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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Sechstes Kapitel.
Lachen

»Mr. Lee,« sagte sie, »ich habe die Absicht, Sie um einen Gefallen zu bitten. Wollen Sie ihn mir tun?«

Sein Lächeln war eine hinreichend klare Antwort.

»Sie haben Dan unter den Leuten hier bemerkt?« fragte sie. »Den Pfeifenden Dan?«

»Jawohl«, gab er zu. »Ich war mit dabei, wie er ein paar recht hübsche Schüsse getan hat?«

»Mr. Lee, ich möchte mit Ihnen über Dan sprechen. Er weiß wenig über Männer und ihre Art. Er ist beinahe ein Kind gegen die anderen. Ihr scheint – stärker – als alle diese Leute hier. Werdet Ihr Euch darum kümmern, daß man sich, wenn es hier zu irgendwelchen Zwischenfällen kommt, mit Dan nichts herausnimmt?«

Sie errötete ein bißchen. Es lag ein so seltsam sehnsüchtiger Ausdruck in den Augen des gewaltigen Mannes an ihrer Seite.

»Wenn das Euer Wunsch ist,« sagte er schließlich, »verspreche ich, zu tun, was ich kann.«

Sie ging zu ihrem Pferd, er schritt neben ihr her. Sie wandte sich ihm plötzlich voll zu.

»Sie unterscheiden sich gewaltig von allen anderen Männern, die ich hierherum unter die Augen bekommen habe«, sagte sie.

»Das freut mich«, antwortete er.

»Freut Sie?«

»Wenn Ihr findet, daß ich mich von anderen unterscheide, so weiß ich wenigstens, daß Ihr mich nicht ohne weiteres vergessen werdet – gleichgültig, ob Eure Erinnerung an mich gut oder schlecht ist.«

Er sprach mit solchem Nachdruck, daß sie nachdenklich wurde. Er half ihr in den Sattel, und sie beugte sich ein wenig vor. Sie betrachtete ihn. In ihrem Ausdruck war noch immer der gleiche nachdenkliche und liebliche Ernst.

»Ich würde mich freuen, wenn man Sie einmal wiedersähe, Mr. Lee«, sagte sie. Und dann hastig: »Ich würde mich freuen, Sie recht häufig zu sehen. Werden Sie einmal zu uns auf die Ranch kommen?«

Diese unerwartete Einladung und das Lächeln, das sie begleitete, brachten Lee Haines für einen Augenblick aus der Fassung. Als er antwortete, war seine Stimme ein wenig unsicher.

»Ich werde kommen –« er hielt inne, um die ihm dargebotene Hand zu nehmen, »wenn es möglich ist!«

Sie zog ein wenig die Augenbrauen hoch.

»Fällt es Ihnen denn so schwer?«

»Verlangen Sie, bitte, nicht, daß ich es Ihnen erkläre. Ich reite einen langen Weg.«

»Oh, ein ›Lang-Reiter‹?« lachte sie. »Dann natürlich –« sie brach kurz ab. Vielleicht war es nur Einbildung, aber es kam ihr vor, als sei er zusammengefahren, als sie das Wort aussprach, das das Losungswort ist, an dem alle Strauchdiebe und Banditen sich erkennen. Er zwang sich, ihr in die Augen zu sehen, und sagte langsam:

»Ich gehe auf eine lange Reise. Vielleicht komme ich zurück. Wenn ich's kann, werde ich's.«

Er zog seine Hand zurück. Sie saß still im Sattel. Sie erriet manches und war tief bewegt. Denn jede Frau hört es heraus, wenn ein Mann aus tiefster Seele spricht.

»Sie werden mich nicht vergessen?«

»Ich werde Sie nie vergessen«, antwortete sie still. »Leben Sie wohl.«

Ihre Hand fand noch einmal die seine. Dann warf sie ihr Pferd herum und ritt hinweg. Er blieb stehen, wo er stand, und vergaß die Hand sinken zu lassen, die sie in ihrer gehalten hatte. Wie er gehofft hatte, drehte sie sich nach einer Weile im Sattel und winkte ihm zu. Als er wieder in die Kneipe zurückschritt, hafteten seine Augen nachdenklich auf dem Boden. Ein schwaches Lächeln lag um seinen Mund.

Silent saß an einem der Tische. Das Kinn hatte er in die Hand gestützt. Es war die linke Hand – die unruhige rechte Hand mußte immer aktionsbereit sein. Er starrte durch den Raum nach dem Pfeifenden Dan hinüber, und Lee wußte, daß irgend etwas geschehen mußte, um den Gedankengang zu unterbrechen, der daran schuld war, daß diese unheilverkündenden Augen sich noch immer nicht von Dan losreißen konnten. Deshalb ließ sich Lee Haines neben seinem Hauptmann nieder.

»Was ist denn los, in Dreiteufelsnamen?« fragte der Riese. »Bist du noch nicht unterwegs?«

»Hör' mal, Jim,« sagte Haines warnend, »ich wäre dafür, daß du das Küken, den Dan, jetzt ungeschoren läßt. Es kann dir doch weiß Gott nichts bedeuten, seinetwegen hier Radau anzufangen?«

»Ich will dir was sagen«, antwortete Silent. »Es gibt für mich nichts Schöneres auf der Welt, als sein verdammtes Weibergesicht mal mit dem Fußboden hier Bekanntschaft machen zu lassen.«

»Silent! Ich bitte dich persönlich darum!«

Silent starrte seinen Untergebenen an. Es war ein unverschämter und wilder Blick. Haines biß die Zähne zusammen. Und dann kam die Antwort:

»Haines, ich laß mir von dir mehr gefallen als von jedem anderen. Ich weiß, daß du Mark in den Knochen hast, und ich weiß auch, daß du mit mir ehrliches Spiel spielst. Aber keine Macht der Welt wird mich daran hindern, dem Küken da eine Lektion angedeihen zu lassen.« Seine Hand öffnete und schloß sich langsam und beredt. »Ich sehne mich ordentlich danach, ihn zu erwischen.«

Haines erkannte, daß er geschlagen war.

»Aber hoffentlich hast du nicht noch irgendeinen versteckten Revolver bei dir, Jim? Du willst doch nicht etwa versuchen, ihn über den Haufen zu schießen?«

»Nein«, sagte Silent. »Wenn ich einen Revolver hätte – ich wüßte auch nicht – aber ich habe keinen. Meine Hände genügen!«

Es gab noch ein Mittel: Dan zum Verlassen der Kneipe zu bewegen. Das mußte verhältnismäßig einfach sein. Ein einziges Wort genügte wohl, um den schüchternen kleinen Kerl zu veranlassen, Hals über Kopf den Heimweg anzutreten.

Die großen, ein wenig schläfrigen braunen Augen blickten zu Haines auf, als er sich Dan näherte.

»Dan,« sagte er, »schlag' dich ins Gebüsch – mach' dich auf die Socken – hier droht dir Gefahr!«

Mit Erstaunen stellte er fest, daß der Ausdruck der braunen Augen sich nicht um einen Schatten geändert hatte. »Gefahr?« fragte Dan verwundert.

»Jawohl, Gefahr! Auf und raus! Wenn Ihr mit heiler Haut davonkommen wollt!«

»Was ist denn los?«

Dans Augen zeigten jetzt Überraschung, aber keine Furcht.

»Der stärkste Mann in der ganzen Bude hier will Euch an den Kragen, und Blut will er sehen!«

»Soso?« sagte Dan verwundert. »Tut mir leid, aber ich habe gar keine Lust, aufzubrechen. Es gefällt mir hier noch ganz gut.«

»Freundchen,« sagte Haines, »wenn der Kerl Euch in die Tatzen bekommt, zerbricht er Euch überm Knie wie ein Stückchen faules Holz.«

Es war schon zu spät. Silent hatte anscheinend erraten, daß Haines bemüht war, sein auserwähltes Opfer zur Flucht zu bewegen.

»He!« brüllte er. Alle Köpfe wandten sich nach ihm. »Ihr da drüben!«

Haines trat einen Schritt zurück. Es war ihm weh und übel zumute. Er wußte, es war Wahnsinn, seinem Führer Stirn gegen Stirn gegenüberzutreten. Aber er dachte an das, was er Kate versprochen hatte, und stöhnte.

»Was wollt Ihr von mir?« fragte Dan, denn Jims ausgestreckter Zeigefinger ließ keinen Zweifel daran, wem sein Zuruf gegolten hatte.

»Steht auf, wenn man mit Euch redet!« rief Silent. »Habt Ihr gar keine Manieren im Leib? Und macht 'n bißchen dalli!«

Dan erhob sich, ein Lächeln der Verwunderung auf den Lippen.

»Euer Freund hat 'ne komische Art, mit den Leuten zu reden«, sagte er zu Haines.

»Steht nicht da rum wie 'n Ölgötze! Trabt nach der Bar hinüber und bringt mir 'nen Schuß Whisky. Ich sitze hier trocken!« donnerte Silent.

»Gewiß«, nickte der Pfeifende Dan liebenswürdig. »Gerne!«

Und ging nach dem Schanktisch hinüber.

Alle anderen in der Kneipe tauschten einen Blick und ein unbehagliches Lächeln. Sie waren angewidert. Es gab eine Entschuldigung für solche Bereitwilligkeit, denn Jim Silent wirkte gegenüber Dan wie eine Eiche gegenüber einem jungen Schößling. Aber trotzdem verursachte ihnen die unverhohlene Feigheit, die Dan bewies, eine Gänsehaut nach der anderen. Er stand jetzt an der Bar und verlangte Whisky. Und während er das Glas bis zum Rande füllte, ergriff Morgan das Wort:

»Dan,« flüsterte er hastig, »ich hab' hier unter dem Schanktisch einen Revolver liegen. Sag' mir nur ein Wort, und ich werd's riskieren, auf das dicke Vieh zu schießen. Dann duck' dich und spring' zur Tür. Kann sein, ich kann ihn solang in Atem halten, bis du im Sattel bist.«

»Warum soll ich ausreißen?« erkundigte sich Dan mit allen Anzeichen des Erstaunens. »Ich fange an, es hier ganz interessant zu finden. Der große Lümmel ist gewiß eine sonderbare Sorte Mensch, nicht wahr?«

Er drehte sich um, das Whiskyglas in der Hand. Er lächelte noch immer ruhig und verwundert vor sich hin. Morgan war wie vor den Kopf geschlagen. Er wurde blaß und flüsterte ein über das andere Mal vor sich hin: »Well, ich will verdammt sein! Well, ich will verdammt sein!«

Dan stellte das volle Glas vor Silent auf den Tisch. Der saß da und biß sich in die Lippen.

»Was, in Dreiteufelsnamen, soll das heißen?« sagte er. »Nur ein Glas habt Ihr gebracht? Seid Ihr – Kreuzdonnerwetter! – zu fein, um mit mir einen Schluck zu trinken? – Dann trink' doch allein, du feiger Hund!«

Damit schleuderte er den Inhalt des Glases Dan ins Gesicht. Der wurde von der beißenden Flüssigkeit beinah geblendet. Er machte einen Schritt rückwärts, spuckte und wischte sich die Augen. Niemand im ganzen Raum bewegte auch nur ein Augenlid. In jedem Gesicht malte sich der selbe erschreckte Ausdruck. Aber in Silent sprengte jetzt, als er Dan zurückweichen sah, der rote Teufel der Wut alle Fesseln. Er ließ die geballte Faust dem Glas nachfliegen. Dan stand unbeweglich und sah dem herankommenden Schlag entgegen. Seine Augen waren mit einem verblüfften und verwunderten Ausdruck weit aufgerissen, wie die eines Kindes. Die eisenharte Hand traf ihn mitten auf den Mund. Er wurde glatt hochgehoben und mit solcher Wucht gegen die Wand geschleudert, daß er davon abprallte und in die Knie brach. Silent knurrte wie ein Raubtier und wollte sich eben auf sein schon halb am Boden liegendes Opfer stürzen. Mitten im Sprung hielt er inne. Denn ...

... Dan lachte. Wenigstens glich sein Murmeln und Kichern am ehesten einem Lachen. Aber es war keineswegs ein lustiges Lachen. Es lag Wahnsinn darin, der das Blut gerinnen ließ. Silent blieb mit zum Schlag erhobener Hand stehen. Seine Kinnlade fiel herab. Mit hilflos aufgerissenem Mund starrte er seinen Gegner an. Das abscheuliche Kichern wollte nicht aufhören. Es war ein Ton, den zu beschreiben und zu erklären unmöglich war. Und da Dan in einer dunklen Ecke zusammengekauert war, konnte man sehen, wie seine braunen Augen aufflammten, ihren Ausdruck änderten und plötzlich sich mit gelben, züngelnden Flammen füllten.

»Großer Gott!« flüsterte Silent. Im gleichen Augenblick sprang das drohend zusammengeduckte Tier mit den gelben Augen, dieses namenlose Wesen, das eben noch der Pfeifende Dan gewesen war, ihm wie ein Panther an die Kehle.

Morgan stand hinter dem Schanktisch mit bleifarbenem Gesicht und einem gefrorenen Lächeln. Seine steif gewordenen Finger hielten noch krampfhaft die Whiskyflasche umfaßt, aus der er eingegossen hatte. Keiner rührte sich von seinem Platz. Einige Kartenspieler, die eben hatten ausspielen wollen, blieben sitzen, die Trumpfkarte in erhobener Hand. Andere waren mitten in einem Lachen erstarrt. Einer hatte sich gebückt, um seinen Schuhriemen neu zu binden. Sein Körper blieb in der unbequemen Lage. Nur seine Augen rollten in die Höhe, um zu sehen, was vorging.

Dan schoß unter Silents drohend ausgestreckten Armen durch, hob ihn beinah vom Boden und trieb ihn rückwärts. Der riesige Mensch stolperte und war nah am Fallen. Er überrannte dabei zwei Stühle. Mit einem wilden Schrei setzte er zum Gegenangriff an. Aber als er das weiße Gesicht erblickte mit dem dünnen Blutstrom, der aus der geborstenen Lippe tröpfelte, und als das unmenschliche Lachen wieder in seine Ohren drang, zögerte er von neuem.

Und schon war Dan wieder über ihm. Seine Fäuste wirbelten so rasch, daß man ihrer Bewegung nicht folgen konnte. Für jeden Schlag, den Jim Silent austeilte, erhielt er vier. Es war unmöglich! Es konnte einfach nicht sein! Silent glaubte zu träumen, und dann trafen die tanzenden Fäuste seines Gegners erneut sein Gesicht und seinen Leib mit der Kraft von Schmiedehämmern. Silent senkte den Kopf und suchte seinen Feind mit den Händen zu packen. Dann brüllte er in wildem Triumph auf. Seine ausgestreckte Hand hatte Dan, als er zur Seite gleiten wollte, am Hemd erwischt. Im selben Augenblick hatten sie sich schon umschlungen.

Das entscheidende Stadium des Kampfes begann. Während sie Körper an Körper rangen, machte Silent einen Arm frei und griff nach Dans Kehle. Die Bewegung geschah blitzschnell, aber Dan war noch rascher. Seine linke Hand packte Silents Handgelenk und hielt den Arm auf halbem Wege fest. Die beiden befanden sich jetzt mitten im Raum. Sie standen aufrecht und dicht aneinander, fest umschlungen. Ihre Stellung hatte eine groteske Ähnlichkeit mit der eines Tänzerpaares, aber ihre Körper bebten von der furchtbaren Anstrengung. Silent bot auch das Letzte auf, was seine mächtige Muskulatur hergab, um doch noch Dan bei der Kehle zu fassen. Er fühlte, wie der rechte Arm seines Gegners ihn immer dichter und dichter umspannte. Und dieser Arm, der beinah schmächtig wirkte, schien aus Stahl geschmiedet, bohrte sich jede Sekunde ihm tiefer in den Leib und drohte ihm die Rippen zu zerbrechen. Die Kräfte seines Gegners schienen unerschöpflich, sie schienen in jedem Augenblick noch zuzunehmen. Schon konnte Jim Silent unter dem gewaltigen Druck kaum noch atmen. Das Blut donnerte in seinen Schläfen. Wenn er nur diese mädchenhaft zarte Kehle zu packen bekäme!

Aber trotz aller Gegenwehr wurde seine rechte Hand wie in einem eisernen Schraubstock festgehalten. Nun gab der halb gelähmte Arm nach, langsam, aber unwiederbringlich. Silent biß die Zähne zusammen und fluchte. Fluch? Zur Hälfte war es ein Stoßgebet. Es kam eine Antwort. Das dämonische Kichern ertönte unmittelbar unter seinem Ohr. Seine Hand wurde zurückgestemmt, abwärts gedrängt, ihm auf den Rücken geschwungen. Der Riese war hilflos wie ein Kind in den Armen seines Vaters – nein – hilflos wie ein Schaf in der erwürgenden Umklammerung einer Riesenschlange.

Wildes Entsetzen, Scham und Furcht gaben ihm noch einmal für einen Augenblick verdoppelte Kräfte. Er riß sich aus der Umklammerung los und taumelte zurück. Dan pflanzte ihm zwei schmetternde Fausthiebe ins zähnefletschende Gesicht. Da entfloh dem Banditen der letzte Rest von Stolz. Nur eines erfüllte ihn noch: eisige Furcht, Furcht nicht vor einem Menschen, sondern vor der unheimlichen tierischen Macht, mit der er kämpfte. Er packte einen schweren Stuhl, riß ihn hoch und schleuderte ihn mit der Kraft der Verzweiflung nach Dan.

Dan wurde am Kopf getroffen. Man hörte ein Krachen, und dann schlug er als hilflose Masse auf den Boden. Silent taumelte hilflos und wie geblendet im Raume hin und her. Morgan und Lee Haines waren zu gleicher Zeit bei dem Gestürzten und knieten neben ihm nieder.

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