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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 29
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Achtundzwanzigstes Kapitel.
Dan Barry in Acht und Bann

Noch vor dem Morgengrauen war Jim Silent bereits unterwegs. Er mußte es sehr eilig haben. Als es hell wurde, war er dicht bei Gus Morris' Hotel. Er mäßigte die Gangart seines Pferdes zum Trab und blickte spähend umher. Aber auf dem Anwesen des Sheriffs war kein lebendes Wesen zu entdecken. Silent ritt näher heran und pfiff ein Cowboylied. Hier und da wurde die Melodie von einer Reihe von Noten unterbrochen, die nicht dazugehörten. Sie wirkten wie ein verabredetes Signal. Schließlich wurde von einem der Fenster mit einem Tuch zurückgewinkt. Silent schien zufrieden. Er kehrte dem Hause den Rücken und ritt im Schritt weiter.

Keine halbe Stunde später hörte er eilige Hufschläge hinter sich. Der feiste Sheriff parierte neben ihm seinen Gaul mit solcher Plötzlichkeit, daß ihn der Stoß beinahe aus dem Sattel hob.

»Was ist los?« rief er eifrig.

»Der Pfeifende Dan!«

»Was gibt's Neues über ihn? Alles redet hier darüber, wie er Haines abgefaßt hat. 's gibt welche, die sagen, er ist bei weitem schneller mit dem Schießeisen als Ihr, Jim.«

»Es redet manch einer zuviel«, knirschte Silent. »Und damit Ihr wißt, was es Neues gibt: Der Pfeifende Dan und niemand anders hat in Elkhead das Gefängnis erbrochen und Lee Haines befreit.«

Der Sheriff war keines Wortes fähig.

»Das hab' ich erreicht, Gus! Ich hab' diese kleine niedliche Sache eingefädelt.«

»Ihr? Ihr wollt zusammen mit Dan das Ding gedreht haben?«

»Fragt mich nicht, wie ich's zuwege gebracht hab'. Die Hauptsache ist, daß er getan hat, was er sollte. Das ganze Nest wimmelte von Lynchern. Dan hat mit zwei Schüssen zwei von den Kerlen auf den Rücken gelegt und seine höllische Bestie, der Hund, hat einen dritten aus dem Sattel geholt.«

»Dan hat geschossen? In der Nacht?«

»Jawohl, geschossen!« nickte Silent. »Und nun, Gus, fehlt nur noch eins, damit die niedliche kleine Sache, die ich mir ausgeheckt habe, komplett wird – hinter Dan muß ein Steckbrief erlassen und eine Belohnung für seine Ergreifung ausgesetzt werden. Kapiert?«

Der Sheriff runzelte die Stirn und biß sich auf die Lippe.

»Ich kann's nicht machen, Jim.«

»Was, in Dreiteufelsnamen, Ihr könnt nicht?«

»Freßt mich nicht gleich lebendig. Das Ding ist schon nicht mehr menschlich. So eine gemeine Schlinge legt man keinem Menschen, wie Ihr dem Jungen da gelegt habt. Das ist ein anständiger Kerl, der kämpft offen und ehrlich. Und obendrein hat er eben erst Euch 'nen Gefallen getan. Ich tu's nicht, Jim.«

Ein drohendes Schweigen.

»Gus,« sagte der Bandit, »wieviel Tausender habt Ihr von mir bekommen?«

Der Sheriff fuhr zusammen: »Ich weiß es nicht, 'n gutes Teil war's, Jim.«

»Und jetzt wollt Ihr mich aufsitzen lassen?«

Wieder eine Pause.

»Wie die Zeiten sind, ist den Leuten hier herum die Galle mächtig gestiegen«, fuhr Silent wie beiläufig fort. »Kann sein, sie würden noch ein bißchen mehr in Harnisch geraten, wenn sie genau zu hören kriegten, wieviel ich Euch gezahlt hab', Gus.«

Der Sheriff schlug sich mit seiner fetten Hand vor die Stirn.

»Wenn sich einer dem Teufel verschrieben hat, kann er sich nicht mehr loskaufen.«

»Wenn Ihr erst mal richtig zur Besinnung gekommen seid,« sagte Silent tröstend, »dann gibt's keinen vernünftigeren Kerl als Euch, Gus. Aber manchmal habt Ihr, wie es scheint, nicht den richtigen Blick für die Dinge. Und jetzt werd' ich Euch zeigen, wie die Partie weitergehen soll. Wenn jetzt ein Brief an Dan Barry in Elkhead einträfe, was – meint Ihr – würde passieren?«

»Sie müssen dort jetzt verdammt giftig auf Dan sein«, sagte der Sheriff. »Ich denk', der Brief würde ohne weiteres geöffnet werden.«

»Das ist gewiß!« sagte der Bandit. »Seid ein schlauer Kopf, Gus! Ihr könnt 'nen Schimmel um Mittag erkennen. Nun stellt Euch vor, was geschehen würde, wenn sie einen Brief öffneten, der an Dan Barry adressiert ist und stünde etwa drin:

›Lieber Dan! Die Sache mit L. H. hast Du großartig besorgt, keiner von uns wird Dir das vergessen. Denke, das beste für Dich ist jetzt, daß Du Dich eine Weile versteckt hältst. Später kannst Du dann zu uns stoßen, sobald Dir's paßt. Das Ding ist ja gegangen wie geschmiert, und wir alle glauben, daß keiner die Nummer so hätte hinlegen können wie Du. Die ganze Bande meint, zwei Tausender sind zu wenig für das, was Du geleistet hast. Sie stimmen dafür, daß Du einen Tausender extra dafür bekommst. Der Gedanke sagt mir zu, und wenn Dir das Geld ausgeht, brauchst Du bloß bei uns hereinzuschauen – Du weißt ja wo.

War doch eine großartige Idee von Dir, den Leuten vorzumimen, daß Du hinter mir her bist. Das mußt Du fortsetzen. Jedermann wird dadurch hinters Licht geführt werden. Sie werden sich vielleicht einbilden, daß Du die Sache mit L. H. gemacht hast, weil er Dein persönlicher Freund ist. Nicht im Traum werden sie sich's einfallen lassen, daß Du zu uns gehörst.

Adio J. S.‹«

Silent machte eine Pause, um auf Gus Morris' Gesicht zu lesen, wie ihm diese Botschaft gefiel.

»Stellt Euch mal vor, daß sie in Elkhead einen solchen Brief zu lesen bekommen, Gus. Denkt Ihr nicht auch, daß ihnen das gewaltig in die Nase steigen würde?«

»Keine zwei Tage später wäre er geächtet.«

»Recht habt Ihr, und hier ist der Brief. Und Ihr werdet dafür sorgen, Morris, daß er nach Elkhead gelangt.«

Der Sheriff warf einen düsteren Blick auf das quadratisch zusammengefalzte Stückchen Papier.

»Scheint mir,« sagte er schließlich, »das ist das Todesurteil für den Pfeifenden Dan.«

»Scheint mir auch«, grinste Silent. »Jetzt habt Ihr 'ne Gelegenheit, eine von Euern donnernden Brandreden zu halten. Dann saust Ihr schleunigst aufs Telegraphenamt und ersucht den Gouverneur drahtlich, daß ein Preis ausgesetzt wird auf den Kopf des blutdürstigen Desperados, Dan Barry, genannt der Pfeifende Dan.«

»Das Ganze ist wie aus einem Buch«, sagte der Sheriff langsam. »Es ist wie einer von den verdammten Schauerromanen.«

»Sobald Ihr vom Gouverneur Antwort habt, holt Ihr Euch vierzig Leute zusammen und nehmt sie als Hilfskonstabler in Eid. Dann braucht Ihr ihnen nur mitzuteilen, daß ein Preis auf Barrys Kopf gesetzt ist! Adjüs, Gus! Wenn unser kleines Stück in Szene geht, dann wird die ganze Gesellschaft hier herum glauben, Ihr seid der tüchtigste Sheriff, der sich je mit einem Schießeisen geschleppt hat.«

Mit einem lauten Lachen wendete er sein Pferd. Auch der Sheriff machte sich auf den Heimweg. Das Lachen hallte noch lange in seinen Ohren nach. Sein Kopf hing auf die Brust.

   

Den ganzen Tag über hatte Dans Fieber merklich zugenommen. Am Abend fand ein großer Familienrat statt.

»Irgend etwas muß geschehen«, sagte Buck. »Morgen früh reit' ich in die Stadt und schlepp' Doktor Geary an.«

»Was hat das schon für einen Sinn, den alten Schwindler zu holen?« sagte Bucks Mutter verächtlich. »Wenn der Junge gerettet werden kann, dann kann ich's ebenso gut wie dein Doktor. Aber dem kann kein Arzt helfen. Dans Wunde macht mir keine Sorgen – in seinem Innern ist was los. Und das ist an seinem Zustand schuld.«

»In seinem Innern?« fragte der alte Sam.

»Hör' doch nur seinen Redereien zu. Dauernd redet er von Delila. Was soll das bedeuten?«

»Und wenn er nicht von Delila redet, dann redet er von Kate. Dauernd hat er's mit einer von den beiden. Und wenn er anfängt zu reden, wird sein Fieber schlimmer. Wer ist bloß Delila? Und wer ist Kate?«

»Das ist doch ein und dasselbe Frauenzimmer«, sagte seine Mutter, »'s geht weiß Gott über alle Begriffe, wie blind die Männer sind.«

»So! Blind sind wir?« sagte ihr Mann einigermaßen hitzig. »Und was hilft's uns schon, wenn wir wissen, daß die beiden Frauenzimmer ein und dieselbe Person sind?«

»Weil, wenn wir das Mädel ausfindig machen können, 'ne mächtige Chance wär', daß die ihn wieder zur Vernunft bringt. Wenn wir die beischaffen könnten, käm' sein Gehirn zur Ruhe, und sein Körper würde schon für sich selbst sorgen. Kapiert?«

»Aber es muß ein Stücker hundert Kates hier herum geben«, sagte Sam. »Hat er ihren Nachnamen genannt oder sonst etwas gesagt, was einen Fingerzeig abgeben könnte, wo das Mädel lebt?«

»Da ist nichts zu machen«, sagte Buck, vor sich hin brütend. »Bloß wenn er anfängt zu phantasieren, dann redet er manchmal über Lee Haines, als ob er ihm an den Kragen gehen wollte. Manchmal träumt er, er hat ihn schon bei der Gurgel. Aufrichtig gesprochen, glaubst du wirklich, Ma, es würde ihm gut tun, wenn das Mädel herkommt?«

»Natürlich. Er ist verschossen in das Mädel, der arme Jung. Und 's gibt Männer, für die ist Liebe gefährlicher als Pistolenkugeln. Ich red' nicht von dir oder von Sam. Das weiß der Himmel, daß ihr euch um 'ne Frau keine grauen Haare wachsen laßt.«

Ihre Augen starrten den beiden mit kühner Herausforderung entgegen.

»Du meinst, er redet darüber, daß Lee das Mädel bei sich hat?« fragte Sam.

»Ja, das tut er,« sagte Buck, »und daran allein kannst du schon sehen, daß er glattweg von Sinnen ist. Lee steckt in Elkhead im Gefängnis. Da hat er weiß Gott keine Gelegenheit, ein Mädel bei sich zu haben.«

»Aber es kann doch sein, Lee hatte sie bei sich, bevor Dan ihn erwischt hat? Vielleicht ist sie jetzt in Silents Lager.«

»Ein Mädel in Jim Silents Lager?« wiederholte Buck ironisch. »Eher würde sich Jim eine Tonne Blei auf den Buckel schnallen.«

»So? Meinst du?« mischte sich seine Mutter ein. »Du bist mächtig jung, Buck, dafür daß du uns erzählen willst, was Männer fähig sind, zu tun, wenn eine Schürze im Spiel ist. Wo ist das Lager?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Buck ausweichend. »Kann sein in den Bergen oben. Kann sein auf Saltons altem Grundstück. Wenn ich mir vorstellen könnte, daß sie dort ist, würd' ich's riskieren hinzugehen und sie beizuschaffen – ob sie nun will oder nicht.«

»Red' kein solches Zeug daher«, sagte seine Mutter besorgt. »Du gehst mir nicht wieder in Jim Silents Nähe, Buck!«

Er machte ein finsteres Gesicht und zuckte die Achseln. Dann überließ er die beiden sich selbst, um seinen Platz an Dans Bett wieder einzunehmen.

Am Morgen sah Buck beinah so gespenstisch und fahl aus wie Dan. Seine Mutter stand mit gefalteten Händen und einem besorgten Gesicht am Fußende des Bettes. Ihre Besorgnis galt beinah mehr ihrem Sohn als dem Verwundeten. Der alte Sam war dabei, Bucks Pferd zu satteln. Denn sie waren inzwischen darüber schlüssig geworden, daß sofort der Doktor von Elkhead geholt werden mußte.

»'s paßt mir gar nicht, ihn hier zurückzulassen«, knurrte Buck. »Ich hab' ne Ahnung, als könnt' ihm was zustoßen, während ich weg bin.«

»Schau mich nicht so an«, sagte seine Mutter. »Was ist denn los, Buck? Man könnte ja denken, wenn der Junge stirbt, solange du weg bist, wirst du noch am Ende deinen leiblichen Vater und seine Mutter des Mordes bezichtigen.«

»Laß ihn keine Minute allein«, sagte Buck mit Nachdruck. »Mehr verlang' ich gar nicht.«

»Das Gemüt muß geheilt werden«, sagte Frau Daniels, die zäh an ihrer Theorie festhielt. »Sein Körper wird sich schon selbst heilen. Da draußen redet einer mit deinem Vater? Weißt du, wer's ist?«

Sie hörten eine Unterhaltung draußen, allerdings nur undeutlich. Gleich darauf den Hufschlag eines Pferdes, das sich im Galopp entfernte. Der alte Sam kam atemlos hereingestürzt.

»Wer war das? Was ist los, Pa?« fragte die Frau.

Das Gesicht des Alten war von Wind und Wetter gebräunt, trotzdem war er jetzt bleich.

»Eben war der junge Seaton hier. Er und hundert andere streifen die Gegend nach Dan Barry ab und alarmieren die ganze Nachbarschaft. Weißt du, wo er die Kugel in die Schulter bekommen hat – in Elkhead. Er hat das Gefängnis erbrochen und Lee Haines befreit. Und er hat zwei Leuten die Pferde unter dem Leib erschossen. Sein Hund hat einen dritten aus dem Sattel geholt.«

»Haines zuliebe das Gefängnis erbrochen?« flüsterte Buck; die Überraschung nahm ihm die Stimme. »Das wäre ja direkt wider die Natur. Wieso denn? Dan haßt ja Lee Haines!«

»Jim Silent hat ihm Geld dafür gezahlt«, sagte der alte Sam. »Den Leuten in Elkhead ist ein Brief in die Hände gefallen, da steht alles drin. Der Brief war unterzeichnet ›J. S.‹ und bedankte sich bei Dan, weil er L. H. befreit hat.«

»Das ist alles erlogen«, sagte Buck dickköpfig.

»Buck! Sam!« rief Frau Daniels, die mit Schrecken bemerkte, wie ihre beiden Familienangehörigen sich mit zornfunkelnden Blicken maßen. »Sam! Hast du vergessen, daß das dein Sohn ist, der in deinem Haus groß geworden ist?«

Sam, der übermäßig bleich gewesen war, wurde nun übermäßig rot.

»Ich hab' mich vergessen«, stammelte er. »Ich war so überrumpelt von allem, daß ich mich vergessen habe.«

»Und vielleicht hast du auch vergessen, daß ich jetzt in Elkhead an einem Strick baumeln würde, wenn Dan Barry nicht gewesen wäre«, erkundigte sich Buck.

»Buck!« sagte sein Vater heiser. »Ich bitt' dich um Verzeihung. Die Sache ist mir im ersten Moment so in die Glieder gefahren. Jetzt ist's vorbei. Aber was wollen wir mit ihm anfangen? Wenn nicht bald Hilfe kommt, ist er tot. Und du kannst nicht nach Elkhead, um den Arzt zu holen. Sie würden Dan mit Sechsschüssigen kurieren, das kannst du sicher sein.«

»Warum hat er's nur getan?« sagte Frau Daniels, die sich ein paar unerwartete Tränen aus den Augen wischen mußte.

»Lieber Gott,« meinte Buck, »wie soll ich's wissen? Wie soll ich wissen, warum er mich hat laufen lassen, statt mich nach Elkhead zu schaffen und den Lynchern in die Hände zu liefern. Wenn's mit dem Arzt nichts ist, dann ist das einzige Mittel, ihm zu helfen, das Mädel beizuschaffen. Und ich geh' und hol' das Mädel.«

»Wirst du dir's nicht lieber noch mal überlegen?« fragte sein Vater.

»Pa«, sagte Frau Daniels. »Manchmal bist du ein richtiger Idiot.«

Buck war bereits im Sattel. Nach ein paar Schritten drehte er sich um, um ihnen ein Lebewohl zuzuwinken, aber dann wandte er das Gesicht den fernen Bergen zu und blickte nicht mehr zurück.

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