Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hanns Heinz Ewers >

Die verkaufte Großmutter

Hanns Heinz Ewers: Die verkaufte Großmutter - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
authorHanns Heinz Ewers
titleDie verkaufte Großmutter
publisherGeorg Müller
printrun6. bis 10. Tausend
illustratorPaul Haase
year1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid1f83c22c
Schließen

Navigation:

XIV. Der Zauberer der Wüste

Jupp hatte ganz richtig vermutet; er bekam zu Hause eine ganz gehörige Tracht Prügel, weil er so lange fortgeblieben war. Otto bekam zwar keine Prügel, aber er wurde jeden Tag aus der Schule abgeholt und durfte gar nicht mehr mit Jupp herumlaufen. Am Samstage mußte er, statt ausgehen zu dürfen, zu Hause Schreibübungen machen, was ihm sehr unangenehm war. – In der nächsten Woche jedoch hatte er schon mehr Freiheit, und endlich gelang es ihm wieder einmal, nach der Schule mit Jupp durchzuschlüpfen und zu der Großmutter zu gehen.

»– – Heute will ich euch eine Zaubergeschichte erzählen,« sagte die alte Großmutter, und die beiden Jungen kauerten sich auf den Schemel zu ihren Füßen, stützten den Kopf in die Hände und hörten andächtig zu:

»In der Wüste Gobi, die mitten in Asien liegt, zwischen Tibet und China, und die so unbekannt ist, daß nicht einmal die Zeitungen etwas von ihr schreiben können, lebte einmal ein alter Zauberer. Alle Karawanen, die durch die Wüste kamen, wußten von ihm zu erzählen, denn er ließ keinen Reisenden ungeschoren durch sein Gebiet. Dabei begnügte er sich nicht etwa damit, den Reisenden das Geld und die Schätze abzunehmen, er schnitt ihnen auch noch die Ohren, oder die Nase, oder eine Lippe, oder einen Finger ab, oder aber er stach ihnen ein Auge aus. Das behielt er dann; zum Andenken, wie er sagte. Manche Reisenden, und namentlich die Frauen, behielt er überhaupt zurück; er verwandelte sie in Tiere, wie man sich erzählte.

Kein Wunder, daß alle Länder und Völker am Rande der Wüste schwer unter dieser Plage litten. Da war keine Ortschaft, in der nicht Einäugige, Neunfingrige oder Nasenlose herumliefen; da war keine Familie, von der nicht irgendein Mitglied spurlos in der Wüste verschwunden war. Die Dschinnen, die Geister der Wüste, hatte sich der mächtige Zauberer auch untertan gemacht, ebenso wie die meisten Wüstentiere. Da kaum mehr eine Karawane es wagte, den Weg durch die Wüste zu nehmen, so stockte der ganze Handel zwischen den beiden mächtigen Ländern. Ein paarmal schon hatten kühne Fürsten versucht mit einem starken Aufgebote von Bewaffneten gegen den Schrecken des Landes vorzugehen, ohne jedoch irgendwie Erfolg zu haben. Einmal war der mächtige Vizekönig der chinesischen Provinz Schan-Si mit hunderttausend Kriegern aufgebrochen, er hatte die ganze Wüste durchstreift und jedes kleine Fleckchen abgesucht, ohne auch nur eine Spur des listigen Zauberers zu entdecken. Als aber der Vizekönig schließlich unverrichteter Dinge abzog, war plötzlich die Nachhut verschwunden, fünfhundert Mann der besten Truppen fehlten. Der Vizekönig zog wieder zurück und suchte noch einmal die Wüste ab, ohne jedoch etwas anderes zu finden, als ein Dutzend seiner Krieger, denen die Nase und die Zungenspitze abgeschnitten war, so daß sie nicht einmal sprechen konnten.

 

* * *

 

Nun lebte am Hofe des Rajah von Nepal am Himalaya ein junger Edler, der Sirdaka hieß. Er war bei seinem Fürsten sehr beliebt, da er dichten konnte und die Taten des Fürsten im Liede besang. Als der von den Mißerfolgen des chinesischen Königs und seines großen Heeres hörte, machte er ein Spottgedicht darauf, daß er bei Hofe vorlas. Das Gedicht gefiel dem Fürsten gar wohl, aber er ärgerte sich doch darüber, daß der junge Fant alles verspottete, ohne doch selbst etwas zu leisten.

»Du hast gut spotten!« rief er ihm zu. »Bestehe doch selbst einmal ein Abenteuer!«

»Gib mir nur Gelegenheit dazu!« antwortete Sirdaka.

»Gelegenheit? Nichts einfacher als das! Ziehe doch aus, um das Land von dem schlimmen Zauberer zu befreien!«

Der junge Mann stutzte einen Augenblick bei diesem Vorschlage, darauf war er nicht vorbereitet. Dann machte er dem Fürsten eine tiefe Verbeugung und antwortete:

»Ich bin bereit dazu!«

Der Fürst, dem der Mut des jungen Edlen gefiel, klatschte in die Hände.

»Bravo!« rief er, »so ist es recht! Nimm mit, was du zu deinem Zuge nötig hast; meine Schatzkammer, mein Marstall und mein Heer stehen zu deiner Verfügung; wähle dir aus, was du brauchst. Und wenn du diesen schlimmen Zauberer überwindest, so ist dir mein Dank gewiß! Du weißt, daß ich keine Söhne habe; wahrhaftig! du sollst mein Erbe sein!«

Sirdaka kreuzte die Arme über der Brust und verbeugte sich noch einmal tief vor dem Rajah. Dann ging er, um seine Vorbereitungen zu treffen. Er wählte zehn kräftige Krieger, zehn feurige schwarze Hengste und ein Dutzend Maultiere, die die Vorräte tragen sollten.

Als sie schon fünfzig Tage lang geritten waren, kamen sie in eine Ortschaft, die am Rande der Wüste lag. Die Einwohner, unter denen sich kaum einer befand, der nicht durch den Verlust irgendeines Gesichtsteiles entstellt war, schlichen trüb durch die Gassen. Als sie den Zweck von Sirdakas Zuge erfuhren, fingen sie an laut zu lachen:

»Was? der chinesische Vizekönig konnte mit hunderttausend Mann nichts erreichen und ihr paar Leute wollt den Zauberer bezwingen? – Schneidet euch doch gleich selber die Nasen ab!«

Sirdaka wünschte ein paar von den Einwohnern als Führer zu den nächsten Oasen mitzunehmen; aber sie schüttelten alle den Kopf. Nur einer, dem der Zauberer außer einem Ohr auch noch seine Braut weggenommen hatte, erklärte sich schließlich bereit, sie zu führen. Beim Anbruche der Nacht ritten sie aus der Stadt, und bald sahen sie nichts mehr, vorne, Hinten und zu beiden Seiten, als nur gelben Wüstensand. Sirdaka ritt mit dem Führer voraus und ließ sich von ihm berichten, was er von dem Zauberer wußte. Viel war es nicht; der arme Mann war mit einer indischen Karawane ausgezogen; in der Nacht hatten sie in einer Oase gelagert. Als sie am anderen Morgen aufwachten, waren alle Schätze und Vorräte, sowie zwanzig persische Sklavinnen und etwa ein Dutzend Männer verschwunden; die übrigen konnten sich mit dem Verluste von einem Ohre, einem Finger oder der Nase trösten.

Sirdaka beschloß also, immer die Nacht über zu reiten, um am Tage Rast zu halten. So waren sie schon fünf Tage lang durch die Wüste gestreift, ohne auch nur das geringste wahrgenommen zu haben; da trafen sie auch eine kleine grüne Oase, in der Sirdaka für einige Zeit halt zu machen beschloß. Der Tag verging und die Nacht auch; nichts ereignete sich. Auch die zweite Nacht verging ruhig; aber am anderen Morgen bemerkte einer der Krieger, der als Wachposten ausgestellt und dabei für eine Viertelstunde eingenickt war, daß ihm ein Ohr fehle. Schmerzen hatte er gar nicht; auch sah man an der Stelle keine Wunde, nur einen schmalen roten Streif.

Sirdaka verdoppelte seine Wachsamkeit, da er nun wußte, daß der Zauberer in der Nähe war; das hinderte jedoch nicht, daß am anderen Morgen zwei andere seiner Leute den Verlust von je einem kleinen Finger beklagen konnten.

Die nächste Nacht ging Sirdaka ein wenig aus der Oase heraus und streckte sich auf dem Sande aus. Er stellte sich schlafend und schloß die Augen; dabei lauschte er aber angestrengt auf jedes Geräusch. Ein paar Stunden mochte er so gelegen haben, als er plötzlich in der Luft ein leises Sausen vernahm. Er blinzelte umher, konnte aber nirgends etwas entdecken. Nach einer Weile hörte er wieder das eigentümliche Rauschen in der Luft, das diesmal dicht über ihn wegzugleiten schien. Er fühlte eine große Schlafsucht, gegen die er mit aller Kraft ankämpfte. Er sprang auf und griff in die Luft, ohne doch etwas zu fassen; dann verlor sich das Sausen in der Ferne.

Am anderen Morgen bemerkten seine Leute in der Wüste einen kleinen Affen, der, wie von einem unsichtbaren Feinde verfolgt, gerade auf die Oase zulief. Hinter ihm hörte man das merkwürdige Sausen; ja, Sirdaka glaubte große weiße Hände von verschwommenen Formen nach dem Affen greifen zu sehen. Unterdessen war der kleine Affe in der Oase angekommen und versteckte sich zwischen die Krieger, denen er nicht von der Seite ging. Es war ein sehr zutunliches Tierchen, das sich von allen streicheln und liebkosen ließ.

Am Abend desselben Tages hörte Sirdaka in der Oase ein fürchterliches Gebrüll. Er lief zu der Stelle hin, gefolgt von seinen Leuten, und sah einen gewaltigen Löwen, der das kleine Äffchen verfolgte. Dieses entwischte ihm mit knapper Not, indem es auf einen Palmbaum kletterte; aber kaum war es halb am Stamme in der Höhe, als es laut aufschrie, und beinahe vor Schrecken dem Löwen in den offenen Rachen gefallen wäre: eine große buntschillernde Schlange kroch nämlich aus der Krone des Baumes heraus und fuhr mit offenem Maule auf das arme Tier los. Sirdaka legte einen Pfeil auf seinen Bogen, schoß ab, und das Geschoß stak in dem Rachen der giftigen Schlange. Dann sprang der junge Held mit dem Schwerte in der Hand auf den Löwen los, dem er mit einem gewaltigen Streiche den Schädel spaltete. Das Äffchen sprang vom Baume und setzte sich auf seine Schulter; es zitterte noch vor Angst am ganzen Körper.

Sirdaka kehrte zum Lagerfeuer zurück und setzte sich mit seinen Genossen auf den Sand. Da sah er, wie der kleine Affe aus seinem Köcher einen Pfeil herauszog, und er schaute neugierig dem wunderlichen Treiben des Tieres zu. Der Affe kauerte sich auf den Boden und schrieb mit dem Pfeile Worte in den Sand. Erstaunt blickte Sirdaka hin und las:

Ich heiße Ketil und bin von dem Zauberer in einen Affen verwandelt worden.

Sirdaka nahm den kleinen Affen und setzte ihn auf seine Knie:

»Kannst du verstehen, was ich spreche?« fragte er. Der Affe nickte.

»Gut,« sagte Sirdaka. »Ich werde dich fragen, was ich wissen will, und du wirst mir die Antwort in den Sand schreiben!«

So geschah es, und Sirdaka erfuhr vieles über das Leben und Treiben des rätselhaften Zauberers. Nicht weit von der Oase entfernt lagen seine riesigen Paläste, die für die Augen Vorübergehender unsichtbar waren. Bewohnt wurden die weiten Gemächer von dem alten Zauberer und von Tausenden von geraubten Frauen, die er zu Sklavinnen gemacht hatte; alle männlichen Gefangenen hatte er in Affen, Papageien, Schweine und Schafe verwandelt, von denen von Zeit zu Zeit eines geschlachtet wurde. Bewacht wurde der Palast von ganzen Rudeln von Schlangen, Krokodilen, Tigern, Panthern, Leoparden und Löwen, Nashörnern und Elefanten – außerdem aber von den Dschinnen, den Luftgeistern der Wüste. Da der Zauberer gern einmal wieder Affenbraten essen wollte, so hatte er den Dschinnen befohlen, Ketil zu schlachten; dieser war davon gelaufen und war glücklich seinen Verfolgern entkommen.

Sirdaka saß noch bis tief in die Nacht hinein mit dem kleinen Affen zusammen und beratschlagte mit ihm; um Mitternacht rief er seine Krieger zusammen.

»Dort,« sagte er, indem er nach Osten zeigte, »kaum drei Bogenschüsse von uns entfernt, liegt der Palast des Zauberers. Ich werde jetzt, von dem Affen begleitet, dorthin eilen; ihr aber haltet euch bereit! Sowie ihr den Schrei eines Geiers vernehmt, ergreift eure Waffen und stürzt zu der Richtung, die ich euch zeige!«

Dann machte er sich auf den Weg, indem er den Affen unter seinem Mantel verbarg. Er mochte eine halbe Stunde weit gegangen sein, als ihn das Äffchen am Ärmel zupfte. Das war das verabredete Zeichen, daß er sich vor dem Palaste des Zauberers befände. Sirdaka blickte um sich; jedoch konnte er weiter nichts entdecken, als einen dichten Nebel, der sich in einiger Entfernung vor ihm erhob. Er schritt darauf zu; aber es war unmöglich, darin einzudringen, da ein siedend heißer, erstickender Qualm ihm entgegenschlug. Nach mehreren vergeblichen Versuchen schlug er sich seinen weißen Mantel fest um den Kopf, nahm einen Anlauf und sprang kühn in den Rauch hinein. Er eilte so rasch wie möglich vorwärts, bis er fühlte, daß er die dichte Nebelwand durchschritten hatte. Nun riß er den Mantel wieder vom Gesichte herunter und sah sich um. Da bemerkte er, daß der ganze Boden von Riesenschlangen und Krokodilen wimmelte, die sich auf ihn stürzten. Vorsorglicherweise hatte er Panzerschienen über die Beine gezogen, so daß die Zähne der Bestien an dem harten Stahle abbrachen; er zog sein langes Schwert und schlug sich mit scharfen Hieben eine Gasse. Da bemerkte er hinter den Schlangen und Krokodilen einen Wall von mächtigen Elefanten und Nashörnern, die nur zu erwarten schienen, bis er durch die giftigen Bestien durchgedrungen sei, um ihn dann mit schweren Tritten zu zermalmen. Einer der Elefanten streckte seinen langen Rüssel aus, um Sirdaka am Schopfe zu fassen und zu sich hinzuziehen; aber der junge Held kam ihm zuvor; er faßte mit beiden Händen den Rüssel und schwang sich mit einem gewaltigen Schwunge auf den Rücken des schwarzen Ungetüms. Der Elefant, der wohl annahm, daß Sirdaka am anderen Ende wieder herunterspringen würde, drehte sich rasch um, um ihn dort zu empfangen. Aber Sirdaka blieb ruhig auf dem Rücken sitzen, während der kleine Affe mit flinken Sätzen dem Elefanten an den Hals sprang, den großen Ohrlappen aufhob und ihm mit einem scharfen Pfeile unbarmherzig ins Ohr stach. Das Ungeheuer brüllte vor Schmerzen, bäumte sich und schob sich mit gewaltiger Kraft durch die breite Kette der anderen Dickhäuter durch. Hinter diesen lagerte eine unabsehbare Schar von Panthern, Hyänen, Löwen und Tigern; dort raste der Elefant hinein, den die fortwährenden Stiche des Affen halb wahnsinnig vor Schmerzen machten. Die Raubtiere brüllten unter seinen Tritten und stürzten sich auf den rasenden Dickhäuter, ohne ihn jedoch in seinem Laufe hemmen zu können. Ein schwarzer Panther sprang mit einem mächtigen Satze auf den Elefanten, um seine Reiter zu zerfleischen; aber Sirdakas haarscharfes Schwert schnitt ihm mit einem gewaltigen Hiebe den Kopf ab. Kaum hatte der junge Krieger diesen Streich getan, als er sah, wie ein prachtvoller Königstiger vom Boden aufschnellte, um sich auf ihn zu stürzen. Sirdaka streckte sein langes Schwert aus und empfing den Tiger im Sprunge, so daß die Waffe ihm durchs Herz fuhr und am Rücken wieder herauskam.

Unterdessen hatte der Elefant die dichten Scharen der Raubtiere durchbrochen, und Sirdaka sah dicht vor sich die hohen Säulenreihen eines weiten Palastes. Er sprang ab und mit ihm das Äffchen, das ihn so schnell wie möglich in den Schatten der Säulenreihe hineinzog. Draußen hörte man noch das laute Trompeten der Elefanten, das Brüllen der Löwen und das Bellen der Hyänen; im Palaste selbst herrschte eisiges Schweigen. Kein Mensch schien darin zu sein. Der kleine Affe führte Sirdaka durch eine große Flucht weiter Gemächer, die alle leer zu sein schienen; dann kamen sie durch einen runden, mit Gras bewachsenen Hof, in dem eine große Menge von Schweinen und Schafen schlief, während ringsherum in großen Käfigen Papageien und Affen hockten. Das waren die Gefangenen des Zauberers.

Leise schlich sich Sirdaka mit seinem kleinen Begleiter vorbei; sie kamen jetzt an einen weiten Saal. Der Affe blieb an dem Türvorhange stehen und bedeutete zitternd den Krieger; hindurchzusehen. Sirdaka tat, wie ihm geheißen, sah jedoch nichts. Dagegen hörte er jenes unheimliche, sausende Geräusch, das er schon kannte, durch den ganzen Saal hingleiten.

»Ah!« flüsterte er leise, »das sind die schrecklichen Dschinnen.«

Der Affe nickte; aber als ihn Sirdaka frug, wie man den Luftgeistern begegnen könne, schüttelte er nur mit dem Kopfe und zog ihn rasch fort.

Sie kamen über einen langen Gang, der an vielen Sälen vorbeiführte, aus denen man leises Weinen und Klagen von Frauenstimmen vernahm. Endlich schlug der kleine Affe einen Vorhang zurück und ließ seinen Begleiter in ein großes Gemach sehen, das nur schwach von blauen Flammen erleuchtet war, die in bronzenen Kesseln brannten. Die Wände waren mit seltsamem Schmucke behangen; da hingen menschliche Augen in Gold eingefaßt, dann vertrocknete Ohren, Nasen und Finger auf lange goldene Schnüre gezogen. Im Hintergründe sah Sirdaka auf einem hohen Sessel einen häßlichen, graubärtigen alten Mann sitzen, der zu schlafen schien. Das war der Zauberer. Schon wollte der Held mit gezücktem Schwerte auf ihn losstürzen, als ihm der Affe die Hand festhielt und ihm winkte, ruhig zu sein. Dann kroch er leise auf allen Vieren an den Wänden entlang auf den Zauberer zu und nahm von seinen Knien einen seltsam geformten Stab, der oben in ein Büschel züngelnder Schlangen auslief. So leise war das Äffchen dabei zu Werke gegangen, daß der Zauberer nicht aufgewacht war. Dann kehrte es zurück und zeigte auf einen schweren bronzenen Kessel, der neben der Türe stand. – Sirdaka verstand, hob den gewaltigen, fünfhundert Pfund schweren Kessel auf seine Schultern und folgte leise dem kleinen Affen hinaus.

Dieser führte ihn wieder zu dem Saale der Dschinnen; sie blieben stehen, und Sirdaka stellte den Kessel auf den Boden. Dann hob er den Deckel ab, wäre aber beinahe betäubt zu Boden gefallen, wenn er nicht schnell ein Tuch um Mund und Nase geschlungen hätte. In dem Kessel befand sich eine grünliche, brennende Flüssigkeit, die einen entsetzlichen, betäubenden Geruch ausströmte. Der kleine Affe drückte Sirdaka den Zauberstab in die Hand und bedeutete ihm, ihn in den Kessel zu tauchen und die Luftgeister zu bespritzen. Der Held tat so, und sogleich erhob sich in dem Raume ein ohrenbetäubendes Rauschen, Pfeifen und Sausen. Die Dschinnen flohen aus den Fenstern heraus und stürzten sich auf die wilden Wüstentiere vor dem Palaste. Diese gerieten in maßlose Aufregung und brachen mit den Lustgeistern zusammen durch den dichten Nebelwall in die Wüste hinein. Der heiße Qualm tötete viele von ihnen; aber allmählich wurde er schwächer und schwächer und erlosch schließlich ganz.

Illustration: Paul Haase

Das alles konnten Sirdaka und sein kleiner Genosse von den Fenstern des Palastes genau beobachten. Als der tapfere Jüngling sah, daß der Weg zum Palaste frei geworden war, hielt er den Augenblick für gekommen, seine Genossen herbeizurufen; er ahmte dreimal laut den Schrei des Geiers nach. Dann eilte er, gefolgt von dem Affen, zu dem Gemache des Zauberers zurück. Dieser war inzwischen von dem furchtbaren Getöse auch wach geworden; er griff nach seinem Zauberstabe, fand ihn aber nicht mehr. Mit einem furchtbaren Fluche sprang er auf, gerade in dem Augenblicke, als Sirdaka durch den Vorhang trat.

Der kleine Affe sprang behend auf den Thronsessel, von dem er einen kleinen Blasebalg wegnahm, der mit einer scharfriechenden Luft gefüllt war. Ehe der Zauberer es merkte, rannte er damit hinaus auf den Hof und blies mit dem Blasebalge alle die verzauberten Schafe, Schweine, Affen und Papageien an, die bei der Berührung mit der Luft wieder zu Menschen verwandelt wurden; schließlich auch sich selbst.

Unterdessen hatte der Zauberer einen langen, krummen Säbel gezogen, der rings Feuer sprühte; mit diesem griff er Sirdaka an. Aber der wich geschickt allen Hieben aus und drängte schließlich den Zauberer in die Enge. Als dieser sah, daß er den kürzeren ziehen würde, warf er den Säbel weg und verwandelte sich im Nu in einen furchtbaren Bären, der aufrecht mit seinen mächtigen Pratzen auf den Jüngling eindrang. Mit einem einzigen Schlage zertrümmerte er dessen Schwert, und sicher wäre jetzt Sirdaka verloren gewesen, wenn nicht in diesem Augenblicke seine zehn Genossen zugleich mit den befreiten Gefangenen in den Saal gedrungen wären. Als der Zauberer diese Übermacht sah, ließ er sich zusammenschrumpfen und sprang als kleine Maus über den Boden, um durch ein Mauseloch zu entkommen.

Aber einer der befreiten Gefangenen war schneller wie er; er lief nach; faßte die Maus fest in der Hand und hielt sie Sirdaka am Schwanze hin.

»Da haben wir den Bösewicht!« lachte er.

»Bravo!« rief Sirdaka und schaute mit Wohlgefallen auf den schöngebauten Jüngling.

»Kennst du mich nicht?« rief dieser. »Ich bin ja Ketil, das Äffchen, das dich hergeleitet hat!«

Aber ehe Sirdaka noch antworten konnte, geschah etwas Unerwartetes. Die Maus sprang dem Jünglinge aus der Hand und verwandelte sich plötzlich in einen riesigen Drachen, der fast den ganzen Raum einnahm. Blutrotes Feuer und giftiger Atem strömten aus seinem Rachen, und entsetzt wichen alle zurück. Da riß Ketil einen langen Speer von der Wand und reichte ihn Sirdaka hin.

»Er ist unverwundbar als Drache,« rief er, »nur mit dieser vergifteten Spitze kannst du ihn töten!«

Sirdaka ergriff den Speer mit beiden Fäusten und stieß ihn, mit Aufbietung all seiner Kraft, dem Drachen zwischen die Schuppen seines Panzers. Noch einmal entquoll ein fürchterlicher Feuerstrom seinem giftigen Rachen; dann sank das Ungetüm tot nieder.

Sirdaka und seine Gefährten befreiten die gefangenen Frauen und nahmen aus der Schatzkammer des Zauberers die reichen Schätze heraus. Sie zogen aus dem Palaste fort, in den man die Brandfackel hineinschleuderte, um für immer den unheilvollen Ort vom Erdboden zu vertilgen.

Dann ging es auf Nepal zu. Mit fliegenden Fahnen zog der siegreiche Held quer durch Tibet und über die hohen Bergketten des Himalaya, bis er nach Katmandu kam, der Hauptstadt seines Fürsten, der ihn ebenso wie das ganze Volk mit großem Festjubel empfing.

Nach dem Tode des Fürsten erbte Sirdaka das Land und herrschte lange und glücklich über Nepal; sein Kanzler aber war Ketil, das frühere Äffchen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.