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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Dreißigstes Kapitel.
Die Kunst, mit Damen umzugehen

Kurz vor Sonnenuntergang erreichten die beiden das alte Saltonsche Anwesen. Silent saß mit Haines, Kilduff, Jordan und Rhinehart auf der Veranda. Als sie die Ankömmlinge gewahr wurden, sprangen alle auf und riefen ihnen einen Gruß entgegen. Buck winkte zur Antwort mit der Hand hinüber, aber seine Gedanken waren weit weg. Die Melodien, die er Dan hatte pfeifen hören, formten sich in seiner Kehle. Sie kamen nicht in Tönen über seine Lippen, aber sie ließen ein seltsames Lächeln um seinen Mund zurück.

Vor dem Hause schwang er sich vom Pferd und schüttelte Jim Silent die Hand. Der gab sie nicht gleich wieder frei.

»Mächtig spät rückst du ein«, knurrte er. »Hat das Signal dich nicht erreicht?«

Es gelang Buck, dem Blick zu trotzen, der forschend auf ihn gerichtet war.

»Ich habe der Bande mehr genützt, indem ich zu Hause geblieben bin«, sagte er.

»Was soll das heißen?«

»Ich bin bei mir unten geblieben, um Nachrichten aufzuschnappen, die dir erwünscht sein könnten. Es war nicht leicht. Die Leute fangen an, mich scheel anzusehn.«

»Es treiben sich so viel verdammte Cowboys in der Gegend herum, daß Buck mir noch nicht einmal erlauben wollte, zu ihm nach Haus zu reiten, um meinen Revolver zu holen«, mischte sich Purvis ein.

Jim Silents scharfe Augen wichen keinen Augenblick von Buck Daniels Gesicht.

»Wenn wir Neuigkeiten brauchen, so ist Gus Morris da, der gibt uns alles, was wir nötig haben. Weißt du das nicht, Buck?«

Rhinehart und Jordan hatten eifrig miteinander geschwatzt, jetzt schwiegen sie und horchten auf. Buck setzte ein unbekümmertes Lächeln auf.

»Ich glaub' dir schon, daß Gus Morris dir alles erzählt, was er erfährt,« sagte er, »die Sache ist bloß, daß er nicht alles weiß.«

»Wieso?«

»Wo Gus Morris auftaucht, fangen die Leute an, sich Seitenblicke zuzuwerfen und miteinander zu flüstern. Er hat zu lang mit uns unter einer Decke gesteckt, und die Leute fangen an, nachdenklich zu werden. Das ist immer gefährlich.«

»Du scheinst ja selbst 'n verdammt nachdenkliches Köpfchen geworden zu sein, mein Jung,« sagte Silent trocken, »und du meinst, daß die Leute von sich aus auf den Gedanken gekommen sind, uns nachzuspüren?«

»Das ist sonnenklar.«

»Von wem hast du's gehört?«

»Vom jungen Seaton.«

»Er gehört dazu?«

»Ja.«

»Ich werd' mir den Burschen merken. Übrigens seh' ich, daß der Pfeifende Dan dir einen Denkzettel am Arm hinterlassen hat.«

Er wies auf den Verband an Bucks rechtem Unterarm.

»Ach, die Schramme!« sagte Buck und zuckte mit den Achseln. »Es heilt alles schon zu. Der Arm ist schon so gut wie früher.«

»Auf alle Fälle«, sagte Silent, »steht dir was extra zu dafür, daß du dich mit dem verdammten Teufel herumgeschlagen hast.«

Er langte in die Tasche, zog verschiedene goldene Zwanzigdollarstücke heraus – niemals hat es einem Langreiter an Geld gefehlt – und reichte sie Buck. Der nahm sie zaudernd entgegen, besann sich und gab sie ihm zurück.

»Was, in Dreiteufelsnamen, ist denn mit dir los?« wetterte der Bandit. »Ist dir's nicht genug?«

»Ich will kein Geld, eh' ich's verdient habe«, sagte Buck.

»Das Leben fängt dir wohl an, zu friedlich zu werden, was?« grinste Silent.

»Da wir von Frieden reden,« mischte sich Purvis ein und blinzelte den Umstehenden mit einem breiten Schmunzeln zu, »Buck behauptet, er ist der Mann, der uns die Friedenstaube ins Lager bringt. Er sagt, er weiß, wie man das Mädel da drüben –« er deutete mit dem Daumen über die Schulter –, »zur Vernunft bringt.«

Buck blickte nach der Richtung, in der Purvis wies. Da saß Kate auf einem Felsen. Ein paar Schritte weiter stand die kleine Baracke, in der sie mit ihrem Vater lebte. Ihr Anblick war mitleiderregend. Sie saß, das Kinn in beide Hände gestützt, und starrte mit melancholischen Augen ins Tal hinaus. Buck fuhr zusammen. Das Gelächter um ihn her hatte ihn geweckt.

»Ihr Kerle lacht,« sagte er herablassend, »weil ihr von Frauenzimmern soviel versteht wie 'ne Kuh von Bildern.«

»Und was sollte man nach deiner Ansicht mit dem Mädel tun, Salomon?« Buck blickte in die kalten blauen Augen von Lee Haines.

»Kann sein, ich bin nicht Salomon,« räumte er bereitwillig ein, »aber ich brauch' keine Million Weiber zu haben, um mit den Frauenzimmern Bescheid zu wissen.«

»Buck, mach' dich nicht selbst zum Narren«, sagte Silent. »Mit dem Mädel ist nun mal nichts anzufangen. Da gibt's kein Mittel. Sie hat sich auf den Hungerstreik verlegt, und sie wird dran sterben. Ich kann's nicht ändern. Wir können sie nicht loslassen. Es ist eine verflucht scheußliche Geschichte, daß sie uns hier unter den Händen sterben soll. Aber sie ist nicht zur Vernunft zu bringen. Ich hab' ihr zugeredet wie 'nem kranken Gaul – ich hab' ihr sogar Geld geboten. Hat alles keinen Sinn. Das merk' dir mal!«

»Natürlich hat's nichts geholfen«, erklärte Buck mit verächtlicher Miene. »Du lieber Himmel! Ihr Kalbsköpfe! Wißt ihr, was das Mädel braucht? Weiß Gott nicht, daß man ihr schöntut! Die braucht 'ne harte Faust. Die muß mal den Herrn spür'n, das ist alles, was ihr not tut.«

»Scheint mir,« sagte Haines, »du hast's dir in den Kopf gesetzt, daß du der Kerl bist, der das Mädel ändern kann.«

»Lee, laß das!« mischte sich Silent ein. »Buck, meinst du wirklich, daß du bei ihr was ausrichten kannst?«

»Ob ich was ausrichten kann?« wiederholte Buck verächtlich. »Der Donner, Boys! 's gibt nichts, das ich 'nem Frauenzimmer nicht beibringen könnt'.«

Bill Kilduffs dumpfer Baß erkundigte sich knurrend: »Ist dein hübsches Gesichtel daran schuld oder dein gewinnendes Lächeln?«

»Beides!« sagte Buck wie aus der Pistole geschossen. »Je wilder sie sind, die Weiber, desto gründlicher fallen sie auf mich rein. Ich hab' 'ne bösartige alte Kuh von dreißig Jahren aus meiner Hand fressen sehn, als ob sie von klein auf drauf dressiert sei. Was die Gebildeten sind, die sagen: ›ich bin so anders‹; die alten Schachteln meinen, ich wär' so ›naiv‹, und weißt du, was die Hübschen sagen? Die sagen bloß, ich bin ›'n Mann‹, aber mein Lieber, mit großen Buchstaben geschrieben!«

»Buck, du bist besoffen«, sagte Haines.

»So? Betrunken bin ich? Ich will dir was sagen, Haines, 's gehört ein anderer Kerl dazu als du, mich nüchtern zu machen!«

Diejenigen, die zufällig in der Schußlinie standen, sprangen zurück. Aber Silents mächtige Stimme fuhr blitzschnell dazwischen: »Laßt die Hand vom Revolver, oder ihr habt's mit mir zu tun!«

Haines starrte seinen Chef zornfunkelnd an, aber seine Hand ließ den Revolverkolben fahren. Daniels lachte.

»Laßt's gut sein, ich bin nicht auf Krach versessen«, sagte er gemütlich. »Aber das sag' ich nochmals: das Mädel muß was haben, das sie aufpulvert. Das Dasein hier ist für das arme Ding so langweilig, daß sie reineweg die Lust zu leben verloren hat.«

»Wenn du dämlich genug bist, die Sache zu versuchen,« sagte Silent, »dann leg' los. Was hast du eigentlich vor?«

»Sperr' die Augen auf, dann wirst du sehen«, grinste Buck, der die Hand nach den Zügeln seines Pferdes ausstreckte. »Ich denk', ich werde die junge Lady ganz sanft und höflich ersuchen, einen Happen zu essen heranzuschleifen. Wenn sie keine Lust hat, werd' ich sie 'n bißchen gegen den Strich bürsten, und wenn alles vorbei ist, wird sie mich dafür noch gern haben.«

»Ja, so wie man 'ne Natter gern hat!« knurrte Kilduff.

»Bei Gott, Silent!« Haines' Gesicht war vor Erregung weiß wie ein Laken. »Wenn Buck Hand an das Mädel legt ...«

»Lee, Kreuzdonnerwetter, benimm dich wie ein Mann und nicht wie ein Schulbub«, sagte Silent und ließ seine schwere Hand auf die Schulter seines Leutnants fallen. »Er wird dem Mädel kein Haar krümmen, Lee. Dafür steh' ich dir. Mach' voran, Buck! Wenn ich aufrichtig sein soll, ich wünschte, der verdammte Besen wäre in der Hölle.«

Silent ging voraus. Buck folgte, sein Pferd am Zügel führend. Kate machte keine Bewegung, als sie auf sie zukamen. Ihre Augen waren immer noch weit in die Ferne gerichtet. So groß und stark Silent auch war; je näher er dem Mädchen kam, desto zaghafter und kürzer wurden seine Schritte. Zuletzt machte er halt und wandte sich mit einer resignierten Handbewegung zu Buck um: »Schau' dir sie an! So sitzt sie nun schon seit gestern. Buck, jetzt zeig' mal, was du fertigbringst. Da hast du sie!«

»All right«, sagte Buck. »'s ist an der Zeit, daß die schäbigen Amateure sich in die Kulissen verdrücken und dem Star die Bühne überlassen. Nun troll' dich zurück und notier' dir für die Zukunft, was du siehst. In knapp fünfzehn Minuten, du kannst auf die Uhr sehen, frißt sie mir aus der Hand.«

Silent zog sich zurück, er war verblüfft. Gespannt wartete er, was sich zutragen würde.

Buck zog den Hut und machte eine Verbeugung wie im Salon.

»Madam,« sagte er, »habe die Ehre, Sie ganz ergebenst zu ersuchen, mit mir nach der Hütte zurückzuchassieren und mir die Ehre anzutun, 'ne kleine Portion Schinken und Eier mit mir zusammen zu vertilgen. Sind Sie mit von der Partie?«

Auf diesen aristokratischen Herzenserguß antwortete sie mit einem lässigen Blick, der bei Bucks Fußspitzen begann, sich langsam bis zu seinem Gesicht hob und dann sich wieder den purpurnen Schatten zuwandte, in denen die Schlucht zu ihren Füßen in der Ferne verdämmerte. Bucks Gesicht wurde feuerrot. Trotz aller Anstrengung war er dagegen machtlos. Und aus der Ferne klang gedämpft das Lachen der Bande herüber. Er drückte sich den Hut fester in die Stirn.

»Irren Sie sich nicht, Madam,« erklärte er und deutete mit einer leichten Handbewegung auf die Zuschauer, Jim Silent eingeschlossen, im Hintergrund, »ich bin keiner von der Sorte wie die Kerle da. Ich kann's verstehn, wie's Euch zumute ist, wenn Ihr die ganze Zeit mit dieser Bande von Schafsköpfen habt herumtrotten müssen. Ich möcht' vorschlagen, Ihr gönnt mir mal 'nen ordentlichen Blick und überzeugt Euch selbst 'von dem Unterschied zwischen dem imitierten Artikel und 'nem Mann von der richtigen Sorte.«

Und sie blickte ihn an. Es huschte sogar ein schwaches Lächeln um ihren Mund. Aber es hatte nur zur Folge, daß es Buck zum zweiten Male unbehaglich heiß wurde. Seine Stimme wurde hart: »Zum letztenmal! Ich frag' Euch, ob Ihr mit mir in die Hütte kommt?«

Wieder ein Lächeln; es drückte Verachtung und Verwunderung aus.

Im nächsten Augenblick saß Buck im Sattel, beugte sich über den Bug seines Pferdes herunter und schlang die Arme um sie. Das Gebrüll der Banditen hinten im Lager schlug nur wie ein verschwommenes Geräusch an sein Ohr. Das einzige, was sich seinem Bewußtsein gewaltsam aufdrängte, war der furchtbare Abscheu in Kates totenblassem Gesicht. Sie tat keinen Schrei, aber sie kämpfte wie eine Wildkatze. Sie schlug ihn mitten ins Gesicht, mit beinah männlicher Energie. Er packte sie fester, um sie wehrlos zu machen, und wäre um ein Haar aus dem Sattel geschossen, denn sein Pferd bäumte sich schnaubend auf.

Zweimal krachte schnell hintereinander ein Revolver. Die Kugeln zischten dicht an seinem Kopf vorbei. Ein flüchtiger Seitenblick zeigte ihm Rhinehart und Silent, die sich auf Lee Haines warfen. Der blonde Bandit kämpfte wie ein Verzweifelter, um die Hand zu einem dritten Schuß freizubekommen. Buck trieb seinem Pferd die Sporen tief in die Weichen. Widerwillig und bockig setzte es sich in der Richtung der kleinen Hütte in Trab.

»Dan!« raunte er in Kates Ohr.

Das Gebrüll hinter ihnen übertönte seine Stimme. Mit einem Ruck entzog sie ihren rechten Arm seiner Umklammerung und schlug ihn noch einmal ins Gesicht. Er packte sie und schüttelte sie wütend.

»Für den Pfeifenden Dan!« sagte er diesmal lauter. »Er liegt im Sterben!«

Sie lag plötzlich steif und unbeweglich in seinen Armen.

»Kein Wort!« stieß er atemlos heraus. »Die da hinten dürfen nichts merken!«

Die Banditen kamen lachend und mit den Hüten winkend hinterher gelaufen.

»Dan!«

»Werd' ohnmächtig, dummes Ding!«

Sie riß die Augen auf. Sie hatte begriffen. Jeder Muskel ihres Körpers entspannte sich. Ihr Kopf sank nach hinten, wie ein lebloses Bündel lag sie in seinen Armen. Buck hielt vor der Hütte und stieg ab. Er war totenbleich und zitterte vor Erregung, aber innerlich triumphierte er. Rhinehart, Purvis und Jordan kamen gelaufen. Hinten schlugen sich Silent und Kilduff noch immer mit dem rasenden Haines herum.

Rhinehart bückte sich über Kate und horchte, ob das Herz noch schlug.

»Sie ist tot!« rief Jordan.

»Du bist ein Idiot!« sagte Buck gelassen, »'s ist nichts weiter als 'ne kleine Ohnmacht, und wenn sie wieder zu sich kommt, wird ihr erstes sein, mir zu sagen, was für 'n fabelhafter Kerl ich bin.«

»Sie ist nicht tot!« sagte Rhinehart und hob den Kopf. »Aber Haines wird dir wegen dieser Geschichte den Hals umdrehn.«

»Kate!« rief jemand in der Hütte in höchster Angst. Der alte Cumberland kam mit flatterndem weißen Haar herausgestürzt.

Buck erklärte: »'s ist nichts weiter. Kleine Ohnmacht. Braucht Euch keine Sorgen zu machen. Ich kann sie schon allein reintragen. Und ihr anderen verdrückt euch! Ihr nützt mir gar nichts. Soviel Publikum kann ich nicht brauchen. Braucht nicht ärgerlich zu sein, Mr. Cumberland, ist ihr nichts geschehn.«

Mit ein paar schnellen Schritten war er über die Schwelle und legte sie auf ihr Lager. Ihr Vater lief in der Hütte umher, holte Wasser, um ihr die Stirn anzufeuchten. Buck schob seine drei Genossen zur Tür hinaus.

»Es ist ihr nichts geschehen«, sagte er mit vieler Ruhe. »Es hat sie bloß ein bißchen zusammengerissen. Ihr wißt, was ich gesagt habe! In fünfzehn Minuten frißt sie mir aus der Hand. Ich hab' immer noch zehn Minuten Zeit. Wenn die zehn Minuten rum sind, dürft ihr kommen und durchs Fenster gucken. Wenn das Mädel dann nicht am Tisch sitzt und futtert, will ich meinen Hut fressen.«

Er schubste sie über die Schwelle und warf die Tür hinter ihnen zu. Ein Freudenruf des Alten veranlaßte ihn, sich umzudrehn. Kate saß aufrecht auf ihrem Bett.

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