Conan Doyle: Die verlorene Welt - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDie verlorene Welt
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
printrun11. bis 13. Tausend
illustratorRichard Duschek
year1926
translatorKarl Soll
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150309
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Zwölftes Kapitel

Es war furchtbar im Walde

Ich sagte schon – oder vielleicht sagte ich es auch nicht, denn mein Gedächtnis hat mich in diesen Tagen etwas in Stich gelassen –, daß ich vor Stolz erglühte, als drei solche Männer, wie es meine Kameraden waren, mir dafür dankten, daß ich unsere Lage doch wenigstens erheblich verbessert hatte. Als Jüngster unter den Expeditionsmitgliedern nicht nur an Jahren, sondern auch an Erfahrung, Charakter, Kenntnissen und all dem, was den Mann zum Mann macht, hatte ich von Anfang an hinter ihnen zurückstehen müssen. Und nun stand ich im hellen Licht, ich war etwas! Ich wurde warm bei dem Gedanken. Ach! Hochmut kommt vor dem Fall! Der kleine Funke von Selbstgefälligkeit, der mein Wertgefühl schwellen ließ, sollte mich noch in dieser Nacht zu dem furchtbarsten Erlebnis meines Lebens führen. Ein Erlebnis, das mit einer Erschütterung endete, die mich noch krank macht, wenn ich daran denke.

Die Sache ist so vor sich gegangen: Ich war durch das Abenteuer auf dem Baum so übermäßig erregt, daß ich nicht einschlafen konnte. Summerlee hatte die Wache und hockte mit seiner wunderlichen, eckigen Figur, das Gewehr quer über den Knien, neben dem kleinen Feuer. Sein spitzer Ziegenbart wackelte bei jeder Bewegung seines müden Kopfes hin und her. Lord John lag schweigend da, in seinen südamerikanischen Poncho gehüllt, während Challengers rasselndes Schnarchen im Walde widerhallte. Der Mond warf seinen vollen Schein herunter, und die Luft war kühl. Das war eine rechte Nacht für einen Spaziergang! Und dann dachte ich plötzlich, warum nicht? Ich stellte mir vor, daß ich mich leise hinwegstahl und den Weg zu dem »See der Mitte« hinunterschritt, wie ich bis zum Frühstück mit einer Schilderung dieses Platzes wieder zurück wäre, – würde ich in diesem Falle nicht ein noch würdigerer Gefährte sein? Und dann würden wir, wenn Summerlee auf der Abreise bestand und wir Mittel und Wege für den Abstieg gefunden hätten, nach London zurückkehren als die ersten, die eine Kenntnis der inneren Geheimnisse des Plateaus mitbrächten, in das ich als einziger der ganzen Menschheit eingedrungen war. Ich dachte an Gladys und ihre Worte: »Es gibt überall Heldentum um uns herum.« Ich glaubte ihre Stimme zu hören, mit der sie diese Worte sprach. Ich dachte auch an McArdle, was für einen Dreispaltenartikel für die Zeitung würde das abgeben! Dann griff ich nach meiner Büchse – meine Taschen waren voll Patronen – und, den Dornbusch am Eingang unseres Lagers zurückbiegend, schlüpfte ich schnell hinaus. Mein letzter Blick fiel auf den halb eingeschlafenen, zum Wachehalten denkbar ungeeigneten Summerlee, dessen Kopf immer noch wie ein komisches mechanisches Spielzeug vor dem glimmenden Feuer weiter nickte.

Ich hatte noch keine hundert Meter hinter mir, als ich meine Tollkühnheit bereits bitter bereute. Irgendwo in dieser Geschichte habe ich schon gesagt, daß meine Phantasie allzu rege ist, als daß ich ein wirklich mutiger Mensch hätte sein können, daß ich aber eine überaus starke Abneigung dagegen habe, furchtsam zu erscheinen. Dies Gefühl trieb mich jetzt mit Macht vorwärts. Ich konnte einfach nicht umkehren, ohne irgend etwas erreicht zu haben. Sogar wenn meine Gefährten mich nicht vermißt haben würden, also auch von meiner Schwäche nichts erfahren hätten, wäre ein unerträgliches Gefühl der Beschämung in mir selbst zurückgeblieben, und doch schauderte ich über die Lage, in der ich mich befand, und hätte in diesem Augenblick alles, was ich besaß, dafür gegeben, wenn ich auf anständige Weise hätte davonkommen können.

Es war furchtbar im Walde. Die Bäume standen so dicht, und ihre Laubkronen breiteten sich so weit aus, daß ich nichts vom Mondlicht mehr sehen konnte, nur daß sich die hohen Zweige in wirrer Zeichnung hier und da gegen den gestirnten Himmel abhoben. Als meine Augen sich etwas mehr an die Nacht gewöhnt hatten, empfand ich Unterschiede in der Dunkelheit zwischen den Bäumen. Einige Stellen waren in schwachen Umrissen erkennbar, während andere Partien aussahen wie kohlschwarze Höhleneingänge, die mich im Vorübergehen mit Schrecken erfüllten. Ich dachte an das verzweifelte Geheul des zerrissenen Iguanodons, diesen grauenvollen Schrei, dessen Echo in den Wäldern widerhallte. Mir fiel das Bild von jenem gedunsenen, warzigen, bluttriefenden Maul ein, das ich einen Augenblick lang im Lichte von Lord Johns Fackel gesehen hatte. Gerade jetzt befand ich mich in seinem Jagdrevier. Jeden Augenblick konnte es mich aus dem dunklen Schatten her anspringen – dieses namenlose und schreckliche Ungeheuer. Ich blieb stehen, nahm eine Patrone aus meiner Tasche und öffnete den Lauf meines Gewehres. Als ich den Hebel berührte, erstarrte mein Herz vor Schreck: es war die Schrotflinte und nicht das Gewehr, das ich ergriffen hatte.

Von neuem packte mich die Neigung umzukehren. Dies war sicherlich eine ausgezeichnete Erklärung für das Mißlingen meines Planes, ein Grund, der mich in niemandes Augen herabgesetzt hätte. Aber gerade gegen dies Wort richtete sich wieder der falsche Stolz in mir auf. Es konnte, es durfte kein Fehlschlag sein. Und schließlich würde mein Gewehr wahrscheinlich genau so nutzlos gegen die Gefahren, die mir bevorstanden, gewesen sein wie eine Schrotflinte. Und würde ich zum Lager zurückkehren, um die Waffe gegen eine andere auszutauschen, so konnte ich kaum erwarten, hinein- und wieder herauszukommen, ohne gesehen zu werden. In diesem Falle wäre es nötig gewesen, Erklärungen abzugeben, und mein Plan wäre dann nicht mehr mein Geheimnis geblieben. Einen Moment zögerte ich, dann riß ich mich zusammen und setzte meinen Weg fort, die nutzlose Flinte unter dem Arm.

Das Dunkel des Waldes war aufregend gewesen, schlimmer aber noch war das weiße, stille Mondlicht in der offenen Iguanodon-Lichtung. Ich verbarg mich hinter einem Busch und suchte sie mit den Augen ab. Keine der großen Bestien war in Sicht. Vielleicht hatte die Tragödie, der eines von ihnen zum Opfer gefallen war, sie von ihrem Weidegrund vertrieben. Ich bemerkte kein Zeichen irgendeines Lebewesens in der von silbernem Glanz erfüllten Nacht, faßte daher Mut, schlüpfte eiligst über die ebene Fläche und schritt im Dunkel auf der anderen Seite wieder am Ufer des Baches, der mir als Wegweiser diente, entlang. Er war mir ein lieber Gefährte, wie er so dahinplätscherte, wie der liebe, alte Forellenbach, in dem ich in meinen Knabenjahren zur Nachtzeit Fische gefangen hatte. Wenn ich seinem Lauf folgte, mußte ich zum See hinunterkommen, und wenn ich mich auf dem Rückwege an seiner Seite hielt, konnte ich unser Lager nicht verfehlen. Oft verlor ich ihn infolge des dichten Gestrüpps aus den Augen, ich blieb aber immer so weit in seiner Nähe, daß ich sein Geplätscher hören konnte.

Je weiter ich den Abhang hinunterstieg, desto mehr lichtete sich der Wald, und an seine Stelle trat Gebüsch, das nur hier und da von hohen Bäumen unterbrochen wurde. Ich kam infolgedessen schnell vorwärts und konnte sehen, ohne gesehen zu werden. Ich kam nahe bei dem Pterodactylus-Sumpf vorbei, und im selben Augenblick stieg auch bereits mit einem rauhen, lederartigen Rasseln der Flügel eines dieser großen Geschöpfe – es maß mindestens zwanzig Fuß mit ausgebreiteten Schwingen – in meiner Nähe auf und schwang sich in die Luft. Als es vor dem Monde vorüberflog, schimmerte dessen Licht deutlich durch die häutigen Flügel, so daß das Tier sich wie ein fliegendes Skelett gegen den hellen tropischen Nachthimmel abzeichnete. Ich kauerte mich im Gebüsch nieder, denn ich wußte von dem früheren Erlebnis her bereits, daß ein einziger Schrei eines solchen Tieres Hunderte seiner ekelhaften Genossen herbeirufen konnte. Erst als es sich wieder niedergelassen hatte, wagte ich es, meinen Weg fortzusetzen.

Die Nacht war außerordentlich ruhig. Im Vorwärtsschreiten bemerkte ich jedoch ein leises dröhnendes Geräusch, ein andauerndes Gemurmel, das von irgendeiner Stelle vor mir herrührte. Es wurde, je weiter ich vorrückte, immer lauter, bis es zuletzt ganz nahe vor mir war. Die Gleichförmigkeit des Geräusches ließ darauf schließen, daß ihm eine regelmäßig wirkende Ursache zugrunde lag. Es klang wie das Brodeln eines kochenden Kessels. Ich gelangte bald an die Quelle des Geräusches und fand in der Mitte einer kleinen Lichtung einen See – oder besser gesagt ein Wasserloch, denn es war nicht größer als das Bassin des Springbrunnens auf dem Trafalgar Square – von einer gewissen schwarzen, pechähnlichen Masse, dessen Oberfläche von platzenden Gasblasen auf- und abbewegt wurde. Die dunstige Luft über der brodelnden Fläche zitterte im Widerschein der glühenden Massen, und der Erdboden in meiner Nähe war so heiß, daß ich kaum die Hand darauf legen konnte. Es war klar, daß die vulkanischen Kräfte, die das ganze seltsame Plateau vor undenklichen Zeiten emporgehoben hatten, noch nicht ganz erloschen waren. Geschwärzte Felsen und Blöcke von Lava hatte ich bereits überall aus der üppigen Vegetation herausragen sehen, aber dieses Asphaltloch im Dschungel war das erste Anzeichen von der heute noch andauernden vulkanischen Tätigkeit an den Abhängen des alten Kraters. Ich hatte keine Zeit zu einer längeren Untersuchung, denn ich mußte mich beeilen, wenn ich noch bei Tagesanbruch im Lager zurück sein wollte.

Es war ein grauenvoller Marsch, an dessen Schrecken ich bis an mein Lebensende zurückdenken werde. Ich schlich mich in den Schatten am Rande der mondlichtübergossenen Lichtungen weiter. Im Dschungel kroch ich auf allen Vieren, mit klopfendem Herzen anhaltend, sobald ich, was öfters geschah, das Krachen von brechenden Zweigen, das von irgendeinem vorbeikommenden wilden Tiere veranlaßt wurde, vernahm. Hin und wieder tauchten große Schatten für einen Augenblick auf und verschwanden – große schweigende Schatten, die auf weichgepolsterten Füßen dahinzuschreiten schienen. Wie oft blieb ich mit der Absicht, umzukehren, stehen, und doch besiegte mein Stolz jedesmal meine Furcht und ließ mich weitergehen, bis ich mein Ziel erreicht hatte.

Schließlich (meine Uhr zeigte mir, daß es 1 Uhr morgens war) bemerkte ich durch eine offene Stelle im Dschungel das Aufblitzen einer Wasserfläche, und zehn Minuten später stand ich am Schilf des Zentralsees. Ich war außerordentlich durstig, legte mich nieder und trank mit langen Zügen von dem frischen und kalten Wasser. Ein breiter, ausgetretener Weg mit vielen Fußspuren führte zu der Stelle, an der ich stand, hinunter, woran man erkennen konnte, daß sich hier ein Trinkplatz für die Tiere befand. Dicht beim Wasser lag ein riesiger einzelner Lavablock. Ich stieg auf denselben hinauf und hatte, obenliegend, eine sehr gute Aussicht nach allen Richtungen.

Das erste, was ich sah, setzte mich in großes Erstaunen. Als ich die Aussicht von der Spitze des hohen Baumes beschrieb, sagte ich, daß ich an der gegenüberliegenden Felswand eine Reihe dunkler Stellen, die Höhleneingängen ähnelten, gesehen hatte. Von meinem Felsblock aus erblickte ich nunmehr an denselben Wänden überall rötliche, scharf umrissene Lichtflecke, die aussahen wie Bullaugen eines Dampfers in der Nacht. Einen Augenblick lang hielt ich sie für glühende Lava, aber das konnte nicht stimmen. Irgendeine vulkanische Tätigkeit würde sich tief unten und nicht dort oben zwischen den Felsen gezeigt haben. Was also war es? Es wirkte wie ein Zauber, aber es war unverkennbar da. Diese rötlichen Stellen bildeten sicherlich den Widerschein von Feuer innerhalb der Höhlen – Feuer, das lediglich durch menschliche Hände angezündet sein konnte. Es gab also menschliche Wesen auf dem Plateau. Welch glänzende Rechtfertigung meiner Unternehmung! Das war in der Tat eine Neuigkeit, die wir mit nach London nehmen konnten.

Lange beobachtete ich von meinem Lavablock aus diese roten zitternden Lichtstellen. Ich schätzte ihre Entfernung auf fünfzehn Kilometer, aber selbst auf diese Strecke konnte man noch bemerken, daß sie von Zeit zu Zeit blinkten oder ganz verdunkelt wurden, als ob jemand vor ihnen vorüberging. Was hätte ich nicht darum gegeben, dort hinaufklettern zu können, um einen verstohlenen Blick hineinzuwerfen und meinen Gefährten etwas über das Äußere und den Charakter der Menschenrasse, die einen so seltsamen Ort bewohnte, mitteilen zu können! Das war jedoch im Augenblick unmöglich, aber soviel war sicher, wir durften unser Plateau nicht verlassen, bis wir über diesen Punkt eine genauere Kenntnis erworben hatten.

Der Gladys-See – mein See – breitete seine silberne Oberfläche vor mir aus. In seiner Mitte spiegelte sich das helle Licht des Vollmondes. Er war nur flach, denn an einigen Stellen sah ich niedrige Sandbänke aus dem Wasser herausragen, überall auf der ruhigen Oberfläche bemerkte ich Zeichen von Leben. Zuweilen kräuselte sich nur das Wasser, zuweilen tauchte der silbrige Körper eines großen Fisches auf, zuweilen der gebogene, schieferfarbige Rücken irgendeines vorbeischwimmenden Ungetüms. Einmal sah ich auf einer gelben Sandbank ein Geschöpf wie einen riesigen Schwan mit einem schwerfälligen Körper und einem hohen, gebogenen Hals, das sich langsam auf dem Ufer hin und her bewegte. Jetzt glitt es ins Wasser, und eine Zeitlang konnte ich noch den gebogenen Nacken und den ruckartig bewegten Kopf über der Flut beobachten. Dann tauchte es unter und wurde nicht mehr sichtbar.

Meine Aufmerksamkeit wurde aber bald von diesen entfernteren Dingen abgelenkt und von Vorgängen in Anspruch genommen, die sich vor meinen Füßen abspielten. Zwei Geschöpfe, die wie große Gürteltiere aussahen, waren zum Trinkplatz heruntergekommen, kauerten am Rande des Wassers und stillten leckend ihren Durst, wobei sie ihre langen, biegsamen Zungen wie rote Fetzen blitzschnell hin- und herbewegten. Ein riesenhafter Hirsch mit stattlichem Geweih, ein prachtvolles Tier in königlicher Haltung, kam mit der Hirschkuh und zwei Jungen und trank neben den Gürteltieren. Nirgends sonst auf der Erde existiert ein solcher Hirsch, denn die Elche, die ich gesehen habe, reichten ihm kaum bis zur Schulter. Bald darauf gab er ein Warnungszeichen und verschwand mit seiner Familie im Schilf, während gleichzeitig die Gürteltiere hinwegtrotteten, um Schutz zu suchen. Ein neuer Ankömmling, ein ungeheures tierisches Wesen, schritt den Weg zum See hinunter. Einen Augenblick fragte ich mich, wo ich dieses plumpe Geschöpf, diesen gebogenen Rücken, auf dem dreieckige Fransen entlangliefen, und diesen seltsamen, vogelähnlichen und tief gesenkten Kopf schon gesehen hatte. Dann fiel es mir ein. Es war der Stegosaurus – dasselbe Geschöpf, das Maple White in seinem Skizzenbuch festgehalten, und das erste Objekt, das die Aufmerksamkeit Challengers gefesselt hatte. Da war es also – vielleicht dasselbe Exemplar, das dem amerikanischen Künstler begegnet war. Der Erdboden zitterte unter seinem ungeheuren Gewicht, und seine Schlucklaute beim Trinken widerhallten durch die stille Nacht. Fünf Minuten lang war es so nahe bei meinem Lavablock, daß ich mit ausgestreckter Hand die ekelhaften, hin- und herwogenden Fleischfetzen auf seinem Rücken hätte berühren können. Dann humpelte es hinweg und verlor sich zwischen den Felsblöcken.

Ein Blick auf die Uhr ließ mich erkennen, daß es bereits ½2 Uhr und infolgedessen hohe Zeit war, heimzukehren. Hinsichtlich der Richtung meines Rückweges bestand keine Schwierigkeit, denn ich hatte mich beständig an dem rechten Ufer des Baches gehalten, der einen Steinwurf von meinem Liegeplatz entfernt in den See mündete. Ich machte mich also in gehobener Stimmung auf den Weg, denn ich hatte das Gefühl, eine gute Leistung hinter mir zu haben, und war in der Lage, meinen Gefährten außerordentlich wertvolle Nachrichten bringen zu können. Das Wichtigste von allem waren natürlich die erleuchteten Höhlen und die Gewißheit, daß diese von einer Rasse von Troglodyten bewohnt wurden, und daneben konnte ich berichten von meinen Erlebnissen am Zentralsee. Ich konnte bezeugen, daß er von seltsamen Geschöpfen wimmelte, und hatte verschiedene Landformen urzeitlicher Lebewesen gesehen, denen wir bisher noch nicht begegnet waren. Auf meinem Wege dachte ich darüber nach, daß wohl wenig Menschen auf der Welt jemals eine so seltsame Nacht zugebracht oder die Wissenschaft im Laufe einer solchen so bereichert hätten.

Mit diesem Gedanken beschäftigt, stieg ich den Abhang hinauf und hatte einen Punkt erreicht, der vielleicht die Hälfte meines Weges bezeichnete, als ich durch ein seltsames Geräusch hinter mir plötzlich wieder zum Bewußtsein meiner Lage gebracht wurde. Es war ein Mittelding zwischen Schnarchen und Knurren, leise, tief und außerordentlich drohend. Offenbar befand sich irgendein seltsames Wesen in meiner Nähe, aber es war nicht zu sehen, und so setzte ich meinen Weg in beschleunigter Eile fort. Ich hatte etwa eine halbe Meile zurückgelegt, als das Geräusch sich wiederholte. Noch immer hinter mir, aber lauter und drohender als vorher. Mein Herz stand still, und mir schoß der Gedanke durch den Kopf, daß diese Bestie, welcher Art sie auch immer sein mochte, mich verfolgte. Es überlief mich kalt, und die Haare sträubten sich bei diesem Gedanken. Daß diese Ungetüme sich gegenseitig zerrissen, gehörte nun einmal zu ihrem Kampf ums Dasein, aber daß sie sich gegen einen heutigen Menschen richteten, daß sie mit Überlegung den Herrn der Schöpfung verfolgten und vernichteten, war ein schwindelerregender Gedanke. Wieder fiel mir das bluttriefende Maul ein, das ich beim Lichte von Lord Johns Fackel gesehen hatte und das mir wie eine schreckliche Vision aus dem tiefsten Kreise von Dantes Hölle erschienen war. Ich blieb mit zitternden Knien stehen und blickte starren Auges den vom Mondlicht beschienenen Fußweg hinter mir hinunter. Alles war ruhig wie in einer Traumlandschaft. Silberne Lichtungen und dunkle, buschbewachsene Stellen – nichts weiter war zu sehen. Und dann ertönte aus dem Schweigen aufs neue das drohende und aus tiefer Kehle kommende Krächzen, viel lauter und näher als vorher. Jetzt war kein Zweifel mehr, da war etwas auf meiner Spur, das in jeder Minute näher kam.

Ich war wie gelähmt und suchte mit den Augen die Fläche ab, die ich soeben überschritten hatte. Und dann sah ich es plötzlich. Da bewegte sich etwas in dem Gebüsch jenseits der Lichtung, über die mein Weg geführt hatte. Ein großer schwarzer Schatten löste sich los und hüpfte in die vom hellen Mondlicht übergossene Lichtung. Ich sage absichtlich »hüpfte«, denn die Bestie bewegte sich wie ein Känguruh in langen Sprüngen und in aufrechter Haltung auf seinen mächtigen Hinterbeinen vorwärts, während die herabgebogenen Vorderfuße vor den Körper gehalten wurden. Es war von riesenhafter Größe und Stärke, wie ein aufrechtgehender Elefant. Aber seine Bewegungen waren trotz seiner plumpen Form außerordentlich gewandt. Als ich sein Äußeres erkannte, glaubte ich für einen Augenblick, es wäre ein Iguanodon, das ich als harmlos kannte. Aber trotz meiner Unwissenheit merkte ich bald, daß es sich hier um ein ganz anders geartetes Geschöpf handelte. Statt des sanften, hirschartigen Kopfes der großen dreizehigen Pflanzenfresser hatte diese Bestie einen breiten, flachen, krötenartigen Kopf wie jenes Wesen, das uns beim Lager einen nächtlichen Besuch abgestattet hatte. Ihr wildes Gekrächze und die erschreckende Energie, mit der sie mich verfolgte, ließen keinen Zweifel darüber, daß es eines der großen fleischfressenden Dinosaurier war, eine jener fürchterlichsten Bestien, die jemals über die Erde geschritten sind. Ich sah, wie das Riesentier sich hin und wieder auf die Vorderfüße niederließ und den Boden beschnupperte. Es suchte also meine Spur. Dann erhob es sich wieder und setzte in wilden Sprüngen hinter mir her.

Noch jetzt läuft mir, wenn ich an diese furchtbare Nachtszene zurückdenke, der kalte Schweiß über die Stirn. Was konnte ich tun? Ich hielt meine nutzlose Vogelflinte in der Hand, aber von ihr konnte ich keine Hilfe erwarten. Ich blickte verzweifelt umher, ob ich einen Baum oder Felsen erklimmen könnte, aber ich befand mich inmitten eines ausgedehnten Gestrüpps, das, soweit ich sehen konnte, nicht höher war als ein Schößling. Und ich wußte, daß die Bestie hinter mir sogar einen stattlichen Baum umreißen konnte wie ein Schilfrohr. Meine einzige Hoffnung lag in der Flucht. Es war nicht möglich, auf dem rauhen, unebenen Boden schnell zu laufen. Aber in meiner Verzweiflung bemerkte ich einen quer vor mir vorüberlaufenden, gut ausgetretenen Pfad. Das war einer der von den wilden Tieren benutzten Wege, die wir schon einige Male während unseres Aufenthalts gesehen hatten. Das konnte vielleicht meine Rettung sein, denn ich war ein guter Läufer und in ausgezeichneter Verfassung. Meine nutzlose Flinte wegwerfend, rannte ich etwa eine halbe Meile, wie ich niemals in meinem Leben gerannt bin. Meine Gelenke knackten, meine Brust hob sich, und ich hatte das Gefühl, daß der keuchende Atem mir fast die Lungen zerriß, und doch lief ich, gepeitscht von dem Schrecken hinter mir, immer weiter und weiter. Als ich schließlich meinen Lauf unterbrach, war ich kaum noch fähig, mich zu bewegen. Einen Augenblick dachte ich, ich hätte das Tier hinter mir gelassen. Auf dem Weg war nichts mehr zu sehen. Aber dann vernahm ich plötzlich das Aufschlagen riesiger Füße und das Keuchen gewaltiger Lungen und, mit einem krachenden Geräusch durch das Gebüsch brechend, war die Bestie wieder hinter mir her. Ganz nahe bei mir. Ich war verloren.

Welch ein Wahnsinn von mir, daß ich so lange gezögert hatte, bevor ich die Flucht ergriff! Bis dahin war mir das Tier nur mit Hilfe des Geruchssinns, und daher nur langsam, gefolgt. Aber im Augenblick, als ich zu laufen anfing, hatte es mich gesehen und konnte mich nunmehr mit den Augen verfolgen, denn der Weg zeigte ihm die Richtung, in der ich davongelaufen war. Und jetzt kam es mit großen Sprüngen um die Ecke. Seine vorstehenden Augen leuchteten im Mondlicht, ich erkannte eine Reihe riesenhafter Zähne in seinem offenen Maul und die furchtbaren Klauen an seinen kurzen, mächtigen Vorderfüßen. Mit einem Schreckensschrei drehte ich mich um und stürzte wie rasend den Weg entlang. Immer lauter vernahm ich hinter mir die pfeifenden Atemzüge des Ungetüms. Dann fühlte ich das schwere Aufschlagen seiner Füße neben mir, jeden Augenblick erwartete ich, daß es mich im Rücken packen würde. Und dann gab es plötzlich einen Krach, ich stürzte durch einen leeren Raum, und alles um mich her war dunkel und ruhig.

Als ich aus meiner Bewußtlosigkeit, die, wie ich glaube, nur wenige Minuten gedauert hatte, erwachte, spürte ich einen durchdringenden, abscheulichen Geruch. Ich streckte meine Hand in der Dunkelheit aus und stieß auf etwas, das sich wie ein großer Fleischklumpen anfühlte, während ich mit der anderen Hand einen riesigen Knochen erfaßte. Über mir erblickte ich ein kreisförmiges Stück des sternbedeckten Himmels, woran ich erkannte, daß ich am Boden eines tiefen Erdloches lag. Ich erhob mich langsam auf die Füße und befühlte meinen ganzen Körper. Meine Glieder waren steif, und ich fühlte vom Kopf bis zum Nacken überall Schmerzen. Aber ich hatte nichts gebrochen, und alle Gelenke waren beweglich. Ale dann die näheren Umstände meines Falles wieder in meinem verwirrten Gehirn auftauchten, blickte ich voll Schrecken nach oben in Erwartung, dort den fürchterlichen Kopf des Tieres sich als Silhouette gegen den Himmel abzeichnen zu sehen. Indessen war von dem Ungetüm weder etwas zu sehen noch zu hören. Ich ging daher langsam in dem Erdloch herum und befühlte die Wände, um mir über den Charakter des Erdloches, in das ich gerade im richtigen Augenblick hineingestürzt war, klar zu werden. Es war, wie ich bereits sagte, ein Loch mit steil abfallenden Wänden, dessen Boden etwa zwanzig Fuß im Durchmesser hatte. Dieser Boden war mit großen Fleischstücken besät, von denen die meisten bereits im letzten Zustand der Verwesung waren. Die Luft war völlig verpestet. Über die verfaulenden Fleischklumpen hinwegstolpernd, stieß ich plötzlich gegen etwas Hartes, und ich konnte erkennen, daß es ein aufrechtstehender, in der Mitte des Erdloches befestigter Pfahl war. Er war so hoch, daß ich seine Spitze nicht mit der Hand erreichen konnte, und er schien völlig mit Fett beschmiert zu sein. Plötzlich erinnerte ich mich, daß ich eine Schachtel mit Wachsstreichhölzern in der Tasche hatte. Ich entzündete eines derselben und war nunmehr in der Lage, mir ein Urteil über das Erdloch zu bilden. Über seine Natur konnte kein Zweifel mehr bestehen. Es war eine Falle, die von menschlichen Händen hergerichtet war. Der Pfahl in der Mitte hatte eine Länge von neun Fuß, war am oberen Ende zugespitzt und schwarz vom erstarrten Blut der Tiere, die von ihm aufgespießt waren. Die herumliegenden Überreste rührten von den Opfern her, die zerschnitten waren, um den Pfahl für das nächste hereinstürzende Tier frei zu machen. Ich erinnerte mich einer Behauptung Challengers, daß Menschen auf diesem Plateau nicht existieren könnten, da ihre schwachen Waffen sie nicht gegen die umherstreifenden Ungeheuer schützen könnten. Aber hier zeigte es sich klar, daß es doch möglich war. In ihren Höhlen mit den engen Eingängen besaßen die Eingeborenen, welcher Natur sie auch sein mochten, einen Zufluchtsort, in den die riesigen Saurier nicht eindringen konnten, während sie mit ihrem entwickelten Gehirn in der Lage waren, auf den von den Tieren ausgetretenen Wegen mit Zweigen überdeckte Fallen auszugraben, um sie trotz ihrer Größe und Stärke zu vernichten. Der Mensch war immer der Herr der Schöpfung.

Es war für einen gewandten Menschen nicht schwierig, die geneigten Wälle des Erdloches zu erklettern. Aber ich zögerte lange, bevor ich mich in die Reichweite des furchtbaren Tieres, das mich fast vernichtet hätte, brachte. Ich konnte nicht wissen, ob es nicht im nahen Gebüsch auf der Lauer lag, um mein Wiederauftauchen abzuwarten. Doch faßte ich mir ein Herz, als mir eine Unterhaltung zwischen Challenger und Summerlee über die Gewohnheiten der Saurier einfiel. Beide stimmten darin überein, daß diese Ungeheuer ein sehr gering entwickeltes Gehirn hatten und daß es in ihren kleinen Gehirnschalen kaum die Möglichkeit verstandesmäßiger Überlegung gab, so daß ihr Verschwinden in der übrigen Welt sicherlich auf ihre eigene Beschränktheit, die es ihnen unmöglich machte, sich veränderten Bedingungen anzupassen, zurückzuführen war.

Ein Auflauern würde also bedeutet haben, das Tier hätte beurteilen können, was mir zugestoßen war, – und das hätte die Fähigkeit, Ursache und Wirkung zu verknüpfen, vorausgesetzt. War es nicht viel wahrscheinlicher, daß ein gehirnloses Geschöpf, das lediglich räuberischen Instinkten folgt, die Jagd, sobald ich verschwand, aufgab und nach einer Pause des Erstaunens weitergehen und sich auf die Suche nach anderer Beute begeben würde? Ich kletterte bis an den Rand des Erdloches empor und blickte hinüber. Die Sterne verblaßten, der Himmel wurde bereits hell, und der kalte Morgenwind blies mir angenehm ins Gesicht. Von meinem Feinde war nichts zu hören und zu sehen. Langsam stieg ich heraus und setzte mich eine Weile auf den Erdboden, bereit, in meinen Zufluchtsort zurückzuspringen, sobald irgend eine Gefahr auftauchen sollte. Dann aber, beruhigt durch die absolute Stille und den dämmernden Morgen, riß ich mich zusammen und schlich mich auf dem Wege zurück, den ich gekommen war. Unterwegs nahm ich meine Flinte wieder an mich und gelangte kurz darauf wieder an den Bach, dessen Führung ich mich wieder anvertraute. Und so machte ich mich, nicht ohne furchtsame Blicke zurückzuwerfen, auf den Heimweg.

Plötzlich geschah etwas, was mich an meine abwesenden Gefährten erinnerte. In der klaren ruhigen Morgenluft ertönte in weiter Entfernung der helle, scharfe Knall eines Gewehrschusses. Ich blieb stehen und horchte, aber ich vernahm nichts weiter. Einen Augenblick erschreckte mich der Gedanke, daß eine plötzliche Gefahr über sie gekommen sei. Aber dann fiel mir eine einfachere und natürliche Erklärung ein. Es war jetzt helles Tageslicht und kein Zweifel darüber, daß sie meine Abwesenheit bemerkt hatten. Sicherlich hatten sie sich gedacht, daß ich mich in den Wäldern verirrt hätte, und einen Schuß abgegeben, der mir die Richtung, in der sich das Lager befand, angeben sollte. Wir hatten zwar die feste Vereinbarung getroffen, nicht zu schießen, da sie mich aber in Gefahr wähnten, hatten sie sicherlich nicht gezögert, es zu tun. Ich mußte mich also aufs äußerste beeilen, um ihnen ihre Befürchtungen zu nehmen.

Ich war so müde und abgespannt, daß ich nicht so schnell vorankam, als ich es gewünscht hätte. Zuletzt gelangte ich jedoch in Gegenden, die mir bekannt waren. Da war links von mir der Pterodactylus-Sumpf und vor mir die Iguanodon -Lichtung, und jetzt gelangte ich zu dem letzten Baumgürtel, der mich vom Fort Challenger trennte. Ich stieß einen fröhlichen Schrei aus, um meine Gefährten zu beruhigen, erhielt jedoch keine Antwort. Die verdächtige Ruhe ließ mir das Blut in den Adern erstarren, und ich fing an zu laufen. Das Lager tauchte vor mir auf, genau in dem Zustande, wie ich es verlassen hatte, nur der Eingang war offen. Ich stürzte hinein. In dem kalten Morgenlicht bot sich mir ein furchtbarer Anblick. Unsere Vorräte lagen in wilder Unordnung auf dem Boden verstreut umher, meine Gefährten waren verschwunden, und in der Nähe der glimmenden Asche unseres Feuers zeigte sich eine rote Blutlache.

Ich war so erschüttert von diesem plötzlichen Schreck, daß sich meine Gedanken für einige Zeit verwirrten. Mein Gedächtnis hat, etwa wie man sich eines schlechten Traumes erinnert, nur Bruchstücke davon bewahrt, daß ich rings umher durch die Wälder gerast bin und aufgeregt nach meinen Gefährten gerufen habe. Keine Antwort tönte aus dem schweigenden Dunkel zu mir herüber. Der furchtbare Gedanke, daß ich sie niemals wiedersehen und einsam an diesem schaudervollen Ort zurückbleiben würde, ohne die Möglichkeit, in die Welt zurückkehren zu können, und daß ich in diesem schrecklichen Lande sterben müsse, brachte mich zur Verzweiflung. Ich hätte mir die Haare ausreißen und den Kopf mit Fäusten bearbeiten können. Erst jetzt begriff ich, wie sehr ich bisher von meinen Gefährten abhängig gewesen war, von der heiteren Selbstsicherheit Challengers und der dominierenden und humorvollen Kaltblütigkeit Lord Roxtons. Ohne sie war ich wie ein hilfloses Kind in der Dunkelheit. Ich wußte nicht mehr, wohin ich meine Schritte lenken und was ich tun sollte. Nach einer gewissen Zeit, die ich in Betäubung dagesessen hatte, entschloß ich mich, einen Versuch zu machen, das plötzliche Mißgeschick, das meinen Gefährten zugestoßen sein mußte, aufzuklären. Der wüste Zustand des Lagers zeigte, daß ein Angriff stattgefunden hatte, und der Gewehrschuß war sicherlich aus diesem Anlaß gefallen. Daß nur ein Schuß gefallen war, schien zu beweisen, daß der Kampf in einem Augenblick entschieden war. Die Gewehre lagen noch am Boden, und eines derselben – Lord Johns – hatte eine leere Patronenhülse im Magazin. Challengers und Summerlees Decken neben dem Feuer ließen vermuten, daß die beiden gerade geschlafen hatten. Die Kisten mit Munition und Nahrungsmitteln lagen in größter Unordnung umher, dazwischen die photographischen Apparate und Plattenbehälter. Aber keine von ihnen fehlte. Andererseits waren die unverpackten Lebensmittel – und es waren, soweit ich mich erinnerte, eine beträchtliche Menge – verschwunden. Es handelte sich also um Tiere und nicht um Eingeborene, die ins Lager eingedrungen waren, denn die letzteren hätten sicherlich alles mitgenommen.

Wenn es aber Tiere gewesen waren oder ein einzelnes furchtbares Geschöpf, was war dann aus meinen Gefährten geworden? Eine wilde Bestie hätte sie sicherlich getötet und Überreste von ihnen zurückgelassen. Sicherlich sprach die Blutlache von brutaler Gewalt. Ein Ungetüm, wie es mich während der Nacht verfolgt hatte, hätte ein Opfer leicht hinwegschleppen können wie eine Katze eine Maus. In diesem Falle würden die anderen die Verfolgung aufgenommen haben. Aber dann hätten sie zweifellos ihre Gewehre mitgenommen. Je länger ich mit meinem verwirrten und müden Gehirn über den Vorfall nachdachte, je weniger war ich imstande, eine zutreffende Erklärung zu finden. Ich suchte den Wald rund umher ab, konnte aber keine Spuren, aus denen ich etwas hätte schließen können, entdecken. Einmal verirrte ich mich und verdankte es nur einem Zufall, daß ich nach einer Stunde Umherwanderns wieder zum Lager zurückfand.

Plötzlich kam mir ein Gedanke, der mein Herz etwas erleichterte. Ich war nicht völlig allein in der Welt. Unten, am Grunde der Felswand und in Rufweite von mir, saß wartend der treue Zambo. Ich eilte zum Rande des Plateaus und blickte hinunter. Und richtig hockte er dort unten, in seine Decken gehüllt, neben dem Feuer in seinem kleinen Lager. Aber zu meinem Erstaunen saß dort noch ein zweiter Mann bei ihm. Einen Augenblick lang hüpfte mein Herz vor Freude, denn ich dachte, daß es einem meiner Gefährten gelungen war, sich sicher nach unten zu retten. Aber ein zweiter Blick zerstörte diese Hoffnung. Die aufsteigende Sonne ließ mich an der Farbe des Mannes erkennen, daß es ein Indianer war. Ich stieß einen lauten Schrei aus und winkte mit dem Taschentuch. Sofort blickte Zambo zu mir hinauf, winkte mit der Hand und beeilte sich, die Felsspitze zu erklimmen. Kurz darauf stand er oben und hörte mit tiefer Trauer alles an, was ich ihm erzählte.

»Sicher Teufel hat alle geholt, Massa Malone. Sie sind in Teufels Land gegangen, Herr, und er holt sie alle. Müssen Rat annehmen, Massa Malone, und schnell herunterkommen. Sonst Ihr auch geholt werden.«

»Wie kann ich herunterkommen, Zambo?«

»Schlingpflanzen von Bäumen nehmen, Massa Malone. Werfen sie hier herüber. Ich werde festmachen hier an Baumstumpf, und dann Sie haben Brücke.«

»Wir haben schon daran gedacht, aber es gibt hier keine Schlingpflanzen, die uns tragen könnten.«

»Jemand schicken Taue zu holen, Massa Malone.«

»Wen kann ich schicken, und wohin?«

»Schicke in Indianerdörfer, Herr. Viel Lederriemen in Indianerdorf. Indianer dort unten schicken.«

»Wer ist das?«

»Einer von unseren Indianern, die anderen haben geschlagen ihn und Geld weggenommen. Kommt zu uns zurück. Will jetzt Brief wegtragen. Bringt Taue zurück, irgend etwas.«

Einen Brief mitnehmen! Warum nicht? Vielleicht kann er Hilfe bringen. Jedenfalls würde uns hierdurch Sicherheit gegeben werden, daß wir nicht umsonst gelebt hatten und daß Nachrichten von all dem, was wir für die Wissenschaft hatten tun können, unsere Freunde in der Heimat erreichten. Ich hatte bereits zwei fertige Briefe liegen. Ich würde den Tag dazu verwenden, einen dritten zu schreiben, der meine letzten Erlebnisse schildern sollte. Der Indianer konnte sie dann der Welt überbringen. Ich gab Zambo daher den Befehl, am Abend wieder heraufzukommen, und verbrachte einen traurigen und einsamen Tag mit der Niederschrift meiner Abenteuer während der letzten Nacht. Ich setzte außerdem einen Bericht auf, der irgendeinem weißen Kaufmann oder Kapitän eines Dampfers von dem Indianer übergeben werden sollte, in dem ich den Empfänger anflehte, uns Taue schicken zu lassen, da unser Leben davon abhängig sei. Diese Schriftstücke warf ich abends Zambo hinüber und ebenso meine Börse, die drei Goldstücke enthielt. Diese sollte er dem Indianer geben und ihm das Doppelte versprechen für den Fall, daß er mit Tauen zurückkehren würde.

So, mein lieber Herr McArdle, jetzt wissen Sie, auf welchem Wege diese Mitteilung Sie erreicht, und Sie wissen außerdem die Wahrheit für den Fall, daß Sie niemals etwas von Ihrem unglücklichen Berichterstatter wieder hören werden. Heute abend bin ich zu müde und zu niedergeschlagen, um irgendwelche Pläne zu machen. Morgen werde ich Mittel und Wege ersinnen müssen, die mir gestatten, Fühlung mit dem Lager zu behalten und doch Nachforschungen nach meinen unglücklichen Freunden anstellen zu können.

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