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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Achtes Kapitel.
Mit blutroten Buchstaben ...

Er bewegte sich.

»Dan – lieber Dan!«

»Mein Kopf!« stammelte er. »Er tut so gewaltig weh – Kate, als wenn ...«

Er schwieg plötzlich. Sie wußte, daß ihm jetzt die Erinnerung wiederkam.

»Es ist jetzt alles in Ordnung, Lieber. Ich bin hergekommen, um mich um dich zu kümmern, ich geh' nicht wieder weg. Armer Dan!«

»Wieso hast du's erfahren?« fragte er. Die Worte schleppten sich mühsam dahin.

»Black Bart kam und holte mich.«

»Guter, alter Bart!«

Der riesige Wolf kroch näher heran und leckte die Hand, die sein Herr nach ihm ausstreckte.

»Nanu, Kate, ich lieg' ja auf dem Boden? Und wie finster es ist! Bin ich immer noch in Morgans Haus? Jawohl, ich fang' an, ein bißchen zu begreifen.«

Er versuchte aufzustehen. Sie drückte ihn zurück.

»Wenn du jetzt versuchst, dich zu bewegen, kannst du sehr leicht Fieber bekommen. Ich gehe nach der Ranch zurück und bring' dir ein paar Decken her. Morgan hat gesagt, es ist besser, wenn du ein paar Stunden lang gar nicht den Versuch machst, aufzustehn. Er sagt' auch, du hast furchtbar viel Blut verloren und du sollst dich ja davor hüten, in den Sattel zu steigen – mindestens bis morgen.«

Dan ließ sich mit einem Seufzer wieder in eine bequemere Lage gleiten.

»Kate!«

»Ja, Lieber?«

Ihre Hand strich leicht wie Schneeflocken über seine Stirn. Er griff danach und preßte die kühle Haut gegen seine Wange.

»Mir ist zumut, als hätte ich in einem großen Feuer gesteckt. Mir ist manchmal, als ob ich immer noch rot vor den Augen sähe.«

»Dan, sprich nicht so. Das gibt mir ein Gefühl, wie wenn ich dich nie gekannt hätte. Du mußt jetzt alles vergessen, was sich zugetragen hat. Versprich mir das!«

Er verharrte eine Weile in Schweigen, dann seufzte er:

»Vielleicht – vielleicht kann ich's, Kate. Aber ich sag' dir nur, es ist mir zumut, als wär' in meinem Kopf was geschrieben – in blutroten Buchstaben geschrieben –, und ich muß 'rausbringen, was es heißt. Ehe ich's nicht weiß, kann ich nicht viel mit dir reden.«

Sie hörte ihn kaum. Ihre Hand lag noch immer auf seinem Gesicht. Ein tief beklemmendes und doch unendlich süßes Gefühl der Zufriedenheit durchdrang allmählich ihr Inneres. Sie lächelte. Sie war froh, daß die Dunkelheit ihm ihr Gesicht verbarg. Zum erstenmal in ihrem Leben fühlte sie Scham vor ihm. Ein eigenartiges Gefühl der Scham! Die Tür zum Allerheiligsten ihres Herzens war plötzlich aufgesprungen. Wenn er wollte, konnte Dan tief in ihre Seele blicken. So schien es ihr wenigstens. Es war ein erschreckendes Gefühl, und doch erfüllte es sie mit tiefer Freude.

»Kate!«

»Ja, Lieber?«

»Kate, worüber lachst du bloß?«

»Ich weiß es nicht, Dan. Mir ist nur so glücklich zumute.«

»Kate!«

»Ja?«

»Ich hab' dich mächtig gern.«

»Ich bin so froh darüber.«

»Dich und Black Bart und Satan ...«

»Oh!«

Ihre Stimme hatte sich verändert.

»Warum versuchst du deine Hand wegzuziehen, Kate?«

»Bin ich dir nicht mehr als – dein Gaul – und dein Hund?«

Die Frage schien ihn zu überraschen. Er tat einen tiefen Atemzug.

»Es ist 'n bißchen anders, denk' ich.«

»Sag, wie's ist!«

»Wenn Black Bart sterben würde ...«

Der Wolfshund winselte. Er hatte seinen Namen gehört.

»Guter, alter Bart! Well, wenn Black Bart sterben würde – 's könnt' sein, wenn ein bißchen Zeit darüber hingegangen ist, würd' ich einen anderen Hund haben, und vielleicht hätte ich den ebenso gern.«

»Ja?«

»Und wenn Satan sterben würde – sogar Satan – kann sein, eines Tages könnte ich ein anderes Pferd genau so liebgewinnen – freilich müßt' es dann Satan mächtig ähnlich sein! Aber wenn du sterben müßtest – das wäre anders, ganz gewaltig anders.«

»Warum?«

Die Pausen, die er machte, um über ihre Frage nachzudenken, machten sie beinahe wahnsinnig.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte er schließlich.

Wieder dankte sie dem Dunkel, das ihr Lächeln verbarg.

»Vielleicht weißt du den Grund, Kate?«

Sie lachte. Es klang wie Musik, aber seine Finger ließen ihre Hand los. Er dachte bereits an etwas anderes. Und jetzt lachte er auch. Sie fuhr zusammen. Diese Art Lachen hatte sie nie an ihm gekannt.

»Was ist denn, Dan?«

»Er war ein mächtig großer Kerl, Kate. Er war größer und breiter als irgendein Mann, den ich je zu Gesicht bekommen habe! In 'ner Art war's 'ne drollige Sache. Als ich den Schlag von ihm erhalten hatte, war mir's beinah froh zumute. Ich hatte keinen Haß auf ihn ...«

»Dan, lieber Dan!«

»Nein, ich hatt' keinen Haß auf ihn – ich wollte ihn bloß umbringen – und dran zu denken, machte mich richtig froh. Ist das nicht komisch, Kate?«

Er lachte wieder in seiner neuen, seltsamen Art. Jetzt erinnerte sie sich. Ihr Vater hatte immer genau das gefürchtet und vorausgeahnt, was jetzt eingetreten war. Dan hatte zum erstenmal etwas von den Kräften gemerkt, die in ihm schlummerten – zum erstenmal hatte er sein eigenes Blut gesehen und geschmeckt. Sie schauerte zusammen.

»Dan, du hast gesagt, du kannst mich leiden. Du mußt dich jetzt entscheiden, ob du mich haben willst oder ob du diesem Mann auf der Blutfährte folgen willst.«

»Du verstehst's nicht«, sagte er. Er war bemüht, seine Worte so zu wählen, daß ihr alles klar wurde. »Ich muß einfach hinter ihm her! Ich kann nichts dagegen machen, so wenig Black Bart etwas dagegen machen kann, daß er heulen muß, wenn er den Mond sieht.«

Er verfiel in Schweigen, horchte in sich hinein. Weit hinten in den Bergen heulte ein Koyote. Kate bebte.

»Dan!«

Draußen vor der Tür stieß Satan ein leises Wiehern aus. Es war wie ein Ruf. Sie beugte sich vor. Ihre Lippen preßten sich auf seinen Mund. Er schob sie beinahe grob von sich weg.

»Auf meinen Lippen ist Blut, Kate. Ich kann dich nicht küssen, ehe sie wieder rein sind.«

Er wandte den Kopf ab.

»Du mußt auf mich hören, Dan!«

Er antwortete nicht. Black Bart schlich sich heran und kauerte sich neben seinem Kopf hin. Seine Augen starrten unverwandt Kate an.

»Dan! Sprich zu mir!«

Seine Augen waren trotz der Dunkelheit plötzlich deutlich sichtbar, wie von innen erhellt. Und jetzt wechselte ihre Farbe. Ein gelbes Licht schwelte darin, – und nur dieses gelbe Licht gab ihr Antwort. Kalte Furcht griff nach ihrem Herzen. Aber die Liebe wollte die Waffen nicht strecken und kämpfte dagegen an.

»Zum letztenmal, Dan! – Um Gottes willen, Dan!«

Immer noch nichts, als Schweigen. Sie stand auf. Ihre Glieder bebten. Sie fühlte sich elend und schwach. Die fremden, unheimlichen Augen folgten ihr. Jetzt lebte in ihr nur noch die Furcht. Sie wich langsam nach der Tür zurück, zögernd erst, dann schneller und schneller. An der Schwelle machte sie kehrt und stürzte in die Nacht hinaus.

Draußen auf dem Weg lief sie aus Leibeskräften. Einmal stolperte sie und brach in die Knie. Sie schrie laut auf und warf einen furchtsamen Blick nach rückwärts. Sie atmete erst wieder ruhiger, als sie sah, daß nichts ihr folgte. Zu Hause angelangt, stürzte sie, ohne Atem zu schöpfen, auf ihr Zimmer. Sie hörte die Stimme ihres Vaters, aber sie fühlte sich unfähig, mit ihm zu sprechen. Von allen Menschen in der Welt war er der letzte, der alles wissen durfte. Sie ging zu Bett und kroch unter der Decke zusammen.

Gleich darauf klopfte es. Ihr Vater stand draußen. Er erkundigte sich, ob sie krank sei. Sie berichtete klagend über schreckliches Kopfweh und bat, allein gelassen zu werden. Er wollte wissen, ob sie Dan gesehen habe. Mit Aufbietung aller Energie gelang es ihr, zu erklären, daß Dan nach einer Ranch in die Nachbarschaft geritten sei, und ihr Vater ließ sie allein, ohne weitere Fragen zu stellen.

Die Hähne krähten, ehe sie einschlafen konnte.

Es war schon spät am anderen Morgen, als der alte Joe Cumberland wieder an ihre Tür klopfte. Er fing an, besorgt zu werden. Ihre Krankheit schien ernster, als er dachte. Aber davon abgesehen hatte er einen ganz bestimmten Grund, um sie zu wecken.

»Ja?« rief sie, als er zum zweitenmal geklopft hatte.

»Sieh mal aus dem Fenster, Kleines! Sieh mal nach Morgans Kneipe hinüber. Du weißt doch, ich habe gesagt, ich würde die Landschaft von diesem Schandfleck reinigen.«

Er hatte Morgans Kneipe genannt. Kates Schläfrigkeit war wie mit einem Schlag verflogen. Und sofort kamen alle die Schrecken der Nacht in ihre Erinnerung zurück. Fröstelnd glitt sie aus dem Bett und eilte ans Fenster. Morgans Kneipe war eine einzige mächtig emporlodernde Feuersäule!

Sie klammerte sich an den Fensterrahmen und starrte noch einmal hin. Es war nicht möglich! Vielleicht war es wieder ein Alptraum – aber keine Wirklichkeit. Sie hörte zwar die triumphierende Stimme ihres Vaters vor der Tür, aber ihr ganzes Denken war nur von einem ausgefüllt: sie sah Dan vor sich, wie er in der vergangenen Nacht hilflos, verwundet, zu schwach, um sich vom Fleck zu rühren, in Morgans Schankraum auf dem Boden gelegen hatte.

»Und jetzt ist Schluß damit!« sagte Joe Cumberland zufriedenen Tones draußen auf dem Flur. »Keine Spur von so 'ner Giftbude mehr auf Meilen im Umkreis. Gleich heute morgen bin ich hinübergeritten und habe ein Streichholz drangehalten.«

Immer noch starrte sie hinaus. Sie rührte sich nicht. Sie gab keinen Laut von sich. Sie sah Dan vor sich, wie er aus seinem ohnmachtähnlichen Schlaf erwachte, weil ihm der beizende Rauch und die Hitze der näher und näher züngelnden Flammen geweckt hatten. Sie sah ihn kämpfen, um sich aufzurichten, und wie es ihm unmöglich war, sich auf den Füßen zu halten.

»Warum sagst du nichts, Kate?« rief ihr Vater.

»Dan!« schrie sie gellend, wankte und fiel bewußtlos zu Boden.

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