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Die verkaufte Großmutter

Hanns Heinz Ewers: Die verkaufte Großmutter - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
authorHanns Heinz Ewers
titleDie verkaufte Großmutter
publisherGeorg Müller
printrun6. bis 10. Tausend
illustratorPaul Haase
year1923
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid1f83c22c
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Illustration: Paul Haase

XI. Die Geschichte vom lustigen bösen König

Die alte Großmutter erzählte: in Ulalume – aber ihr wißt ja gar nicht, wo das liegt! Es liegt gerade hinter dem Königreich Thule und grenzt an der anderen Seite an das Land Torelore. In Ulalume also herrschte einmal ein alter König, der Krökel der Erste hieß. Krökel hieß er, weil man ihn eben so genannt hatte, und man hatte ihn so genannt, weil er schon als Kind in der Wiege genau so aussah, wie eine alte Kreuzspinne. Darum also hatte man ihn Krökel genannt.

Alle Leute nun, die in Ulalume wohnten, sagten, daß der König Krökel der bitterböseste König sei, der je dagewesen. Zwar tat er keinem Menschen etwas zu Leide, aber sein Gesicht – ja, wenn man das nur ansah, so kriegte man schon zu viel davon! Denn die Ulalumer waren sehr zartfühlende Menschen, die fast nur Reisbrei mit Schlagsahne aßen, und die deshalb durchaus nichts Häßliches vertragen konnten. Wenn also die Ulalumer, Männlein oder Weiblein, ins Königsschloß kamen, um zu Neujahr zu gratulieren, oder um ihre Steuern zu bezahlen, oder in sonst irgendeiner Angelegenheit, dann taten sie alle, als ob sie den Schnupfen hätten, und putzten sich die Nasen und steckten den Kopf tief ins Taschentuch, um nicht den häßlichen König Krökel ansehen zu müssen.

Der aber meinte nicht anders, als daß in seinem Lande eine schreckliche Schnupfenseuche herrsche, weil alle seine Untertanen immer husteten und prusteten und nie das Taschentuch vom Gesicht wegbekamen, so wie er nur einen sah. Erst meinte er, das würde sich nun wohl geben mit der Zeit, als aber lange Jahre und Tage vergingen und die guten Ulalumer immer noch weiter husteten und prusteten und sich schnaubten, so daß niemand bessere Geschäfte machte im ganzen Lande, als die Taschentuchfabrikanten, da wurde König Krökel sehr traurig und sann lange nach, was wohl zu tun sei. Er ließ die Ärzte kommen und die Oberärzte und die Geheimen Oberärzte und fragte sie nach einem Heilmittel. Aber keiner konnte ihm raten. Alle hielten ihre Taschentücher vor die Nase und schnaubten sich und sagten, der Schnupfen wäre unheilbar. Da ließ der König ganz große Säcke voll Mentholin und Schnupftabak und anderer Arzneien aus dem Auslande kommen und an alle Ulalumer verteilen. Die aber warfen sie rasch weg und lachten und aßen Reisbrei mit Schlagsahne.

Und der König Krökel wurde immer älter und konnte es gar nicht begreifen, daß die Schnupfenseuche nicht aufhören wollte. Am merkwürdigsten aber erschien es ihm, daß er selbst noch nie im Leben Schnupfen gehabt hatte, obwohl doch sonst jedermann daran litt, den er nur sah. Überall um ihn herum hustete es und schnaubte es und nieste es und prustete es, und das ging so Jahr ein, Jahr aus, so daß der König wirklich schließlich ganz nervös wurde, und das läßt sich wohl begreifen! – Heiraten aber konnte König Krökel auch nicht, denn eine Frau, die immer den Schnupfen hatte, die mochte er nun doch nicht, und andere gab es ja in Ulalume nicht, wie er meinte.

Der König Krökel hatte nun einen Kanzler, der Heinrich Sanftmut hieß, der König nannte ihn aber immer nur den »Schnauberich«, weil er noch lauter trompeten konnte, wie alle anderen Minister. Und der Herr Sanftmut hatte wieder ein Töchterlein, das war das schönste Mädchen im ganzen Lande, nur daß sie ein Stupsnäschen hatte. Da nun alle Mädchen, die Stupsnäschen haben, sehr keck und wild sind, so war des Kanzlers blondes Töchterlein auch keck und wild, und das kam zum Teil auch daher, daß sie nicht bloß immer Reisbrei mit Schlagsahne aß, wie die anderen Ulalumer, sondern auch manchmal Haselnüsse und Senfgurken und Waldbeeren und Radieschen und was sie überhaupt kriegen konnte. Eines schönen Tages nun, als sie mit ihrem Vater in den Thronsaal zum Könige kam, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, da bekam sie auf einmal schrecklich große Lust, über ihr Taschentuch weg den König anzusehen. Und das tat sie auch und fing schrecklich laut an zu lachen und rannte so schnell als möglich aus dem Saale heraus, weil sie sich doch schämte. König Krökel fragte, was ihr wäre, aber da sagte ihm der Herr Heinrich Sanftmut, der Kanzler, daß das eine neue Schnupfenerscheinung sei, die noch besonders gefährlich wäre. Und dabei nieste er siebzehn Mal ganz schrecklich laut.

Wie es aber so kam, ging der König einige Tage darauf in einem großen Walde spazieren. Da hörte er lautes Singen und Lachen durch die Büsche, und er ging hin und sah eine Menge junger Mädchen, die spielten und einhertollten. Sie liefen weg, so schnell sie konnten, als sie ihn bemerkten; eine aber strauchelte und fiel über eine Baumwurzel, und der König kam hin und hob sie auf. Da sah er, daß es des Kanzlers Töchterlein war mit dem Stupsnäschen. Sie wollte auch erst rasch forteilen, aber dann meinte sie, es wäre doch wohl schicklich, sich erst beim Könige zu bedanken, daß er ihr so nett geholfen habe; und außerdem tat ihr auch noch ihr Fuß weh vom Fallen. Deshalb sagte sie: »Danke, Herr König!« aber den Kopf versteckte sie in ihre Haare, um ihn nicht anzusehen. Der König sagte: »Bitte!« und dann fragte er sie, ob sie sich nicht weh getan habe. Und das sagte er so komisch, daß sie wieder lachen mußte. Es kam aber hinzu, daß sie an dem Tage noch keinen Reisbrei mit Schlagsahne gegessen hatte, sondern nur unreife Stachelbeeren, denn sonst wäre sie gewiß nicht so keck gewesen! Sie machte ihre Finger ein ganz klein wenig auseinander und blinzelte den König Krökel an, und sie fand ihn wohl häßlich, aber doch nicht so furchtbar häßlich, wie alle die Ulalumer immer sagten. Sie fand ihn komisch häßlich, und deshalb mußte sie wieder lachen. Da meinte der König Krökel nicht anders, als daß sie wieder einen schrecklichen Schnupfenanfall habe und fragte sie ganz zärtlich, ob er ihr denn gar nicht helfen könne gegen ihren schrecklichen Schnupfen.

Das Jüngferlein ließ die Arme sinken, hob sein Stupsnäschen in die Höhe und sagte dann ganz keck:

»Ich hab ja gar keinen Schnupfen!«

König Krökel traute seinen Ohren nicht, er fragte ganz erstaunt noch einmal:

»Du hast keinen Schnupfen?!«

Da sagte das Jüngferlein wieder:

»Zeit meines Lebens hab ich noch niemals Schnupfen gehabt!«

Der König war immer noch ganz starr, aber er faßte sich und sagte:

»Wenn du wirklich keinen Schnupfen hast, dann will ich dich heiraten, und du sollst Königin werden!«

Das Jüngferlein aber lachte:

»Herr König, wenn du alle Frauen heiraten wolltest, die keinen Schnupfen haben, dann würdest du viele hunderttausend Frauen heiraten müssen! Denn in ganz Ulalume hat kein Mensch den Schnupfen, kein Mann und keine Frau!«

Da begriff der König, daß man einen Schabernack mit ihm triebe, und wurde sehr, sehr traurig. Er bat die Jungfrau, daß sie ihm die Wahrheit sagen solle, und sie tat wie er geheißen. Als sie aber geendet hatte, da war der König noch trauriger und weinte und fragte sie:

»Nun sag mir, hab ich denn wirklich so ein bitterböses Gesicht, daß mich kein Mensch ansehen mag?«

Des Kanzlers Töchterlein aber empfand ein großes Mitleiden mit dem König, und je länger sie ihn ansah, um so besser gefiel er ihr. Sie sah ihm lange in die Augen, und dann legte sie ihre Arme um seinen Hals.

»Nein, König Krökel,« sagte sie, »mir gefällst du ganz gut! Und wenn du magst, so will ich deine Frau werden!«

Da wurde der König Krökel über die Maßen lustig und froh und hüpfte immer von einem Bein auf das andere und sagte: »daß sie gleich übermorgen heiraten wollten.«

Und das taten sie auch, und das ganze Land war höchlich verwundert, ganz besonders aber des Mägdleins Vater, der Herr Heinrich Sanftmut, der Kanzler. Aber noch am selben Tage erließ der König Krökel der Erste ein neues Gesetz, und das tat er auf Anraten seiner jungen Gemahlin. Das Gesetz sagte, daß kein Ulalumer mehr wie zweimal in der Woche Reisbrei mit Schlagsahne essen dürfe, und wer es doch täte, der müsse hunderttausendmal aufschreiben:

»Ich darf nur zweimal in der Woche Reisbrei mit Schlagsahne essen!«

Das Gesetz aber hatte eine sehr gute Wirkung, denn dadurch wurden die Ulalumer nicht mehr so schrecklich etepötete und es dauerte gar nicht mehr lange, da konnten sie ihren König ganz ruhig ansehen und fanden ihn wohl noch ein bißchen häßlich, aber doch nicht mehr so furchtbar häßlich!

Das war das Ende der Schnupfenseuche in Ulalume! König Krökel aber blieb der lustigste König in allen Ländern und das hat er einzig und allein dem Umstände zu verdanken, daß seine Frau ein Stupsnäschen hatte und manchmal Radieschen aß und Senfgurken und unreife Stachelbeeren!

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