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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 35
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Vierunddreißigstes Kapitel.
Der Feigling

Bevor der Koyote zum drittenmal seinen wehklagenden Ruf hören ließ, glitten drei Schatten in die Nacht hinaus. Das erleuchtete Fenster des Hauses blickte ihnen wie ein spähendes Auge nach, aber bald waren sie im Schatten der Berge verschwunden. Dan hatte sich keinen Plan zurechtgelegt, nach dem er handeln wollte. Er wußte nur, daß er so schnell als möglich erfahren mußte, wo die Bande sich versteckt hielt. Darüber mußte Gus Morris Bescheid wissen. Als er in die Nähe von Morris' Hotel kam, mäßigte er die Gangart seines Pferdes. Die Fenster des Eßzimmers waren hell erleuchtet. Anscheinend saß der Wirt noch mit seinen Gästen bei Tisch. Freilich war es seltsam, daß die Mahlzeit sich so lang hinauszog. Dan hatte gehofft, unvermutet Morris zu überraschen. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn aus dem vollen Gästezimmer mit Gewalt herauszuholen. Geräuschlos schritt er über die Veranda und schlich sich auf Zehenspitzen durch den Vorraum. Black Bart folgte ihm wie sein Schatten auf den Fersen.

Die Tür zum Eßraum stand offen. Um den Tisch saß ein Dutzend Männer, der Sheriff am Kopfende. Gus Morris sprach leise und eindringlich auf die anderen ein. Sein Gesicht war erhitzt, als habe er eben eine längere rednerische Anstrengung hinter sich. Er gestikulierte mit der geballten Faust und schlug manchmal dazwischen auf den Tisch, daß seine feisten Backen davon zitterten.

»Wir fallen über sie her, wenn's dämmert,« sagte er gerade, »denn um die Zeit sind alle so schlaftrunken, daß ...«

Einer der Männer am Tisch schüttelte den Kopf: »Nicht der Pfeifende Dan,« sagte er, »der weiß Gott nicht! Ich hab's doch in Elkhead erlebt. Wir waren eine ganze Stube voll Leute, und er ist uns durch die Finger wie ein Aal.«

Die Tafelrunde knurrte zustimmend. Black Bart spitzte interessiert die Ohren und antwortete mit einem leisen Knurren.

Des Sheriffs Kopf fuhr hoch: »Was ist das?« rief er.

Dan machte dem Wolf ein Zeichen. Der kroch ein wenig zurück.

»Das war gar nichts«, antwortete einer der anderen drinnen im Zimmer. »Die Sache geht Euch auf die Nerven, Sheriff. Ich mach' Euch keinen Vorwurf. Mir geht sie auch auf die Nerven.«

»Ich verlaß mich auf euch, Boys. Ihr werdet mich doch nicht im Stich lassen?« fragte der Sheriff mit zitternder Stimme. »Aber es wird, glaub' ich, gar nicht so schlimm werden. Wenn wir den Kerl zu Gesicht kriegen, dann wird nicht lang gefragt – heraus mit dem Revolver und ihn niedergeschossen wie 'nen Hund. Der Kerl, der ist ja kein Mensch, der verdient's nicht – großer Gott!«

Er fuhr auf. Sein Gesicht war leichenblaß. Krampfhaft streckte er die Arme hoch über den Kopf. In der Tür stand der Pfeifende Dan, in jeder Hand einen Revolver. Augenblicklich stand das ganze Fahndungskommando wie ein Mann auf den Füßen. Da war keiner, der nicht stramm die Arme hochreckte. Revolvermündungen sind wie die Augen auf gewissen alten Porträts. Gleichgültig, von welcher Seite man sie betrachtet, sie scheinen immer dem Beschauer ins Gesicht zu starren. Keiner war im Zimmer, der nicht in tiefster Seele überzeugt war, daß Dan gerade ihn aufs Korn genommen hatte.

»Morris!« sagte Dan.

»Um's Himmels willen, schieß nicht!« kreischte der Sheriff. »Ich ...«

»Auf die Knie! Bart! Paß auf ihn auf!«

Der Sheriff plumpste auf die Knie, der Wolf glitt sachte an ihn heran und blieb zusammengeduckt, mit gefletschten Zähnen vor ihm stehen. Kein Laut, kein Knurren. Und dieses Schweigen wirkte drohender als das bösartigste Knurren. Dan kehrte jetzt Morris ohne weiteres den Rücken, um den Rest der Gesellschaft besser in Schach halten zu können.

»Ruf das Biest zurück!« ächzte Morris schluchzend.

»Ich hätte ihn auf Euch hetzen sollen,« sagte Dan, »aber wenn Ihr mir verratet, was ich wissen muß, will ich Euch frei ausgehn lassen.«

»Ja? Was Ihr wollt!«

»Wo ist Jim Silent?«

Mit einem Ruck flogen alle Augen zu Morris hinüber. Der erriet erst langsam, was es bedeutete, daß hier im Angesicht aller eine solche Frage an ihn gerichtet wurde. Er war bleich gewesen, jetzt lief er grün und blau an, wie der Bauch eines toten Fisches. Seine Augen liefen von Gesicht zu Gesicht. Die Blicke, mit denen sein Fahndungskommando ihm antwortete, verkündeten nichts Gutes.

»Heraus mit der Sprache!« befahl Dan.

Der Sheriff machte eine mächtige Anstrengung, um zu sprechen, aber er brachte nur ein gespenstisches Flüstern heraus: »Du bist auf dem Holzweg, Dan. Ich weiß nichts von Silent. Wenn ich was wüßte, hätt' ich ihn längst hinter Schloß und Riegel.«

»Bart!« sagte Dan.

Der Wolf schob sich dichter an den knienden Sheriff. Der spürte den heißen Atem im Gesicht, sah, wie sich die Lefzen über den furchtbaren Zähnen hoben.

»Hilfe!« brüllte er. »Jim liegt mit seinen Leuten in dem Schuppen am Bald-eagle-Bach.«

Ein dumpfes Murren lief um den Raum, ein erstickter Fluch, ein unterdrückter Schrei hemmungsloser Wut. Die Leute wußten nun über ihren Sheriff Bescheid.

»Bart!« rief Dan, war mit einem Satz über die Schwelle und draußen. Gleich darauf saß er auf Satans Rücken und stob in die Nacht hinein.

Das halbe Aufgebot raste ihm nach. Ein Dutzend Schüsse pfiffen hinter dem verschwindenden Schatten her. Zwei oder drei sprangen in die Sättel, aber die anderen riefen sie zurück.

»Sei kein Esel, Monte,« sagte einer, »dein Gaul ist recht anständig, aber du bist doch kein Narr, daß du denkst, du kannst Satan damit einholen?«

Der ganze Haufen kehrte in den Eßsaal zurück und scharte sich um den Sheriff, dessen furchtblanke Augen hilflos von Gesicht zu Gesicht wanderten.

»Also das ist das Schwein, dem es oblag, unser Leben zu behüten.«

»Leute,« flehte der Sheriff verzweifelt, »ich schwör' euch, daß mir erst heute zu Ohren gekommen ist, wo Silent steckt. Ich wollte damit hinter dem Berg halten, bis wir den Pfeifenden Dan erwischt hätten. Dann wollt' ich euch hinführen ...«

Eine schwere Hand traf ihn klatschend auf den Mund. Er taumelte gegen die Wand zurück und spuckte Blut. Seine Lippe klaffte.

»Pat,« sagte Monte, »dein Gaul kann ohnehin nicht weiter. Vielleicht bleibst du hier und paßt auf, daß der Kerl uns nicht entwischt. Wenn wir zurückkommen, haben wir mit ihm noch ein Hühnchen zu pflücken.«

Pat erwischte den Sheriff wortlos am Hemdkragen und schleuderte ihn mit einem Ruck auf einen Stuhl. Der fette Kerl wabbelte wie Gallert. Das Kommando kehrte ihm den Rücken und verließ das Haus.

Dan auf seinem Rappen einzuholen, war hoffnungslos. Wohl aber war es möglich, noch zur Zeit zu kommen, ehe Jim Silent mit seiner Bande das Weite gesucht hatte. Das Aufgebot war klein, eigentlich zu schwach, um sich in einen Kampf gegen den gefürchteten Banditen einzulassen. Aber sie lechzten nach Blut. Lange, ehe der Pfeifende Dan das Tal erreicht hatte, in dem der Bald-eagle-Bach schäumte, saßen sie im Sattel, und eine hitzige Verfolgung begann.

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