Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Scott >

Die Verlobten - Zweiter Band

Walter Scott: Die Verlobten - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDie Verlobten ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 34
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070524
projectid0203c15a
Schließen

Navigation:

Erstes Kapitel.

Der Tag der Verlobung nahte nun heran, und es schien, daß weder ihr Stand noch ihre bisherige Lebensweise die Aebtissin davon abhalten konnten, das große Sprechzimmer des Klosters zu dieser Feierlichkeit zu erwählen, obwohl sie natürlich viele männliche Gäste in diesen jungfräulichen Bezirk einführen mußte, ja die Feierlichkeit an sich selbst einem Stande zustrebte, dem die Klosterdamen auf immer entsagt hatten. Der Aebtissin normännischer Stolz auf ihre Geburt und der wahre Anteil, den sie an der Standeserhöhung ihrer Nichte nahm, überwanden aber alle Bedenklichkeiten. Man konnte jetzt die hochwürdige Mutter bei ganz ungewohnten Beschäftigungen erblicken, z. B. wie sie dem Gärtner Befehle erteilte, das Zimmer mit Blumen auszuschmücken, oder der Kellermeisterin, der Vorlegerin und der Laienschwester in der Küche, ein glänzendes Mahl zuzubereiten; doch mischten sich in ihre Befehle über diese weltlichen Dinge gelegentlich Bemerkungen über deren Eitelkeit und Nichtsnutzigkeit; und dann und wann verwandelte sich die sorgenvoll geschäftige Miene, mit der sie diese Vorbereitungen betrachtete, in einen feierlichen Aufblick zum Himmel, wie wenn sie über den eitlen Erdenprunk, mit dessen Veranstaltung sie sich so viel Unruhe schuf, aus tiefstem Herzen seufzen müßte. Zu anderer Zeit wiederum konnte man die würdige Dame in eifriger Beratung mit dem Pater Aldroband finden über das bürgerliche, sowohl wie religiöse Zeremoniell, das bei einem für ihre Familie so wichtigen Feste beobachtet werden mußte.

Nichtsdestoweniger hielt sie die Zügel der klösterlichen Zucht nach wie vor straff. Der äußere Hof des Klosters war wohl für diese Zeit dem männlichen Geschlecht geöffnet; aber die jüngern Schwestern und Novizen wurden sorgfältig in die inneren Gemächer des weitläufigen Gebäudes verwiesen, wo sie der Kontrolle einer alten mürrischen Nonne, die Novizenmeisterin genannt, unterstellt waren. Dort war es ihnen nicht vergönnt, sich an dem Anblick wallender Federn oder rauschender Mäntel zu weiden, und nur wenige Schwestern von gleichem Alter mit der Aebtissin waren in Freiheit gelassen, weil sie, um mit dem Ladenkaufmann zu reden, eben nur »Ware« waren, der die Luft keinen Schaden zufügte, und die deshalb unbedeckt auf der Ladentafel liegen bleiben könne. Diese Damen »vom alten Register« stellten sich wohl sehr gleichgiltig, waren aber im Grunde recht neugierig und suchten sich insgeheim über Namen, Kleidung und Putz alle nur mögliche Auskunft zu verschaffen, ohne den Anschein wecken zu wollen, als hätten sie irgendwelches Interesse an derlei Nichtigkeiten.

Eine starke Schar von Lanzenträgern bewachte das Kloster und ließ in die heiligen Mauern nur die wenigen Leute mit ihrem Gefolge hinein, die bei der Feierlichkeit gegenwärtig sein sollten. Während man die erstern unter Beobachtung aller Formalitäten in die zu diesem Zweck dekorierten Gemächer führte, erhielt ihr Gefolge, das in dem äußern Hofe zurückbleiben mußte, die kräftigsten Erfrischungen und erfreute sich dabei noch des besonderen Genusses – der ja der dienenden Klasse so überaus angenehm ist – ihre Gebieter und Gebieterinnen auf dem Gange nach ihren Zimmern zu betrachten und zu bekritteln.

Unter den Dienern, die sich hiermit die Zeit vertrieben, war auch der alte Raoul mit seiner munteren Ehehälfte – er fröhlich und sich brüstend in einem neuen Rock von grünem Sammt – sie anmutig und schmuck in einem Mieder von gelber Seide, mit Grauwerk besetzt, das nicht wenig gekostet hatte – beide betrachteten gleich aufmerksam das fröhliche Schauspiel. Im heftigsten Kriege gibt es von Zeit zu Zeit Waffenstillstand, in der rauhesten und ungestümsten Witterung Stunden von Wärme und Ruhe; so war es auch mit dem Ehestandshimmel dieses liebenswürdigen Paares, der gewöhnlich bewölkt war und nun sich auf eine kurze Zeit aufgeheitert hatte. In dem Glanze ihres neuen Anzuges, bei der Fröhlichkeit des Schauspiels um sie her, vielleicht auch nach dem Genuß eines Bechers Muskatwein, den Raoul hinuntergeschüttet, und eines Bechers Hippokras, den seine Frau genippt hatte, erschienen sie sich gegenseitig viel liebenswürdiger, als es sonst der Fall zu sein pflegte. Ein guter Schluck, ein leckerer Bissen sind in solchen Fällen das, was das Oel in einem rostigen Stoffe ist: ein Mittel, die Federn und Riegel glatt zu machen, die sonst entweder ganz und gar nicht ineinandergreifen oder durch Pfeifen und Knarren ihren Widerwillen, sich vereint zu bewegen, ausdrücken. Das Pärchen hatte sich in eine Art von Nische gedrückt, die, drei oder vier Stufen von der Erde hoch, eine kleine steinerne Bank enthielt, von wo herab ihre neugierigen Augen mit aller Gemächlichkeit jeden eintretenden Gast mustern konnten.

Auf diesem Platze und in diesem Augenblick ihrer vorübergehenden Eintracht, stellte Raoul mit seinem frostigen Gesicht nicht ungeschickt den Januar oder, wie man hierzulande sagt, den Jänner vor, den rauhen Vater des Jahres, und wenn auch bei Gillian die Zarte Blüte des jugendlichen Mai vorüber war, so machte doch das schmelzende Feuer eines großen schwarzen Auges, die kräftige Glut der vollen roten Wange sie zu einem lebendigen Bilde des fruchtreichen, fröhlichen August. Dame Gillian pflegte sich dessen zu rühmen, daß sie jedermann von Ramyond Berenger an bis zu Robin, dem Stalljungen, mit ihrem Plaudern gefalle; wie nun eine gute Hausfrau, um ihre Hand in Uebung zu erhalten, sich zuweilen herabläßt, selbst eine Schüssel für den lieben Mann zuzubereiten, so fand sie es jetzt für gut, ihre Macht, zu gefallen, an dem alten Raoul auszuüben, und gar schön gelang es ihr, durch ihre treffenden, lustigen und satirischen Ausfälle nicht allein seinen etwas zynischen Murrsinn gegen alle Menschen, sondern auch sein besonders eigentümliches und abstoßendes Wesen gegen seine Gattin zu überwinden. Ihre Scherze, die ja auch danach waren, und die Koketterie, mit der sie sie vorbrachte, hatten eine solche Wirkung auf diesen Timon der Wälder, daß er seine zynische Nase rümpfte, seine wenigen, einzeln stehenden Zähne zeigte wie ein Kettenhund, der beißen will, und in ein so bellendes Gelächter ausbrach, daß man glaubte, einen seiner Hunde zu hören. Doch er hielt plötzlich inne, als wenn er sich erinnerte, daß er aus seiner Rolle falle; ja ehe er noch seine barsche Ernsthaftigkeit wieder annahm, warf er noch einen solchen Blick auf Gillian, daß seine Nußknackerkinnlade, seine gekniffenen Augen und seine zusammengezogene Nase keine geringe Aehnlichkeit mit einer jener phantastischen Fratzen hatten, wie sie das obere Ende einer alten Baßgeige zieren.

»Ist das nicht besser, als Euer liebendes Weib die Peitsche fühlen zu lassen, als gehörte sie zu Eurem Hundestall?« sagte August zu Jänner.

»Wohl ist es das,« antwortete Jänner in einem eiskalten Tone, »aber so ist es auch besser, als wenn sie sich solche hundsmäßigen Streiche herausnimmt, die eben bloß mit der Peitsche bestraft werden können.«

»Hem!« sagte Gillian in einem Tone, als dächte sie, ihres Mannes Bemerkung lasse sich leicht bestreiten, doch plötzlich den Ton zärtlicher Klage anschlagend, fuhr sie fort: »Ach, Raoul, erinnert Ihr Euch wohl, wie Ihr mich einmal schlugt, weil unser verstorbener Herr – Unsere Frau sei seiner Seele gnädig! – meine karmoisinrote Brustschleife für eine Päonie ansah,« – »Ja, ja,« sagte der Jäger. »Ich erinnere mich wohl, unser guter, alter Herr tat zuweilen solche Mißgriffe.« – Aber wie konntest Du nur, teuerster Raoul, das Weib Deines Herzens so lange ohne Mieder lassen?« sagte seine Ehehälfte. – »Wie Du hast ja eins von unserer jungen Lady erhalten, das eine Gräfin tragen könnte?« sagte Raoul. »Wie viele Mieder willst Du denn haben? Nun gut! es ist hart, daß ein Mann nicht ein einzigesmal bei guter Laune sein kann, ohne gleich dafür zahlen zu müssen. Doch Du sollst ein neues Mieder zu Michaelis haben, wenn ich die Wildbeute dieses Jahres verkaufe. Schon das Gehörn soll heuer ein gutes Stück Geld einbringen.« – »Ja, ja,« sagte Gillian, »auf einem guten Markt sind die Hörner immer soviel wert wie die Haut.«

Raoul drehte sich schnell herum, als hätte ihn eine Wespe gestochen. Man weiß nicht, was seine Antwort auf diese scheinbar unschuldige Bemerkung gewesen wäre, wenn nicht in eben dem Augenblick ein stattlicher Reiter in den Hof gesprengt wäre, der abstieg und sein Pferd einem Stallmeister übergab. Sein Anzug blitzte von Stickerei. –

»Beim heiligen Hubert! ein seiner Reiter und ein Pferd für einen Grafen,« rief Raoul, »und Mylord Connetables Livree obendrein – doch kenn' ich den stattlichen Herrn nicht.« – »Aber ich kenne ihn,« sagte Gillian, »es ist Randal de Lach, des Connetables Verwandter, und ein so braver Herr, als je einer dieses Namens.« – »O, bei St. Hubert! von dem habe ich gehört. – Die Leute sagen, er ist ein lustiger Bruder, ein Raufbold und Verschwender.« – »Die Männer lügen dann und wann,« sagte Gillian trocken.

»Und die Weiber auch,« erwiderte Raoul – »aber mir kam es so vor, als winkte er Dir eben zu.« – »Dein rechtes Auge sah nie mehr richtig, seit unser guter Herr – die heilige Maria schenk ihm die ewige Ruhe! – Dir einen Becher Wein ins Gesicht warf, weil Du zu kühn in sein Nebenzimmer drangst.«

»Mich nimmt's doch Wunder,« sagte Raoul, als ob er sie nicht hörte, »daß jener Wüstling hierher kommt. Es ging einmal das Gerede, daß er dem Connetable nach dem Leben getrachtet habe, und sie sollen seit fünf Jahren sich nicht gesprochen haben.« – »Er kommt auf die Einladung der jungen Lady, das weiß ich am besten,« sagte Dame Gillian, »und weniger wahrscheinlich ist es, daß er dem Connetable ein Leid zufügt, als daß er welches von ihm empfängt, der arme Herr, wie es ihm schon zur Genüge widerfahren ist.«

»Und wer hat Dir das alles erzählt?« fragte Raoul bitter. – »Gleichviel, wer; es war jemand, der die Sache ganz genau kannte,« sagte die Dame, die zu fürchten begann, daß sie, um mit ihrem bessern Wissen zu prahlen, viel zu viel gesagt hätte. – »Es muß der Teufel oder Randal selbst gewesen sein,« sagte Raoul, »denn kein anderer Mund ist groß genug für eine solche Lüge. – Aber seht doch, Dame Gillian, wer ist das, der sich jetzt vorwärts drängt wie ein Mensch, der kaum sieht, wie er den Fuß setzt?« – »Es ist ja eben Euer Engel des Lichts, mein junger Herr Damian,« fügte Dame Gillian. – »Es ist unmöglich,« sagte Raoul. »Nenne mich blind, wenn Du willst, aber nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich in wenigen Wochen so verändert. Und seine Kleidung, so wild um sich geworfen, als trüge er eine Pferdedecke statt eines Mantels! – Was mag dem jungen Mann fehlen? – Da steht er mit einemmale an der Türe still, als sähe er etwas auf der Schwelle, das ihm den Eingang verrammelt. – Heiliger Hubert! er sieht ja aus, als hätten ihm die Elfen was angetan!«

»Ihr hieltet ihn doch immer für einen so großen Schatz!« sagte Gillian, »und nun betrachtet ihn einmal, wie er dasteht zur Seite eines echten Edelmannes – wie er starrt und zittert, als ob er von Sinnen ist!« – »Ich will mit ihm sprechen,« sagte Raoul, und sein Hinken vergessend, sprang er von dem hohen Platz hinab – »ich will mit ihm sprechen – und, ist er unwohl, so habe ich Lanzette und Schnepper bei mir – und kann einem Menschen so gut wie einem Tier zur Ader lassen.« – »Ein recht passender Arzt für einen solchen Kranken,« murmelte Gillian. »Ein Hundearzt für einen träumerisch Verrückten, der weder seine Krankheit kennt noch das Mittel, sie zu heilen.«

Indessen ging der alte Jäger auf den Eingang zu, wo Damian in scheinbarer Ungewißheit, ob er hineingehen sollte oder nicht, noch stehen geblieben war, ohne auf die Menge um ihn her zu achten, deren Blicke er durch sein sonderbares Benehmen auf sich zog.

Raoul empfand ein ganz besonderes Wohlgefallen an Damian, wozu vielleicht der Hauptgrund darin lag, daß seine Frau seit kurzem sich gewöhnt hatte, von ihm in einem verächtlicheren Tone, als sonst von hübschen jungen Männern, zu sprechen. Ueberdies wußte er, daß der junge Mann ein zweiter Sir Tristram auf der Jagd in Wäldern und Flüssen war, und mehr war nicht nötig, Raouls Seele an ihn mit ehernen Fesseln zu ketten. Mit großem Unmut sah er deshalb, daß sein Benehmen, allgemein Aufsehen und Gelächter erregte.

»Er steht,« sagte der Stadtpossenreißer, der sich in den lustigen Haufen gemischt hatte, »vor dem Tore wie Bileams Esel in der Bibel, da er mehr sieht, als andere Leute sehen können.« – Ein Hieb von Raouls allezeit fertiger Peitsche vergalt diese sonst glückliche Anspielung und schickte den Narren heulend davon, sich für seine Späße ein günstigeres Auditorium zu suchen. Zugleich drängte sich Raoul zu Damian, und mit einem Eifer, sehr verschieden von seiner gewöhnlichen trockenen Scharfe, bat er ihn um Gottes willen, sich nicht zum allgemeinen Schauspiel zu machen, indem er hier stehe, als ob der Teufel auf der Schwelle säße, sondern entweder hineinzutreten oder, was noch besser sein würde, sich zurückzuziehen und erst ein wenig Toilette zu machen, ehe er der Feierlichkeit, die sein Haus so nahe betreffe, beiwohnte, »Und was fehlt meiner Kleidung, alter Mann?« sagte Damian, sich heftig zum Jäger kehrend, wie einer, der plötzlich und unhöflich aus seinen Träumereien aufgeschreckt wird. – »Nur das eine, mit Respekt gegen Euer Gnaden,« antwortete der Jäger, »Man pflegt nicht alte Mäntel über neuen Wämsern zu tragen, und bei aller Untertänigkeit will es mir scheinen, daß der Eure hier weder mit Eurer übrigen Tracht übereinstimmt, noch sich für diese edle Versammlung schickt.« – »Du bist ein Narr,« antwortete Damian, »und so grün an Verstand, als grau an Jahren. Wißt Ihr nicht, daß in diesen Tagen das Junge und Alte sich miteinander paart – miteinander verlobt – miteinander verheiratet? – Und sollen wir größere Sorge dafür tragen, unsern Anzug übereinstimmender zu machen als unsere Handlungen?« – »Um Gottes willen, Mylord!« sagte Raoul, »enthaltet Euch dieser wilden und gefährlichen Worte! Sie könnten von anderen Ohren, wie den meinigen gehört und von boshaften Auslegern gedeutet werden. Eure Wange ist bleich, Mylord, Euer Auge blutrot. – Um Himmels willen, zieht Euch zurück!«

»Ich will mich nicht zurückziehen,« sagte Damian, »bis ich Lady Eveline gesehen habe,« – »Um aller Heiligen willen!« rief Raoul aus. »Jetzt nicht, Ihr würdet meine Lady unglaublich beleidigen, wenn Ihr in diesem Zustande Euch in ihre Gegenwart drängen wolltet,« – »Meint Ihr das?« sagte Damian, auf den diese Bemerkung, wie ein beruhigendes Arzneimittel wirkte, das die verwirrten Sinne ordnet. »Meint Ihr das wirklich? – Ich wollte sie nur noch einmal sehen – doch nein! Ihr habt recht, alter Mann!«

Er trat von der Tür, als wollte er sich entfernen; aber bevor er seinen Vorsatz ausführen konnte, wurde er noch bleicher als zuvor, wankte und fiel auf das Pflaster nieder. Die, welche ihn aufhoben, erstaunten, als sie entdeckten, daß seine Kleider mit Blut beschmutzt waren und daß die Flecken auf seinem Mantel, die Raouls Tadel erregten, aus gleicher Ursache herrührten. Ein Mann von wichtiger Miene, in einem dunklen Mantel, trat aus der Menge hervor.

»Ich dachte wohl, daß es so kommen würde,« sagte er, »Ich ließ ihm diesen Morgen zur Ader und empfahl ihm Ruhe und Schlaf, nach den Aphorismen des Hippokrates; aber wenn junge Männer die Verordnung ihres Arztes vernachlässigen, so rächt sich die Kunst selbst. Es ist unmöglich, daß sonst die Bandagen und Ligaturen, die diese Finger anlegten, hätten aufgeben können.«

»Was soll das Gewäsch?« ertönte die Stimme des Connetable, vor Welcher alle andern verstummten. Eben als die Feierlichkeit des Verlöbnisses vollzogen worden war, hatte man ihn, wegen der Verwirrung, die Damians Unfall veranlaßte, herbeigerufen; und jetzt gebot er dem Arzte sehr ernstlich, die Binden, die von seines Neffen Arm losgegangen waren, wieder anzulegen. Er selbst legte Hand an, den Kranken zu unterstützen, und betrachtete mit Besorgnis und Mitleid den nahen, mit Recht geachteten Verwandten, der bis jetzt allein der Erbe seines Ruhmes und seines Hauses war.

»Was bedeutet das?« fragte er den Arzt sehr ernsthaft. »Ich schickte Euch diesen Morgen gleich auf die Nachricht von seiner Krankheit zu meinem Neffen und befahl ausdrücklich, daß er keinen Versuch machen sollte, bei der Feierlichkeit gegenwärtig zu sein, und doch finde ich ihn in diesem Zustande und auf dieser Stelle?«

»Wenn es Ew. Herrlichkeit gefällt,« entgegnete der Arzt, mit einem Gefühl von Wichtigkeit, worin ihn selbst die Gegenwart des Connetable nicht beirrte. »Curatio est canonica non coacta; das heißt, Mylord, der Arzt unternimmt die Heilung nach, den Regeln der Kunst und Wissenschaft. Durch Rat und Vorsicht, aber nicht durch Macht und Gewalt zwingt er den Kranken, dem er nur dann helfen kann, wenn die Vorschriften willig befolgt werden.« – »Schweigt mit Eurem Kauderwelsch!« sagte de Lacy. »Wenn mein Neffe so gedankenlos war, in der Hitze der Fieberphantasie hierherzukommen, so hättet Ihr Verstand genug haben sollen, ihn abzuhalten, wäre es auch mit Gewalt geschehen.«

»Vielleicht,« sagte Randal de Lacy, der sich in die um Damian versammelte Menge mischte, »war der Magnet, der unseren Verwandten hierherzog, stärker als alles, was der Arzt hätte tun können, ihn zurückzuhalten.«

Der Connetable, noch immer mit seinem Neffen beschäftigt, blickte auf, als er Randal reden hörte, und als er fertig war, fragte er mit steifer Kälte: »Nun, werter Vetter, sagt doch, von welchem Magnet redet Ihr da?« – »Von welchem andern, als von Eures Neffen Liebe und Achtung gegen Ew. Herrlichkeit,« antwortete Randal. »Die hat ihn, ganz zu schweigen von seiner Ehrerbietung gegen Lady Eveline – hertreiben müssen, solange ihn noch seine Füße tragen konnten. – Hier kommt ja auch schon die Braut, ich denke, um ihm aus Barmherzigkeit für seinen Eifer zu danken?«

»Was für ein unglücklicher Vorfall ist das!« sagte Lady Eveline, hinzueilend, ganz in Verwirrung über die Nachricht von Damians Gefahr, die man ihr so plötzlich mitgeteilt hatte. »Gibt es hier nichts, wobei mein geringer Dienst helfen kann?« – »Nichts, Lady,« sagte der Connetable, sich von der Seite seines Neffen erhebend und ihre Hand ergreifend. »Eure Güte ist hier zur Unzeit. Diese bunten Haufen, diese unziemliche Verwirrung ist nicht für Eure Gegenwart geeignet.« – »Ausgenommen, wenn ich mich nützlich machen könnte,« antwortete Eveline, mit Eifer. »Es ist Euer Neffe, der in Gefahr ist, – mein Befreier, – einer meiner Befreier, wollte ich sagen.«

»Sein Wundarzt wird ihn schon bedienen, wie es sich gehört,« sagte der Connetable und führte seine widerstrebende Braut in das Kloster zurück, während der Arzt triumphierend ausrief: »Sehr richtig geurteilt von dem Lord Connetable, daß er seine edle Lady aus dieser Schar von Quacksalbern in Weiberröcken fortzieht, die den Amazonen gleich sich eindrängen und den kunstgemäßen Gang der ärztlichen Praxis mit ihren kecken Vorhersagungen, ihren gleich fertigen Rezepten, ihren Schlaftränken, ihren Amuletten, ihren Besprechungen in Unordnung bringen.«

Darauf wandte sich der Wundarzt seinem Geschäfte zu, und ließ den jungen Damian in ein nahe gelegenes Haus bringen, wo sein Zustand sich noch zu verschlimmern schien und eiligst alle Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit, deren der Arzt nur fähig war, in Anspruch nahm.

Wie gesagt, die Unterschrift des Heiratskontrakts war soeben vollzogen worden, als die Versammlung durch die Nachricht von Damians Uebelbefinden unterbrochen wurde. Als der Connetable seine Braut aus dem Hofe in das Zimmer zurückführte, wo die Gesellschaft sich befand, verrieten ihre Züge Verwirrung und Unmut. Als die Braut bemerkte, daß die Hand des Bräutigams mit frischem Blut befleckt war, entriß sie ihm hastig die ihrige. »Was bedeutet dies?« rief sie, sich an Rosa wendend, »Ist es die Rache des blutigen Fingers; die jetzt schon beginnt?«

Indessen hatte auch der Connetable bemerkt, daß bei seinem Eifer, seinem Neffen zu helfen, Spuren von dessen Blute von seiner Hand auf Evelinens Kleidung geraten waren. Er trat zu ihr, um sie dieserhalb zu beruhigen. »Schöne Lady,« sagte er, »das Blut eines echten de Lucy kann Euch nie etwas anderes als Freude und Glückseligkeit verkünden.«

Eveline schien antworten zu wollen, aber nicht gleich Worte finden zu können. Die treue Rosa erwiderte, selbst auf die Gefahr hin, wieder als vorlaut gescholten zu werden: »Jede Jungfrau ist verpflichtet, das zu glauben, was Ihr sagt, mein edler Herr, da man weiß, wie bereitwillig Ihr dieses Blut immer vergösset, die Bedrängten zu beschützen, und noch letzthin zu unserer eigenen Errettung.«

»Das war gut gesagt, Du Kleine!« erwiderte der Connetable, »Glücklich ist Lady Eveline, ein Mädchen zu besitzen, die ihre Rede so gut zu setzen weiß. Kommt, Lady,« fügte er hinzu, »laßt uns hoffen, daß dieser Unfall unseres Verwandten nur ein kleines Opfer ist auf dem Altar des Schicksals, das nun einmal auch über die heiterste Stunde immer einen Schatten fallen läßt. Damian, hoffe ich, wird bald hergestellt sein, und erinnern wollen wir uns, daß die Blutstropfen, die Euch beunruhigen, durch einen freundlichen Stahl vergossen und mehr Vorzeichen der Genesung als der Krankheit sind. – Kommt, teuerste Lady, Euer Schweigen macht unsere Freunde mutlos und erregt in ihnen Zweifel an der Aufrichtigkeit unseres Willkommens. – Laßt mich Euer Aufwärter sein,« sagte er, indem er ein silbernes Handbecken und eine Serviette von den reich mit Gerichten versehenen Schanktische nahm und es auf den Knien seiner Braut darreichte.

Eveline suchte wenigstens äußerlich die Unruhe zu verscheuchen, in die sie der Zufall, daß der eben beschriebene Vorfall mit der Erscheinung Baldringhams zusammentraf, versetzt hatte; sie ging also auf ihres Verlobten Scherz ein und wollte ihn eben von der Erde erheben, als sie durch die eilige Ankunft eines Boten unterbrochen ward, der, ohne Umstände in das Gemach dringend, dem Connetable berichtete, sein Neffe wäre so äußerst elend geworden, daß, wenn er ihn noch lebend sehen wollte, er sich augenblicklich nach seiner Wohnung begeben müßte.

Der Connetable sprang auf, nahm kurz Abschied von Eveline und den Gästen, die, über die neue Unglücksbotschaft erschrocken, eben Anstalt machten, sich gleichfalls zu entfernen, als ihm, da er sich der Tür näherte, ein Gerichtsdiener oder Vorlader des geistlichen Gerichts, entgegentrat, der auf Grund seiner Amtskleidung Zutritt in das Innere der Abtei erlangt hatte.

»Deus vobiscum!« sagte der Gerichtsdiener. »Ich wünsche zu wissen, wer in dieser edlen Versammlung der Connetable von Chester ist.« –»Das bin ich,« antwortete der ältere de Lacy, »aber wenn Dein Geschäft nicht das allerdringendste ist, so kann ich jetzt nicht mit Dir sprechen. – Mich ruft eine Sache auf Leben und Tod.« – »Ich nehme alle Christen hier zu Zeugen, daß ich meiner Pflicht ein Genüge geleistet habe,« sagte der Gerichtsdiener und übergab dem Connetable ein Pergamentblatt.

»Was soll das bedeuten, Bursch?« rief der Connetable, aufs höchste empört. »Für wen oder was hält mich Euer Gebieter, der Erzbischof, daß er auf eine so unhöfliche Weise mit mir verfährt und mich vorladet, vor ihm zu erscheinen wie ein Delinquent, nicht wie ein Freund oder Edelmann?« – »Mein gnädiger Herr,« erwiderte der Vorlader trotzig, »ist keinem als dem heiligen Vater, dem Papste, Rechenschaft über die Ausübung der Macht schuldig, die ihm die Canones der Kirche erteilen. – Eurer Herrlichkeit Antwort auf meine Vorladung?« – »Befindet sich der Erzbischof in der Stadt?« sagte der Connetable nach einigem Nachdenken. »Ich wußte nichts von seiner Reise hierher, noch weniger von seiner Absicht, außerhalb seiner Grenzen seine Gewalt auszuüben.« –»Mein gnädiger Herr, der Erzbischof,« sagte der Gerichtsbote, »ist soeben in der Stadt angekommen, von welcher er Metropolitan ist; überdies hat er vermöge apostolischen Auftrags eine vollkommene Jurisdiktion durch ganz England, und wer es wagt, auf seine Vorladungen nicht zu achten, wird es büßen, wie hoch sein Stand auch sei.«

»Merk' es Dir, Bursch!« sagte der Connetable und blickte den Boten mit zornigem Gesicht an. »Hielten mich nicht gewisse Rücksichten ab, womit, ich gebe Dir mein Wort, Deine braune Kapuze wenig zu tun hat, so würdest Du besser getan haben, Deine Zitation zu verschlucken mit Siegel und allem, als sie mir mit so unverschämten Worten zu überreichen. Mache Dich fort und sage Deinem Gebieter, ich werde ihn in Zeit von einer Stunde sehen; solange bin ich aber genötigt, einen kranken Verwandten zu besuchen.«

Der Gerichtsbote verließ mit mehr Demut das Zimmer und die versammelten Gäste, die schweigend und bange einander anblickten.

Der Leser wird sich ohne Zweifel erinnern, wie streng das Joch der römischen Obergewalt sowohl auf der Geistlichkeit, wie auf den Laien in England während der Regierung Heinrichs II. lastete. Und gerade eben der Versuch dieses weisen, mutigen Monarchen, in der denkwürdigen Sache des Thomas a Becket die Unabhängigkeit des Thrones aufrecht zu erhalten, hatte einen so unglücklichen Ausgang, daß man, wie es bei einer unterdrückten Empörung geschieht, es für nötig erachtete, der Herrschaft der Kirche neue Kräfte zu verschaffen. Seit der Unterwerfung des Königs nach diesem unglückseligen Kampf hatte die Stimme von Rom aus, wo sie ertönte, eine doppelte Gewalt, und die kühnsten Großen von England hielten es für geraten, diesen gebieterischen Aussprüchen sich zu unterwerfen. So erfüllte die verächtliche Art, mit der der Connetable von dem Prälaten Balduin behandelt wurde, die zu Zeugen seines Verlöbnisses versammelten Freunde mit frostigem Schauder; und als er seinen stolzen Blick umherwarf, sah er viele, die sonst in jedem andern Kampfe ihm auf Leben und Tod zur Seite gestanden waren, jetzt bloß bei dem Gedanken an einen Zwist mit der Kirche erblassen. In Verlegenheit, aber auch zugleich erzürnt über ihre Zaghaftigkeit, eilte der Connetable, sie zu entlassen, mit der allgemeinen Versicherung, es werde alles gut gehen; seines Neffen Krankheit sei nur ein leichtes Unwohlsein, das ein eingebildeter Arzt übertreibe und das durch des Patienten eigene Sorglosigkeit vermehrt werde. Daß aber die Botschaft des Erzbischofs ihm ohne gehörigen Anstand übergeben worden, sei die Folge ihrer gegenseitigen freundschaftlichen Vertraulichkeit, die sie zuweilen veranlasse, scherzweise die gewohnten Formen des Umgangs zu vernachlässigen oder gar umzukehren. »Wenn ich mit dem Prälaten Balduin in irgend einem Geschäfte eilig zu sprechen hätte, so ist die Demut und Gleichgültigkeit gegen äußere Formen bei diesem würdigen Pfeiler der Kirche so groß, daß ich nicht fürchten würde, ihn zu beleidigen, schickte ich auch meinen geringsten Stallknecht zu ihm, Gehör bei ihm zu erbitten.«

So sprach er wohl, es war aber etwas in seinen Gesichtszügen, was seine Worte Lügen strafte, und seine Freunde und Verwandten verließen die glänzende, fröhliche Festlichkeit seiner Verlobung mit ängstlichen Gedanken und niedergeschlagenen Augen, als ob sie sich von einem Leichenmahle entfernten. Randal war der einzige, der, als er das Haus verließ, sich seinem Vetter zu nahen und die Frage an ihn zu richten wagte, ob er ihm, nachdem ihre Freundschaft wiederhergestellt sei, keine Befehle zu erteilen habe?« Dabei sah er ihn mit einem Blicke an, der noch ausdrucksvoller, als seine Worte, die Versicherung enthielt, er solle ihn nicht fahrlässig in seinen Diensten finden. – »Ich habe nichts, wobei Ihr Euern Eifer betätigen könntet, mein lieber Vetter,« erwiderte der Connetable mit einer Miene, die die Aufrichtigkeit des Sprechers gar sehr zu bezweifeln schien, und die abweisende Handbewegung, mit der er diese Worte begleitete, ließ Randal keinen Vorwand, noch länger bei ihm zu bleiben, wie es eigentlich seine Absicht gewesen war.

 Kapitel 2 >>