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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 38
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Siebenunddreißigstes Kapitel.
Tod

Am nächsten Tag gesellte sich Buck kurz vor Mittag der Menge zu, die sich schon seit Stunden um Tullys Kneipe versammelte. Wo er hinkam, entstand Geflüster, und die Männer rückten zur Seite. Er war gebrandmarkt – er war der Freund des Pfeifenden Dan. Leute, die er sein Leben lang gekannt hatte, sahen an ihm vorbei und blickten ihm dann verstohlen nach. Er lächelte bitter vor sich hin. Er wußte, was in ihren Köpfen vorging. Es bestärkte ihn nur in seinem Entschluß, mit Dan zu stehen oder zu fallen.

Weit und breit war keiner von den Männern zu sehen, deren Amt es war, Recht und Gesetz zu vertreten. Wenn einer anwesend gewesen wäre, wäre es seine handgreifliche Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die beiden Kämpfer zu verhaften, wenn sie zum Vorschein kamen. Aber es bestand ja die Absicht, sie ihre Händel ungestört austragen zu lassen, in der Erwartung, daß sie sich gegenseitig den Garaus machten.

Kaum einer war unter der Menge, der nicht von Zeit zu Zeit mit nervösen Fingern nach der Stelle tastete, wo der Revolver schußbereit hing. Als es auf drei Uhr zuging, starb das Gespräch langsam dahin. Dann flackerte es da und dort noch einmal plötzlich und gezwungen auf. Einer oder der andere kramte mühsam einen Witz aus, der von beinah hysterischem Gelächter begrüßt wurde. Das Gelächter erlosch plötzlich und unmotiviert, wie es gekommen war. Die Leute vermieden es, sich in die Augen zu blicken. Der oder jener trommelte mit den Fingerspitzen auf dem Schanktisch und versuchte, zu pfeifen. Vergebliches Bemühen. Ihre trockenen Lippen verweigerten den Dienst. Ein grauhaariger Viehzüchter aus der Nachbarschaft begann, leise eine Melodie zu summen. Man hörte es im ganzen Raum. Schließlich sprang einer auf, war mit drei Schritten bei ihm, rüttelte den alten Burschen mit brutaler Faust an der Schulter und befahl ihm mit einem Fluch, »seine verdammten Grabeshymnen gefälligst bei sich zu behalten«. Jedermann atmete erleichtert auf.

Der Minutenzeiger kroch langsam voran. Jetzt war es zwanzig Minuten vor drei, jetzt fünfzehn, jetzt zehn, jetzt fünf. Hufschlag draußen. Ein schwerer Tritt. Jim Silents riesenhafte Gestalt stand im Türrahmen. Seine Hände ruhten auf dem Kolben der zwei Revolver an seiner Hüfte. Der Bandit warf einen schnellen Blick über die Versammlung. Keiner, der nicht die Augen niederschlug, außer Buck, der seinen ehemaligen Führer wie verhext anstarrte.

Denn es war, als sei das Gesicht des berüchtigten Langreiters mit einem Brandmal gezeichnet. Man konnte nicht sagen, woran es lag. Es kam nicht nur davon, daß seine Wangen eingefallen waren und tiefe Ringe sich um seine Augen zogen. Es kam nicht davon, daß sein Blick wie im Fieber glänzte, es war etwas, wovon all das nur äußerliche Anzeichen waren. Es war die Furcht, im Dunkel der Nacht sterben zu müssen.

Jim Silent ließ die Hände von seinen Revolvern. Er ging an den Schanktisch und nickte dem Wirt, der dahinter stand, zu.

»Zu trinken!« sagte er. Seine Stimme war ein tonloses Flüstern. Der Mann hinter dem Schanktisch stand mit teigigem Gesicht und leerem Blick und starrte seinen Gast an, ohne einen Finger zu bewegen. Jims Hand zuckte, der Stahl eines Revolverlaufs glänzte auf. Plötzlich hatte jedermann im Raum die Waffe in der Hand. Ein junger Kerl in einer Ecke stöhnte laut auf. Das schien den Bann zu brechen.

Silent warf den Kopf in den Nacken und lachte dröhnend auf. Er ließ seine Waffe in den Fingern wirbeln, daß der Kolben knallend auf den Schanktisch schlug.

»Zu trinken, verdammt nochmal!« donnerte er. »Heran da! Trinkt auf das Wohl Jim Silents!«

Zögernd und langsam schoben sich ein paar heran. Silent zerrte auch den zweiten Revolver aus dem Halfter und schob die beiden Waffen über den Tisch, dem Wirt zu.

»Hebt sie auf«, sagte er. »Ich möcht' nicht, daß ich mich hinreißen lass' und 'ne Viecherei begeh'.«

Der Wirt nahm sie mit spitzen Fingern entgegen, als ob ein tödliches Gift daran klebte. Der Bandit stand waffenlos da. Buck begriff plötzlich, was das Ganze sollte. Silent gab seine Revolver weg, weil er hoffte, daß einer der Anwesenden der Versuchung nachgeben und ihn verhaften würde. Lieber alles von der Hand des Gesetzes erdulden, als dem gelben Flackern jener Augen trotzen, die er Tag und Nacht im Rücken spürte. Aber niemand rührte sich. Keine Hand streckte sich nach ihm aus. Auch ohne Waffen schien er noch gefährlicher als sechs andere.

Der Bandit packte eine Whiskyflasche und leerte sie in ein Glas. Die Hälfte lief daneben und ergoß sich plätschernd auf den Boden. Er drehte sich um und blickte über die Menge hin. Seine Hand troff von dem verschütteten Getränk.

»Wer trinkt 'n Schluck mit mir?« rief er.

Kein Laut.

»Armselige, feige Bande! Dann trink' ich eben allein. Ich trinke auf ...«

Er brach ab. Seine Augen nahmen einen furchtsamen und verzweifelten Ausdruck an. Er horchte hinaus. Langsam wichen alle anderen in der Kneipe zurück, sachte, Schrittchen um Schrittchen, bis alles dicht an der gegenüberliegenden Wand zusammengedrängt stand. Silent hatte den Schanktisch für sich allein. Das Whiskyglas, das er in der Hand hielt, glitt aus seinen Fingern und fiel krachend zu Boden. Sein Gesicht verriet, was er hörte – jetzt vernahmen es auch die anderen – daß dünn, noch in weiter Ferne, aber deutlich – jemand pfiff.

Lose aneinandergeknüpfte Noten waren es zuerst, dann wurde es zu einer Melodie, dem Sang der unbezähmten Wildnis, dem hohen Lied der unbarmherzigen Berge, Gelöbnis zugleich und Drohung.

Die Uhr schlug, drei eilige, gellende Schläge – eins, zwei, drei! Und ehe der letzte Schlag verhallt war, stand Black Bart in der Tür. Seine Augen waren auf Jim Silent gerichtet. Der stand am Schanktisch. Mit beiden Armen stützte er sich rücklings gegen die Kante, aber er schien den Wolf nicht zu sehen, sogar als das Tier lautlos hereinglitt und mit heraushängender Zunge und fletschenden Zähnen sich vor ihm drohend niederduckte. Jim Silent hatte nur Augen für den leeren Raum zwischen den zwei Türpfosten. Auf seinem Gesicht malte sich das Grauen vor dem, was er da draußen hörte, dem leisen melodischen Pfeifen, das rascher und rascher näher kam.

Plötzlich brach es ab. Ein leiser Schritt draußen auf den Brettern der Veranda, unhörbar fast wie die schleichende Tatze eines Panthers. Und der Pfeifende Dan stand auf der Schwelle. Er füllte den Türrahmen nicht aus, wie Jim Silents mächtige Schultern es getan hatten. Er war schlank, schlank beinah wie ein Mädchen, und so jung, so blutjung – so kindlich graziös – es war seltsam, daß bei seinem Anblick die kampferprobten Kämpen der Berge sich zusammenduckten und daß ihre Hände sich mühsam um den Revolverkolben krampften. Dans Augen waren auf Silent gerichtet. Und wie es in ihnen blitzte!

»Bart!« sagte die sanfte Stimme. »Troll dich hinaus! Geh zu Satan.«

Gehorsam machte der Wolf kehrt und schlich hinaus.

Leicht, geräuschlos, wie eine große Katze glitt Dan jetzt zum Schanktisch hinüber. Der riesige Bandit ragte hoch über ihn empor. Er blickte ihm lächelnd ins Gesicht. Und Jim Silent? Das war keine Furcht, was in tiefen Linien auf seinem Gesicht geschrieben stand – es war überwältigendes, abgründiges Grauen, das Grauen eines Menschen, dem in tiefer Mitternacht plötzlich ein Gespenst in den Weg tritt. Der Raum war voll von Menschen. Blendendes Tageslicht fiel zur Tür herein, trotzdem schien nichts hier zu leben als Dan Barrys Lächeln. Er zog seine beiden Revolver heraus und ließ sie auf den Schanktisch gleiten.

Jim zog seine Arme dichter an den Körper. Er schien sich langsam zu sammeln. Sein Gesicht verriet, daß er noch einmal Zutrauen zu seiner eigenen Körperkraft gefaßt hatte. In seinen Augen blitzte die Kampflust auf, die Lust, Blut zu vergießen, die Antwort auf das unheimliche gelbe Flackern in den Augen seines Gegners.

Dan öffnete den Mund:

»Silent, Ihr habt mich mit meinem eigenen Blut befleckt. Ich habe den Geschmack nicht vergessen. Heute wird der Fleck getilgt werden oder er wird größer. Wißt Ihr, wo er sitzt? – Hier!«

Er hob die Hand und versetzte mit dem Rücken dem Banditen einen leichten Schlag auf den Mund. Mit einem viehischen Knurren holte Silent zum Schlag aus. Seine Faust schoß in die leere Luft hinaus. Er fuhr herum und schlug von neuem. Ein gedämpftes Lachen gab ihm Antwort. Er hätte ebensogut mit einem Schatten boxen können.

»Hölle noch einmal!« brüllte er und warf sich mit ausgebreiteten Armen auf seinen Gegner. Der Anprall warf sie beide auf den Boden, sie überschlugen sich, und ehe sie noch liegenblieben, schlossen sich schmale Finger eisern um Jim Silents Stiernacken, während sich die Daumen ihm in die Kehle bohrten. Sein Gesicht verzerrte sich. Mit einer gewaltigen Anstrengung arbeitete er sich wieder auf die Füße, mit beiden Fäusten trommelte er auf Dans gesenktem Kopf. Er fuhr sich mit den Händen an die Kehle und versuchte die drosselnden Finger wegzureißen. Sie hielten wie angeschmiedet. Das gedämpfte Lachen, das unerträgliche, immer wiederkehrende Lachen war die einzige Belohnung seiner verzweifelten Anstrengung.

Er kreischte. Es gab einen erstickten, grauenvollen Ton. Er warf sich wieder auf den Boden und wälzte sich, versuchte den dünnen, schlanken Gegner unter sich zu zerquetschen. Wieder stand er aufrecht, lief hin und her, Dan mitschleifend, die Augen traten ihm aus dem Kopf, sein Gesicht lief schwarz an. Er stieß gegen die Wände, er schnappte wie ein Tier nach Dans Handgelenk. Blutiger Schaum stand ihm auf den Lippen. Schließlich brach er in die Knie. Sein Kopf sank zurück, die Zunge hing ihm, furchtbar verfärbt, aus dem Mund. Dan riß ihn wieder hoch. Noch einmal versuchte er krampfhaft, sich zur Wehr zu setzen, dann wurden seine Augen gläsern, seine Muskeln erschlafften. Die unbarmherzigen Hände lösten ihren Griff. Silent fiel wie ein formloser Sack zu Boden.

Keiner rührte sich. Kein Geräusch war zu hören als das tödliche Ticken der Uhr. Die Leute starrten wie hypnotisiert auf die gewaltige Gestalt, die leblos am Boden lag. Selbst im Tod erschien er noch furchtbar. Dann fuhr Dan mit der Hand zwischen Brust und Hemd, tastete suchend umher und brachte die Hand wieder zum Vorschein. Ein kleines, rundes Metallstück blitzte in seinen Fingern. Er warf es auf Jim Silents Leiche, machte kehrt und ging langsam aus dem Zimmer. Keiner rührte sich, um ihm den Weg zu verlegen. An der Tür mußte er an zwei Leuten dicht vorbei. Sie waren kaum ein paar Zoll von ihm entfernt. Sie machten keinen Versuch, ihn zu packen. Sie starrten nur immer nach der Leiche hinüber.

Dan war verschwunden. Der Bann war gebrochen. Jemand bewegte sich. Ein anderer fluchte leise vor sich hin. Mit einemmal war alles auf den Füßen und schrie wirr durcheinander. Buck Daniels bückte sich über den toten Silent und hob das kleine Stückchen Metall auf, das Dan hatte fallen lassen. Er warf einen Blick darauf und traute seinen Augen nicht. Er hob die Hand und brüllte den anderen zu: gleich darauf waren sie alle um ihn versammelt. Sie wetterten und fluchten in der ersten Verblüffung. Buck zeigte ihnen, was er gefunden hatte: Distriktkonstabler Calders Amtsabzeichen. Weit und breit kannte jeder die Nummer, die es trug. Selbst die, die Dans schlimmste Feinde gewesen waren, stotterten hilflos, als sie es sahen, japsten nach Luft – und schwiegen. Aber es waren andere da, die die Sprache nicht verloren hatten, und die weniger parteiisch waren. Fünf Minuten später war der Prozeß des Pfeifenden Dan in vollem Gang. Die Geschworenenbank war ungewöhnlich vollzählig, jeder der Anwesenden gehörte dazu. Und die öffentliche Meinung führte den Vorsitz. Ein grauhaariger Mann schwang sich auf den Schanktisch und faßte die allgemeine Ansicht der Versammlung in kurzen Worten zusammen.

»Mag der Pfeifende Dan getan haben, was er will,« sagte er, »heute hat er etwas getan, was einen ganzen Kerl verlangte. Und er hat's getan, wie ein ganzer Kerl. Morris hat, ehe er sterben mußte, genug verlauten lassen, um das meiste, was gegen den Jungen vorlag, aufzuklären. Er hat keine Zeit mehr gehabt, seine Aussagen zu beschwören, aber einer, der vor dem Tode steht, spricht die Wahrheit. Und fast alles übrige hat Lee Haines schon aufgeklärt. Ihr könnt Dan nicht damit belasten, daß er Lee Haines aus dem Gefängnis geholt hat. Dan Barry war Konstabler. Er hatte ein Recht, zu tun, was er für richtig hielt. Und vor allem war er Tex Calders Kamerad. Leute, ich sag' euch, ein Kerl, dem Tex Calder anvertraute, seinen Tod zu rächen, ist für mich gut genug.«

Nach dieser Rede trat für eine Weile Schweigen ein. Calders Amtsabzeichen wanderte von Hand zu Hand. Keiner von denen, die gegen Dan geschrien hatten, öffnete den Mund. Jim Silents Leiche und Tex Calders Erbschaft geboten ihnen Schweigen. So kam es, daß ein illegaler Richter und etwa hundert ebenso illegale Geschworene gegen den Pfeifenden Dan auf »Nichtschuldig« erkannten.

Buck Daniels sprang aufs Pferd und galoppierte mit der Nachricht nach der Cumberland-Ranch. Er wußte, daß Dan dort zu finden war.

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