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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Drittes Kapitel.
Silent schießt

Für Morgan war dies ein großer und doch von Wehmut erfüllter Tag. Sein Etablissement, in dem Gemischtwarenhandlung und Kneipe kombiniert waren, war von dem alten Joe Cumberland aufgekauft worden. Der Rancher hatte erklärt, es sei Zeit, die Landschaft von einem Schandfleck zu reinigen, und hatte damit sämtliche Cowboys der Umgebung in tiefe Betrübnis gestürzt. Manche brachten es aber doch über sich, Cumberland seine Tat zu vergeben, freilich nur angesichts des Umstandes, daß er ein so alter Mann war. Ein jüngerer Reformer hätte sich auf bewaffneten Widerstand gefaßt machen müssen. Zwischen Morgans Kneipe und der nächsten Oase in der Wüste erstreckten sich endlose Meilen. Wenn die Kneipe geschlossen wurde, hieß das für jeden Mann in der Nachbarschaft, mit durstiger Kehle noch ein paar Meilen mehr als früher zurücklegen zu müssen, wobei bemerkt werden muß, daß unter Nachbarschaft, in diesem Fall, ein Gebiet von fünfzig Quadratmeilen zu verstehen ist. Wie gesagt, es war ein Tag, der aus sehr wesentlichen Gründen mit Wehmut gesättigt war. Aber es war auch ein lustiger Tag, denn Morgan, der immer Geschäftige, hatte weit und breit das Datum bekanntgegeben, an dem sein Etablissement die Pforten schloß, und selbst diejenigen, die nur ganz gelegentlich seine Kunden gewesen waren, legten die Arbeit aus der Hand, um dem großen Ereignis beizuwohnen. Cowboypferde und die leichten Kutschierwagen der Farmer waren in Massen rings um das Gebäude zu sehen, und jeden Augenblick kamen neue Gäste im Galopp angesprengt. Die meisten nahmen sich noch nicht einmal die Zeit, ihr Pferd irgendwo anzuhalftern, sie warfen ihm einfach die Zügel über den Kopf und eilten mit schlurfenden Schritten und rasselnden Sporen hinein in den »Saloon«. Jeder einzelne wurde mit lauten Zurufen begrüßt, denn es waren mit Sicherheit immer bereits zwei oder drei anwesend, mit denen er bekannt war, und wenn sie ihm zur Begrüßung zubrüllten, schloß sich der Chor der anderen schon aus reiner Kameradschaft an. Die Regel war dann, daß der Betreffende sofort für alle eine Runde ausgab.

Immerhin gab es einen Gast, den kein Laut begrüßte, wenn man das Zuschlagen der Tür hinter ihm nicht mitrechnen will, ein hochgewachsener, hübscher Bursche mit lohfarbenem Haar. Das leichte Lächeln, das seine Lippen immerwährend kräuselte, verdankte seinen Ursprung wohl mehr der Gewohnheit. Er war auf einem kräftigen Braunen angeritten gekommen, der mindestens um zwei Handbreit höher war als das übliche Cowboypony und dessen Rücken, Schultern und Beine unmißverständlich dafür zeugten, daß edles Blut in seinem Stammbaum vertreten war. Diesen Reiter hatte es anscheinend wenig berührt, daß ihn allgemeines Schweigen empfing. Er hatte den Leuten, die die Köpfe wegwandten, einen nachlässigen Gruß hinübergewinkt und ein gutgelauntes »Wie steht's, Boys?« hinübergerufen. Sofort prasselte der Gegengruß wie eine Salve. In der Bergwildnis bringen es die Leute nicht übers Herz, sich wie Fremde gegenüberzustehen, sobald einmal das erste Wort gefallen ist.

»Kommt ran und genehmigt einen Whisky«, fuhr der Fremde fort und lehnte sich gegen den Schanktisch. Sein gewohnheitsmäßiges Lächeln verbreiterte sich zu einem einladenden Lachen. Mit alleiniger Ausnahme vereinzelter Zuschauer, die sich von den Spieltischen in der Ecke nicht losreißen konnten, entstand sofort eine allgemeine Völkerwanderung nach dem Schanktisch hin.

»Und ich denke, wir nehmen einen ordentlichen Schluck, Boys«, fuhr der Fremde fort. »Das ist das erstemal, daß ich bei Morgan mich innerlich angefeuchtet habe, und nach allem, was ich heute gehört hab', scheint es ja, als würde es das letztemal sein. Also, auf dein Wohl, Morgan!«

Und damit hob er sein Glas gegen den Wirt. Seine Stimme war angenehm, und seine Aussprache bewies, daß er eine bessere Erziehung genossen hatte. Da er außerdem sehr sorgfältig gekleidet war und beinahe elegante Reitstiefel trug, hätte man ihn vielleicht für nichts als einen Stutzer gehalten. Aber es kamen noch einige sehr wesentliche Einzelheiten hinzu, die dem widersprachen. Der Halfter mit dem Revolver hing bei ihm so niedrig, daß er kaum die Hand zu heben brauchte, um den Kolben zu fassen. Er führte sein Glas mit der linken Hand zum Mund, und die Rechte, die er nachlässig in die Hüfte gestützt hatte, war von der Sonne tiefbraun gebrannt, als ob diese Hand nur selten einen Handschuh trüge. Bemerkenswert war auch sein Blick. Er sah jedem fest und gerade ins Gesicht, und seine Augen unterzogen jeden, der im Zimmer war, einer kurzen Musterung. Das alles waren Dinge, die den Leuten aus dem Viehdistrikt sofort auffallen. Das einzige, was sie nicht bemerkten, war, daß er nur ein paar Tropfen des starken Whiskys über die Lippen brachte. Seine Finger umfaßten das Glas derart geschickt, daß es nicht zu bemerken war. Inzwischen war noch ein zweiter Mann eingetroffen, der niemals zuvor bei Morgan gezecht hatte. Auch sein Pferd war größer und besser gebaut, als die Pferde im Weidedistrikt gewöhnlich sind. Dieser zweite fremde Gast war kurzbeinig. Sein mächtiger Brustkasten glich einem Faß, und er trug ein kurzes, dichtes schwarzes Bartgestrüpp am Kinn. Als er den Schankraum betrat, war man eben noch dabei, auf Morgans Wohl zu trinken. Der Fremde wählte einen Stuhl in einer Ecke, schob den Hut zurück, worauf ihm sofort eine Haarlocke in die Stirne fiel, und begann sich eine Zigarette zu rollen. Der Mann mit dem lohbraunen Haar ließ sich neben ihm nieder.

»Scheint ein richtiggehendes Fest hier zu sein, Fremder«, sagte er nachlässigen Tones.

»Gewiß«, brummte der Mann mit dem schwarzen Bart. Gleich darauf fügte er hinzu: »Lang auf der Fährte gewesen, Kamerad?«

»Habe kaum angefangen.«

»So geht mir's auch.«

»Kann Euch sagen, ich habe noch einen harten Ritt vor mir.«

»Und ich auch.«

»Und einen recht › langen Ritt‹ obendrein.« Ein jäher Funke blitzte in dem Auge des Bärtigen auf. Vielleicht war es ein Zufall. Er hatte den Kopf einen Augenblick dem Fenster zugewendet.

»Was ein langer Ritt ist,« sagte er umgänglicheren Tones, »das ist eine verdammte Schinderei für die Pferde.«

»Und für die Menschen auch«, nickte sein Gegenüber und balancierte auf seinem Stuhl.

Der Bärtige gab auch darauf eine Antwort, aber obwohl ringsherum die Cowboys in dichtester Nähe saßen, hörte niemand, was er sagte, außer dem Mann neben ihm. Das Gesicht des Bärtigen blieb auf der Seite, die sichtbar war, vollständig unbeweglich, und seine Augen waren in trübsinnigem Starren in eine ferne Ecke geheftet, während er mit einem Mundwinkel flüsterte:

»Wie lang bleibt Ihr hier, Lee?«

»Mittag«, sagte Lee lakonisch.

Wieder bediente sich der Bärtige jener besonderen Technik des Flüsterns, die man nur in Zuchthäusern lernt. »Ich auch«, sagte er. »Scheint mir, Lee, wir sind für denselben Ritt gebucht. Weißt du, worum sich's handelt? Es ist beinahe Mittag, und der Chef müßte da sein.«

Wieder wurde ein neuer Ankömmling geräuschvoll begrüßt. Lee benutzte es, um ganz offen und ohne alle Verstellung zu sagen: »Wenn Silent gesagt hat, er kommt, dann kommt er auch. Ich kann nur sagen, er muß verrückt sein, daß er sich ausgerechnet einen Platz aussucht, wo unter Umständen Leute nur so herumwimmeln, die hinter ihm her sind, Bill.«

»Laß dir darüber keine grauen Haare wachsen«, antwortete Bill. »Diese Bude hier liegt ein gutes Stück von unserem gewöhnlichen Revier weg. Hier wird ihn keiner kennen.«

»Seine Haut ist sein Eigentum, und er kann sie zu Markt tragen, wo er will«, sagte Lee. »Ich habe ihn früher schon gewarnt.«

»Halt den Mund«, murmelte Bill. »Da hast du ja Jim – und Hal Purvis begleitet ihn.«

Über die Schwelle schritt ein mächtiger Kerl, vor dem das Gedränge um den Schanktisch zurückwich, wie die Wellen sich vor dem Bug eines Schiffes teilen. In seinem Kielwasser segelte ein kleiner Mensch daher, dessen Gesicht von der Sonne völlig ausgetrocknet und verwittert war. Seine kleinen glänzenden Augen wanderten unablässig hin und her. Jetzt schienen Lee und Bill auf einmal ihren Durst entdeckt zu haben, sie gingen den beiden Neuangekommenen zum Schanktisch entgegen. Es war nicht schwierig, in ihre Nähe zu gelangen. Der größere der beiden hatte sich mit dem Rücken gegen den Schanktisch gelehnt und die Ellbogen zu beiden Seiten auf die Platte gestützt. Niemand legte anscheinend Wert darauf, sich allzu dicht neben diesen düster dreinblickenden Riesen zu drängen. Purvis stand vor ihm, und Bill und Lee waren sofort an seiner Seite. Sie lehnten sich seitlich an die Bar und blickten den Neuangekommenen an. Trotzdem hob sich die Gruppe dieser vier keineswegs auffällig von dem Rest der Gesellschaft ab.

»Well?« fragte Lee.

»Worum sich's handelt, erzähl' ich Euch unterwegs«, sagte Jim Silent. »Zeit genug, Haines.«

»Wer reitet zuerst los?« erkundigte sich Bill.

»Du, Bill«, sagte der andere. »Reite geradeswegs nach Norden und mach' langsam. Haines wird dir dann folgen. Purvis ist der nächste. Ich komme als letzter, weil ich als letzter hierhergekommen bin. Wir haben gar keine Eile – was ist denn da los?«

Aus einer Ecke hörte man eine wütende Stimme, die rief: »Und wenn ich dir sage! Ich hab's ja gesehen!«

»Ihr müßt betrunken gewesen sein, daß Ihr doppelt gesehen habt, Kamerad«, kam schläfrig und gedehnt die Antwort.

»Hört mal, Ihr,« sagte der, der zuerst gesprochen hatte, »ich hab' Lust, das ganz so aufzufassen, wie Ihr's gemeint habt.«

»Und ich denke,« sagte der andere, »Ihr könnt's nehmen, wie's Euch in Kuckucks Namen zusagt.«

Tiefer Ernst im ganzen Raum, nur Jim und seine drei Gefährten lächelten grimmig.

»Bei Gott, Jack,« sagte der erste Sprecher mit einer Sanftheit, die nichts Gutes bedeutete, »ich bin bereit, mir einen ganzen Haufen von dir gefallen zu lassen, aber wenn du dir einfallen läßt, mein Wort zu bezweifeln ...«

Morgan, der plötzlich scharlachrot geworden war und dem die Augen aus dem Kopf traten, stemmte die Hand auf die Platte des Schanktischs und voltigierte mit einer Leichtigkeit über die trennende Schranke, die man ihm, angesichts seiner Rundheit nie zugetraut hätte. Seine Schultern bahnten sich hastig einen Weg durch die Menge, die in einem langsam sich vergrößernden Kreis die beiden Streithähne umgab. Die beiden standen einander gegenüber und starrten sich an. Sie schienen darüber die ganze übrige Welt vergessen zu haben. Beide stützten die rechte Hand tief unten in die Hüfte, und ihre Zeigefinger nahmen eine merkwürdige Steifheit an. Morgan platzte zwischen sie hinein.

»Hört mal, Boys,« donnerte er, »'s ist schon eine besondere Gunst, daß ich euch Kerlen erlaubt habe, heute hier eure Schießeisen mit herumzuschleppen, denn ich habe dem alten Cumberland ausdrücklich versprechen müssen, daß keine Geschichten vorkommen. Wenn ihr euch in die Haare geraten seid, dann ist draußen in den Bergen weiß Gott genug Platz, um die Sache auszutragen. Aber ich sag' euch Burschen, hier ist kein Platz!«

Das Funkeln der beiden Augenpaare verschwand wie vier Kerzenflammen, die der Wind auslöscht. Ersichtlich waren sie beide froh über die Störung. Mike wischte sich mit einer Hand, die nicht ganz ruhig war, den Schweiß von der Stirn.

»Kann nicht sagen, daß ich besonders auf Streit aus wäre,« sagte er, »aber Jack hier hat sich 'n bißchen zu heftig mit dem Whisky eingelassen. Das ist ihm in seine vertrocknete alte Nuß gestiegen.«

»Mann,« quetschte Jack heraus, »Mann, ich sage dir, ich bin noch lange nicht betrunken genug, um auf das Zeug hereinzufallen, was du mir anhängen wolltest.«

Er wandte sich zu Morgan: »Der Kerl da, der Mike, wollt' mir einreden, er kennt einen Burschen, der's fertigbringt, auf zwanzig Schritt 'nen hochgeworfenen Dollar mit 'ner Revolverkugel zu durchlöchern, und zwar so oft, wie ich's verlange.«

Die Umstehenden lachten, Morgan am lautesten. »Habt Ihr etwa dabei den Pfeifenden Dan im Sinn gehabt?« erkundigte er sich.

»Nein«, sagte Mike. »Und ich hab' auch nicht gesagt, daß der Kerl, von dem ich erzählt hab', so oft einen Dollar treffen kann, wie man will. Aber soviel kann ich sagen, unter vier Malen würde er es zweimal zuwege bringen.«

»Mike,« sagte Morgan – er suchte dem anderen seinen offenbaren Unglauben dadurch schmackhafter zu machen, daß er ihm zulächelte und ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter gab –, »denke selbst, Ihr müßt 'nen guten Schluck getrunken gehabt haben, wie Ihr's mit angesehen habt. Ich muß zugeben, der Pfeifende Dan könnt' es vielleicht, vielleicht könnt' er sogar noch mehr. Aber wie der mit einem Revolver umgeht, das ist auch schon nicht mehr menschlich.«

»Woher wißt Ihr das?« fragte Jack. »Habe niemals gesehen, daß sich Dan mit 'nem Revolver schleppt.«

»Will's Euch glauben, Mann,« antwortete Morgan, »aber ich hab's gesehen und ich hab' ihn auch damit schießen sehen obendrein. War just ein Zufall, daß ich's mit angesehen habe.«

»Well,« sagte Mike eifrig, »dann gebt Ihr doch zu, daß 's möglich ist – wenn der Pfeifende Dan so etwas zustande bringt. Und ich hab' ja auch nichts weiter gesagt, als: ich hätte einen Kerl gesehen, der's zuwege bringen könnte.«

»Und wer, in drei Teufels Namen, ist denn der Pfeifende Dan?« erkundigte sich Jim Silent.

»Das ist der Mann, der Satan eingefangen und zugeritten hat«, antwortete einer der Umstehenden.

»Muß schon ein Kerl sein, wenn er den Teufel selbst reiten kann«, lachte Lee Haines.

»Ich rede von dem schwarzen Mustang, der sich schon seit ein paar Jahren wild hier herumgetrieben hat. 's gibt Leute, die erzählen Wunder, was der Pfeifende Dan mit einem Revolver ausrichten kann. Aber Morgan ist der einzige, der behaupten kann, ihn bei der Arbeit gesehen zu haben.«

»Kann sein, ich hab's gesehen, kann sein, ich hab's auch nicht gesehen«, sagte Morgan beschwichtigend zu Mike. »Aber just jetzt sind hier 'n paar anständige Schützen anwesend, und ich würde ohne weiteres fünfzig Dollar wetten, daß es keinem hier gelingen wird, ein Dollarstück auf zwanzig Schritt zu treffen.«

»Die streiten sich herum«, sagte Bill Kilduff inzwischen zu Silent. »Ich denke, ich werd' mich inzwischen auf den Weg machen.«

»Wart' noch 'ne Minute«, grinste Jim Silent, »und sieh zu, wie ich mir mit dem zahmen Rindvieh hier 'nen kleinen Jux mache.« Er hob die Stimme: »Kamerad,« sagte er laut, »war das bloß 'ne Redensart mit der Wette, die Ihr angeboten habt? Oder haltet Ihr zu Euerm Wort und seid bereit, mit klingender Münze dafür einzustehn?«

Morgan fuhr herum. Er warf Silent einen bissigen Blick zu. »Habe mich in meinem Leben noch auf keinen Bluff eingelassen, für den ich nicht einstehen kann«, sagte er scharf.

»Well,« meinte Silent, »ich bin nicht so großartig dran, daß ich fünfzig Dollar schießen lassen würde, wenn eine fromme christliche Seele, wie der Pfarrer sagen würde, drauf aus ist, sie mir aufzudrängen. Da müßt Ihr Euch 'nen anderen suchen. Schafft Eure Dollars ran, Kamerad, und nehmt gleich gerührten Abschied davon.«

»Wer nimmt den Einsatz in Verwahrung?« fragte Morgan.

»Das kann Euer Freund Mike besorgen«, antwortete Jim Silent nachlässig und übergab dem Iren fünfzig Dollar in Gold. Morgan folgte seinem Beispiel. Alles stürzte ins Freie hinaus. In kaum zwölf Sekunden waren ebenso viele Wetten abgeschlossen.

»Alles in Ordnung!« rief Morgan, der sich in einer Entfernung von zwanzig Schritt aufgestellt hatte. »Seid Ihr bereit?«

Silent ließ seinen Revolver aus dem Halfter schnellen und brachte ihn in Anschlag: »Schießt los, Morgan!«

Die Münze wirbelte in die Luft hinauf. Als sie anfing zu fallen, drückte Silent ab – aber das Geldstück kam wieder zu Boden, ohne getroffen zu sein.

»Als fromme christliche Seele«, sagte Morgan sarkastisch, »steh' ich Euch um vieles nach, Fremder. Kann sagen, Mann, bin immer mächtig interessiert an 'ner mildherzigen Gabe, wenn ich der Empfänger bin.«

Die Umstehenden glucksten vergnügt. Das versteckte Lachen brachte Silent in Wut.

»Bleibt ruhig noch da, Leute«, sagte er. »Mister Morgan, ich habe hier hundert harte Dollar, die alle hundert behaupten, daß ich die Münze beim nächsten Versuch treffen werde. Behaupten – sie brüllen's nur so!«

»Boys,« grinste Morgan, »Ihr könnt dafür Zeugnis ablegen, daß ich gezwungen worden bin, mich auf die Sache einzulassen. Aber Geschäft ist Geschäft. Achtung jetzt! Da fliegt's!«

Die Münze wirbelte zum zweitenmal in die Luft. Silent wartete mit fest zusammengepreßten Lippen und dicht zusammengezogenen Augenbrauen, bis das Geldstück die höchste Stelle seiner Flugbahn erreicht hatte. Dann drückte er ab – schoß daneben – feuerte nochmals, und das Geldstück schwirrt aufblitzend in einem Halbkreis zur Seite. Es war ein prachtvoller Beweis seiner sicheren Hand mit dem Revolver. Während noch der Beifall um ihn toste, schritt Silent mit ausgestreckter Hand auf Morgan zu.

»Aufrichtig gesagt,« meinte er, »ich hab's von vornherein gewußt, daß Ihr im Grunde kein hartherziger Kerl seid. Bloß 'n bißchen Zeit und Überredungskunst waren nötig. Aber dann habt Ihr es doch für richtig gehalten, tief in die Tasche zu greifen, wenn ich mit dem Sammelteller umgeh'.«

Morgan lieferte mit rotem Gesicht und einem bösen Blick seinen ersten Gewinn und seinen Einsatz aus.

»Mann,« sagte er, »Ihr habt zwei Schüsse gebraucht, um's zustandezubringen, und wenn ich Lust hätte, mich über den Punkt mit Euch zu streiten, könnt' es doch sein, Ihr würdet nicht mit meinem Geld abziehn.«

»Kamerad,« sagte Jim Silent gelassen, »ist mir just der Gedanke zugeflogen, Ihr hättet einen ganzen Haufen Grütze bewiesen mit Euerm Entschluß, sich über diesen Punkt in keine Streitereien einzulassen.«

Erwartungsvolles Schweigen – sicherer Vorbote sonst eines ausbrechenden Sturms – senkte sich über die Anwesenden. Aber Morgan entschloß sich nach einem Blick in das harte Gesicht seines Gegners, seine Wut herunterzuschlucken.

»Denke, Mann, wenn Ihr mal achtzig seid, werdet Ihr Euerm Enkel was vorerzählen, was Ihr hier für 'ne Heldentat verrichtet habt«, sagte er verächtlich. »Aber, Fremder, ich kann Euch sagen, hier herum hält man nicht viel von Euerm Kunststück. Der Pfeifende Dan –« er machte eine Pause, schien zu überlegen, wie weit man's riskieren konnte, ein bißchen dick aufzutragen –, »der Pfeifende Dan, der kann den Münzen den Rücken zudrehn, und wenn man sie hochwirft, trifft er vier Dollar leichter als Ihr einen – und obendrein würde er nicht drei Schuß an einen einzigen Dollar vergeuden. So verschwenderisch ist er nicht.«

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