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Die Verirrungen des Philosophen oder Geschichte Ludwigs von Seelberg

Adolph Freiherr Knigge: Die Verirrungen des Philosophen oder Geschichte Ludwigs von Seelberg - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Verirrungen des Philosophen oder Geschichte Ludwigs von Seelberg. Ausgewählte Werke in 10 Bänden, Band II
authorAdolph Freiherr Knigge
year1991
publisherFackelträger Verlag
addressHannover
isbn3-7716-1532-1
titleDie Verirrungen des Philosophen oder Geschichte Ludwigs von Seelberg
pages3-350
created20040531
sendergerd.bouillon
firstpub1787
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Adolph Freiherr Knigge

Die Verirrungen des Philosophen

oder

Geschichte Ludwigs von Seelberg.


Der Zweck dieses Buchs ist:

zu zeigen, wie früh schon im Menschen der Grund zu großen, edeln Handlungen sowie zu unzähligen Irrthümern und Vergebungen gelegt werden kann;

 

es anschaulich zu machen, daß jedes Stämmchen in Gottes segenreichem Boden gedeihen, grade aufwachsen, blühen und die herrlichsten Früchte tragen müßte, wenn es gehörig gewartet und gepflegt würde – nicht Alle Früchte einerley Art, aber Alle gute, schöne Früchte; daß aber diese Wartung von Erziehung und Schicksalen und von der Richtung abhängt, welche unsre Leidenschaften dadurch bekommen – unsre Leidenschaften, ursprünglich die wohlthätigsten, reinsten Triebe und Federkräfte, nur dann gefährlich und Unordnung anrichtend, wenn eine vor der andern voraus zu viel genährt, gereizt, verwöhnt und dadurch ihre Harmonie untereinander zerstört wird;

 

darzuthun, daß ebendies schon sehr früh bey der Bildung des Kindes und Jünglings geschieht; daß alsdann die zu mächtig gewordenen Triebe die andern niederdrücken, nach und nach unsers ganzen Wesens sich bemeistern, unsern Weltlauf lenken und uns Schicksale auf den Hals laden, deren keines von ungefähr kömmt, die aber endlich das aus uns machen, was wir in den Augen des Volks sind;

 

zu beweisen, daß durch unsre jedesmaligen Gefühle unsre Systeme von Moralität unmerklich umgebildet werden, wir dann alle menschliche Dinge durch eine Zauberlaterne ansehen und in dieser Verblendung zuweilen das Kleinste unendlich groß, das Wichtigste äußerst gemein und unbedeutend, das ewig Wahre zweifelhaft und irrig, das Widersprechendste hingegen erwiesen wahr finden; daß auch der konsequenteste Mensch selten von Haus aus die Systeme zu seinen Handlungen auf allgemein unwandelbare Grundsätze bauet, sondern sich seine Grundsätze nach den geheimen Wünschen seiner versteckten Leidenschaften modelt; daß wir dadurch Alle, mehr oder weniger, Sophisten werden, und daß kein System so albern, so unsinnig, so widernatürlich ist, daß nicht auch der verständigste Mann dasselbe in einer von seinen Perioden sich und Denen, die so wie er fühlen, annehmlich, süß und zusammenhängend darstellen könnte; daß aber ein solches noch so fest besponnenes System oft in einem einzigen Augenblicke von neuer Erfahrung wieder zusammenfällt oder das Opfer einer andern frischgereizten, aufgeweckten, verborgen gewesenen Leidenschaft wird;

 

zu lehren, daß eben daher die unzähligen Widersprüche in den Handlungen der Menschen nach Zeit, Ort, Gelegenheit und Antrieb und die Verschiedenheiten der Meinungen, selbst unter den Weisen, über das, was moralisch gut, nützlich, möglich und wünschenswerth ist, entstehen;

 

zu Beförderung der Duldung und Bruderliebe zu zeigen, wie das Urtheil des Publikums über den Werth und Unwerth eines Mannes und über die Konsequenz seiner Handlungen gewöhnlich nur nach dem Gegenwärtigen, vor Augen Liegenden sich richte, ohne Rücksicht zu nehmen auf jene Ursachen, durch die er zu Handlungen bestimmt wird;

 

zu erinnern, daß wir nicht immer Denjenigen für den Schwächsten halten sollen, der oft das System seiner Meinungen und Handlungen zu ändern scheint, sowie nicht immer Denjenigen für den Festesten, der stets in dem nämlichen Gleise bleibt, weil wir selten Veranlassung, Antrieb, stufenweise Entwicklung zu sehn im Stande sind, weil wir selbst in unserm Urtheile durch Sympathie, Gefühl und Leidenschaft geleitet werden und weil Einer mehr als der Andre von Außen her in einen Wirbel hineingetrieben wird, Einer auch mehr als der Andre uns sein Inneres öffnet und sich durchschauen läßt;

 

zum Trost Derer, die Frieden und Ruhe suchen, zu beweisen, daß es dennoch einen graden, unwidersprechlich richtigen Weg zur Wahrheit und unwandelbaren Glückseligkeit gibt, den jeder verständige, nach Vollkommenheit ringende und nicht ganz verwahrlosete Mann finden kann und sicher finden muß, wenn er genau prüft, soviel in jeder Periode des Lebens die Umstände es erlauben, wenn er mit Ernst und gutem Willen sucht, wenn Alter und Erfahrung endlich das wilde Feuer gedämpft und die Fantome zerstreuet haben (es müßte denn gar zu früh eine gehegte Leidenschaft ihn in einen solchen Zusammenfluß von unglücklichen Verhältnissen versenkt haben, daß er sich von dem entschiedenen Wege des Verderbnisses wegzureißen nicht mehr vermöchte); daß, wenn ihm aber die Augen des Verständnisses aufgehn, er alles um sich her im wahren Lichte sieht, nicht getäuscht, nicht irregeführt werden kann, immer bescheiden, aber sicher, richtig und weise urtheilt, alles mit Liebe umfaßt, ihn nichts wundert, er nie vor etwas zurückbebt, nach keinen Schatten greift, nie ängstlich sucht, nie unvorsichtig sich hinzudrängt, dankbar und froh aus Allem Wonne zu schöpfen, aber mäßig auch das Anlockendste sich zu versagen und mitten im Genusse zu entbehren weiß, nie Gewalt überspannt, nie Kräfte schlafen läßt, nicht zweifelt, nicht nachlallt, duldet ohne zu billigen, erträgt ohne Theilnahme, für Andre lebt und sich doch nicht aufopfert, das Verborgene ehrt und das Begreifliche ergründet, nur das Mögliche fordert, nur nach dem wahrhaftig Wünschenswerthen sich sehnt – daß dies dann die Vollendung des Mannes in dieser Welt, der Segen ist, den die Vorsehung den wenigen Bessern zusichert, die sich hier ihre Erfahrungen, die Erziehung des Schicksals, zu einer größern Laufbahn jenseits des Grabes zu Nutze machen wollen – Dies alles zu zeigen, ist der Zweck meines Buchs, der Geschichte Ludwigs von Seelberg.

 

Neue moralische Wahrheiten, die uns noch nicht offenbart wären, gibt es wohl nicht; also erwarte man auch hier dergleichen keine; die Art der Zusammensetzung und Darstellung aber kann einer sehr alten, nur oft vergessenen, vernachlässigten Lehre neue Fruchtbarkeit geben – ich wünsche, daß dies hier der Fall seyn möge.

Ob, was hier erzählt wird, wirkliche Begebenheiten sind? – Leser! was in dieser Welt möglicher Weise geschehen kann, das ist auch gewiß geschehen oder geschieht in der Folge der Zeit – Aber noch mehr! Ich liefere größtentheils Skizzen von dem Gewebe meiner eigenen Empfindungen und herrschenden Leidenschaften, Geschichte meines eigenen, oft irregeführten Herzens – nicht, daß ich in meinem unruhigen Leben in alle diese Labyrinthe des Verstandes und Herzens gerathen wäre, durch welche ich den Held meiner Geschichte führe, aber doch in viele derselben, und wahrlich! es ist nicht mein Verdienst, wenn andre Einwirkungen, andre Begebenheiten mich bey den nämlichen ausgebildeten Anlagen zum Bösen nicht grade den schlimmsten Weg geführt haben –

Leser! ich schäme mich dieses offenherzigen Geständnisses nicht. Jetzt, vielleicht bald am Ende meiner irdischen Laufbahn oder wenigstens, wie ich gewiß hoffe, am Ende meiner Verirrungen, möchte ich nicht gern besser scheinen, obgleich ich gern besser wäre, als ich bin, und sollte dies Geständnis von einer Seite in den Augen Mancher mich herabsetzen, die entweder bis itzt eine bessere Meinung von mir gehabt haben, als ich verdiene, oder die nicht möchten, daß es Mode würde, anders als im Feierkleide, wohl ausgepolstert, aufgeputzt, geschminkt, auch, nöthigen Falls, mit geborgten Zähnen und Augen von Porzelain im Publiko zu erscheinen, und die keinen Sinn dafür haben, daß man ohne Unverschämtheit und ohne Unverstand sich so zeigen könne, wie man ist, so werde ich von der andern Seite gewiß bey einfacher Gesinnten gewinnen, die sich gern vertraulich an einen arglosen Mann schließen, der keine versteckte Waffen unter dem Rocke trägt, um Arm in Arm mit ihm den kleinen Rest des Lebens durchzuwandeln – und diesen guten, lieben Menschen biete ich dann hier brüderlich die Hand – Findet Ihr irgendein heilsames Trostwort in dieser Geschichte, ein Wort, das Balsam gießen könnte in die geheimen Wunden Eurer Herzen; seyd Ihr je in ähnlichen Lagen gewesen; habt Ihr je gekämpft, wogegen ich gestritten habe und zum Theil noch streite; hat je Eure warme Fantasie Euch auf Abwege geführt, ein falsches Irrlicht Euch dahin gelockt, wo Euer Fuß bey dem leisesten Tritte sich in Dornen verwundete; ist je Eure emporstrebende Vernunft in verbotene Gebiete gerathen, in welchen heiliger Schauer Euch ergriff bey dem blendenden Feuerglanze, der Euch entgegenströmte, indes dicke Nebel den Rückweg bedeckten; seyd Ihr in überspannten, süßen Hoffnungen betrogen, in kindischem Vertrauen getäuscht, aus dem wonnevollsten Traume mit Ungestüm aufgeschreckt worden; wankte Euer Schritt oft auf dem ebensten, gebahntesten Wege; stürzte bey dem leichtesten Hauche des heißen Mittagswindes zuweilen der Palast ein, an welchem Ihr eine halbe Lebenszeit gebauet hattet; riß je eine geheime Macht Euch dahin, wovor Ihr so lange geflohen wäret, wo Kummer und Reue Eurer warteten; wichen auch die Geprüftesten weit von Euch, sobald Ihr Hilfe bedurftet; verließen Euch Bruder und Kind, wenn die Hand des Schicksals Euch dräuete; verriethen Euch Die, denen Ihr Euch aufgeopfert hattet; trat Euch Der mit Füßen, der Euer Brot aß; zog Der den Dolch gegen Euch, der so lange sicher an Eurem Busen geschlummert hatte – so leset diese Geschichte und erfahret, daß die Sorgfalt des liebevollsten Vaters aller Kreaturen dies alles zu Eurer größern Vervollkommnung zu lenken weiß und daß, wenn es Euch ernstlich darum zu thun ist, Ihr nach vollendeter Erziehung ein Glück schmecken werdet, das ohne Wechsel ist.

Und nun noch ein vielleicht verlornes Wort für den lesenden großen Haufen! Ich habe, glaube ich, vorhin gesagt, daß die Begebenheiten, welche ich erzähle, nicht grade so, wie sie da stehn, wahr noch wirklich vorgegangen sind, und eben das gilt auch von der Existenz der Personen, welche ich schildere. Die Züge dazu sind freilich aus der wirklichen Welt entlehnt; aber die Zusammensetzung ist mein eigenes Werk, doch kann es gar leicht seyn, daß irgendwo Menschen leben, denen meine Gemälde vollkommen gleichsehen. Absichtlich habe ich indessen nicht Einen Menschen nach dem Leben gezeichnet, obgleich ich das im Grunde gar nicht für unrecht halte, es auch nicht übel aufnehme, wenn man mir ein Gleiches thut, fest überzeugt, daß man Nachsicht und Duldung haben könne, ohne blind und stumm zu seyn, und daß Krankheitsgeschichten sehr viel zum Vortheil der Arzeneikunde beitragen. Diese Erinnerung könnte überflüssig scheinen und würde es auch seyn, wenn nicht unverständige und müßige Menschen bis itzt sich ein Geschäft daraus gemacht hätten, in meinen Schriften Anspielungen auf einzelne Personen ihrer Bekanntschaft zu suchen, welche Mühe ich ihnen künftighin gern ersparen möchte – Doch haben sie, wie sich das versteht, darin auch diesmal ihren freien Willen.

Endlich, was den literarischen Werth betrifft, den dies Buch, als Roman betrachtet, haben könnte, so gestehe ich, daß ich denselben gern dem Freicorps der Rezensenten preisgebe und von dieser Seite ohne große Ansprüche bin. Gelobt und geschimpft sind meine Schriften bis itzt vielfältig worden (je nachdem die Herrn Kunstrichter meiner geringen Person wohlwollten oder nicht, und je nachdem die Rezension vor oder nach Tische verfertigt war), beurtheilt (welches freilich heut zu Tage ganz etwas andres ist als rezensiert) hat man sie selten, auch haben die guten Herrn zu dieser Arbeit gewöhnlich weder Kenntnis noch Geschick, noch Erlaubnis, noch Beruf. Es wird also auch wohl diesem Büchelchen nicht besser gehn, welches mir denn sehr gleichgültig ist, insofern ich nur damit den Zweck erlange, den ich vorhin entwickelt habe.

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