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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 32
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Einunddreißigstes Kapitel.
»Lacht doch! Verdammt noch mal!«

Ihr Vater wollte sie besorgt in die Arme schließen, aber sie schob ihn zur Seite und rannte auf Buck zu.

»Pst! Redet leise! Besser, Ihr haltet ganz den Mund, sagt gar nichts!«

»Kate,« stammelte der Alte, »was ist geschehen?«

»Hört mir zu, dann werdet Ihr's wissen«, sagte Buck. »Aber erst an die Arbeit. Ich muß Euch heute nacht von hier wegschaffen. Es steht Euch ein böser Ritt bevor, und Ihr müßt was Ordentliches im Leib haben. Ihr werdet was essen! Langt mal 'n paar Eier her! 'n paar Eier und den Speck. Alles da? Ihr da –« dies war an Joe gerichtet –, »scharrt die Asche auseinander! Und fix, Kate! Holz her! Ich hab' nur zehn Minuten Zeit!«

Drei Minuten später war das Feuer wieder im Gang, und die Eier brutzelten in der Pfanne. Joe setzte rasselnd ein paar Blechteller auf den Tisch. Er hatte Befehl von Buck, soviel Geräusch als möglich zu machen. Während sie tätig waren, erzählte Buck, was er zu sagen hatte. Als das fertige Essen vor Kate stand, war sein Bericht beendet. Er war auf einen hysterischen Anfall Kates gefaßt. Aber sie war zwar leichenblaß, doch ihr Blick blieb ruhig und klar.

»Ihr seid bereit?« schloß er.

»Ja.«

»Dann tut, was ich sage und stellt keine unnützen Fragen. Es wird nicht lange dauern, dann steht Silent mit seiner Bande hier vorm Fenster und glotzt herein. Wißt Ihr, was Ihr zu tun habt? Ihr habt hier am Tisch zu sitzen und zu essen und so auszusehen, als ob Euch meine Unterhaltung ungeheuer zusagte. Schreibt Euch das hinter die Ohren! Und daß mir gelächelt wird! Cumberland, Ihr drückt Euch gefälligst in die schattige Ecke da drüben! Laßt's Euch nicht einfallen, ins Licht herauszukommen. Euer Gesicht redet Bände, und – Ihr könnt mir's glauben, Jim Silent ist rasch im Lesen.«

Joe zog sich in eine Ecke zurück, die der Lichtkreis der Lampe nicht erhellte.

»Setzt Euch an den Tisch!« befahl Buck und schob Kate einen gehäuften Teller zu.

»Ich kann nicht essen. Ist Dan ...«

»Ich höre sie; sie sind am Fenster!«

An der anderen Seite des Tisches stand eine Kiste. Er ließ sich auf diesen Sitz gleiten, stützte das Kinn in die Hand und beugte sich angelegentlich über den Tisch. Kate begann hastig zu essen.

»Nein! Nein!« bemerkte Buck mahnend. »Ihr eßt, als wäre einer mit der Peitsche hinter Euch. Ihr müßt Euch Zeit nehmen und langsam hantieren. Nehmt Euch zusammen! Sie haben draußen das Brett vor dem Fenster weggerückt.«

Von seinem Platz aus konnte er die verblüfften Gesichter draußen unterscheiden.

»Lächelt mir zu!«

Sie gehorchte. Buck vergaß darüber ihre tödliche Blässe. Draußen summte es. Man hörte, wie sie flüsterten.

»Weiter so!«

»Ich will tun, was ich kann«, sagte sie mit schwacher Stimme.

Buck warf sich zurück und stieß ein brüllendes Gelächter aus.

»Großartiger Witz, feine Sache!« rief er und knallte dabei mit seiner breiten Tatze auf den Tisch, daß die Blechteller hüpften. »Das ist das Tollste, was ich je gehört hab'!« Und dann beiseite – flüsternd: »Lacht doch! Verdammt noch mal!«

Sie lachte gehorsam. Es war nicht schlecht gespielt, aber es drohte zuletzt in einem Schluchzen zu ersticken.

»Ich hab' mir immer eingebildet, Jim Silent ist ein mächtig vernünftiger Kerl,« sagte er, »hat er Euch wirklich die ganze Zeit hier allein sitzen lassen? Ihr müßt ja rein umgekommen sein vor Heimweh. Hab' ich recht?«

Sie lachte wieder, diesmal etwas zuversichtlicher. Draußen wurde das Brett plötzlich wieder vor das Fenster geschoben.

»Jetzt muß ich 'raus zu den anderen,« sagte er, »aber nach dem, was Silent eben gesehen hat, wird er jetzt Zutrauen zu mir haben. Ich kann sicher bald zurückkommen.«

Ihre weichen Hände schlossen sich um seine geballte Faust, die auf dem Tische lag.

»Aber bald? Nicht wahr? Jede Minute wird mir wie eine Stunde vorkommen.«

»Ich habe nicht vergessen, was ich versprochen habe. Heute nacht geht's los!«

Noch ehe er die Tür erreicht hatte, lief sie ihm nach. Zwei Arme schlangen sich um seinen Hals. Zwei Lippen preßten sich zaghaft auf seine. »Gott segne Euch!« flüsterte sie.

Buck raste zur Tür hinaus. Draußen blieb er stehen, riß den Hut vom Kopf und tat einen tiefen Atemzug. Scham und Entzücken brannten auf seinem Gesicht, und er mußte eine Weile auf und ab gehen, ehe er es wagen konnte, seinen Kameraden drüben im Haus unter die Augen zu treten. Als er eintrat, wurde ihm eine Begrüßung zuteil, daß er selbst kaum mehr wußte, ob er irgendeine Kuriosität sei oder ein gewöhnlicher Mensch. Sogar Jim Silent behandelte ihn mit ausgesprochener Hochachtung.

»Buck,« sagte Jordan, »du hast's nicht nötig, noch einen Finger zu rühren. Du brauchst ja weiter nichts, als in die Stadt zu reiten, dir die reichste Erbin auszusuchen und sie zu heiraten.«

»Das schlimme ist, daß man bei den Mädeln in der Stadt keinen Platz hat, um richtig zu operieren, oder denkst du, du kannst hoch zu Roß in 'nen Salon geritten kommen?« sagte Buck.

Lee Haines zog Buck zur Seite.

»Was für eine Botschaft hast du ihr ausgerichtet, Buck?«

»Ich versteh' dich nicht?«

»Hör' mal, mein Lieber, die anderen Kerle haben vielleicht zu dicke Köpfe, um Kate Cumberland zu verstehn, aber ich kenne die Sorte.«

»Du bist wohl 'n bissel kratzbürstig, Lee, nicht wahr?« grinste Buck. »Aber ich kann doch nichts dafür, daß das Mädel sich aus dir nichts macht.«

Haines knirschte mit den Zähnen.

»Verdammt fein gespielt! Hübsche kleine Szene, die du da mit ihr aufgeführt hast, aber ich bin dir nicht auf den Leim gegangen. Gelacht hat sie zwar, aber sie war totenbleich dabei.«

»Ein eifersüchtiger Kerl wie du bildet sich ein, er sieht Sachen, die in Wirklichkeit nie passiert sind, Lee.«

»Von wem war die Botschaft?«

»Hat sie dich jemals so angelächelt wie mich?«

»Hast du ihr etwas von Dan Barry ausgerichtet?«

»Hat sie dich je mit so großen, sanften Augen angestarrt?«

»Verdammt!«

»Hat sie sich je an dich geschmiegt, daß du ihr Haar gerochen hast?«

»Daniels, dafür dreh' ich dir den Hals um!«

»Wie ich weggegangen bin, Lee, hat sie mir einen Gutenachtkuß gegeben.«

So herausfordernd Buck sich auch gebärdete, in Wirklichkeit bewachte sein Auge besorgt jede Bewegung seines Gegenübers. Es gab im ganzen Gebirge nur zwei Menschen, die Haines gewachsen waren. Buck war keiner von den beiden und er wußte es.

»Nimm dich in acht, Daniels!« sagte Haines. »Ich weiß, daß du mich anlügst, und ich werde ein wachsames Auge auf dich haben.«

»Vielen Dank!« grinste Buck. »Direkt 'n angenehmer Gedanke, zu wissen, daß ein Freund für einen Wache hält.«

Haines kehrte ihm den Rücken und setzte sich wieder auf seinen Platz am Spieltisch. Auch Buck gesellte sich den Spielern zu.

»Wart mal 'nen Augenblick, Lee«, sagte Silent. »Ich glaub', du hast heute die Nachtwache bei den Cumberlands.«

»Stimmt, stimmt«, antwortete Haines bereitwillig und stand wieder auf.

»Haltet mal,« sagte Buck, »wollt Ihr alles wieder verderben, was ich heute bei dem Mädel ausgerichtet habe?«

»Was ist denn los?« fragte Silent.

»Was los ist? Du lieber Himmel! Willst du ihr einen Mann als Wache auf den Hals setzen, den sie geradezu haßt?«

»Verdammt, Daniels,« sagte Haines wütend, »dein Schuldkonto bei mir wird jeden Augenblick länger, aber Gott sei Dank läßt sich's mit einer Revolverkugel ausgleichen.«

»Weshalb ist denn dem Mädel sein Vater hierhergeschafft worden? Doch bloß wegen Lee Haines,« erklärte Buck, »außerdem kann sie blonde Männer nicht ausstehn.«

Silent schien an der Reiberei zwischen seinem Leutnant und seinem Untergebenen Freude zu haben: »Was ist denn ihr Typ?« erkundigte er sich.

»Dunkles Haar und dunkle Augen«, sagte Buck in aller Ruhe. »Brauchst bloß mich anzusehn.«

Sogar Haines, dem vor Zorn das Blut aus den Lippen gewichen war, mußte das Gesicht verziehen.

»Willst du vielleicht selbst die Wache übernehmen?« erkundigte sich Jim.

»Na und ob!« grinste Buck. »Kann sein, sie kommt 'raus und vertreibt mir die Zeit bei der Nacht.«

»Dann troll' dich und übernimm die Wache«, nickte Silent. »Kommt mir just vor, als ob sie's tun würde.«

»Silent,« sagte Haines warnend, »ist dir's nicht aufgefallen, daß irgend was an der Leichtigkeit, mit der Buck sich bei dem Mädel in Gunst gesetzt hat, verdammt quer aussieht?«

»Well?«

»Er hat uns vorgeredet, er wird sie rauh anfassen – das ist alles dummes Zeug. Er hat ihr etwas ganz Bestimmtes auszurichten gehabt. Ich hab' ihn beobachtet. Er hat ihr etwas gesagt, als sie sich in seinen Armen wand. Und dann, wie auf Bestellung, war sie plötzlich ohnmächtig.«

Silent wandte sich zu Buck.

»Stimmt das?«

»Es stimmt«, sagte Daniels gelassen.

Die Banditen fuhren zusammen. Ihr erwartungsvolles Grinsen war wie weggeblasen.

»Bei Gott, Buck,« brüllte Silent, »wenn du mich hinters Licht führst – aber ich will nicht voreilig sein. Was ist vorgegangen, sag's selbst, was hast du ihr gesagt?«

»Wie sie sich mit mir herumgebalgt hat,« sagte Buck, »brüllt sie egalweg: ›Laßt mich los!‹ Sag' ich darauf zu ihr: ›Eher fährst du zum Teufel!‹ Da is sie ohnmächtig geworden.«

Brüllendes Gelächter. Haines' erneuter Protest ertrank darin.

»Du hast gewonnen, Buck«, sagte Silent. »Übernimm den Posten.«

Buck setzte sich nach der Tür in Bewegung, aber Haines rief ihm nach:

»Wart' mal 'nen Augenblick, Buck. Wenn du ehrliches Spiel mit uns treibst, wirst du dir nichts daraus machen, uns ehrenwörtlich zu versprechen, daß du niemand nachts das Tal heraufreiten läßt und daß du morgen früh noch da bist.«

Buck wurde es schwarz vor den Augen. Ihm schwindelte. Er drehte sich schwerfällig zu Haines um.

»Das ist ein ganz vernünftiger Vorschlag«, sagte Silent. »Heraus mit der Sprache, Buck!«

»All right«, sagte Buck sehr leise. »Ich werde selbstverständlich morgen früh hier sein und ich werde dafür sorgen, daß niemand das Tal herauf kann.«

Aber fast unmerklich legte er den Nachdruck auf das Wörtchen herauf.

Unmittelbar vor der Baracke, in der die Cumberlands hausten, lag ein Felsen. Hier faßte Buck Posten. In der Hütte war alles dunkel. Auf einmal rief Kates Stimme ihn leise an: »Ist es Zeit?«

Seine Augen flogen nach dem großen Haus hinüber. Von dort her kam das Dröhnen vieler Stimmen. Er antwortete nicht.

»Ist es Zeit?« wiederholte sie.

Immer noch gab er keine Antwort. Auch das gedämpfteste Flüstern schien ihm zu riskant. Sie rief zum drittenmal, ohne eine Antwort zu erhalten. Er hörte sie stöhnen. Und trotzdem wartete er, wartete und wartete, bis endlich das Licht im großen Haus erlosch und jedes Geräusch erstarb.

»Kate!« sagte er. Er dämpfte seine Stimme derart, daß keine Möglichkeit bestand, daß man ihn im großen Haus hörte. Er verwandte kein Auge von dem Gebäude.

Das Quietschen der Hüttentür antwortete ihm. »Zurück!« rief er leise. »Geht zurück!«

Wieder ein Quietschen der Tür.

»Sie schlafen doch drüben«, sagte Kate. »Besteht denn noch Gefahr?«

»Pst!« warnte er. »Sprecht leise! Nicht alle schlafen. Da drüben ist einer, der wird mich bis zum Morgen nicht aus den Augen lassen.«

»Was kann man tun?«

»Geht hinten heraus. Wenn Ihr Euch in acht nehmt, werdet Ihr nicht bemerkt werden. Haines überwacht mich, aber nicht Euch. Schleicht Euch nach dem Stall, sattelt Eure beiden Pferde, dann führt sie heraus und schlagt den Weg hinter dem Haus ein. Steigt nicht in den Sattel, eh' Ihr weit weg seid. Und macht langsam. Hier in der Schlucht pflanzen sich Geräusche weit fort.«

»Kommt Ihr denn nicht mit?«

»Nein.«

»Aber wenn sie herausfinden, daß wir geflohen sind?«

»Denkt an Dan – nicht an mich!«

»Gott sei Euch gnädig!«

Einen Augenblick später knirschte die Hintertür. Sie schien ganz langsam, Zoll um Zoll, aufgedrückt zu werden. Wenn sie offen stand, dann liefen wohl die beiden nach dem Stall hinüber. Buck wünschte jetzt, er hätte Kate davor gewarnt, zu laufen. Ein sich langsam bewegender Gegenstand erregt viel weniger die Aufmerksamkeit als ein rasch dahingleitender. Wenn Lee Haines tatsächlich nicht schlief, kam alles darauf an, in diesem Augenblick seine Aufmerksamkeit abzulenken. Buck stand auf, rollte rasch eine Zigarette und zündete sie an. Selbst das argwöhnischeste Auge mußte wenigstens vorübergehend von dem Aufflammen des Zündholzes abgelenkt werden. Aber diese wenigen Sekunden genügten für Kate und ihren Vater, um sich hinter dem Stall in Sicherheit zu bringen.

Er setzte sich wieder. Vom großen Haus herüber kam ein gedämpftes Niesen. Buck fühlte, wie sein Blut zu Eis wurde. Die vergessene Zigarette brannte dunkelrot glimmend in seinen Fingern zum Stummel herunter und erlosch. Im Stall dampfte ein Pferd. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und fing an zu pfeifen. Jetzt hörte er das Schnauben, mit dem ein Pferd aus der Stalltür tritt und den ersten Atemzug in freier Luft tut.

All diese Geräusche waren nur schwach, für Buck aber, der sich in allen Qualen der Spannung wand, war jedes von ihnen ein Trompetenstoß. Jetzt hörte man einen kurzen, klirrenden Ton. Ein Eisen hatte einen Stein getroffen. Anscheinend führten die beiden Flüchtlinge ihre Pferde hinter dem Haus vorbei. Mit bebender Hand steckte er eine neue Zigarette an und wartete, wartete, wartete. Dann sah er die beiden unten im Tal am Haus vorbeikommen, schwarze Schatten, die sich langsam durch die Finsternis tasteten. Aber für Buck war es, als ob der Strahl von zehntausend Scheinwerfern auf die Flüchtenden gerichtet sei. Er hielt den Atem an. Jeden Augenblick erwartete er ein höhnisches Lachen vom Haus her – einen scharfen Haltruf – das Krachen eines Revolvers.

Indessen geschah nichts. Jetzt hörte er wieder das Anschlagen eines Hufeisens auf einem Stein. Und jetzt wieder, jedesmal weiter das Tal hinunter. Noch immer rührte sich nichts im großen Haus. Die beiden waren in Sicherheit.

Da kam die große Versuchung über Buck.

Zu flüchten war eine verhältnismäßig einfache Sache. Er konnte nach dem Stall gehen, sein Pferd satteln und dann, so rasch das Tier laufen konnte, am Haus vorbei, das Tal hinunter preschen. Bis die Banditen sich zur Verfolgung auf die Beine machten, konnte er schon eine Meile oder mehr Vorsprung haben, und in den Bergen genügte das. Aber es gab etwas, was ihn festhielt, eine gebrechliche und unsichtbare Fessel, wie ein Zaubernetz – er hatte Jim Silent gelobt, dafür zu sorgen, daß niemand das Tal heraufgeritten komme, und er hatte ebenso gelobt, bei Sonnenaufgang sich bei den anderen einzufinden.

Während er noch mit sich rang, fand – seltsam genug – das Lied, das er Dan Barry abgelauscht hatte, den Weg zu seinen Lippen, das Lied der Ungezähmten, der Kinder der Wildnis, die ewig auf der Jagd sind und ewig gejagt werden. Und als sein Pfeifen dahinstarb, berührte er die Lippen, die Kate geküßt hatte, mit dem Finger und lächelte vor sich hin.

Langsam schob sich die Sonne über die Hügel im Osten. Als Buck das Haus betrat, waren die anderen Mitglieder der Bande eben dabei, sich unter vielem Gähnen und Armrecken fertig zu machen. Nur Lee Haines war bereits gestiefelt und gespornt. Buck lächelte ihm ironisch zu.

»Sag' mal, Lee,« meinte er, »du siehst heute morgen 'n bißchen angegriffen aus. Was?«

Der andere starrte ihn finster an.

»Möchte wetten,« fuhr Buck fort, »daß heute nacht nicht viel Schlaf in deine Augen gekommen ist. Du hast richtige Ringe um die Augen.«

»Verdammt ...«

»Ruhe da!« befahl Silent. »Lee, du bist zänkisch wie ein Weib. Wie war die Wache, Buck?«

»Niemand ist das Tal heraufgekommen«, sagte Buck. »Und hier steh' ich, wie ich's versprochen habe. Ich denke, ich brauche nichts mehr hinzuzufügen.«

»Alles in Ordnung!« sagte Silent. »Aber der Alte und das Mädel stecken heute verdammt lang in den Federn. Sonst hat der Alte sein Feuer schon beim Morgengrauen in Gang. Jetzt sieht man keine Spur von Rauch.«

»Kann sein, sie schlafen lange nach der vielen Aufregung gestern abend«, sagte Bill Kilduff. »Du mußt bei den beiden ganz niedlich Sensation gemacht haben, Buck.«

Haines hatte keinen Blick von Bucks Gesicht verwandt.

»Ich denke, ich geh' mal hinüber und seh' nach, warum die beiden heute so mit dem Aufstehn trödeln«, sagte er und verließ den Raum.

»Es kommt ihm verdammt schwer an,« sagte Jordan mit einem diabolischen Grinsen, »aber schone ihn jetzt ein bißchen, Buck, und reit' nicht auf ihm herum, oder du kriegst eine überlebensgroße Rauferei an den Hals. Ebenso gern möcht' ich mit dem Chef selbst anbinden. Wenn Haines losgeht, kriegt der Leichenbestatter Arbeit.«

»Vielen Dank, daß du mich daran erinnerst«, sagte Buck trocken. Durch das Fenster konnte er sehen, wie Haines die Tür der Baracke öffnete.

Buck wartete auf den Augenblick, wo Haines laut aufschrie. Aber der Augenblick kam nicht. Lange stand der Bandit draußen, ohne sich zu rühren. Dann machte er kehrt und kam langsam zurück. Sein Kopf war auf die Brust gesunken, tiefes Nachdenken runzelte seine Stirn.

»Was ist los?« rief Silent, als sein Leutnant das Zimmer wieder betrat. »Du siehst aus, als ob dir's schlecht wär'. Hat sie dir kein Lächeln zum Morgengruß gegönnt?«

Haines hob langsam den Kopf.

»Sie sind nicht mehr da!« erklärte er.

Seine Augen glitten zu Buck hinüber. Die anderen folgten dem Beispiel. Silent fluchte leise durch die Zähne.

»Als Spaßmacher, Lee,« sagte Buck kalt, »bist du 'ne Nummer! Scheint mir, die beiden sind in der Nacht verdunstet? Was?«

»Haines!« fragte Silent scharf. »Ist das Ernst?«

Haines nickte.

»Dann, Buck – so wahr ein Gott im Himmel lebt –, wirst du uns 'ne Masse mit wenig Worten erklären müssen. Lee, du hast ihm die ganze Zeit nicht getraut. Und ich Narr bin auf ihn hereingefallen!«

Daniels fühlte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich. Aber es kam ihm Hilfe von einer Seite, von der er sie niemals erwartet hätte.

»Jim, laß den Revolver stecken!« rief Haines.

Jim Silents Augen glitzerten bösartig: »Misch' dich nicht ein, Lee, der Kerl hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.«

»Chef,« sagte Haines, »in der Nacht, wie er vor dem Schuppen Wache gehabt hat, hab' ich hier gesessen und ihn beobachtet.«

»Na, und?«

»Ich hab' gesehn, daß er die ganze Nacht auf seinem Posten geblieben ist, ohne sich vom Fleck zu rühren, und ich weiß auch, daß er die ganze Zeit über wach war.«

»Wieso sind dann in Teufels Namen ...«

»Die Hintertür!« rief Kilduff dazwischen.

»Bei Gott, du hast recht. Sie haben sich hinten hinausgeschlichen und sind dann auf der anderen Seite des Hauses in die Schlucht hinunter.«

»Wenn ich dran schuld wäre, daß sie entwischt sind,« sagte Buck, »meint Ihr, ich wäre dann noch hier?«

Silents scharfe Augen musterten erst Haines, dann Buck. Dann drehte er ihnen beiden den Rücken.

Die Bande, die bis jetzt neugierig geschwiegen hatte, um den Ereignissen zu folgen, nahm ihr gewohntes, lärmendes Treiben wieder auf. Während ringsumher gelacht und geflucht wurde wie immer, trat Haines dicht an Buck Daniels heran.

»Buck,« sagte er mit gedämpfter Stimme, »ich weiß nicht, wie du es zuwege gebracht hast, aber ich kann mir vorstellen ...«

»Was soll ich zuwege gebracht haben?«

Ein Schatten der Wehmut verdüsterte Haines' Gesicht.

»Ich war auch einmal ein anständiger Kerl, Buck,« sagte er ruhig, »du hast gehandelt wie ein anständiger Kerl.«

Er streckte die Hand aus. Zögernd griff Buck danach.

»Hast du es um Dans oder um Kates willen getan?«

Bucks Blick entglitt in unbestimmte Fernen.

»Weiß auch nicht«, sagte er sanft. »Vielleicht hab' ich's getan, um meine eigne verkommene Seele zu retten.«

In der anderen Ecke des Zimmers machte Silent Purvis ein Zeichen.

»Was ist los?« erkundigte sich Hal, dicht an ihn herantretend.

»Sprich leise«, sagte Silent. »Was ich dir sage, brauchen die anderen nicht zu hören. Mit Buck stimmt was nicht. Der Kerl geht krumme Wege. Ich will, daß du nach seinem Haus hinunterreitest. Treib dich Tag und Nacht dort in der Gegend herum. Vielleicht kriegst du was zu Gesicht, das der Mühe wert ist.«

Indessen hatten die Flüchtlinge in dem undurchdringlichen Dunkel, das dem Morgengrauen unmittelbar vorhergeht, die untere Mündung der Schlucht erreicht.

»Kate,« sagte der alte Joe mit bebender Stimme, »wenn ich einer wär', dem die Gebete leicht kommen, ich würd' mich jetzt auf die Knie werfen und Gott dafür danken, daß ich diese Nacht entkommen bin.«

»Danke lieber Buck Daniels, der sein Leben für uns verpfändet hat. Ich reite jetzt schnurstracks nach Bucks Haus. Du mußt zu Sheriff Morris hinunter und ihm sagen, daß ein anständiger Kerl in Jim Silents Klauen ist.«

»Aber ...« begann er.

Sie winkte ihm zu und gab ihrem Pferd die Sporen. Gleich darauf war sie in rasendem Galopp in der Nacht verschwunden. Ihr Vater starrte ihr verblüfft nach. Dann aber folgte er ihrem Rat und machte sich auf den Weg zu Gus Morris.

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