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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 30
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Neunundzwanzigstes Kapitel.
»Werwolf«

Bucks Cowboypony fiel rasch in einen gleichmäßigen leichten Hundetrab. Manchmal warf es den Kopf hoch und ließ die Ohren rasch vor- und zurückschnellen, als müsse es eine lästige Fliege verjagen. Aber was es unruhig machte, war, daß Buck Daniels leise vor sich hin pfiff. Das Tier war nicht daran gewöhnt. Bis jetzt hatte es nie etwas anderes von den Lippen seines Herrn vernommen als hier und da einen dumpfen Fluch.

Buck war eben wieder auf flacheres Gelände gekommen, als er in der Ferne einen Reiter erblickte, der ihm entgegenkam. Als sie sich einander näherten, beschrieb der fremde Reiter einen großen Bogen zur Seite. Buck stieß ein leises, glucksendes Lachen aus. Der fremde Reiter legte anscheinend keinen Wert darauf, erkannt zu werden. Aber er hörte rasch auf zu lachen, denn der Fremde wechselte plötzlich die Richtung und ritt gerade auf ihn los. Buck zog mit einem Ruck die Zügel an. Er vergewisserte sich, daß sein Revolver locker im Halfter saß. Es war besser, auf alle Möglichkeiten gerüstet zu sein, wenn man einem fremden Reiter in der Einöde begegnete.

»He, Buck!« rief der herangaloppierende Reiter.

Daniels ließ den Revolver los. Er hatte Hal Purvis' Stimme erkannt, der gleich darauf neben ihm anhielt.

»Was hast du vor?« fragte Buck. Er zog Tabak und das unerläßliche Zigarettenpapier aus der Tasche.

»Ach, nichts weiter, ich' seh' mir die Landschaft 'n bißchen an und fische nach Neuigkeiten«, antwortete Purvis.

»Hast du irgend was ausfindig gemacht?«

»Ja. Bin mit ein paar Greenhörnern von Stoppelhopsern zusammengekommen, die geradeswegs von Elkhead kamen.«

Buck grunzte und zündete seine Zigarette an.

»Hast dich rar gemacht bei uns im Bau«, fuhr Purvis fort.

»Ich gondle ja jetzt hin«, sagte Buck.

»Hast du mir den Revolver mitgebracht, den ich bei euch zu Haus hab' liegen lassen?«

»Ich hab's vergessen.«

»Dann woll'n wir doch 'nen Sprung hinübermachen und das Schießeisen holen. Dann reit' ich mit dir zusammen nach dem Lager.«

Buck stieß eine lange Rauchwolke aus. Sein Hirn malte ihm in fieberhafter Eile aus, was geschehen würde, wenn Purvis ins Haus kam, Dan dort vorfand und dann ...

»Gewiß,« sagte er, »du kannst zu mir nach Haus reiten und Dad nach deinem Revolver fragen, wenn du Lust hast. Ich reite meinen Weg weiter.«

»Was hast du's denn so eilig? Sind doch nur drei Meilen bis zu euch nach Hause. Du verlierst ja dabei gar nicht sonderlich viel Zeit.«

»Davor hab' ich auch keine Angst – daß ich Zeit verlier'«, meinte Buck mit vielsagendem Ausdruck.

»Was steckt denn dahinter, zum Teufel? Ich brauch' mein Schießeisen!«

»All right«, sagte Buck und zwang sich zu einer spöttischen Grimasse. »Adjüs denn, Hal.«

Purvis betrachtete ihn mit prüfenden Blicken.

»Raus mit der Sprache, Buck! Was ist los? Was ist dabei, wenn ich meinen Revolver holen geh'? Meinst du, ich werd ihn nicht finden?« »Gewiß. Das ist's ja grade. Du wirst 'nen ganzen Haufen Revolver finden. Weißt du, was ich meine, Hal? Die Leute hier herum haben sich's in den Kopf gesetzt, daß ich mit Jim Silents Bande 'n bißchen zu intim bin. Sie haben unser Haus unter Bewachung gestellt.«

»Hölle und Verdammnis!«

»Da hast du recht! So ist's auch, und das ist just der Grund, warum ich mich in die Berge schlagen will.«

Er setzte sein Pferd im Schritt in Bewegung. »Aber natürlich«, wenn du gar so sehr drauf aus bist, deinen Revolver zu holen, Hal ...«

Purvis grinste trocken, daß sich sein ledernes Gesicht in tausend Falten legte, und schwenkte neben Buck ein.

»Na also,« sagte Buck, als sie zusammen weiterritten, »freut mich, doch zu sehen, daß du kein Narr bist. Wie steht's im Lager?«

»Zum Speien! Jetzt ist ein Mädel droben ...«

»'n Mädel?«

»Scheint dir Spaß zu machen? Jawohl, 'n Mädel is' oben. Kate Cumberland heißt sie. Sie war dabei, wie wir den Zug geplündert haben, und wenn's zum Klappen kommt, weiß sie soviel Belastendes über uns, um uns alle an den Galgen zu bringen.«

»Kate! Delila!«

»Was sagst du da?«

»Ich sag', 's ist 'ne mächtig blöde Sache, daß Jim 'n Mädel im Lager duldet.«

»'s geht nicht anders. Sie macht uns mehr Verdruß als 'n ganzes Heer von Männern. Erst wohnte sie mit im Haus. Dann hat Silent den kleinen Schuppen herrichten lassen, der 'n paar Schritt ...«

»Ich weiß Bescheid, ich kenn' das Ding.«

»Da ist sie jetzt mit ihrem Vater untergebracht. Bei Nacht müssen die beiden bewacht werden. Seit sie da ist, hat sie keinem von uns ein gutes Wort gegönnt. Wenn sie einen anschaut, wird's einem jedesmal zumute, als wenn man das Verworfenste vom Verworfenen wär' – 'ne Schlange oder sonst 'n kriechendes Gewürm.«

»Willst du sagen, daß wirklich keiner von den Jungs bei ihr Gefallen gefunden hat?« fragte Buck neugierig. Dan Barrys Fieberphantasien hatten angedeutet, daß das Mädel in Lee Haines verliebt war und Barry dem Banditen zuliebe im Stich gelassen hatte. »Sag' mal, hat selbst Lee Haines keine Gnade vor ihren Augen gefunden?«

Purvis stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus.

»Das möchte er gern, aber er entspricht nicht ihrem Ideal. Im übrigen möchte jeder von uns, daß er ihr gefällt. Sie ist zum Hinwerden schön, Buck. Eine von der blauäugigen, goldlockigen Sorte, verstehst du? Mit 'ner Stimme wie Seide. Um von mir zu reden, ich mach' kein Hehl draus, daß sie mich zur Strecke gebracht hat.«

Buck sog so verzweifelt an seinem Zigarettenstummel, daß er sich die Finger verbrannte.

»Konntest aber nichts bei ihr ausrichten?« erkundigte er sich.

»Was brauchst du da zu grinsen?« sagte Purvis hitzig. »Bildest du dir vielleicht ein, du hast bei ihr mehr Chancen?«

Buck gluckste amüsiert.

»Ihr Kerle macht alle denselben Fehler,« sagte er herablassend, »Ihr habt alle so 'ne verdammte Angst vor einem Mädel. Ihr behandelt sie, als ob sie Prinzessinnen wären und ihr bloß Sklaven. Die Frauenzimmer lieben es, die Hand des Herrn zu spüren.«

Purvis' dünne Lippen kräuselten sich. »Gib's lieber gleich auf, Buck«, riet er. »Weißt du, wen sie liebt? Den Pfeifenden Dan! Das würdest du dir auch nicht einbilden, daß ein Frauenzimmer einen leibhaftigen Teufel wie den überhaupt nur ansehn kann, ohne zu schaudern? Aber sie hat sich jetzt bloß wegen dem Dan sogar auf den Hungerstreik verlegt. Seit gestern weigert sie sich zu essen. Wenn wir sie nicht freilassen, will sie Hungers sterben, sagt sie. Und, verdammt noch mal, am Willen fehlt's ihr nicht. Das weiß ich, und das wissen alle anderen von uns.«

»Hungers sterben?« sagte Buck großartig. »Wart' du nur, bis ich die Sache in die Hand nehme!«

»Du?«

»Ich!«

Purvis musterte ihn voller Mitgefühl.

»Buck,« sagte er, »du weißt, daß ich dein Freund bin. Laß dir 'nen guten Rat geben. Mach' du keine Dummheiten mit dem Mädel. Wenn ich dir sage, sie gehört ein für allemal dem Pfeifenden Dan. Die ist für jeden anderen Tabu. Du weißt doch, wenn mal etwas Dan Barry gehört hat, damit hat's seine besondere Bewandtnis. 'ne verdammt besondere Bewandtnis.«

Er senkte die Stimme.

»Weißt du, Buck, ich, ich leck' mir nicht die Finger ab, seinen Gaul zu erben wie Bill Kilduff, oder sein Mädel zu erben wie Lee Haines, ich will auch nicht sein Leben wie der Chef. Das einzige, was ich mir wünsche, ist 'n gut gezielter Schuß auf den verdammten Wolf.«

»Du kochst ja so, Hal!«

»Das Biest hat mich damals bei Morgan, wie Dan den Chef verdroschen hat, beinah ins Bein gebissen.«

»Und was is' schon dabei? Jeder Hund schnappt mal nach 'nem Menschen.«

»Das ist kein Hund, das ist kein Wolf, und der Pfeifende Dan ...« Er brach ab.

»Was machst für 'n komisches Gesicht, Hal. Was ist los?«

»Du wirst doch nicht denken, daß ich Tollkraut gefressen hab'.«

»Nein.«

»Drüben, nach dem Norden zu, leben Leute, die glauben, daß es Menschen gibt, die sich in einen Wolf verwandeln können.«

Buck nickte und zuckte die Achseln. Trotzdem lief ihm etwas kalt und unbehaglich am Rückgrat hinunter.

»Weißt du, was ich denke, Buck? Ich hab' mir's überlegt – nein, weißt du, 's ist mehr wie wenn man's träumt – daß Dan Barry ein Wolf in Menschengestalt ist, und daß Black Bart ein Mensch ist, den man in 'nen Wolf verwandelt hat.«

»Hal, du hast wohl getrunken?«

»Kann sein.«

»Warum meinst du? ...« begann Buck. Aber sein Gefährte gab seinem Gaul die Sporen und fiel in einen raschen Galopp.

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