Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.
Silent sieht etwas Gelbes

Die Umstehenden lachten. Morgans Erregung amüsierte sie. Insbesondere Silent legte Wert darauf, seiner Heiterkeit besonders andauernden und geräuschvollen Ausdruck zu geben.

»Und wenn Ihr immer noch darauf versessen seid, Mann,« sagte er schließlich, »Euren Mitmenschen was zukommen zu lassen, so läßt sich vielleicht was finden, worüber man wetten kann.«

»Na, macht 'nen Vorschlag!« sagte Morgan hitzig. »Ich bin dabei!«

»Denke, Mann,« sagte Silent, »daß Ihr Euch für einen Reiter haltet, was?«

»Ich kann's mit den meisten aufnehmen.«

»Was Ihr nicht sagt? Schön, Kamerad, Ihr seht den Rotschimmel da.«

»Das große Pferd?«

»Ihr habt's begriffen. Ihr könnt den Hunderter zurückgewinnen, wenn Ihr nur zwei Minuten im Sattel bleibt. Nehmt Ihr an?«

Morgan besann sich eine Weile. Der mächtige Rotschimmel tänzelte nervös hin und her und warf bisweilen jäh den Kopf in die Höhe, wie es bösartige Pferde tun. Aber der Verlust der hundert Dollar und die Demütigung, die mit dem Verlust verbunden gewesen war, lasteten schwer auf seinem Gemüt.

»Ich nehm's an!« sagte er.

Ein hohes, schrilles Pfeifen wehte aus der Ferne herüber.

»Der Bursche, der da auf dem schwarzen Pferd den Weg herabkommt,« sagte Lee Haines, »ist wohl der, der die vier Dollar treffen kann? Hahaha!«

»Klar!« grinste Silent. »Du hörst's doch, wie er pfeift. Wir wollen mal sehen, vielleicht kann man Morgan mit 'ner anderen Wette noch mehr Geld aus der Nase ziehn, wenn ihm der Rotschimmel nicht allzu übel mitspielt. Schau' dir jetzt den Kerl mal an!«

Morgan mühte sich ab, um seinen Fuß in den Steigbügel zu bekommen. Es war aber vergeblich. Der Rotschimmel bäumte sich bei jedem Versuch. Schließlich hielten zwei Männer dem Tier den Kopf fest, und Morgan schwang sich in den Sattel. Allgemeines Schweigen. Der Rotschimmel schien zunächst darüber nachzudenken, ob er tatsächlich einen Reiter auf dem Rücken hatte. Er machte ein paar kurze, tänzelnde Schritte, um sich seiner neuen Freiheit zu vergewissern, dann stieg er schnaubend kerzengerade in die Luft. Die Menge johlte vor Entzücken. Das genügte. Der Rotschimmel kam wieder auf seine vier Füße zu stehen, um im selben Augenblick die Straße wie rasend hinunterzupreschen. Plötzlich hielt er mit weit ausgespreizten Vorderfüßen jäh an. Morgan rutschte wie ein Sack nach vorwärts, aber er hielt sich wacker auf seinem Sitz. Der Pfeifende Dan war jetzt keine hundert Meter mehr vom Schauplatz entfernt.

Morgan stieß einen Wutschrei aus und schwang die Reitpeitsche. Der Rotschimmel antwortete, indem er von neuem durchging. Vergeblich zerrte Morgan an den Zügeln. Gerade vor Dan kam das Pferd mit derselben Plötzlichkeit zum Halten wie das erstemal. Diesmal wurde Morgan aus dem Sattel geworfen wie ein Stein aus einer Schleuder. Die Menge johlte vor Entzücken und warf die Hüte in die Luft.

»Aufpassen!« brüllte Jim Silent. »Packt die Zügel!«

Morgan tat sein Bestes, aber das Tier bog ohne weiteres zur Seite und raste die Straße hinunter.

»Allmächtiger Gott,« stöhnte Silent, »den Gaul haben wir gesehen.«

»Sättel her!« rief jemand. »Wir müssen das Vieh einfangen.«

»Einfangen?! Fang' doch den Teufel ein!« antwortete Silent wütend. »In der ganzen Welt gibt's kein Pferd, das den Gaul einholt. Und jetzt, wo er keinen Reiter zu tragen hat, kann ihm der Wind selbst nicht nachkommen.«

»Wir werden sehen. Jetzt ist Dan auf seinem Satan hinter ihm her!«

»'s hat keinen Sinn«, sagte Jim Silent mutlos. »Er wird seinem Rappen umsonst die Lungen aus dem Leib reiten, und ich habe das beste Pferd im ganzen Land eingebüßt.«

»Du, das will ich ihm glauben,« flüsterte einer der Umstehenden seinem Nachbar zu, »denn 's kommt mir just so vor, als wäre der Rotschimmel kein anderer als der ›Rote Peter‹ selbst.«

Der Angeredete starrte den Mann mit offenem Munde an.

»Der Rote Peter?« fragte er. »Mann, das ist doch der Gaul, den Silent ...«

»Kann sein, er ist es, kann sein, er ist es nicht. Aber man soll nicht zu neugierig sein.«

Sie drehten sich beide um und starrten den Riesen mit unbehaglicher Scheu und Bewunderung an. Alle übrigen liefen die Straße hinunter, um das Rennen zwischen dem Rotschimmel und Satan zu beobachten.

Der Rotschimmel hatte einen Vorsprung, und zunächst war es ihm gelungen, ihn noch zu vergrößern. Aber rasch war es so weit, daß Satan mit ihm Schritt hielt. Bald darauf begann er aufzuholen. Erst nur Zoll um Zoll, dann verringerte sich bei jedem Schritt der Zwischenraum zwischen den beiden Tieren. Der Rotschimmel verlor immer mehr Boden. Jetzt galoppierte der Rappe schon dicht hinter ihm, schob sich bis zu seiner Flanke vor, jetzt bis zum Sattelgurt und bis zur Schulter, und jetzt rasten die beiden Tiere Kopf an Kopf. Der Pfeifende Dan änderte seine Stellung. Sein linker Fuß glitt über den Sattelbug, schob sich in den rechten Steigbügel. Sein rechtes Bein war nun frei.

Der Rote Peter bog zur Seite – der Rappe folgte. Ein Wort seines Reiters hatte genügt. Dann ereignete sich das Wunder. Ein Schatten schoß durch die Luft. Ein Gewicht senkte sich mit leichtem Anprall auf den Sattel des Rotschimmels – und plötzlich riß eine eiserne Hand an seinen Zügeln.

Der Rote Peter haßte Menschen und fürchtete sie, aber mit dem, der jetzt seinen Sattel drückte, war es anders. Nicht Zügel und Gebiß zwangen das Tier, sein Tempo zu mäßigen. Es hatte das Gebiß längst zwischen die Zähne genommen. Keines Menschen Hand wäre an sich stark genug gewesen, ihm den Kopf herunterzudrücken. Es war blind vor Wut und blind vor Schreck, aber plötzlich schob sich irgendeine unbekannte Macht klärend in den Tumult. Es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß jeder Versuch, die Last abzuwerfen, die jetzt so zäh auf seinem Rücken hing, ohnmächtige Torheit gewesen wäre. Es hätte ebensogut versuchen können, aus der Haut zu fahren. Aus dem wilden Rennen verfiel es in einen kurzen Galopp, dann wurde ein scharfer Trab daraus, und gleich darauf hatte es kehrt gemacht und trabte nach Morgans Haus zurück. Der Rappe war gefolgt wie ein Hund, er machte zur selben Zeit Kehrt und trabte mit hängenden Zügeln hinterher. Black Bart, mit weit heraushängender Zunge, lief dicht vor ihm her. Hier und da warf der Hund einen Blick zu dem Rappen hinauf. Es war ein komischer Anblick. Es wirkte, wie wenn er sich als Besitzer des Pferdes fühle und vor ihm herlaufen müsse, um ihm den Weg zu zeigen.

In dieser Art erreichten sie die Stelle, wo Morgan noch am Weg stand. Der Rote Peter schnaubte und versuchte zu scheuen. Er hatte den gewichtigen, ungefügen Menschen erkannt, der vor kurzem noch seinen Rücken verunziert hatte. Aber sein neuer Gebieter, der Gebieter, der eine so wohltuend ruhige Stimme hatte, beschwichtigte ihn, und er kam zum Stillstand.

»Dieses rote Teufelsvieh kostet mich hundert Dollar und ein paar abgeschundene Knie«, ächzte Morgan. »Ich bin kaum fähig, zu laufen. Soll ihn der Teufel holen! Aber sag' mal, Dan –« in seinen Augen blitzte es auf, und die Bewunderung ließ ihn vorübergehend sogar seine eigenen Schmerzen vergessen –, »das war eine feine Zirkusnummer, wie du im vollen Lauf die Pferde gewechselt hast. So was habe ich mein Lebtag nicht gesehn.«

Dan ignorierte die Bemerkung. »Wenn Ihr Euch wehgetan habt,« sagte er ruhig, »warum klettert Ihr dann nicht auf Satans Rücken? Er wird Euch schon zurücktragen.«

Morgan lachte.

»Herrje, Bubi, ich würde es mit Satan schon riskieren, aber es ist just kein Hospital für Narren in erreichbarer Nähe.«

»Macht voran! Satan wird keinen Fuß rühren. Ruhig, Satan!«

»Allright«, sagte Morgan. »Jeder Schritt ist sicher und angenehm wie's Zahnziehen.«

Er näherte sich vorsichtig dem Rappen, aber er machte unversehens halt. Black Bart war plötzlich zu einem grünäugigen Dämon geworden; sein Fell sträubte sich, er zeigte die Zähne, und ein blutgieriges Knurren kam aus seiner Kehle. Und ebenso der Rappe. Er begrüßte seinen neuen Reiter mit flach nach hinten gelegten Ohren. Das ganze Tier bebte vor verhaltener Wut.

»Wenn ich Satan reiten soll,« erklärte Morgan, »dann muß ich erst sehen, daß ich den Hund niederschieße und dem Gaul Scheuklappen anschnalle.«

»Das werdet Ihr bleiben lassen!« sagte Dan. »Außer mir hat Satan noch keinen auf seinem Rücken geduldet. Aber ich denke, für einen vorübergehend zum Krüppel Geschlagenen wird er eine Ausnahme zulassen. Ruhig, Satan! Bart! Hierher! Komm hierher und klapp' die Schnauze zu!«

Der Hund warf einen erstaunten Blick auf seinen Herrn und drückte sich dann widerstrebend zur Seite. Seine Augen waren nach wie vor fest auf Morgan geheftet. Satan tänzelte schnaubend immer weiter zurück. Auf einen neuen Zuruf Dans blieb er stehen. Morgan griff nach den Zügeln und sprach dem Tier begütigend zu, aber es zitterte vor Furcht und Wut. Der Kneipenwirt trat zurück.

»Dank' auch schön für den guten Willen, Dan«, sagte er. »Denke, ich werde schon fähig sein, zu Fuß zurückzugehen. Möchte gerade so gern einen gezähmten Orkan reiten, wie den Gaul da.«

Er hinkte mühsam den Weg entlang. Dan ritt neben ihm her. Black Bart hielt sich schnuppernd dicht an seinen Fersen.

»Dan, ich will dich um einen Gefallen bitten – es ist 'ne große Bitte. Willst du sie mir erfüllen?«

»Gewiß«, sagte der Pfeifende Dan. »Alles, was ich kann.«

»Da ist bei mir drunten ein Stinktier, mit 'nem üblen Blick und einem Revolver, der aus dem Halfter springt, als hätte er selbst Verstand. Der Kerl hat mich um fünfzig Dollar geplündert. Er hat auf zwanzig Meter einen hochgeworfenen Dollar getroffen. Dann hat er mir noch hundert Dollar abgenommen, da ich seinen verdammten Gaul nicht reiten konnte. Glatt zum Narren hat mich der Kerl gemacht, Dan. Ich hab' ihm von dir erzählt, Sonny – kann sein, ich hab' ein bißchen übertrieben. Jedenfalls hab' ich ihm gesagt, du kannst dich mit dem Rücken zu dem Kerl stellen, der die Münzen hochwirft, und triffst doch vier Dollar auf einmal, eh' sie zu Boden fallen. Muß zugeben, daß ich's 'n bißchen heftig getrieben habe.« Er blickte schmerzlich drein.

»Vier Dollar treffen, eh' sie zu Boden fallen,« meinte Dan, »kann sein, ich kann's. – Ich weiß es nicht. Jedenfalls, Morgan, kann ich's nicht versuchen. Ich habe Dad Cumberland ausdrücklich versprechen müssen, daß ich keinen Revolver in die Hand nehme, wenn Leute rund herum sind.«

Morgan seufzte. Er zögerte eine Weile. Dann: »Aber du hast doch versprochen, mir was zu Gefallen zu tun, Dan?«

Der Reiter fuhr auf.

»Das hab' ich vergessen – ich habe nicht daran gedacht ...«

»Es ist doch nur, um zu zeigen, was du im Schießen kannst«, sagte Morgan eifrig. »Du willst doch keinem mit dem Schießeisen zu Leibe gehn. Junge, Junge, wenn du mir sagen kannst, daß du auch nur für fünf Pfennig Chance hast, bin ich bereit, alles auf dich zu wetten, was in meiner Kasse ist. Du hast mir dein Wort gegeben, Dan!«

Dan zuckte die Achseln.

»Ich hab' Euch mein Wort gegeben,« sagte er, »ich will's also tun. Denke freilich, Dad Cumberland wird mir's gewaltig übelnehmen.«

Sie kamen jetzt rasch der Gruppe näher, die noch immer vor Morgans Kneipe versammelt war. Sie hörten Lachen; als sie dichter heran waren, sahen sie, wie Geld und Banknoten überall von Hand zu Hand wanderten. Anscheinend wurden Wetten ausgeglichen.

Jim Silent kam ihnen entgegen.

»Was habt Ihr mit meinem Gaul angestellt?« fragte er.

»Er hat ihn hypnotisiert«, sagte Hal Purvis. Er war sehr zufrieden mit seinem Witz. Sein Lachen zeigte seine gelben Zähne.

»Jetzt macht mal schleunigst, daß Ihr aus dem Sattel kommt!« knurrte Silent. »Es ist einfach wider die Natur, daß das Vieh sich von Euch hat reiten lassen wie ein Ackergaul. Und wenn Ihr Euch habt einfallen lassen, allerlei neumodische Tricks mit ihm zu probieren, dann will ich ...«

»Nimm dir's nicht zu Herzen, Jim«, sagte Purvis, als Dan ohne jede Spur von Ärger aus dem Sattel glitt. »Nimm dir's nicht zu Herzen. Du kannst's eben nicht vertragen, zu verlieren.« Er grinste Dan an. »Wie ich gesehen habe, daß der Rappe sich an die Arbeit macht,« erklärte er, »da dacht' ich mir gleich, daß Ihr ihn zu guter Letzt auch erwischt. So hab' ich zwanzig Dollar auf Euch, gegen meinen Freund hier, gesetzt. Verdammt feines Stück das, der Pferdewechsel.«

Auch andere hatten verloren. Überall hörte man Geldstücke klappern, Lachen und Fluchen lieferte die Begleitung dazu. Jim Silent musterte mit finster zusammengezogenen Augenbrauen seinen Rotschimmel. Bill Kilduff und Hal Purvis traten näher an Satan heran, um ihn genauer zu mustern. Purvis griff nach dem Zügel. Ein blutgieriges Knurren ertönte zu seinen Füßen. Mit einem Schrei machte er einen Sprung nach rückwärts, riß den Revolver heraus und starrte Black Bart an. »Hat einer Lust zu wetten, daß dieser verdammte Wolf noch länger als fünf Sekunden am Leben sein wird?« sagte er in wilder Entrüstung.

»Ich!« sagte Dan.

»Und wer seid Ihr, in Kuckucks Namen? Und was soll das heißen, daß Ihr diese blutgierige Bestie mit Euch herumschleppt?«

Sein Revolver war noch immer im Anschlag.

»Bart ist nicht blutgierig«, sagte Dan. Seine sanfte Stimme wirkte wie Öl auf die Wogen. »Aber er wird aufsässig, wenn jemand dem Gaul zu nahe kommt.«

»Für jetzt soll's recht sein,« sagte Purvis und schob wieder die Waffe in den Halfter zurück, »aber wenn Euer verdammter Wolf sich nochmals einfallen läßt, mich anzuschielen wie eben, dann garantiere ich dafür, daß ich ihn auf eine Fährte schicke, die kein Ende hat. Capisco?«

»Schön«, sagte Dan und lächelte den Mann aus seinen sanften, braunen Augen beruhigend an.

Purvis hatte noch immer die Hand an der Waffe. Seine Augen glitzerten. Er hatte anscheinend eine Antwort erwartet, aber eine Antwort, die nicht aus Worten bestand, sondern aus Schlimmerem. Da er aber nur milde Zustimmung fand, schnitt er eine verächtliche Grimasse und kehrte Dan den Rücken. Silent hatte nun zur Genüge festgestellt, daß an der Art, wie Dan den Roten Peter behandelt hatte, nichts auszusetzen war. Er näherte sich jetzt mit einem nichts Gutes verheißenden Lächeln um seine dünnen Lippen. Lee Haines schien in seinem Gesicht zu lesen. Er drängte sich an ihn heran und flüsterte ihm zu: »Kehr' lieber nicht den Grobian heraus, Jim, das Bürschchen hat höchstens deinem Geldbeutel etwas zuleide getan, und vor Purvis hat er eben schon das Hasenpanier ergriffen. Denke, es liegt kein Anlaß vor, sich hier anzustrengen.«

»Halt die Luft an«, antwortete Silent, ebenfalls flüsternd. »Er hat mich zum Narren gemacht. Er hat auf meinem Gaul vor den Leuten Parade geritten, und bei Gott, ich werde mit ihm umspringen, daß er's nicht mehr vergessen soll!«

Er fuhr herum und schnauzte Morgan an.

»Na, was denn, Morgan? Ist das der Kunstschütze, über den du uns soviel vorschwadroniert hast?«

Dan schien nicht zu verstehen, daß Jim ihn absichtlich und nachdrücklich beleidigte. Er antwortete nur mit einem Lächeln, das von seiner verblüffenden Verträglichkeit Zeugnis ablegte.

»Laß die Finger von dem Jungen, Fremder!« warnte Morgan. »Daß er auf Euerm Gaul gesessen hat, ist just kein Grund, einen Streit mit ihm vom Zaun zu brechen. Übrigens ist ihm beigebracht worden, sich auf keinen Streit einzulassen.«

Silent musterte Dan mit einem unverschämten Blick und antwortete: »Und wie ordentlich das brave Kind tut, was ihm Papa aufgetragen hat! Wo ich zu Hause bin, zieht man 'nem Mann von der Sorte Mädchenkleider an, damit nur ja keiner auf ihn giftig wird und seinem hübschen Gesichtchen nichts zuleide tut. Es ist besser, Bubi, du gehst heim zu Muttern. Hier ist kein Platz für dich! Hier gehören nur Männer her.«

Wieder wartete alles in atemloser Spannung. Dann prustete alles laut heraus. Dan zeigte immer noch keine Lust, sich beleidigt zu fühlen. Er starrte bloß Jim Silent mit kindlichem Staunen an.

»Allright,« sagte er sanftmütig, »wenn man mich hier nicht haben will, dann ist – denke ich – kein Grund vorhanden, daß ich mich noch länger hier herumdrücke. Ihr seid mir doch nicht aufsässig?«

Was vorher nur ein Lachen gewesen war, wurde jetzt zu einem wahren Geheul des Entzückens. Sogar Silent lächelte gelassen und verachtungsvoll.

»Nein, Baby,« antwortete er, »wenn ich dir aufsässig wäre, würdest du's erfahren, ohne daß du erst zu fragen brauchst.«

Er drehte Dan langsam den Rücken.

»Kann sein, mit meiner Leber ist etwas nicht in Ordnung,« sagte er zu den Umstehenden, »aber mir ist doch so, als könnte ich hier irgend was Gelbes sehn.« Jedermann verstand die Anspielung. Gelb ist für den Westler die Wappenfarbe der Feigheit. Alle schüttelten sich aus vor Lachen, bis ihnen die Seiten weh taten. Dan schüttelte den Kopf. Die allgemeine Heiterkeit schien ihm ein Geheimnis, das er nicht enträtseln konnte. Er blickte zu Morgan hin, als erwarte er von diesem eine Erklärung. Der Kneipwirt trat zu ihm heran. Auch Morgan kämpfte mühsam mit einem breiten Grinsen.

»Ist schon in Ordnung, Dan«, sagte er. »Laß dich von den Leuten nicht in Harnisch bringen.«

»Morgan,« sagte Silent, »Mann, das ist 'ne Sache, die Ihr am wenigsten zu fürchten braucht. Wir haben's probiert und haben schon festgestellt, daß es geradezu ein Ding der Unmöglichkeit ist.«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.