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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 36
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Fünfunddreißigstes Kapitel.
Mann gegen Mann

In dem baufälligen alten Schuppen, dem Dan und das Aufgebot zustrebten, hockten die Banditen auf dem Boden und verzehrten ihr Abendessen. Die Tür flog auf, und Hal Purvis erschien. Auf dem Ritt vom alten Lager bis zum Bald-eagle-Bach war er mindestens ein Dutzend Mal von der Spur abgekommen. Das hatte seine Laune nicht verbessert.

»Lang genug bist du weg gewesen«, knurrte Silent. »Hau' dich hin und futter'. Und erzähl' uns, was du weißt.«

»Ich ess' nicht aus einer Schüssel mit einem Kerl, der uns verraten hat«, brüllte Purvis wütend. »Buck Daniels, du verdammter Hund, steh auf und gib endlich zu, daß du falsches Spiel mit uns getrieben hast.«

»Besser, du legst dich aufs Ohr und schläfst dich aus«, sagte Buck gelassen. »Ich hab's schon öfter erlebt, daß Leute verrückt geworden sind, bloß weil sie nicht geschlafen hatten.«

Purvis wandte sich an Jim Silent: »Chef!« sagte er, »Barry ist unter Bucks Dach!«

»Du lügst!« sagte Buck.

»So, ich lüge?« sagte Purvis zähneknirschend. »Ich habe Black Bart sich um das Haus herumdrücken sehn.«

Jim Silent ließ seine schwere Tatze auf Bucks Schulter fallen. Ihre Blicke kreuzten sich. Aber Buck wurde unsicher und wandte die Augen ab.

»Buck,« sagte Silent, »ich hab' dich gern. Ich möchte nicht glauben, was Purvis da erzählt. Gib mir dein Ehrenwort, daß der Pfeifende Dan ...«

»Purvis sagt die Wahrheit!« sagte Buck.

»Und dafür soll er verrecken wie ein Hund!« heulte Purvis.

»Nein,« sagte Silent, »wenn einer von der Bande uns im Stich läßt, dann hat er mit mir abzurechnen und nicht mit euch anderen! Daniels, nimm dein Schießeisen und stell' dich da drüben hin. Gesicht zur Wand. Ich stell' mich auf diese Seite. Haines, stell' dich da in die Mitte und zähl' bis drei. Dann schrei: ›Feuer!‹, und wir drehn uns um und drücken ab. Die anderen können zusehn, daß alles mit rechten Dingen zugeht.«

»Viel zu anständig für den Kerl! Der Teufel soll's holen!« sagte Kilduff. »Hängt ihn auf und spickt ihn mit Blei, das ist mein Vorschlag.«

Buck machte wortlos kehrt.

»Augenblick!« sagte Haines.

»Der ist nicht für dich bestimmt, Lee«, sagte Silent. »Du bleibst hier gefälligst aus dem Spiel.«

»Ich will ihn bloß etwas fragen«, meinte Haines und wandte sich an Buck: »Willst du behaupten, daß du Dan Asyl gewährt hast, vor uns und vor den anderen – trotzdem dir Dans Bestie einen Fetzen aus dem Arm gerissen hat?«

»Ich hab' ihm Zuflucht gewährt, weil er verdammt nah am Abkratzen war«, sagte Buck. »Und du, Haines, wirst einmal dem Teufel Rede und Antwort dafür stehen müssen, daß du den Mann im Stich gelassen hast, der dich aus Elkhead 'rausgeholt hat. Dan war am Verbluten.«

»Von 'nem Schuß?« sagte Haines. Er wechselte die Farbe.

Silent mischte sich ein: »Buck, stell' dich an deinen Platz und sag' dein Gebet.«

»Bleib', wo du bist, Buck!« befahl Haines. »Und das Mädel?«

»Wie er bei mir lag und phantasierte, schrie er immer nach Kate und nach Delila. Da hab' ich mich aufgemacht und das Mädel beigeschafft.«

Haines ließ den Kopf sinken.

»Und wie der Kerl bei dir krank gelegen hat, hätt's dich nur 'ne Handbewegung gekostet, um ihm den Garaus zu machen,« sagte Silent wütend, »und du hast's nicht getan!«

»Silent,« sagte Haines, »wenn du reden willst, wend' dich an mich!«

»Was soll das heißen, in Dreiteufelsnamen?«

»Du wirst Buck nicht anrühren! Es sei denn, du wirst erst mit mir fertig!«

»Weil Barry sich deinetwegen hat eine Kugel auf den Pelz brennen lassen, willst du hergehn und ...«

»Ich hab' ein verkommenes Leben gelebt«, sagte Haines.

»Und mir scheint, du hältst das jetzt für 'nen wirkungsvollen Abschluß, was?« höhnte Silent.

»Ich hab' mehr Grund, für Dan zu kämpfen, als Buck«, sagte Haines.

»Lee, ich glaube, wir sind schon zu lang Kameraden gewesen.«

»Silent, ich hab' dich gehaßt wie 'ne Viper, seit du mir zuerst unter die Augen gekommen bist. Aber einer, der geächtet ist, kann sich seine Freunde nicht aussuchen.«

Stolz hob er den blonden Löwenkopf und starrte herausfordernd in die haßverzerrten Gesichter ringsum.

»Bei Gott,« schrie Silent, weiß vor Wut, »ich fang' wirklich an, zu glauben, daß du 'nen Haß auf mich hast. Stell' dich drüben hin auf deinen Platz. Du bist der erste, und dann kommt Buck Daniels dran. Kilduff, du kannst zählen.«

Mit langen Schritten ging er zur Wand hinüber. Haines zögerte noch einen Augenblick.

»Buck,« sagte er, »ich hab' eine Chance gegen zehntausend, daß mein Finger rascher am Abzug ist. Wenn's anders kommen sollte, überlebst du's doch vielleicht. Sag Kate ...«

»Haines, geh an deinen Platz, oder ich drücke so los!«

Haines gehorchte. Die anderen drückten sich an die Wände. Kilduff nahm die Lampe vom Tisch und hielt sie hoch über den Kopf. Auch jetzt noch war das Licht nur trübe und unstet. Die Flamme flackerte in der Zugluft. Große Schatten huschten über die Wände. Ein schwacher Mondstrahl fiel durchs Fenster.

»Eins!« zählte Kilduff.

Haines und Silent wölbten unmerklich die Schultern.

»Zwei!« sagte Kilduff.

»Großer Gott!« flüsterte jemand.

»Drei! Feuer!«

Die beiden fuhren herum. Ihre Revolver krachten beinah zugleich. Silent schlug auf den Boden. Im Stürzen drückte er noch zweimal ab. Haines' zweiter Schuß schlug hinter ihm in die Wand. Wenn Silent noch gestanden hätte, hätte ihn die Kugel in den Kopf getroffen. Aber als Silent zum drittenmal abdrückte, glitt Haines der Revolver aus der Hand und prasselte auf den Boden. Haines stolperte hilflos ins Leere, er keuchte und hustete, blutiger Schaum trat auf seine Lippen. Buck sprang vor und fing ihn in seinen Armen auf.

Silent war sofort wieder auf den Füßen.

»Zurück da!« brüllte er seine Leute an, die sich um den Verwundeten drängten. »Zurück an Eure Plätze, ich bin noch lang nicht fertig. Buck, stell' dich an deinen Platz!«

»Boys,« bat Buck, »er ist nicht tot, aber er blutet sich zu Tode, wenn ...«

»Verdammt soll er sein, laß ihn bluten! Stell' deinen Mann, Buck, oder, bei Gott, ich schieß' dich nieder, wie du da kniest.«

»So schieß' und sei verdammt!«

Buck zerrte sich das Hemd vom Leibe und riß einen langen Fetzen davon ab, um den Verwundeten zu verbinden.

Silent brachte den Revolver in Anschlag.

»Buck, ich warn' dich zum letztenmal!«

»Leute, es ist der reine Mord. Ihr werdet alle in der Hölle schmoren, wenn ihr Haines auf diese Art verrecken laßt«, rief Buck.

Der mattglänzende Revolverlauf senkte sich in der Richtung auf ihn.

»Ich hab' dir Gelegenheit gegeben, zu sterben wie ein Mann«, sagte Silent. »Jetzt wirst du sterben wie ein ...«

Die Tür fuhr auf. Ein Revolver krachte. Die Lampe in Kilduffs Hand zersprang in tausend Scherben. Augenblicklich ertrank alles in Dunkelheit. Nur am Fenster gab der dünne Mondstrahl ein schwaches Licht. Wilder Tumult brach los, mitten darin hörte man Silents sonst so tiefe und dröhnende Stimme seltsam verändert, schrill und kreischend:

»Helf sich jeder, wie er kann! Der Pfeifende Dan ist's!«

Terry Jordan und Bill Kilduff sahen eine schattenhafte, zum Sprung geduckte Gestalt. Aus ihren Revolvern schoß ein Feuerstrahl, aber nur, um einem anderen zu ihrem eigenen Verderb sein Ziel zu zeigen. Zweimal sprach Dans Revolver, und sie stürzten heulend zu Boden. Jetzt brach die Hölle los. Die Banditen rasten hin und her, die Revolver knallten. Am Fenster tauchte für einen Augenblick Hal Purvis auf. Seine massige Gestalt zeichnete sich gegen das Mondlicht ab. Sein Arm wies nach der Tür.

»Der Werwolf!« kreischte er.

Wie wenn der Mann ihn gerufen hätte, raste Black Bart durch den Raum. Zweimal dröhnte die Waffe in Purvis Hand. Dann schoß vom Boden her ein Schatten auf ihn zu. Weiße Raubtierzähne blitzten im Mondlicht. Purvis schwankte und stürzte. Er schrie wie ein Besessener. Dann krachte die Tür ins Schloß. Plötzlich herrschte Schweigen. Prasselnder Hufschlag verhallte draußen rasch in der Ferne.

»Dan!«

»Ja, hier!«

»Gott sei Dank!«

»Buck, einer ist ausgerückt! Wenn es Silent war – los! Schaff' Streichhölzer her!«

Jemand kroch in der vergeblichen Hoffnung, zu entwischen, in der Richtung nach der Tür. Ein paar andere stöhnten.

»Halt da!« rief Buck. »Rühr' dich nicht vom Fleck!«

Der kriechende Mann streckte alle Viere von sich und ächzte erbarmungswürdig.

»Mach' schnell!« sagte Dan. »Reib' ein Zündholz an. Morris' Aufgebot ist mir auf den Fersen. Keine Zeit. Wenn Silent davongekommen ist ...«

In Bucks Fingern flackerte ein Streichholz auf.

»Wer ist das? Haines!«

»Laß ihn, Dan! Ich werd' dir später sagen, warum. Die beiden, die daliegen, sind Jordan und Kilduff. Der bei der Tür ist Rhinehart.«

Sie waren von einem zum andern gerannt. Flüche und Stöhnen begrüßten sie.

»Wer liegt da unter dem Fenster?«

»Der ist zu klein für Silent. Das ist Purvis – tot.«

»Bart hat ihn erwischt. Nein! Die Furcht hat ihn umgebracht. Sieh das Gesicht an!«

»Bart! Hinaus! Geh zu Satan!«

Der Wolf gehorchte.

»Mein Gott, Buck, es war alles umsonst! Das war Silent, der geflohen ist.«

»Was ist das?«

Das Stöhnen der Verwundeten wurde vom Hufschlag übertönt. Das war kein einzelner Reiter, das war ein ganzer Trupp. Dann hörte man Rufe: »Wir haben ihn! Wir haben ihn!«

»Das Aufgebot!« sagte Dan.

Er riß die Tür auf. Eine Kugel fuhr schmetternd über seinen Kopf ins Holz. Drei Reiter schoben sich zwischen ihn und Satan.

Er sprang ins Zimmer zurück.

»Sie haben Satan, Buck. Wir müssen zu Fuß weg. Spring' durchs Fenster!«

»Ich bleib' bei Haines. Hinter mir sind sie nicht her.«

Mit einem Satz war Dan durchs Fenster und raste auf einen mächtigen Felsen los, hinter dem er Deckung suchte. Kaum war er dahinter verschwunden, als die Reiter im Galopp um die Hausecke bogen.

»Johnson und Sullivan,« befahl Monte mit scharfer Stimme, »behaltet das Fenster im Auge. Sie rühren sich jetzt nicht da drin, aber wir haben Barrys Pferd und den Wolf. Jetzt werden wir ihn auch erwischen.«

»Kommt raus, oder wir stecken die Bude in Brand!« donnerte eine neue Stimme auf der anderen Seite des Hauses.

»Wir ergeben uns!« rief Buck von drinnen.

Das Aufgebot antwortete mit einem Freudenruf. Sullivan und Johnson liefen an das Fenster, das sie bewachen sollten. Man hörte, wie auf der von Dan abgekehrten Seite des Hauses die Tür geöffnet wurde und krachend gegen die Wand schlug.

»Das ist ja das reine Schlachthaus!« rief einer der Reiter des Aufgebots.

Dan verließ seine Deckung. Geduckt von Felsen zu Felsen gleitend, stahl er sich in einem Bogen um das Haus herum. Zwei Männer hielten mit schußbereitem Revolver bei Satan und Black Bart Wache. Er konnte sie niederschießen, aber die Entfernung war zu groß, um ein sicheres Zielen zu erlauben. Er stieß einen schrillen Pfiff aus. Die beiden Wachen fuhren herum und spähten in seiner Richtung. Black Bart machte einen Satz und faßte einen der beiden an der Schulter. Der Anprall war so stark, daß der Mann hilflos herumwirbelte. Satan raste zu seinem Herrn hinüber. Der zweite Wächter feuerte hinter ihm her. Es war kein Kunststück, auf die kurze Entfernung das Tier zu treffen. Trotzdem schoß der Mann in der Erregung daneben. Bevor er zum zweitenmal abdrücken konnte, stand Satan neben seinem Herrn.

»Hilfe!« rief der Posten. »Der Pfeifende Dan!«

Sein Gefährte schoß blindlings drauflos. Drei Männer stürzten aus dem Haus, aber sie sahen nichts mehr als einen galoppierenden Schatten, den die Nacht rasch verschlang.

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